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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1895 so weit
wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
Das ‚durchgestrichene kleine d‘ (đ) und der Buchstabe ‚eth‘ (ð)
werden in diesem Text gleichberechtigt zur Symbolisierung des
stimmhaften dentalen Frikativlauts verwendet, wie das ‚th' im
englischen Wort ‚there‘. Erstere Form wird dabei im Kursivtext
eingesetzt, die letztere in Normalschrift.
Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere bei der Akzentuierung,
rühren zum einen von den verschiedenen Quellen her, die der Autor
zitiert; zum anderen wird eine ganze Reihe nordischer und anderer
germanischer Sprachen zum Vergleich herangezogen, bei denen Wörter
unterschiedlich geschrieben werden.
Besondere Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der
folgenden Symbole gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_
fett: =Gleichheitszeichen=
gesperrt: +Pluszeichen+
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HANDBUCH
DER
GERMANISCHEN MYTHOLOGIE
VON
WOLFGANG GOLTHER
ORD. PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT ROSTOCK.
LEIPZIG
VERLAG VON S. HIRZEL
1895.
Das Recht der Übersetzung ist vorbehalten.
Vorwort.
Dieses Handbuch der germanischen Mythologie wurde auf Veranlassung
des Herrn Verlegers geschrieben. Mit Freuden folgte ich der an mich
ergangenen Aufforderung. Das Hauptgewicht meiner Arbeit beruht auf der
Darstellung der von den Quellen gebotenen Überlieferung. Es sollte mit
möglichster Klarheit erzählt werden, was wir aus verlässigen Berichten
wissen, dagegen schied ich aus, was allein auf kühne Vermutungen hin
aufgebaut werden kann. Meine Schilderung beschränkt sich aufs erste
Jahrtausend unsrer Zeitrechnung. Was vorher war, ist uns verhüllt;
kein Versuch, ins unbekannte Land vorzudringen, ist geglückt. Die
Ergebnisse, zu denen die Forschung bereits gelangt zu sein glaubte,
erwiesen sich als trügerisch. Weit wichtiger und wol auch erfolgreicher
ist es, innerhalb der Überlieferung die Entwicklungsgeschichte
aufzuspüren. Die Anordnung des Stoffes sucht diese Entwicklung zu
veranschaulichen. Die Begründung meines Verfahrens findet der Leser
in der Einleitung. Der neuesten Forschung, soweit sie mir zugänglich
war, ist überall Rechnung getragen, die wichtigsten Schriften sind
in den Anmerkungen immer genannt. Neben der Darstellung kam es mir
auch besonders darauf an, die Quellen der germanischen Mythologie und
die Belege für die vorgetragenen Ansichten so zu verzeichnen, dass
das Handbuch zum Nachschlagen taugt und auch demjenigen, der meinen
Behauptungen und Aufstellungen nicht beipflichtet, zum schnellen
Überblick dienlich ist. Da das Buch nicht ausschliesslich Fachleuten
gewidmet ist, wurden die nordischen Quellen stets verdeutscht; bei
der Edda folge ich meist Gerings Übersetzung, auf welche auch die
Verweise, wenn nicht anders vermerkt, sich beziehen. Wo jedoch der
Wortlaut im einzelnen von Belang ist, wurden die nordischen Textstellen
ausgehoben. Grimms Mythologie ist für Band 1 und 2 nach der Ausgabe
von 1844 angeführt; in der vierten Ausgabe von 1878 ist nur der 3.
Nachtragsband citiert. In den Anmerkungen sind mit Zfd. ZfdA. AfdA. die
Zeitschriften für deutsche Philologie und für deutsches Altertum, sowie
der Anzeiger für deutsches Altertum, mit Beiträgen die Beiträge zur
Geschichte der deutschen Sprache und Litteratur von Paul, Braune und
Sievers gemeint.
Möge das Buch dazu beitragen, die Vorstellungen von den altgermanischen
Göttergestalten zu klären und zu vertiefen, möge es freundliche
Aufnahme und nachsichtige Beurteilung finden.
Rostock, Nov. 1895.
W. Golther.
Erläuterungen.
ahd. = althochdeutsch.
mhd. = mittelhochdeutsch.
nhd. = neuhochdeutsch.
as. = altsächsisch.
ags. = angelsächsisch.
an. = altnordisch.
nds. = niederdeutsch.
mnds. = mittelniederdeutsch.
ndl. = niederländisch.
´ ^ über dem Vokalzeichen bedeutet Länge, also _á â é ê í î ó ô ú û_.
_æ œ_ zu sprechen wie langes ä ö.
_ø_ = ö.
_ǫ_ ein Laut zwischen a und o, etwa wie engl. aw. zu sprechen.
_þ đ_ = engl. th.
_ȥ_ bedeutet ein weiches gelispeltes s, etwa wie im franz. s zwischen
Vokalen klingt.
_h_ vor _r l n w_ klingt wie ein weiches ch.
_v_ in altnordischen Wörtern ist wie nhd. _w_ zu sprechen.
Inhaltsverzeichniss.
=Einleitung.=
Seite
I. +Schriften zur germanischen Mythologie+ 1-53
1. Die mythologische Forschung vor J. Grimm 1
2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und
J. Grimm 15
3. Die mythologische Forschung nach J. Grimm 22
4. Volkssage und Heldensage in ihrem Verhältniss zur Mythologie 23
5. Die Lehre vom Ursprung der Mythen und die vergleichende
Mythologie 26
6. Die Lehre vom Dämonenglauben 30
7. Die Wanderung der Mythen 35
8. Die Verschiedenheit der einzelnen germanischen Kulte 38
9. Die nordische Mythologie, ihr Verhältniss zur deutschen und
gemeingermanischen 39
10. Die neuesten Darstellungen germanischer Mythologie 48
11. Das Ziel des vorliegenden Handbuches 49
II. +Die Quellen der Mythologie+ 54-71
1. Die germanischen Stämme im Heidentum und zur Zeit der
Bekehrung 54
2. Die Quellen der germanischen Mythologie 61
3. Deutsch-englische Quellen 61
4. Nordische Quellen 66
=Erstes Hauptstück.=
=Die Gestalten des Volksaberglaubens (die niedere Mythologie)= 72-191
1. Der Geisterglauben und seine nächsten Ursachen 72
2. Maren 75
3. Seelen und ihre Erscheinungsformen 80
4. Das Seelenheim 87
5. Seelenkult 90
6. Ahnenkult 92
7. Glauben an eine Wiedergeburt 96
+Übermenschliche Wesen, die aus Maren und Seelen
hervorgingen.+ 98-122
1. Die nordischen Fylgjur 98
2. Verwandlungsfähigkeit: Werwölfe und Berserker 100
3. Schicksalsfrauen 104
4. Walküren 109
5. Hexen 116
+Elbe und Wichte+ 122-158
1. Zwerge 134
2. Kobolde 141
3. Nixe 145
4. Wald-und Feldgeister 152
+Riesen+ 159-191
1. Die Benennungen der Riesen 161
2. Gestalt, Aussehen und Art der Riesen 162
3. Wasserriesen 172
4. Wind-und Wetterriesen 180
5. Berg-und Waldriesen 185
6. Spuren vom Riesenkult 190
=Zweites Hauptstück.=
=Der Götterglauben= 192-500
Namen und Art der Götter 192
+Die einzelnen Götter+ 200-428
I. Tiuȥ 200-217
1. Des Gottes Art und sein Kult 200
2. Spuren von Mythen 214
II. Freyr 218-242
1. Des Gottes Art und sein Kult 218
2. Sagen 235
III. Der Himmelsgott als Donnerer 242-283
1. Donar bei den Deutschen 242
2. Thor als Hauptgott des norwegischen Volkes 247
3. Thor in der Skaldendichtung 261
4. Sagen von Thor 265-283
Thor und Thrym 266
Thor und Hrungnir 267
Thor und Hymir 270
Thor und der Riesenbaumeister 273
Thor und Geirröd 274
Thor belebt die Böcke 276
Thor in Utgard 276
Thor und die Riesinnen 281
Thor und Alwis 282
5. Thor im neueren Volksglauben 283
IV. Wodan-Odin 283-359
1. Wode und das wütende Heer 283
2. Wode und Wodan 292
3. Wodan bei den Deutschen 295
4. Odin im Norden 303-359
Odins Wanderungen und Kämpfe mit Nebenbuhlern 304
Odin in nordischer Sage 309
Walhall und die Walküren Odins 313
Odin fordert Opfer 325
Odin als Heldenvater 328
Odin gewährt Fahrwind und Reichtümer 336
Odins Liebesabenteuer 336
Odin der Gott der Weisheit 338
Wie Odin sein Wissen gewann 345
Odrerir 350
Odins Verwandtschaft und Odins Namen 354
V. Heimdall 359
VI. Balder 366-386
1. Seine Art und Erscheinung 366
2. Die norwegisch-isländische Baldersage 368
3. Die Baldersage bei Saxo 373
4. Vergleichung der beiden Baldersagen 378
5. Ursprung der Baldersage 380
6. Baldrdienst 381
7. Balder ausserhalb des Nordens 382
8. Phol 384
9. Angebliche Baldersagen 385
VII. Forseti 386
VIII. Ullr 390
IX. Widar 394
X. Wali 395
XI. Hönir 397
XII. Bragi der Dichtergott 400
XIII. Requalivahanus 405
XIV. Loki 406-428
1. Lokis Wesen und Namen 406
2. Die Sagen von Loki 411
3. Loki als Verderber Baldrs 420
4. Die Teufelsbrut 425
5. Loki beim Weltende 427
+Die Göttinnen+ 428-500
I. Frija und ihr Kreis 429-453
1. Frija 429
2. Frigg 430
3. Die aus Frigg abgezweigten Göttinnen 434
4. Freyja 437
5. Freyja und Brisingamen 441
6. Freyja und die Riesen 442
7. Freyja als Venus vulgivaga 443
8. Freyja und Odr 444
9. Freyjakult 445
10. Gefjon 446
11. Idun 448
12. Menglod 451
13. Schlussbemerkungen 452
II. Die Erdgöttin 454-458
Nerthus 456
III. Germanische Göttinnen auf römischen Inschriften und bei
antiken Autoren 458-470
1. Tanfana 458
2. Baduhenna 459
3. Die Alaisiagae 460
4. Hlodyn und Hludana 461
5. Isis-Nebalennia 463
6. Die Mütter 468
7. Dea Sandraudiga und Vercana 470
IV. Totengöttinnen 471-480
1. Die Hel 471
2. Die Ran 478
V. Nordisch-finnische Göttinnen 480-486
1. Skadi 480
2. Thorgerd Hölgabrud 482
VI. Die Sonnengöttin 486-488
VII. Angebliche Göttinnen 488-500
1. Eostre und Hrede 488
2. Frau Holle, Berchte und andre weise Frauen 489
=Drittes Hauptstück.=
=Von der Weltschöpfung und vom Weltende= 501-543
I. Deutsche Sagen über den Ursprung der Götter und Menschen 502-509
II. Die nordische Schöpfungslehre 509-531
1. Das Chaos, der Urzustand und die Urwesen 511
2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels 517
3. Die Schöpfung der Zwerge und Menschen 525
4. Der Weltbaum 527
III. Weltuntergang 531-543
=Viertes Hauptstück.=
=Die gottesdienstlichen Formen= 544-660
I. Der Götterdienst im allgemeinen und das Opferwesen 544-590
1. Der Götterdienst in der Rechtsordnung 545
2. Der Götterdienst im Kriege 550
3. Der Götterdienst im alltäglichen Leben 555
4. Gebet und Opfer 559
5. Opfer bei Ackerbau und Viehzucht 569
6. Festliche Umzüge 578
7. Ständige Jahresfeste 580
II. Das Tempelwesen 590-612
1. Heilige Haine 590
2. Tempelbauten 593
3. Götterbilder 602
4. Tempelfrieden 607
5. Tempelgut 608
6. Staats-und Privattempel 610
III. Das Priesterwesen 612-660
1. Die ältesten Nachrichten von germanischen Priestern 612
2. Germanische Benennungen des Priesters 614
3. Adelige Herkunft und Tracht 617
4. Im Norden leiten die weltlichen Herrscher das Opfer 619
5. Priesterinnen 620
6. Die Wissenschaft der Priester 622
7. Der Priester als Erforscher der Zukunft 631
8. Zauberlieder 641
9. Wahrsager und Zauberer 646
Nachträge 660
Namenverzeichniss 661-668
EINLEITUNG.
I. Schriften zur germanischen Mythologie.
1. Die mythologische Forschung vor J. Grimm.
Die Wiedererweckung der Schriften des klassischen Altertums förderte
die Geschichtschreibung in Deutschland. Die heidnische Zeit der
Germanen trat, freilich oft noch arg entstellt, nebelhaft verschwommen
und phantastisch ausgeschmückt den Forschern vor Augen. Ebenso begannen
die lateinischen Geschichtsquellen des Mittelalters auf die Chronisten
einzuwirken. Die Altertumsforscher und Historiker hatten häufig
Veranlassung, über heidnischen Götterdienst zu berichten. Es dauerte
aber geraume Zeit, bis den weitverstreuten Nachrichten Sammler und
damit die ersten Verfasser germanischer Mythologien erstanden. Die
Aufgabe ist zwar klar vorgezeichnet, aber sehr schwer zu lösen. Bis
auf +J. Grimm+ herrschte nicht einmal für die einfachsten Grundfragen
sicheres Verständniss, und noch heute schwanken die Anschauungen über
wichtige Einzelheiten. Die nächste Aufgabe besteht aber in einer
erschöpfenden Sammlung aller Quellenzeugnisse. Damit ist der Baustoff
gegeben, aus dem die Geschichte des germanischen Götterglaubens
aufzuführen ist. Schon die Sammlung und Sichtung, die Erklärung des
Einzelnen und der Anschluss ans Ganze setzen eine hochentwickelte
Geschichts-und Sprachwissenschaft voraus. So lange Kelten, Germanen,
Skythen, Slaven durcheinander geworfen werden, solange das historische
Urteil über echt und unecht, alt und jung fehlt, ist der Begriff
einer reinen unverfälschten germanischen Mythologie undenkbar. Das
völlig unzuverlässige Material verstattet keine darauf begründete,
befriedigende Darstellung.
Des Geographen +Philip Clüver+ _Germania antiqua_, Leyden 1616, ist
eine ausführliche Altertumskunde auf Grund der Nachrichten der
klassischen Autoren, natürlich mit dem bekannten Irrtum, dass Illyrier,
Germanen, Gallier, Hispanier und Britannier einer Sprache und eines
Stammes, nämlich Kelten gewesen seien. Darin ist auch, besonders
im Anschluss an Tacitus, vom Götterglauben und Kulte der Germanen
ausführlich gehandelt. Diese Abschnitte mochten sich leicht zu eigenen
Schriften über deutsche Mythologie auswachsen.
Die erste deutsche Mythologie ist von +Elias Schedius+[1] geschrieben
und erschien nach seinem Tode 1648 zu Amsterdam. Der Titel lautet
_de diis Germanis sive veteri Germanorum, Gallorum, Britannorum,
Vandalorum religione_. Das Buch besteht aus einer Anhäufung von Citaten
aus den klassischen Autoren und mittelalterlichen Chronisten, wo
diese von den Göttern der nordischen Völker, von ihren Priestern und
heiligen Bräuchen, von ihrem Heroen- und Dämonenkult berichten. Trotz
des beträchtlichen Umfangs von 505 Seiten steht von echtgermanischem
Götterglauben fast nichts in dem Buche. Wir begegnen nur _Tuisco_ und
der _Irminsäule_; zu _dies Mercurii_ wird bemerkt, die Niedersachsen
und Westfalen würden dafür Wodentag sagen. Natürlich ist der Verfasser
nicht im Stande, hinter die interpretatio romana zu schauen. Umsomehr
gallische und wendische Götternamen tauchen auf. Ebenso sind die
gelehrten meist harsträubender Etymologie entstammenden Götzen der
Chronikschreiber des 16. Jahrhunderts berücksichtigt. Unter dem
Wuste unbrauchbarer undeutscher oder ungeschichtlicher Materialien
verschwinden die wenigen den klassischen Autoren entnommenen
Nachrichten vom wirklichen germanischen Glauben. Das Vorbild der
Chronisten wie des Aventinus musste den Mythologen noch mehr in
Phantastereien verleiten; Olaus Maguus, von dem Saxo eifrig benutzt
wurde, ist von Schede zu wenig herangezogen.
Fürs 17. Jahrhundert sind noch zu nennen +Sebastian Kirchmaier+, _de
Germanorum antiquorum idolatria, ad loca quaedam Taciti_, Viteb. 1663
und +Magn. Dan. Omeis+, _dissertatio de Germanorum veterum theologia et
religione pagana_, Altdorf 1693.
Im Norden fand die Forschung übers Heidentum reichlichere Nahrung,
indem dort viele unmittelbare Quellen zu Gebot stehen, aus denen ohne
Weiteres ein Teil der Göttersage und des Kultes entnommen werden
kann.[2] In Dänemark und Schweden knüpfte sich die Beschäftigung mit
der heimischen Vorzeit zunächst an die _historia danica_ des Saxo
Grammaticus. Der erste Druck erschien 1514 zu Paris. Neben einer Fülle
von Sagen finden sich bei Saxo Nachrichten über Glauben und Kultus
der heidnischen Zeit. Ein schwedischer Erzbischof, +Olaus Magnus+,
entwarf zuerst in einem geographisch-kulturgeschichtlichen Werk über
die nordischen Länder und die Sitten ihrer Bewohner einen Abriss
des heidnischen Götterglaubens. Seine grosse _historia de gentibus
septentrionalibus_, Rom 1555, handelt im 3. Buch _de superstitiosa
cultura daemonum populorum aquilonarium_. Besonders Saxo, aber auch
Adam von Bremen ist benützt; so erscheinen Thor, Odhen und Frigga, und
wird der prächtige Upsalatempel geschildert. Ausserdem ist Einiges
aus dem Gebiete des Volksglaubens mitgeteilt. Was geboten wird, ist
freilich wenig, aber doch klar und einheitlich. In der mit reichlichen
Anmerkungen versehenen Saxoausgabe des Dänen +Stephanius+ vom Jahre
1644 wurde der Altertumskunde ein bequemes Hilfsmittel zurecht gelegt.
Am wichtigsten aber ist die um 1600 neu erstandene isländische
Altertumsforschung.[3] Fast die gesamte norwegisch-isländische
Überlieferung war in isländischen Handschriften aufbewahrt. Männer,
wie +Arngrímr Jónsson+, +Björn Jónsson+, +Magnus Ólafsson+, +Brynjulfr
Sveinsson+, durch sie angeregt der Däne +Ole Worm+ widmeten sich
der Sammlung und Verarbeitung der altisländischen Quellen. In Bälde
kamen die wertvollsten Denkmäler zum Vorschein und wurden auch binnen
Kurzem im Drucke zugänglich gemacht. Die isländischen und norwegischen
Geschichtsquellen sind voll von ausführlichen und lebendigen
Beschreibungen des Heidenglaubens. Eine förmliche Mythologie hatte
+Snorri Sturluson+ in seiner _Edda_ um 1230 verfasst; eine Sammlung
von Götterliedern, die teilweise noch im 10. Jahrhundert gedichtet
worden waren, fand Bischof +Brynjulfr+ im Jahre 1643, die sogenannte
_ältere Edda_, die der Bischof fälschlich nach Snorris Edda benannte
und dem weisen _Saemund_, einem gelehrten Isländer († 1133), zuschrieb.
Damit war die Grundlage der nordischen Mythologie gegeben. 1665
beförderte der Däne _Petrus Resenius_ die Snorra Edda zum Druck und
gab dem isländischen Urtext eine von den Isländern Magnus Ólafsson,
Stephan Ólafsson und Thormóðr Torfason herrührende lateinische, sowie
eine von Stephanius verfasste dänische Übersetzung bei. Im selben
Jahre veröffentlichte er aus der Liedersammlung die Vǫlospǫ́ und die
Hǫ́vamǫ́l, ebenfalls mit lateinischen Paraphrasen des Stephan Ólafsson
und Gudmund Andersen; 1673 wurde der Druck wiederholt. Die den Ausgaben
Resens beigefügten lateinischen Übertragungen verschafften ihnen weite
Verbreitung auch ausserhalb der nordischen Lande. Auf lange hinaus
bildeten sie die Hauptquelle für alle, die über deutsche und nordische
Mythologie schrieben.
Des +Johannes Schefferus+ _Upsalia_ 1666 ist grösstenteils
mythologischen Inhalts. Ausführlich wird der heidnische Tempel von
Upsala beschrieben und in besonderen Abschnitten über die dort
verehrten Gottheiten Thor, Odin und Frigga gehandelt. Auch Freyr und
Njord und andere Gottheiten werden besprochen. Es ist eine fleissige
Darstellung des nordisch-germanischen Götterglaubens, namentlich sofern
er mit schwedischem Kult in Verbindung gebracht werden kann. Nun
begannen diese nordischen Arbeiten auch auf die deutschen Verfasser zu
wirken.
+J. G. Eccard+, _historia studii etymologici linguae Germanicae_ 1711,
S. 10, verspricht dem Leser eine deutsche Mythologie (_exspectandum a
me habes librum de diis veterum Germanorum_), die aber nicht zu stande
kam.
Die zweite deutsche oder besser germanische Mythologie schrieb
der Schleswiger +Trogillus Arnkiel+ im Jahr 1690 unter dem
Titel _Cimbrische Heydenreligion_. 1703 erschien die cimbrische
Heydenreligion unverändert, aber vermehrt mit drei Abhandlungen
über das goldene Horn von Tondern, über die Bestattungsbräuche der
cimbrischen Völker, über ihre Bekehrung. Unter Cimbern versteht
Arnkiel die Goten, Guten und Jüten, d. h. Schweden und Dänen, die
Sachsen, die Friesen, die Wenden, die er wie üblich für Nachkommen der
Wandalen nimmt. Arnkiel übertrifft an Gehalt Schedes Versuch weit. Die
nordischen Denkmäler, Resens Ausgaben, Stephanius’ Saxo, Scheffers
Upsalia, Worms monumenta Danica u. a. sind gründlich verwertet, so
dass seine „gotische“ d. h. nordische Mythologie sich schon recht
stattlich ausnimmt. Für die Sachsen beruft er sich auf eine Schrift
von +Christof Arnold+, _de diis Saxonum_; ihre „sieben Götzen“ leitet
er aus den Wochentagen als Sonne und Mond, Tuisco, Woden, Thor, Freya
und Sater (d. i. Saturnus) ab. Für die Friesen wird Hertha, die
berüchtigte Lesart für Nerthus, in Anspruch genommen. Die wendischen
Götter, hauptsächlich aus des Chronisten +Crantz+ _Wandalia_ entlehnt,
berühren uns hier nicht. Fürs germanische Priestertum sind die
Druiden und Barden maassgebend. Als Theologe geht Arnkiel sehr in die
Breite und berücksichtigt fortwährend auch das übrige Heidentum, das
gleichwie das germanische als klägliche Entartung ursprünglicher reiner
Gottesoffenbarung gefasst wird. Zudem ist er, wie fast alle Mythologen
seit Snorri und Saxo, Euhemerist: „die heyden haben die verstorbene
helden und die böse geister vergötzet und als götter angebeten.“ Aber
trotz allem ist doch vieles mit sachlichem gesundem Urteil geboten,
und zuerst die nordische Mythologie zum Aufbau der deutschen Trümmer
eingeführt.
+J.G. Keyslers+ _antiquitales selectae septentrionales et celticae_,
Hannover 1720 bekunden wiederum einen bedeutenden Fortschritt, schon
weil allein die Absicht des wissenschaftlichen Altertumsforschers
vorherrscht. Das Buch gewährt zwar keine Gesamtdarstellung der
germanischen Mythologie, aber behandelt einzelne Abschnitte z. B. den
Walhallglauben. Die Inschriften aus der Römerzeit, welche deutsche
Götternamen enthalten, werden erörtert. So hören wir von _Hercules
Magusanus_, von _Nehalennia_, von den _Matronen_. Auch werden
Erscheinungen des Volksglaubens, Seelen, Maren, Elbe besprochen. Man
merkt, der Stoff erweitert und klärt sich; allmälig tauchen bestimmtere
Ziele auf. Sehr verständig urteilt Keysler S. 126, dass die Sage vom
Weltuntergang ebenso wie die von der Menschenschöpfung und Sinflut aus
der christlichen Lehre entlehnt sei.
Um die Mitte des Jahrhunderts trat +M.G. Schütze+ mit mythologischen
Arbeiten hervor. Er schrieb 1743 _de cruentis germanorum gentilium
victimis humanis_, 1748 _exercitationum ad Germanium sacram gentilem
facientium sylloge_, worin von Hludana, Weleda, dem Namen Allvater,
dem Minnetrinken und dem Marenglauben die Rede ist, endlich 1750
_Lehrbegriff der alten deutschen und nordischen Völker von dem Zustande
der Seelen nach dem Tode überhaupt und von dem Himmel und der Hölle
insbesondere_. +Siebrand Meyers+ _kurtze Erörterung des ehemaligen
Religionswesens der Teutschen_ Leipzig 1756 konnte ich nicht einsehen.
Der Genfer +Mallet+, der eine Zeit lang in Kopenhagen lebte, verstand
es, dem Ausland den Hauptinhalt der nordischen Mythologie auf Grund
von Resens und Göranssons Ausgaben sowie Bartholins _antiquitatum
danicarum libri tres_ (1689) in übersichtlicher gefälliger Form
darzubieten. Seine _introduction à l’histoire de Danemarc_ Kopenhagen
1755 mit den _monumens de la mythologie et de la poësie des Celtes et
particulièrement des anciens Scandinaves_, ebenda 1756, verdeutscht
1765 als _Geschichte von Dänemark erster Teil_, gibt eine gefällige
Schilderung ohne Weitschweifigkeit und gelehrten Ballast. Die
nordischen Denkmäler besonders die Snorra-Edda werden einfach
übersetzt, in erklärenden Anmerkungen ist der Zusammenhang mit den
deutschen und anderen _„celtischen“_ Überlieferungen nachgewiesen. Die
_celtische Religion_, die _Glaubenslehre der Druiden_, habe sich am
reinsten in Skandinavien erhalten. Von anderen Phantastereien bleibt
Mallet fern. Treffend hält er denen, die Snorri der Erfindung der
nordischen Mythologie zeihen, die Thatsache entgegen, dass bereits
die älteren Skalden dieselbe Glaubenslehre voraussetzen. Mallets Buch
ist nicht gründlich gearbeitet, aber dafür auch nicht schwerfällig.
Keine gröberen Verstösse haften ihm an, geschickt sind die vorhandenen
Hilfsmittel benützt. Es erfüllte trefflich seinen Zweck, weitere Kreise
mit der nordgermanischen Mythologie bekannt zu machen. Die Zeit aber
war solchem Unterfangen günstig.
1766 erschien +Gerstenbergs+ _Gedicht eines Skalden_, worin nach
dem Vorgang eines dänischen Dichters namens _Tullin_ die nordische
Mythologie ebenso zum äussern Schmuck und Aufputz verwendet wurde wie
bisher die antike. Aus dieser Anregung ging die Bardenpoesie hervor,
welche vorwiegend nordische, dann aber auch deutsche Mythologie und
keltische Bestandteile in die deutsche Dichtung einführte. Was bisher
nur auf gelehrte Kreise beschränkt geblieben war, gewann nunmehr
die Teilnahme der literarisch gebildeten Welt. Rasch verflog zwar
der eigentliche Bardengesang, aber länger hielt das einmal erregte
Interesse für nordisch-deutsche Mythologie an. 1787 erschien der erste
Band der älteren Edda zu Kopenhagen; darin standen die wichtigsten
Götterlieder, von denen bisher nur wenige durch Resen und Bartholin
zugänglich gewesen waren. Dem isländischen Texte waren lateinische
Übersetzungen und ausführliche Einleitungen und Erläuterungen,
ebenfalls lateinisch, beigefügt. Natürlich erwuchs hieraus der
Erforschung des nordischen Götterglaubens eine kräftige Förderung, die
auch in Deutschland lebendigen Widerhall fand. Man begann sehr bald,
die Edda bei uns einzubürgern.[4] Der schwäbische Schulrektor +David
Gräter+ (1768-1830) entfaltete eine rege Thätigkeit, die Ergebnisse und
Errungenschaften der nordischen Altertumskunde in Deutschland weiteren
Kreisen zu vermitteln. Populäre Handbücher der deutschen und nordischen
Mythologie, meist unselbständig, dürftig und höchst verschroben, von
ungründlicher handwerksmässiger Mache, tauchten in grösserer Anzahl auf.
Auch im Norden nahm unter dem Einfluss dichterischer, auf die Vorzeit
gerichteter Bestrebungen die Beschäftigung mit dem Götterglauben neuen
Aufschwung.
Im Jahre 1801 löste +Oehlenschläger+ die Preisfrage der Kopenhagener
Universität, ob die Einführung der nordischen Mythologie an Stelle
der antiken in die Dichtung der Gegenwart rätlich sei. In epischen
und dramatischen Werken brachte nachmals Oehlenschläger selbst die
Sagenwelt der Vorzeit seinem Volke wieder nahe. 1819 erschienen _die
Götter Nordens_ (verdeutscht von Legis 1829), ein Versuch, in freier
poetischer Nachbildung den Gesamtinhalt der Eddamythen als einheitliche
Dichtung zu erweisen. +N. F. S. Grundtvig+ _Nordens Mytologi_ 1808
sucht dem Volke mit überschwänglicher Bewunderung die tiefsinnige
nordische Götterlehre in subjectiver moderner Empfindung wieder
vorzuführen. Denselben Zweck verfolgt +Hauchs+ _nordische Mythenlehre_,
Leipzig 1847.
* * * * *
Um die mythologische Überlieferung richtig zu verstehen, bedarf es
eingehender Quellenkritik, um den Ursprung der Mythen zu ergründen,
ihrer Auslegung. Erst spät kam die erste Frage zum Bewusstsein, heute
ist der Streit darüber heftiger denn je. Voreilig aber drängte sich
allezeit die Deutung mangelhaft verstandener Thatsachen vor. Man nahm
das Überlieferte einfach hin, wie es war, und ergoss die wunderlichsten
Erklärungen darüber. Heute fällt das Schwergewicht auf Quellenkritik,
von deren Entscheidung die Auslegung ganz und gar abhängt.
Von schwedischen Gelehrten ging die Ansicht aus, die nordische Sagen-
und Mythenwelt sei uralt.
In Schweden machte +Olof Rudbecks+ berüchtigtes Werk _Atlantica_,
1675-1702 in 4 Teilen erschienen, grosses Aufsehen. Sein Grundgedanke
ist, dass Schweden die Insel Atlantis, die Urheimat aller Völker,
aller Kultur und Religion sei. Die schwedischen Sagen, die nordische
Mythologie überragen an Altehrwürdigkeit weit die griechisch-römische
Überlieferung. +J. Göranson+, der 1746 die Snorra-Edda nach der
Upsalahandschrift mit schwedischer und lateinischer Übertragung
herausgab, 1750 die Völnspa als die _„patriarchalische Lehre der
uralten Atlantiskinder“_ folgen liess, wandelt mit seinem Urteil in
Rudbecks Spuren. Die Edda ist von Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert
aus alten Runen abgeschrieben, sie war aber, wie Herodot und Plato
beweisen, schon 300 Jahre vor Trojas Erbauung auf Messingtafeln
aufgezeichnet und wanderte damals nach Griechenland. Trotzdem wird
flachem Euhemerismus gehuldigt, Odin gilt als menschlicher nachmals
vergötterter König. Solch wüste Phantasterei suchte +J. Schimmelmann+
_„isländische Edda d. i. die geheime Gotteslehre des ganzen allen
Kaltiens oder des europäischen Skytiens“_ Stettin 1777 und in der
_„Abhandlung von der alten isländischen Edda“_ Halle und Leipzig o. J.
in Deutschland zur Geltung zu bringen, doch glücklicherweise ohne
Erfolg. Für Schimmelmann ist die Edda das älteste Götterbuch, das
dem europäisch-celtischen Urvolk bei dessen erstem Auszug aus Asien
mitgegeben wurde.
Solchem Überschwang trat die besonnene Frage nach Alter und Herkunft
der Snorra Edda, nach ihrem Verhältniss zur Liedersammlung (der
sogenannten älteren Edda), nach Alter und Herkunft der darin
enthaltenen Mythen entgegen, aber freilich mit unzureichenden
Mitteln und mit arger Verkennung der wahren Sachlage. +F. Adelung+
in _Beckers Erholungen_ 1797, II hielt die Götterlehre der Edda für
eine blosse Erdichtung, für eine Nachbildung christlicher Ideen.
Am entschiedensten erklärte sich +Fr. Rühs+ in seiner _Geschichte
der Religion, Staatsverfassung und Kultur der alten Scandinavier_
1801, in seiner Übersetzung der Snorra-Edda 1812, S. 120 ff., in
seiner Abhandlung _über den Ursprung der isländischen Poesie aus
der angelsächsischen_ 1813 gegen die Echtheit der Edda-Mythen.
Seine Beweise sind freilich schwach, seine Behauptungen aber finden
neuerdings mehrfach Bestätigung. Peinlich berührt die hässliche
Schimpferei gegen die Brüder Grimm in Rühs letzter Abhandlung. Aber
man muss zu seiner Rechtfertigung berücksichtigen, dass er gereizt
worden war. Rühs behauptet mit gutem Fug, die nordische Mythologie,
wie sie in der Kunstdichtung der Skalden und in der Edda vorliege,
sei nie Glaube des Volkes gewesen, nur in unbedeutenden Einzelheiten
darauf begründet. Die Meinungen des Volkes hätten den ersten Keim
hergegeben, der aufs freieste und mannigfaltigste mit christlichen,
jüdischen, griechisch-römischen Ideen weitergebildet worden sei.
Vermischung von Christlichem und Heidnischem habe schon vor der
Bekehrung stattgefunden. Weil jene Mythen von Anfang an nur zum Zwecke
der Unterhaltung als poetischer Stoff dienten, konnten sie auch nach
Annahme des Christentums noch ungeschwächt fortwirken. Oft spielten
Angelsachsen Vermittler fremder Kultureinflüsse. Gedichte, in denen
Fremdwörter wie _töflur_ d. i. Tafeln (Vol.) oder _hrimkalkr_ (Kelch)
vorkommen, können nicht uralt sein. Dem Einwurf, der ihm seinerzeit
von P. E. Müller ebenso wie neuerdings einem Bugge von Finnur Jónsson
gemacht wurde, dass schon die Skaldengedichte des 9. Jahrhunderts
die nordische Mythologie voraussetzen, stellte er den Satz entgegen,
die betreffenden Strophen seien jünger und jenen alten Skalden nur
unterschoben worden. Rühs hatte freilich keine klare Vorstellung
darüber, wie der echte nordische Volksglauben, den wir namentlich aus
den Geschichtsquellen kennen lernen, zu den Erdichtungen der Skalden
sich verhielt. Er ging zu weit, indem er alles leugnete, und gab damit
seinen Gegnern selber die Waffen zu seiner Bekämpfung.
+J. Grimm+ wandte sich in der Leipziger Literaturzeitung 1812, Nr.
287 u. 288 scharf und heftig gegen Rühs. +P. E. Müller+ hatte 1811 in
einer besondern Schrift _„die Ächtheit der Asalehre und den Wert der
Snorronischen Edda“_ verfochten. Der Beweis der Echtheit wird in der
Hauptsache aus den Skaldengedichten und aus der dichterischen Sprache
erbracht, die vom 9. bis zum 13. Jahrhundert immer die Mythologie zur
Voraussetzung haben. Somit könne von einer Fälschung keine Rede sein.
Müller fasst die Angelegenheit nicht ganz richtig auf. Es wird ja
eine besondere Skaldenmythologie, gepflegt und ausgebaut zum Zwecke
der Dichtung, aber unterschieden vom eigentlichen Volksglauben,
eben behauptet. Dass die Skalden sich insgesamt dieser Mythologie
bedienen, beweist doch nichts für ihre _„Echtheit“_, insofern etwa
Volkstümlichkeit damit gesagt sein soll. Aber das Ansehen und
überlegene Wissen des dänischen und der beiden deutschen Gelehrten
schlug den ersten kritischen Zweifler nieder. Leidenschaftliche
Vorliebe verblendete schon damals gerecht abwägendes Urteil. Man
glaubte, einen Zerstörer und Schänder altheiliger Überlieferung zu
sehen, während in Wirklichkeit doch nur die Quellen aufgezeigt werden
sollen, aus denen nordische Dichter für ihre grossartigen Schöpfungen
Anregungen und Motive entnahmen. Den erhabenen Einheitsgedanken in
der nordischen Mythologie suchten Dichter und Gelehrte recht deutlich
hervorzuheben, um zu beweisen, dass nicht etwa genial veranlagte
Skalden des 10. Jahrhunderts eben das, was wir an der nordischen
Göttersage bewundern, geschaffen haben, sondern um den allgemeinen
Schluss daraus zu folgern, dass es so längst vor ihnen gewesen sei.
Die Deutungsversuche sind _geschichtlich_, euhemeristisch, wonach
geschichtliche Vorkommnisse der Urzeit den Mythen zu Grunde liegen
sollen, _philosophisch und physikalisch_. Mit starken Einschränkungen
liegt in allen diesen Erklärungen ein Körnchen Wahrheit, doch wurden
sie einseitig übertrieben und verallgemeinert, und keine trifft den
Kern der Urreligion.
Der _Euhemerismus_, der neben der Theologie von Anfang an die
germanische Mythologie durchzieht, wurde am stärksten in des Dänen
+Suhm+ Buch _om Odin_ 1771 vertreten. Mit nüchternem Verstande soll die
alte Überlieferung aufgefasst und ausgelegt werden; in Wirklichkeit
aber bildet sich eine Lehre auf Grund der irrtümlichen und verkehrten
Meinungen der alten Geschichtschreiber. In den angelsächsischen
Stammtafeln, bei Ari und Snorri ist die altgermanische Vorstellung
von der göttlichen Herkunft des Adels und Königtums dahin verderbt,
dass Woden-Odin, Njord, Freyr als sterbliche menschliche Vorfahren der
geschichtlichen Könige betrachtet werden. Von den Asen, den nordischen
Göttern, wird Abstammung aus Asien behauptet und von ihrer Einwanderung
aus dem Ursitz am Tanais über Sachsen nach Dänemark und Skandinavien
gefabelt. Die Einwanderung geschah unter der Führung Odins. Diese
Geschichten nimmt Suhm wörtlich, er sucht drei geschichtliche
Persönlichkeiten mit Namen Odin festzustellen. Diese hätten sich den
Namen der ursprünglichen Gottheit Odin beigelegt. Dass auf solche
Art ein Zerrbild der nordischen Göttersage entstehen muss, ist klar.
Nur die Namen und das ursprüngliche Wesen bleiben den Göttern,
alle Überlieferung im Einzelnen den Menschen, die sich ihre Namen
anmaassten. Eine seichtere und flachere Auffassung ist kaum denkbar.
Die Übereinstimmung der nordgermanischen Religion mit andern wird auf
die gemeinsame Urheimat der gesamten Menschheit in Asien zurückgeführt.
Der Glaube an einen einigen Gott liegt allen heidnischen Religionen
und mithin auch der nordischen zu Grunde, wie aus dem Namen Allvater
erwiesen wird. Hatten die früheren theologisch gesinnten Verfasser
diesen Gedanken folgerichtig aus der biblischen Geschichte entwickelt
und die heidnische Vielgötterei, den Abfall vom Monotheismus, auf den
Teufel zurückgeführt, so bricht sich allmälig eine _philosophische_
Erklärung Bahn. Der wahre einige Gott stand als geistiges Wesen über
der Natur, aber bald wurde er als Weltseele in der Natur, in den
Naturerscheinungen, z. B. in der Sonne, im Winde, im Donner gesucht.
Hiermit melden sich die Anfänge der natursymbolischen Mythendeutung.
Von Deutschland ging die philosophisch-physikalische Mythendeutung aus,
die wenigstens insoweit Gutes wirkte, dass sie den flachen Euhemerismus
wegfegte. Positive Ergebnisse von bleibendem Werte hat sie freilich
wenig zu verzeichnen.
+Creutzers+ _Symbolik und Mythologie_ 1810-1812, +Görres+
_Mythengeschichte der asiatischen Welt_ 1810, +Kannes+ _Pantheum der
Naturphilosophie_ 1811 riefen diese Richtung ins Leben.
Den alten Religionen liegt nach Creutzer der Kern einer reineren
monotheistischen Urreligion zu Grunde, der von priesterlichen
Lehrern in der Form von Zeichen (Symbolen) und Erzählungen (Mythen)
mitgeteilt, durch die Einmischung volkstümlicher Sagen, durch die
poetisch gestaltende Kraft und durch die Empfindung der belebten
Natur zu einer polytheistischen Gliederung auswuchs, aber in den
Mysterien am reinsten erhalten war. Den Kern durch Vergleichung
aller überlieferten Mythologien ans Licht zu ziehen ist Aufgabe der
Wissenschaft. Die Urreligion entstand im Morgenland. Zugleich ist die
Aufgabe gestellt, die Mythen, die ja nur Allegorien sind, auf ihren
eigentlichen Grund zurückzuführen, und das Göttliche überall, auch in
den Naturerscheinungen zu suchen.
Den Fachgelehrten fiel die Aufgabe zu, die allgemeinen philosophischen
Sätze am mythologischen Stoffe anzuwenden. Das that in Deutschland
+Mone+ in der _Geschichte des Heidentums im nördlichen Europa_ 1822-24.
In der Einleitung bekennt er sich zur Anschauung, dass man durch
Vergleichung stammverwandter Glaubenslehren die Stammreligion, durch
Vergleichung der Stammreligionen die Religion der Menschheit und
die Art und Weise ihrer Verzweigung und Teilung in die unendliche
Vielheit der Völker lerne. Bei der Darstellung beschränkt er sich aber
mehr auf Verarbeitung der Überlieferung, die nur beiläufig ausgelegt
wird, und schildert so das nordische und deutsche, d. i. sächsische,
fränkische, gotische Heidentum je für sich allein. Viel neues Material
wird zielbewusst in grösserem Rahmen bearbeitet. Den landläufigen
mythologischen Handbüchern der damaligen Zeit ist Mone an Wissen und
Urteil weit überlegen. Bemerkenswert ist, dass Mone auch die Heldensage
ihrer mythischen Bestandteile halber in grösserem Maassstabe zur
Mythologie heranzieht.
In Dänemark wirkte der sehr verdienstreiche Isländer +Finn Magnusen+
in diesem Sinne. Seine vierteilige _Eddalehre_, Kopenhagen 1824-26,
handelt ausführlich vom Ursprung der nordischen Mythen, welche
„sowohl mit dem grossen Buche der Natur, als auch mit den mythischen
Systemen der Griechen, Perser, Inder und mehrerer anderer alter
Völker“ verglichen werden. Auch ihm schwebt die Urreligion und ihre
Entstehung aus Naturerscheinungen als letzter Grund aller Mythologien
vor. Ebenso ist sein _priscae veterum Borealium mythologiae lexicon_
1827 eingerichtet. Darin ist mit erstaunlicher Vollständigkeit die
gesamte nordische Götterlehre nicht bloss der Edda, sondern auch der
übrigen altnordischen Quellen in Form eines ausführlichen Wörterbuches
geordnet. In +Nyerups+ _Wörterbuch der skandinavischen Mythologie_,
Kopenhagen 1816 hatte er eine brauchbare Vorarbeit. Finn führte auch
in den einzelnen Abhandlungen seines Wörterbuches die Vergleichung und
Auslegung der einzelnen nordischen Mythen durch. Die Deutungen sind
freilich grösstenteils verfehlt, schon weil die Sternkunde allzu sehr
hervortritt. Darnach wären die Germanen vorwiegend Sternanbeter gewesen
und hatten überaus genaue astronomische Kenntnisse sehr künstlich zu
Mythen verwandelt. Trotz den verfehlten allgemeinen mythologischen
Anschauungen bilden Mones und Finn Magnusens Schriften aber doch den
Höhepunkt der mythologischen Forschungen vor Uhland und J. Grimm. Es
war unendlich viel Thatsächliches geboten, dessen Wert noch heute
andauert und durch die verkehrten Meinungen, welche die Verfasser über
die Erklärung des fleissig zusammengetragenen Stoffes hegten, nicht
beeinträchtigt wird.
* * * * *
Zum Schlusse des Abschnittes möge ein kleines Verzeichniss solcher
Schriften stehen, die das Studium der deutschen Mythologie zu
popularisieren suchten. Darin kommen die allgemeinen Anschauungen,
die man bisher mit Hilfe der Forschung erreicht hatte, deutlich
zum Ausdruck. Abgesehen von einigen unverbesserlichen rückfälligen
Nachzüglern stehen die populären Mythologien nach J. Grimm auf einem
unvergleichlich höheren Standpunkt.
Kleinere Abhandlungen verzeichnet in grösserer Anzahl +B. F. Hummel+,
_Bibliothek der deutschen Altertümer_, Nürnberg 1787, S. 201 ff., und
im Zusatzbande, Nürnberg 1791, S. 56 ff.; ferner +G. Klemm+, _Handbuch
der deutschen Altertumskunde_, Dresden 1836, S. 261 ff. Von besondern
Schriften seien folgende erwähnt:
+Siebenkees+, _Von der Religion der alten Deutschen_, Altdorf 1781.
+Ch. L. Reinhold+, _Beitrag einer Mythologie der alten deutschen
Götter_, Münster 1791.
+F. X. Boos+, _Die Götterlehre der alten Deutschen_, Köln 1804.
+F. J. Scheller+, _Mythologie der nordischen und andern deutschen
Völker_, Neuburg 1804; Regensburg 1816. _Kleines Handbuch der
nordischen Mythologie_, Leipzig 1816.
+G. C. Braun+, _Die Religion der alten Deutschen_, Mainz 1819.
+H. A. M. Bergner+, _Nordische Götterlehre aus den Quellen geschöpft
und zusammengetragen_, Leipzig 1826.
+F. D. Gräter+, _Versuch einer Einleitung in die nordische
Altertumskunde_, Dresden 1829.
+J. G. Bönisch+, _Die Götter Deutschlands, vorzüglich Sachsens und der
Lausitz_, Camenz 1830.
+G. Th. Legis+, _Handbuch der altdeutschen und nordischen Götterlehre_,
Leipzig 1831; 2. Aufl. 1833.
+G. Th. Legis+, _Alkuna, nordische und nordslawische Mythologie_,
Leipzig 1831.
+C. E. Hachmeister+, _Nordische Mythologie nach den Quellen bearbeitet
und zusammengetragen_, Hannover 1835.
In Gestalt eines mythologischen Wörterbuches boten den Stoff:
+Ch. A. Vulpius+, _Handbuch der Mythologie der deutschen, verwandten,
benachbarten und nordischen Völker_, Leipzig 1826.
+A. Tkány+, _Mythologie der alten Teutschen und Slaven in Verbindung
mit dem Wissenswürdigsten aus dem Gebiete der Sage und des
Aberglaubens_, 2. Bde., Znaim 1829.
Von Abhandlungen über einzelne Gottheiten sind zu nennen:
+Büsching+, _Das Bild des Gottes Tyr_, Breslau 1819.
+C. H. Grupen+, _Abhandlung vom sächsischen Gott Irmin_ in den
_observationes rerum et antiquitatum Germ_., Halle 1763, S. 165 ff.
+J. Grimm+, _Irmenstrasse und Irmensäule_, Wien 1815.
+v. d. Hagen+, _Irmin, seine Säule, seine Strasse, sein Wagen_, Breslau
1817.
+C. Niemeyer+, _Sagen betreffend Othin, dessen Geschlecht und Asentum
überhaupt. Nach den Überlieferungen Saxos des Grammatikers_, Erfurt
1821.
+H. Leo+, _Über Othins Verehrung in Deutschland_, Erlangen 1822.
+Joach. Wieland+, _De Thoro, principe veterum Septentrionalium idolo
diss._ Hafniae 1709.
+J. G. S. Schwabe+, _De deo Thoro commentatio_, Jena 1767.
+J. P. Anchersen+, _Vallis Herthae Deae_, Hafniae 1747.
+C. K. Barth+, _Hertha und über die Religion der Weltmutter_, Augsburg
1828.
+Sculo Thorlacius+, _De Hludana Germanorum gentilium dea_, Hafniae 1782.
Die physikalische Auslegung der Eddamythen erreicht den Höhepunkt des
Unsinns in den Schriften von +Trautvetter+, _Der Schlüssel zur Edda_,
Berlin 1816, wo die nordische Mythologie als eine in Gleichnissen
vorgetragene Chemie erscheint, und bei +K. Henneberg+, _Hvad er Edda_,
Aalborg 1812, wo die Bilder des goldenen Horns von Tondern mit der
Baldrsage zusammengebracht und astronomisch gedeutet werden.
* * * * *
Wie sich vor J. Grimms grundlegendem Werke die deutsche Götterlehre
ausnahm, lernt man am besten aus der Übersicht, die G. Klemm im
_Handbuch der germanischen Altertumskunde_, Dresden 1836, S. 273 ff.
gewährt. Dort sind die Ergebnisse der älteren deutschen Mythologie mit
thunlichstem Ausschluss der nordischen zusammengestellt.
Wir hören von Tuisto, Mannus, Irmin, Wodan, Freia, Fro, Thunar, Hertha,
Alces; dann aber wird, namentlich auf Caesars Gewähr, ein Sonnen- und
Monddienst behauptet, von Eostar, Ostar berichtet und herauf von den
thüringischen und hessischen Götzen Namens Krodo, Jecha, Püstrich,
Stuffo, Reto, Lahra, von den sächsisch-friesischen Hammon (zu Hamburg),
Fosete (weiblich), Nehalennia und Hludana gemeldet. Dazu gesellt
sich noch der sächsische Jodute, in Süddeutschland Lullus, Strifa,
Krutzmann, Epona. Endlich verführte die bekannte interpretatio romana,
die Gottheiten fremder Völker mit römischen Götternamen bezeichnete,
zur Meinung, römische Gottheiten wie Mars, Mercur, Hercules, Isis,
Diana, Venus seien von den Germanen angenommen und verehrt worden.
Von allen diesen merkwürdigen Gestalten, die auf Erfindungen und
Etymologien der Gelehrten des 16. und 17. Jahrhunderts beruhen, gab
es ernstgemeinte umfangreiche Abhandlungen, die bei Klemm und in
Hummels Bibliothek der deutschen Altertümer besonders im 11. Kap.
_„von den topischen Göttern“_ verzeichnet stehen. Die Zufuhr der
nordischen Mythologie hatte den Stoff nur erweitert, nicht gereinigt
und vertieft. In den Wörterbüchern von Vulpius und Tkány treibt diese
Götzenschar noch ihr ganzes Unwesen. Auch das muss erwogen werden,
um J. Grimms That zu würdigen. Er hatte nicht nur alles ganz neu
aufzubauen, sondern mit unglaublich vielem Schutte aufzuräumen. Die
bisherigen mythologischen Forschungen hatten trotz allem guten Willen
der Verfasser den Ausblick eher verbaut, den Blick getrübt.
2. Die wissenschaftliche Bearbeitung der Mythologie: Uhland und J.
Grimm.
Mit bewundernswertem Scharfblick hat +Uhland+ in seinen _Vorlesungen_
1830-1832 und in _Abhandlungen_ deutsche und nordische Mythologie
erforscht. _Der Mythus von Thor_ erschien 1836, das Übrige erst
nach seinem Tode in den _Schriften Bd. 6 über Odin_ und _Bd. 7,
S. 16-85 Umriss der nordischen Göttersage, ebda. S. 473 bis 514,
älteste Spuren der deutschen Göttersage_. Mithin konnten seine
Studien zunächst nur zum kleinen Teil auf die Entwicklung der
Mythenforschung wirken. In der Schrift über Thor ist am gründlichsten
und geistvollsten die physikalische Mythendeutung durchgeführt, und
die Entstehung der Thorssagen aus der norwegischen Naturumgebung
nachgewiesen. Die germanische Gestalt des Donnerers ist sicher der
nordischen Natur angepasst worden. Aber selbst bei Uhland zeigt sich
die natursymbolische Auslegung als verfehlt, sobald sie ins Einzelne
geht. Die Ergebnisse halten nach dieser Seite nicht stand. In der
Abhandlung über Odin finden sich vortreffliche Abschnitte, Ansätze zur
Entwicklungsgeschichte, wie wir sie bei J. Grimm vergeblich suchen.
Dahin gehört u. a. der Nachweis, dass Freyr in Schweden, Thor in
Norwegen, Odin in Dänemark und Sachsen ursprünglich verehrt wurde.
Das Verhältniss Bragis zu Odin wird ebenso einleuchtend erklärt. Man
bedauert, dass Uhland keine umfassende Darstellung der Mythologie
unternahm. Was sich in der klaren Seele dieses unvergleichlichen
Mannes gespiegelt, wurde allein schon dadurch geläutert und strahlt
uns reiner und heller entgegen, als aus der vielfach getrübten und
verderbten Überlieferung. Band 7, 382 steht eine Bemerkung, welche
gelegentlich später errungene Ergebnisse vorweg nimmt. „Es ist
allen bekanntern Naturreligionen gemein, dass in ihnen eine Menge
untergeordneter Geister lebt und webt, welche bald unsichtbar und
leise geahnt die Natur erfüllen, bald in heftigen Erscheinungen
hervortreten, dem Menschen in freundlicher oder feindlicher Gesinnung
sich nahend. Man fasst dieses Geisterwesen bei den neueren Völkern am
besten unter dem, ihrer vielen gemeinsamen Namen der Elfen zusammen.
Wenn man erwägt, wie dieses Geisterreich in übereinstimmenden
Hauptzügen bei Völkern verschiedenen Stammes und sonst auch bedeutend
verschiedener Glaubenslehre sich ausgebreitet hat, so erkennt man
in ihm das ursprünglichste und allgemeinste Element der mythischen
Naturanschauung, aus dem dann erst die eigentümlichen Göttergestalten
jeder besonderen Mythologie aufgetaucht sind. Wurden diese durch die
Herrschaft einer neuen Lehre zerstört, so trat die Auflösung in jenes
freiere Element wieder ein.“
So weit nur irgend möglich, schliesst sich dieses Handbuch an Uhland
an, besonders auch bei Erzählung nordischer Sagen, denen der herrliche
Mann eine wahrhaft klassische Form verlieh.