Ein aufgeregtes, überhastiges Leben entwickelte sich am Strand.
Die Leute hatten in größter Eile ihre hochzeitlichen Kleider mit dem in
dem Schuppen bereithängenden Ölzeug vertauscht und waren soeben, voll
ausgerüstet, bereit, den Wagen, auf welchem das Boot stand, durch den
tiefen Sand bis an die See zu schieben. Eine schwierige, unsagbar
mühselige Arbeit bei solchem Sturm!
Gabriele hatte sich in den Schutz des Gebäudes gegen die Mauer gedrückt
und starrte mit hochklopfendem Herzen das fremdartige Treiben an.
Sie sah Guntram Kraffts herrliche Gestalt in dem derben Lotsenanzug, --
welcher ihr schöner und kleidsamer deuchte wie die reichste Galauniform,
-- grell beschienen von den lodernden Fackeln, welche von schwieligen
Fäusten geschwungen wurden, -- sah, wie er mit Bärenkräften zufaßte und
half und schaffte, der erste seiner Lotsen, ein ruhiger, besonnener,
gewaltiger Kommandeur, ein Mann, welcher nicht nur befiehlt, sondern
selber arbeitet und Hand anlegt!
Eine leise Stimme klang neben Gabriele.
»Dat wir sneller kamen, as wie dachten!« seufzte Mike und knüpfte das
wollene Tüchelchen fester um den zerzausten Brautkranz in ihrem Haar,
ihre hartgearbeiteten Hände griffen ein wenig unsicher zu, und ihr erst
so blühend frisches Gesicht war blaß geworden.
»Ach, gnä' Frölen -- un dat ok grad an min Hochtid!«
Gabriele blickte voll tiefsten Mitleids in die traurigen Augen der
Sprecherin.
»Arme Mike!« sagte sie weich; »ja, das ist eine traurige Hochzeit! Aber
so Gott will, kehrt dein Schatz bald gesund und heil zurück, und dann
kannst du doppelt stolz auf ihn sein!« -- Sie atmete tief auf und
wiederholte mit glänzendem Blick: »Ja, stolz! sehr stolz mußt du doch
auf einen solchen Mann sein!« --
Mike schien nicht ehrgeizig. Sie wickelte die Hände in die geblümte
Schürze und sagte resigniert: »Wenn he man wedder kümmt!« Und dann
entsann sie sich, daß ja das gnädige Fräulein nicht gut plattdeutsch
versteht und fuhr -- nicht ganz ohne Mühe -- fort: »Vielleicht kriegen
sie die Mannschaft mit der Rettungsboje herüber und brauchen nicht
selber hinaus. Sehen Sie dort? Da schaffen sie an dem Mörser! Der Graf
schießt bannig gut, aber bei Dunkelheit ist es doch immer ein übles Ding
damit, noch dazu bei dem Sturm heut, denn die Windrichtung und Stärke
desselben kommt gar sehr in Betracht dabei!«
»Man schießt nach dem Schiff?« wiederholte Gabriele überrascht. »Um
alles in der Welt, warum das?«
Mike war zu traurig, sonst hätte sie wohl gelächelt. Sie strich wieder
seufzend mit der verarbeiteten Hand über ihren Brautkranz und fuhr
erklärend fort: »Das tut ja keinen Schaden nicht, gnädiges Fräulein, im
Gegenteil! An der Kugel ist man eine dünne Leine befestigt, -- sie wird
über das Schiff hinübergeschossen, und die Leute müssen die Leine so
rasch wie möglich auffangen und festhalten. Wenn das geglückt ist, muß
als Zeichen dafür ein Blaufeuer angesteckt werden, oder man schwenkt
auch nur eine Laterne -- wie sie's aus so 'nen wracken Schiff noch grad
möglich machen können ... dann wissen die Unsern hier Bescheid ...«
»Was für Bescheid? Was nützt die Leine?«
»O, man alles nützt die! Die Schiffsmannschaft muß die Leine dann vom
Lande her anholen, bis sie den Steertblock daran finden, durch welchen
ein Jölltau geschoren ist!«
»Und was soll damit?« -- Gabriele blickte die wortkarge Mike beinahe
ungeduldig an, und das junge Weib fuhr monoton fort --: »Ja, so, -- das
kennen Sie man alles noch nicht! Dieser Steertblock muß am Mast unter
der Sahling befestigt werden ... oder, wenn die Masten schon über Bord
geschlagen sind, an einem andern hohen Gegenstand ... und dann geben sie
vom Wrack wieder ein Signal, damit die auf dem Lande das Rettungstau an
dem Läufer befestigen, das ziehen sie dann vom Strand 'rauf aufs Schiff
...«
»Und Unsere hier ziehen damit das Schiff aufs Land?«
Nun ging doch ein schnelles, breites Lächeln über das Gericht der jungen
Fischerfrau.
»Ach, aber nee! Dat geiht jo nich!« schüttelte sie den Kopf und fuhr,
sich verbessernd fort: »Daran wird man bloß die Hosenboje nach den
Gestrandeten hinübergeschickt, da setzt sich die Mannschaft nacheinander
ein und wird übergeholt! Jetzt gleich wird es mit dem Schießen losgehen
... der Krischan zeigt schon die rote Latern'!«
Eine immer größere Aufregung hatte Gabriele erfaßt. Die wundersame
schaurige Poesie dieser nächtlichen Rettung wirkte wie berauschend aus
ihr so leicht empfängliches Gemüt!
All dieses fremdartige Hasten und Treiben, die drohende Gefahr, die
Angst und Sorge um eigenes und fremdes Leben, die unbeschreiblich
großartige Schönheit der wild entfesselten Elemente übten einen nie
geahnten Zauber aus; es war, als habe Gabrieles Herz in tiefem Schlaf
gelegen und nur auf diese Stunde geharrt, welche es erwecken soll zu
einem neuen, köstlichen Leben, zu der jauchzenden Erkenntnis alles
dessen, was ihre Seele voll schwärmerischer Begeisterung seit jeher
erhofft und ersehnt. Und voll ungestümer Leidenschaft wandte sie sich
und kämpfte sich durch den Sturm näher und näher zu Guntram Krafft
heran, bis sie beinahe an seiner Seite stand, bis sie sein Antlitz
schauen -- seine Worte hören -- jede seiner kraftvollen Bewegungen
beobachten konnte.
Ihr Auge glänzte wie im Fieber -- ihre Lippen lächelten wie im Traum.
Die Stimmen der Männer hallten wirr und zumeist unverstanden zu ihr her,
-- mit gewaltigem Krach entlud sich das Rettungsgeschoß, -- die Rakete
zischte wie ein greller Feuerstreif empor, nahm die Richtung nach dem
gestrandeten Schiff und verschwand im Dunkel der Nacht.
Voll banger Spannung harrte man auf das Signal, das die Leine getroffen
habe.
Guntram Krafft stand hocherhobenen Hauptes, den adlerscharfen Blick
seeein gerichtet, als könne und müsse sein Blick die gähnende Finsternis
durchdringen.
Ein paar Augenblicke tiefer Stille, nur der Sturm heult über sie hinweg,
und die See donnert und braust immer gewaltiger gegen den Strand.
Krischan Klaaden schüttelt den Kopf.
»Dat helpt nich ... dor sin' keene Mast's miehr, de Brandungen gahn all
öwer dat Schipp weg!«
»Denn man tau! -- wi möten klor maken!« Der Bär von Hohen-Esp wandte
sich in hoher Erregung zu seinen Lotsen.
»Vorwärts, Kinder! -- es ist keine Minute mehr zu verlieren, -- wir
müssen hinaus!«
Ein leiser, sturmverwehter Schreckensschrei. Mike wirft sich an den Hals
ihres Mannes, umklammert ihn sekundenlang mit den Armen. »Nee! -- nee!«
schluchzt sie auf -- »an dissen Dage nich!!« --
Guntram Krafft eilt bereits nach dem Rettungsboot, er wendet hastig das
Haupt, ein Schein tiefer Wehmut geht über sein schönes Antlitz.
»Bliev torück, Jöschen!« -- flüstert er, »dat geiht ok ahn di'!« --
Der junge Fischer richtet sich jäh auf, küßt sein bräutliches Weib noch
einmal hastig auf die blassen Lippen und faßt sie derb an den Schultern.
»Denk' doran, was de Pastur hüt seggt hätt'!« ruft er, springt hastig
seinem jungen Kommandeur nach und lacht ein fast grimmiges Lachen.
»Dat wier' woll dat ierste Mal, dat ich fehlen deer!«
Gabriele hat keinen Blick für die schluchzende Mike, sie folgt atemlos
nach dem Boot, sie preßt die bebenden Hände gegen das Herz, sie starrt
mit weitoffenen Augen auf Guntram Krafft.
Sie sieht nicht, wie Frau Gundula und der Prediger die Düne hinabeilen,
wie die Gräfin die gefalteten Hände zum Himmel hebt, wie ihr farbloses
Antlitz die Qualen spiegelt, welche ihr Mutterherz in diesem Augenblick
durchbeben, -- sie sieht nur, wie der Bär von Hohen-Esp in das Boot
springt, wie er ein paar kurze, begeisternde Worte an seine Getreuen
richtet, sie zu vollster, heiligster Pflichterfüllung ermahnt, und sie
der starken Hilfe dessen versichert, der Himmel und Erde gemacht hat! --
Und dann entblößen sie alle das Haupt --
»Chryste Kyrie
Sei mit uns auf der See!« --
»Amen! -- Amen!« klingt die Stimme des Predigers durch den Sturm, -- und
dann ein frisches, kraftvolles -- »Hohojohe! -- Rennen los!!« -- --
Noch einmal wendet Guntram Krafft das Haupt.
Sein Blick sucht Gabriele.
Er hebt die Hand -- er winkt ihr zu ... und dann steigt das Boot hoch
auf, -- weiße Gischtwogen scheinen es zu verschlingen ... es sinkt tief
... tief ... hebt sich ... wie furchtbare Wasserberge rollt es schwarz
und grauenvoll gegen das winzige Fahrzeug heran ... gähnende Finsternis
... und der Sturm heult, und die Brandung kocht wild auf ...
»Laßt uns beten, meine Freunde!« ruft der Pastor, er entblößt sein Haupt
... die weißen Haare wehen um seine Stirn, -- um ihn her sinken die
Weiber und Kinder auf die Knie, banges Seufzen und Schluchzen klingt
durch seine Worte, welche im Sturm verhallen. Auch Gabriele will
niedersinken und die bebenden Hände zum Himmel heben -- sie kann es
nicht. --
Sie muß stehen ... hochaufgerichtet ... sie muß hinausstarren auf das
Meer, als könne sie dem kleinen Boot mit den Blicken folgen. Der Mond
tritt hell aus den Wolken -- mit Jubel und Dank gegen Gott begrüßt. --
Ja ... man sieht das Boot ... man sieht das gestrandete Schiff ...
Gabriele atmet fast keuchend.
Ihre ganze Gestalt bebt und schüttert wie unter heißen Fieberschauern.
Was weint und schluchzt ihr Weiber und Kinder?
Gabriele möchte laut aufjauchzend die Arme ausbreiten, möchte wie
berauscht von leidenschaftlicher Glückseligkeit in den Sturm
hinausjubeln -- möchte vergehen in der namenlosen Wonne und
Begeisterung, welche ihre ganze Seele erfüllt und in blendende Helle
taucht. Ist es ein Wahn? ein Traum?... eine Vision, welche sie schaut?
Ist jener heldenhafte, tollkühne Mann in jenem gebrechlichen Fahrzeug
wirklich der Bär von Hohen-Esp, derselbe, welcher einst so linkisch und
mädchenhaft errötend auf höfischem Parkett gestanden? --
Ist dieser unerschrockene, verwegene Held wirklich Guntram Krafft?
O, wie gräbt sich sein herrliches Bild in dieser Stunde, wie mit
feurigen Linien gezeichnet, so unauslöschlich in Gabrieles Herz!
Wie in bangem, wonnig wehem Ahnen all dieser blendenden Erkenntnis hat
es schon all die Tage vorher in ihrer Brust gezittert, aber sie hat sich
gewehrt gegen diesen Gedanken, wie gegen eine Unmöglichkeit!
Noch vorhin, als er sie im Arm gehalten, als er sie in nimmer endendem
Tanz heiß und heißer an die Brust gedrückt, da ging es wie ein
Morgendämmern der Liebe durch ihre Seele, da war es ihr, als müsse sie
das Antlitz auf seine starken, kraftvollen Hände drücken und sagen: »ich
weiß, was sie Gutes tun und Edles schaffen -- und ich bitte dir all das
schwere Unrecht ab, du wackerer Mann, welches ich dir ehemals so
verblendet zugefügt!«
Und in jener Stunde hatte sie nur seine Größe geahnt und noch nicht mit
Augen geschaut, wie jetzt!
Flammende Begeisterung durchglüht sie! Der Traum von edlem Heldentum,
von sieghaftem Mannesmut ist zur Wahrheit geworden! Welch eine Fahrt auf
Tod und Leben!
Welch ein trotzigkühner Kampf gegen die furchtbarsten Gegner, gegen
Sturm und donnernde Meeresflut, gewaltig wie die anstürmenden Heere des
Feindes, verderblich wie die brüllenden Geschütze auf dem Schlachtfeld,
welche Tod und Verderben speien! -- Auch hier grinst der Tod aus jeder
Woge, auch hier lauert Untergang und Vernichtung in der Tiefe, hier tost
der Feind auch in den Lüften und setzt seine urgewaltige Titanenkraft
gegen ein paar armselige Menschenfäuste ein! --
Wie ein eisiges Grauen will es Gabrieles Herz beschleichen, wenn sie
hinaus in die Nacht, auf die finsteren, tosenden Wasser blickt!
Drüben liegt das Schiff!