Mattes Mondlicht huscht gespenstisch darüber hin. --

Man sieht, wie schwere Seen über sein Deck schlagen, wie es immer tiefer

auf die Seite sinkt, wie das Lotsenboot sich gegen die furchtbare

Strömung näher und näher herankämpft.

Wird es gegen die Schiffswand geschleudert werden und zerschellen?

Wird es durch das Zurückprallen der See vollschlagen und kentern?

Gabriele hört wie im Traum die Worte der Umstehenden.

»Man jo nich' von de Luvsit' angehn!« jammerte eine Alte. »Dat Schipp

sitt' jo fest un' die See brandet öwer weg!«

»Äwerst Mutting! de Graf is jo doarbi, der weet jo Bischeid!«

»Wenn nur nicht zu viel Spieren und Stücke von der Takelung treiben!«

nickt die Mamsell und trocknet die Augen; »ich denke, der Graf nimmt

die Schiffbrüchigen wieder vom Bug oder Heck aus ins Boot!«

»Wenn sie nur erst rankommen!«

Der Mond versteckt sich wieder, -- eine bange, lange Stille, -- leis

gemurmelte Gebete, Seufzen und Schluchzen.

Gräfin Gundula ist nach dem Schuppen zurückgegangen.

Sie hat dort einen Spiritusapparat entzündet, um starken, heißen Tee für

die Heimkehrenden bereitzuhalten.

Auch richtet sie alles vor, im Fall sie einem Verunglückten die erste

Hilfe angedeihen lassen muß.

Wie oft hat sie schon diese Frottiertücher, die Bürsten und belebenden

Essenzen zurechtgestellt, jedesmal mit demselben angstbebenden Herzen,

aber auch jedesmal mit demselben Gottvertrauen und der festen Zuversicht

wie heute.

Ruhig und umsichtig waltet sie ihres Amtes. Ihr Sohn, ihr Liebling, ihr

einziges Glück auf der Welt, wird auch heute von Gottes Vaterhand

heimgeleitet werden, wie in all jenen anderen schweren Stunden, wo sie

ihn dahingeben mußte als einen Schirmherrn der Not, als einen treuen,

opfermutigen Mann, welcher für fremdes Leben sein eigenes wagt!

Warum sollte Gott seine wunderbaren Wege selber durchkreuzen, nachdem er

sie so herrlich und unfaßlich bis hierher geführt? O, Gräfin Gundula hat

in den letzten Tagen in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, und sie hat

Gabrieles erglühende Wangen geschaut, sie weiß, welch ein Kampf in

diesen beiden jungen Menschenherzen tobt, und weiß, wie herrlich der

Sieg sein wird, welcher schon jetzt seine leuchtenden Strahlen

vorauswirft.

Wie ein Wunder deucht es ihr, daß sie Gabriele, just diese, zu sich in

die stille Strandburg rief, wie ein Wunder, daß das so reiche, gefeierte

Mädchen eine arme Waise ward, deren ehemals so blinde Augen sehend

werden sollten!

Wie ein Wunder muß sie es ansehen, daß die Einzige, für welche Guntram

Kraffts Herz in heißer Liebe erglühte, ihm hierher folgen mußte, nachdem

er den Kampf um ihren Besitz als hoffnungslos aufgegeben.

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 92 / 110 题