1813 Gedanken über _Mythus, Epos und Geschichte_. Er wandelt noch
in den Spuren von Görres und Kanne. 1812 kamen _die Märchen_, 1816
die _deutschen Sagen_ heraus. Da kam zunächst die thatsächliche
Überlieferung in reicher, schöner Fülle zu Wort, vor ihr verstummten
Vorurteile und grundlose Lehrsätze zur Behandlung der Mythologie.
Der Romantik entwanden sich die Brüder in den gewaltigen Werken, mit
denen sie die germanische Altertumsforschung zum Range einer echten
Wissenschaft erhoben. _Die deutsche_ (d. h. germanische) _Grammatik_
1819, 1822 u. ff., _die Rechtsaltertümer_ 1828 sind auf festen Grund
gebaut. Nach Möglichkeit ist die gesamte germanische Überlieferung aus
alter und neuer Zeit ausgeschöpft und dabei die ursprüngliche Einheit
in der späteren Vielheit und Verschiedenheit erwiesen.
Schon 1832 schreibt J. Grimm an Lachmann, dass er etwas über deutsche
Mythologie vor habe, „diesmal aber im Gegensatz zur nordischen und
diese ausschliessend“. Nur als Hilfsmittel zur Bestätigung oder
Ergänzung deutscher Nachrichten soll die nordische Mythologie verwendet
werden. Mit denselben Mitteln, mit demselben Weit- und Tiefblick
unternahm J. Grimm _Die deutsche Mythologie_, die 1835 in erster
Auflage erschien. Schon 1844 kam eine zweite stark vermehrte aber
gleich angelegte Ausgabe in zwei Bänden, die 1854 und 1875 neu gedruckt
wurden. Der dritte Band, 1878 von +E. H. Meyer+ besorgt, bringt eine
reiche Nachlese von Belegen, die J. Grimm stetig nachsammelte und
nachtrug. Mit der deutschen Mythologie erstand eine versunkene Welt.
Mit wunderbarem Fleisse aus einer schier unermesslichen Belesenheit
ist alles zusammengetragen und sauber eingeordnet, was zur Mythologie
zu gehören schien. Unerreicht und nie zu übertreffen besteht Grimms
Werk in seiner Haupteigenschaft einer Sammlung als die Grundlage
aller späteren mythologischen Forschung. Der unvergängliche Wert
des Buches beruht namentlich darin, dass kein System den Stoff
meistert, dass die nächste und wichtigste Aufgabe in der Sammlung
und Sichtung des weit zerstreuten, nur vereinzelt und trümmerhaft
überkommenen Stoffes gesucht wird. Wol hegt auch Grimm eigene
Gedanken über die Grundfragen der Mythengeschichte, über Ursprung
der Mythen überhaupt, über Verhältniss der nordischen zur deutschen,
der germanischen zur Mythologie andrer Völker. Aus seinen Anregungen
erwuchsen die meisten der späteren Schulideen. Aber Grimm spricht
nur gelegentlich, anhangsweise seine Ansicht aus, Hauptsache bleibt
immer Eröffnung der verschütteten und versandeten Quellen. Was aus
der Sprache, zum Teil auch aus dem Recht, zu lernen war, Ureinheit
hinter den jüngeren Überlieferungen, scheint auch die Mythologie
zu bestätigen. Wenn möglich soll der altgermanische Glaube, aber
vorwiegend auf Grund deutscher Quellen bei nur vorsichtiger Benutzung
nordischer, in den Grundzügen hergestellt werden. Was die Einführung
der Sprachwissenschaft in die Mythologie bedeutet, sieht man deutlich,
wenn man die früheren tastenden Erklärungsversuche von Götternamen
betrachtet. Beispiele für solch fruchtloses geistloses Raten gewährt
Suhms Schrift _om Odin_ z. B. S. 3 ff., wo eine Blütenlese von älteren
und neueren Etymologien des Namens Odin gesammelt ist. Zwar traf auch
J. Grimm keineswegs immer das Richtige und die neueste etymologische
Forschung führt eher wieder in neue Wirren. Aber die Deutung strebt
doch zielbewusst vorwärts, kennt die einzuschlagenden Pfade und
verwirft unbrauchbare Mittel. War schon die gewöhnliche Wortforschung
vor der germanischen und indogermanischen Sprachwissenschaft nur ein
sinnloses Raten, so war die Verwilderung bei Eigennamen vollends ganz
toll gewesen.
Besonders in der Vorrede zur ersten Ausgabe, ebenso in der zur
zweiten setzt Grimm sein Verfahren auseinander, das ohnehin schon
aus jedem einzelnen Abschnitt ersichtlich wird. Immer wird mit
sprachlichen Beweisen angehoben und damit jeder Begriff womöglich
als nordisch-deutsch, also auch urgermanisch aufgezeigt. Zweifelhaft
bleibt freilich stets, inwieweit die Entwicklung aus einem gemeinsamen
Grundbegriffe bei den verschiedenen Stämmen besondere Bahnen einschlug.
Fast völlig ausser Ansatz ist die Möglichkeit späteren Austausches
gelassen. Die Vorrede erörtert Hauptfragen, wie Verhältniss von
deutschem und nordischem Glauben, Beziehungen zu nicht germanischen
Mythologien, Verwendung der Volkssage zum Aufbau des Heidentums, Wesen
des germanischen Gottesbegriffs (Mono = Poly = Pantheismus), Deutung
der Mythen u. a. m. „Für den heidnischen Glauben hat man eine andre
Meinung gefasst (nemlich als bei der Sprache), weil seine Quelle in
Scandinavien reichlich, in Deutschland sparsam fliesst: diese sehr
begreifliche Verschiedenheit ist zu der doppelten Folgerung missbraucht
worden, um den Ursprung der nordischen Mythologie stehe es verdächtig,
und das übrige Deutschland sei götterlos gewesen. Aus dem Mangel
des einen Bruders schloss man nicht etwa, dass er sein Gut verthan,
sondern dass der reiche Bruder sein Vermögen unrecht erworben habe,
aus der Wohlhäbigkeit des Begüterten entnahm man, dass der Dürftige
gar nicht reich gewesen sein könne. Niemals hat eine falsche Kritik
ärger gefrevelt, indem sie wichtigen, unabwendbaren Zeugnissen trotzte,
und die naturgemässe Entwicklung nahverwandter Volksstämme leugnete.
Um sie aber auszurotten, habe ich wol eingesehen, dass ich nicht von
einer Darstellung der nordischen Fülle, vielmehr der deutschen Armut
ausgehend, Ähren lesen musste, keine Garben schneiden durfte. Erst
aus solchen Ähren und ihren Körnern habe ich Nahrung zu gewinnen und
Schlüsse zu ziehen gewagt; es ist dadurch aller Besonderheit, wie ich
hoffe, das Recht gewahrt worden. Denn Eigentümliches und Abweichendes
tritt hier nicht anders wie in der Sprache ein, und seiner habhaft
zu werden hat den höchsten Reiz. Grösser aber als die Abweichung
ist die Übereinkunft, und das früher bekehrte, früher gelehrte
Deutschland kann die unschätzbaren Aufschlüsse über den Zusammenhang
seiner Mythentrümmer dadurch dem reicheren Norden vergelten, dass es
ihm ältere historische Zeugen für die jüngere Niederschreibung an die
Hand liefert.“ Die Zeugnisse für die gleiche Grundlage nordischer
und deutscher Götterlehre werden S. VI ff. zusammengestellt, dabei
aber Urverwandtschaft und späterer Austausch nicht geschieden. In der
zweiten Ausgabe S. VIII heisst es: „die Lage der Dinge scheint also die
zu sein, dass bei fortschreitendem Betrieb wir der nordischen Grenze
entgegen rücken und endlich der Punkt erscheinen wird, auf dem der Wall
zu durchstechen ist und beide Mythologien zusammen rinnen können in ein
grösseres Ganzes.“
„Die bedeutsamen Beziehungen zum ferneren alten Morgenland“ (S.
XVI ff.), welche für sich allein schon die Meinung eines späteren
Ursprungs deutscher Mythologie abwehren müssen, werfen den Gedanken
eines urindogermanischen Götterglaubens auf, der auch im einzelnen,
namentlich wo sprachliche Gleichungen das Recht zu geben schienen wie
z. B. bei Tiuȥ-Zeus-Dyaus, hervorgehoben wird. Aber der Gedanke ist
nicht zum Dogma erhoben und beeinflusst nirgends die quellentreue
Darstellung.
Auf die erst aus später Zeit überlieferten Volkssagen ist „überall
kein kleines Gewicht gelegt und lohnende Ausbeute aus ihnen gewonnen
worden.“ „Ihren Wert bezeichnet das Verhältniss heutiger Volksmundarten
ganz genau, in welchen sich uralter Wortstoff, den die gebildete
längst ausgeschieden hat, in Menge findet.“ Also namentlich wegen
vermeintlicher Erinnerungen an die heidnische Göttersage wird die
Volkssage herangezogen. „Soll ich in der Kürze den der Mythologie aus
der Volkssage hervorgegangnen Gewinn bezeichnen, so leuchtet ein,
dass nur aus dieser wir Auskunft über die Göttinnen Holda, Berhta
und Fricka, sowie über den unmittelbar auf Wuotan leitenden Mythus
von der wilden Jagd verdanken. Der weissen Frauen, Schwanfrauen und
bergentrückten Könige würden wir aus den geschriebenen Denkmälern
wenig habhaft geworden sein, verbreitete nicht die Volkssage ihr Licht
darüber. Selbst die Mythen von Sintflut und Weltuntergang lässt sie
noch nicht ausser Acht. Was in ihr aber vorzugsweise gehegt und mit dem
buntesten Gewirk gewoben wird, das sind die traulichen Erzählungen von
Riesen, Zwergen, Elben, Wichteln, Nixen, Schraten und Hausgeistern.“
Die Göttergestalten sollen sich in Teufel und Hexen, der Gottesdienst
in abergläubische Bräuche verwandelt haben. Oft aber leben auch in
Legenden heidnische Erinnerungen nach.
„Elementen, Naturerscheinungen und Gestirnen lege ich grossen Einfluss
auf mythologische Vorstellungen bei, lange keinen solchen, dass alle
und jede aus ihrer Grundlage abgeleitet werden dürften, da ausser
den physischen auch noch sittliche und andere menschliche Motive
obwalten und erst in der Durchdringung aller zusammen die Götter des
Heidentums entsprungen scheinen. Die Natur lässt uns ihre erhabene und
wohlthätige Wirksamkeit gewahren in dem leuchtenden, wärmenden Feuer,
dem reinigenden, kühlenden Wasser, der allbeweglichen, erquickenden
Luft, der nährenden, stärkenden Erde. Hier gesellt sich ein sittlicher
Eindruck zu dem natürlichen. Der Mensch hat aber auch Gottheiten nötig
für die Begriffe von Güte, Milde, Allgewalt, Sieg, Friede, Liebe,
Gerechtigkeit, die mehr aus seinem Gemüt als aus der Natur aufsteigen.“
In der Einleitung der ersten Auflage S. 9 heisst es: „Von der
Verwirrung, die so häufig dem Studium der nordischen und griechischen
Mythologie Eintrag gethan, ich meine die Sucht, über halbaufgedeckte
historische Daten philosophische oder astronomische Deutungen zu
ergiessen, schützt mich schon die Unvollständigkeit und der lose
Zusammenhang des Rettbaren. Ich gehe darauf aus, getreu und einfach zu
sammeln, was die frühe Verwilderung der Völker selbst, dann der Hohn
und die Scheu der Christen vor dem Heidentum übrig gelassen haben,
und wünsche nichts als dass meine Arbeit für einen Anfang weiterer
Forschungen in diesem Sinne gelten könne.“
Ein Hauptfehler der deutschen Mythologie besteht darin, dass die
Möglichkeit, den verlorenen deutschen Götterglauben wieder zu erlangen,
stark überschätzt ist. Eine Reihe von Quellen sind für die deutsche
Mythologie verwendet, deren Berechtigung anzufechten ist. Märchen und
Sagen enthalten viel Auswärtiges und dürfen nicht in dem Umfange, wie
es hier geschieht, zum Wiederaufbau deutschen Götterglaubens verwandt
werden. Die Dichtung des 13. Jahrhunderts ist in ihrer Brauchbarkeit
überschätzt. Die Allegorien der mittelhochdeutschen Dichter, der
Wunsch und Frau Aventiure dürfen nicht mit Odins Beiname Oskr
(Wunsch) und Saga verglichen und aus gemeinschaftlicher altmythischer
Überlieferung abgeleitet werden. Vieles entstammt christlicher Sage
und geht zuletzt auf die Bibel zurück, was von Grimm als heidnische
Erinnerung erachtet wird. Allzuwenig rechnet Grimm mit jüngerem
Ursprung, mit individuellen Erfindungen der Dichter, mit Entlehnung
aus der Fremde, und trägt manches Ungehörige ins Heidentum zurück.
Obwol Myth.² S. XXX gesagt wird: „Ich leugne keinen Augenblick, dass
neben solcher geheimnissvollen Ausbreitung der Mythen (d. h. von einem
idg. Urbestand) äussere Entlehnung stattfand, ja dass sie mit Absicht
ersonnen und übertragen werden konnten, wiewol dieser letzten Art es
schwerer hält als man wähnt unter dem Volk Wurzel zu greifen. Die
römische Literatur hat von frühauf über andere europäische Länder sich
ergossen, es wird in einzelnen Fällen sogar unmöglich sein, zwischen
ihrem Einfluss und jenem inneren Wachstum der Sage den Ausschlag zu
thun. Nirgends aber ist Einwirkung von aussen weniger zu bezweifeln als
da, wo durch Zusammenstoss der christlichen Lehre mit dem Heidentum
unter den bekehrten Völkern unvermeidlich ward, der hergebrachten zu
entsagen und an deren Stelle, was der neue Glaube herbeiführte oder
ertrug, aufzunehmen oder abzuändern“ -- so wird doch viel mehr der Satz
auf S. XXI befolgt: „Jedwedem Volke scheint es von Natur eingeflösst,
sich abzuschliessen und von fremden Bestandteilen unangerührt zu
erhalten. Der Sprache, dem Epos behagt es nur im heimischen Kreis,
nicht länger als er zwischen seinem Ufer wallt, hält der Strom seine
Farbe lauter. Aller eignen Kraft und innersten Triebe ungestörte
Ausbildung ergeht aus dieser Mitte, und unsre älteste Sprache,
Poesie und Sage sehen wir keinen andern Zug einschlagen.“ Finden
sich Einstimmungen zwischen fremder, romanischer oder christlicher
Überlieferung und deutscher Volkssage, so wird fast nie Entlehnung,
sondern Herkunft aus gemeinsamer germanisch-heidnischer Urquelle
angenommen. Aus der stattlichen, überreichen Sammlung ist daher sehr
viel zu streichen, was weder altgermanisch noch überhaupt mythisch ist.
Im Vergleich zu seinen Vorgängern hat J. Grimm allerdings mit den
angeblichen germanischen Götzen gründlich aufgeräumt, aber ganz fertig
ist er mit ihnen noch nicht geworden. Krodo und Sater (aus ags.
_Sæteresdæg_) spuken noch neben einer Göttin Zisa, die von Chronisten
im 8. und 9. Jahrhundert zu Ciesburg erfunden wurde. Eine ags. Göttin
Ricen wird vermutet. Holda, Berhta und andere sind aus der Volkssage
gefolgert und fürs deutsche Heidentum kanonisiert worden.
3. Die mythologische Forschung nach J. Grimm.
Die zahlreichen populären Darstellungen der deutschen und nordischen
Mythologie, die nach J. Grimm erschienen, ebenso die vielen
Einzeluntersuchungen, in denen neues Material beigebracht oder eine
bestimmte Erscheinung für sich allein behandelt wurde, kann ich
hier nicht aufzählen und charakterisieren. Einiges Hierhergehörige
verzeichnet v. Bahder, die deutsche Philologie im Grundriss, S. 234
ff. Nur _die_ Schriften sollen genannt werden, welche neue fruchtbare
Gedanken vertraten und damit auf die Entwicklung der mythologischen
Forschung nachhaltig einwirkten.
+Wilhelm Müllers+ _Geschichte und System der altdeutschen Religion_,
1844, von J. Grimm in den Berliner Jahrbüchern für wissenschaftliche
Kritik 1844, Nr. 91-2 ungerecht verurteilt, sucht die von Grimm
gewonnene deutsche Mythologie nach geschichtlichen Erwägungen zu
sichten und die Einzelheiten mit einander zu verbinden. Mit Recht
scheidet Müller einen grossen Teil des von J. Grimm gesammelten
Materials als unbrauchbar aus. Insbesondere Volkssage und Volksbrauch,
sofern erst die christliche Zeit davon meldet, werden nur bei
zwingenden Gründen zum Aufbau des altdeutschen Heidentums benutzt.
Kritik der Quellen betont Müller als vor allem nötig. Vorschnelle
Verallgemeinerung von örtlich und zeitlich bestimmten Nachrichten soll
nicht gelten. Freilich wird die nordische Mythologie trotzdem zuviel
zur Erklärung der deutschen Trümmer benutzt. Immerhin bleibt Müllers
Buch ein achtbarer Versuch, den geschichtlichen Maassstab an Grimms
Sammlung zu legen.
Aus der deutschen Mythologie Grimms erhuben sich mehrere eifrig
behandelte Fragen, deren Beantwortung die Darstellung wesentlich
umgestalten musste. Zunächst blieb noch eine Zeitlang die Mehrung des
mythologischen Stoffes eine wichtige Hauptaufgabe der Mythologen.
Weniger aus den Denkmälern der Vergangenheit als vielmehr aus der
mündlichen Überlieferung der Gegenwart erstanden unzählige wertvolle
und wertlose Sammlungen von Märchen, Sagen und abergläubischen
Bräuchen.[5] Hatten doch die Brüder Grimm in ihren Sammlungen
musterhafte Vorbilder aufgestellt, denen in allen Ländern allmälig
nachgeeifert wurde. Nachdem J. Grimm den mythologischen Wert der
Volkssagen betont hatte, sammelten die deutschen Gelehrten besonders
unter diesem Gesichtspunkte. Wie verhält sich die aus dem Mittelalter
und der Gegenwart uns bekannte Volkssage zum Heidentum, enthält sie
verblasste Spuren alter Göttersage, diese Frage beschäftigte die
Forscher und wurde zunächst im Sinne Grimms entschieden. Was ist aus
der Heldensage, insofern sie geschichtliche und mythische Bestandteile
enthält, für die Mythologie zu lernen? Wie verhält sich die deutsche
Mythologie zur nordischen, wieviel gilt von letzterer für Deutschland?
Was hat der germanische Götterglaube mit dem andrer, insbesondere
indogermanischer Völker gemein, wieviel davon entstammt aus
ursprünglicher Gemeinschaft, wieviel aus etwaiger Entlehnung, wieviel
aus zufälliger gleicher Entwicklung? Wie entstanden Mythen? Die letzte
Frage hat die meisten und widersprechendsten Antworten gefunden. Da sie
aber weniger auf germanischem Gebiete zum Austrag kommt, so soll sie
auch hier mehr nur beiläufig berücksichtigt werden.[6]
4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie.
Im Norden erkennen wir eine reich entfaltete Göttersage, deutlich
ausgeprägte Göttergestalten und eine grosse Menge von Volkssagen
und Bräuchen, die schon ins Heidentum zurückreichen. In Deutschland
finden wir einige Götternamen, die mit den nordischen zusammenstimmen,
aber nur ganz vereinzelte Spuren von Göttersagen, endlich dieselbe
Masse von Volkssagen. Es ist nicht denkbar, dass die Deutschen keine
_Göttersage_, nur einen _Götterkult_ besassen. Dagegen zeugen
die wenigen erhaltenen Überreste. Kann eine deutsche Göttersage
wiedererlangt werden? Auf zwiefache Art ist es versucht worden. Das
oberflächliche rohe Verfahren nimmt einfach die nordische Sage der Edda
auch für Deutschland in Anspruch. Der Beweis wird aus der Gleichheit
der deutschen und nordischen Götternamen, die ja unleugbar auf
gemeinschaftlichen Hintergrund deuten, geführt; ferner mussten Märchen
und Sagen, die aus allen deutschen Gauen in überraschender Anzahl
zu Tage gefördert wurden, herhalten. Sie galten im allgemeinen als
verblasste Mythen. Eifrig spürte man nach zufälligen Übereinstimmungen
zwischen ihnen und der nordischen Göttersage. Wurde einem Jäger von
einem Löwen die Faust abgebissen, so erinnerte man sich des nordischen
Tyr, dem der Fenriswolf die Hand abbeisst. Wurden Riesen erschlagen,
so musste es Donar gethan haben. Was rote Farbe trug, erinnerte
überhaupt an den Rotbart. Entführungssagen und gefährliche Werbungen
wurden zu Freys Werbung um Gerd gestellt. So gelang der Scheinbeweis,
dass dieselben Sagen, wie im Norden, so auch in Deutschland von den
Göttern gegolten hätten, dass der Inhalt der Edda ohne Bedenken
nach Deutschland überführt werden dürfe. In diesem Sinne wirkte
der verdienstvolle Sagensammler +J. W. Wolf+ namentlich in seinen
Schriften: _Beiträge zur deutschen Mythologie_ 1, 1852, 2, 1857 und
_Die deutsche Götterlehre_ 1852, 2. Aufl. 1874. In der _Zeitschrift für
deutsche Mythologie_, welche J. W. Wolf 1853 begründete, die Mannhardt
mit dem 3. und 4. Bande (1859) fortsetzte, fanden diese Bestrebungen
für kurze Zeit einen Mittelpunkt. So gewiss vieles aus unserem ältesten
Heidentum noch in heutiger Sage und Sitte unverändert lebt, ebenso
sicher treiben aus dem natürlichen volkstümlichen Keime fortwährend
frische Sprossen, die anders als jene beurteilt werden müssen, weil
Luft und Licht ihnen andre Beimischung gaben. Von der Wolfschen Schule
wurde aber fast die gesamte Volkssage für uralt oder wenigstens als
unmittelbarer Abkömmling des Heidentums erklärt. +Simrocks+ _Handbuch
der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen_, Bonn 1853, 6.
Aufl. 1887 hat trotz seiner unübersichtlichen verschrobenen Darstellung
dieser Richtung zu unverdientem Ruhme verholfen. Anknüpfend an J.
Grimms Bild vom Wall, der die nordische und deutsche Mythologie
trenne, erklärt Simrock den Zeitpunkt zum Durchstich erschienen:
„Wir haben den Wall durchstochen und den Guss einer allgemeinen
deutschen Mythologie unternommen“. Abgesehen von der durch Schwartz
und Mannhardt begründeten neuen Auffassung der Volkssagen waren es
namentlich auch die Untersuchungen Benfeys über das Pantschatantra
1859, die zur Vorsicht bei Benutzung der Sagen und Märchen mahnten.
Zumal die letzteren, bei denen auch manche Fälschungen mitunterliefen,
verschwanden bald aus der Mythologie und wurden der vergleichenden
Litteraturgeschichte überwiesen.
Ein zweiter Versuch ist ebenfalls von J. Grimm ins Leben gerufen, aber
von ihm selbst nicht weiter geführt worden. Die 1812 geschriebene
Abhandlung _„Gedanken über Mythos, Epos und Geschichte“_ hebt hervor,
dass in der Heldensage vielfach Mythisches und Historisches, göttliche
und menschliche Geschichte in eins gewachsen seien. Gelingt es beide
Teile zu sondern, so erwächst der Mythologie reicher Gewinn. Zuerst
hat +Lachmann+ 1829 die Nibelungensage daraufhin untersucht. Der
bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist aber +Müllenhoff+, der
diesen Gedanken in der Vorrede zu den _Schleswig-holsteinischen Sagen_
1845, in den _Untersuchungen zur Geschichte der Nibelungensage_, ZfdA.
10, 146 ff.; 23, 185 ff., _Über Irmin und seine Brüder_, ZfdA. 23, 1
ff., _Über die austrasische Dietrich- und Hartungensage_, ZfdA. 6, 435;
12, 346; 13, 185, _Über Skeaf und seine Nachkommen_, ZfdA. 7, 410 ff.,
_Über Beowulf_, ebda. 419 ff., _Über Frija und den Halsbandmythus_,
ZfdA. 30, 217 ff. zur Anwendung brachte. Die Denkmäler der Heldensage
entstanden zum Teil noch unter der Herrschaft des Heidentums. Wirkt die
Göttersage in ihnen nach, so ist allerdings weit grössere Gewähr, von
hier aus die verlorene Göttersage wiederherzustellen, als aus einem
beliebigen späten Märchen. Doch der Ausführung dieser Gedanken stehen
unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Es ist schon schwer, aus
einer Heldensage den geschichtlichen Kern, die mythischen Bestandteile,
die Zuthaten und eigenen Erfindungen der Dichter sauber von einander zu
lösen. Die Bestimmung des in einer Heldensage etwa vorhandenen Mythus
auf seine Herkunft ist nur zu sehr vom subjectiven Urteil des Forschers
abhängig. Man unterliegt allzu stark der Verführung, den Mythus so zu
gestalten, wie man ihn braucht. Das Ergebniss, zumal wenn es noch von
der vergleichenden Mythologie beeinflusst ist wie Müllenhoffs letzter
Aufsatz von Frija und dem Halsband, kann als sichere wissenschaftliche
Thatsache nicht gelten. Die Mythologie kann mit derlei Hypothesen nicht
rechnen, ohne vollends ins Grundlose zu geraten.
5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende Mythologie.
Wie man unmittelbaren mythologischen Gewinn aus den Sagen schöpfen
könne, lehren Müllenhoff, _Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig,
Holstein und Lauenburg_ 1845 S. XLIV ff. und +A. Kuhn+ und +W.
Schwartz+, _norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche_ 1848 S. XX
ff. Mit den beiden letztgenannten Gelehrten hebt ein neuer Abschnitt
der mythologischen Forschung an. Schwartz in seinen Schriften _„der
heutige Volksglaube und das alte Heidentum“_ 1849, _„Ursprung der
Mythologie“_ 1860, _„die poetischen Naturanschauungen der Griechen,
Römer und Deutschen in ihrer Beziehung zur Mythologie“_ 1864 und 1879,
_„indogermanischer Volksglaube“_ 1885 war nach zwei Richtungen hin
thätig, er bestimmte das Verhältniss von Volkssage und Kunstmythus, er
suchte den Ursprung der Volkssage aus der Naturanschauung zu erklären.