Ertönte nicht draußen auf hoher See ein Schuß? -- ein Notsignal? --

Alles lauscht einen Augenblick wie erstarrt, Guntram Krafft reißt das

rosa Band, welches ihn an Gabrieles Arm fesselt, mit scharfem Ruck durch

und stürmt nach der Tür, Jöschen, Krischan Klaaden und die andern

Fischer folgen in jäher Hast.

Die lachenden geröteten Gesichter sind plötzlich blaß und ernst

geworden, die Klänge der Harmonika sind verstummt.

Gabriele ist an die Seite der Gräfin geeilt und hat mit angstvollem

Aufblick ihre Hand gefaßt.

»Was bedeutet das, Frau Gräfin?«

Gundula legt den Arm um sie und schreitet nach dem kleinen Fenster,

einen Blick hinauszutun.

»Gott der Herr verhüte es, daß ein Schiff in Not ist!« sagte sie mit

schwerem Atemzug.

»O, welch ein Wetter plötzlich!« schaudert Gabriele, »wie schwarz die

Nacht, und welch furchtbares Brausen und Donnern! Man hat es zuvor bei

der Musik nicht gehört, -- jetzt merkt man erst, wie schlimm es geworden

ist!«

Eine alte Fischerfrau tritt herzu und faltet die runzligen Hände. »Das

ist eine grobe See geworden«, sagt sie leise. »Arme Mike ... muß den

Jöschen heute nacht wohl hergeben!«

»Heute nacht?« wiederholt Gabriele mit entsetzten, weitoffenen Augen,

»was sollte denn Jöschen bei dieser Dunkelheit für ein Schiff draußen

tun?«

Die Alte schüttelt mit wehmütigem Lächeln den Kopf: »Hinaus muß er und

Hilfe bringen, falls es not tut!«

»Hinaus? in diese Finsternis?... in diesen Sturm?« Gabriele hebt wie

beschwörend die Hände. »Das ist ja gar nicht möglich ... das wäre ja ein

tollkühnes, nutzloses Aufopfern!«

»Es wäre seine heilige Pflicht!« unterbricht die Gräfin ernst und ruhig,

»und wahrlich nicht das erstemal, daß Guntram Krafft seine wackeren

Lotsen in ein Unwetter hinausführt!« --

»Der Graf?« stammelte Gabriele ..., »er selber ... er fährt auch mit

hinaus?« --

»Wenn es nottut, jedesmal!«

Da ist es plötzlich, als wüchse die schlanke Mädchengestalt empor, als

lausche sie atemlos diesen Worten wie einer Offenbarung.

»Wo ist er? Wo sind die Fischer?« stößt sie hervor.

»Wohl auf der Düne draußen, nach dem Schiff zu spähen!«

»Lassen Sie mich hin! Lassen Sie mich sehen, Gräfin! Ich bitte, ich

beschwöre Sie!«

»Undenkbar, Kind ... Sie sind vom Tanz erhitzt, und Sie ahnen nicht, wie

der Sturm draußen pfeift! Das Haus hier liegt ja noch hinter der Düne

geschützt ... wenn Sie sich auf der Höhe hinauswagen, können Sie kaum

atmen; Sie sind solch einen Wind nicht gewohnt, Gabriele!«

Eine fieberhafte Ungeduld leuchtet aus ihren Augen. »Gleichviel ... ich

hülle mich warm ein ... ach, ich flehe Sie an, Gräfin, lassen Sie mich

sehen, was da draußen vorgeht!«

Einen Augenblick noch zögert Gundula, dann sagt sie kurz entschlossen:

»Gut; dort auf der Bank liegen die warmen Sachen, welche Anton für den

Heimweg brachte. Nehmen Sie ein Tuch um den Kopf und einen Mantel um,

ich werde mit Ihnen gehen.«

Gabriele begreift es nicht, wie diese Frau so ruhig und still bleiben

kann, wo möglicherweise ihr einziges Kind sich im nächsten Augenblick

auf Tod und Leben hinaus in den Sturm wagen wird! --

Ihre Hand zitterte nicht, als sie das weiße Spitzentuch nimmt, es sehr

sorgsam um das lockige Köpfchen ihrer jungen Gastin zu schlingen, sie

prüft, ob der Mantel warm genug sei, und scheint mehr um das junge

Mädchen wie um den Sohn besorgt.

Gabriele dankt ihr sehr herzlich, dann schlingt sie den Arm um die hohe

Frauengestalt und hastet nach der Tür.

Hu, welch ein Sturm!

Er braust ihnen entgegen, als wolle er sie voll zornigen Unwillens in

das sichere Haus zurückdrängen, über ihnen kreischt die kleine

Wetterfahne, pfeift und schrillt es im Tauwerk des Flaggenmastes;

Fräulein von Sprendlingen preßt unwillkürlich die Hände gegen die Brust

und ringt nach Atem, sie strebt vorwärts und hat doch kaum die Kraft,

gegen das Ungewohnte anzukämpfen. Da umfaßt Gräfin Gundula die schlanke

Gestalt mit ihrem kräftigen Arm und leitet sie wie ein sicherer Lotse

durch das Brausen und Heulen.

Droben auf der Düne steht Guntram Krafft, sie sieht seine herrliche

Gestalt wie ein Schattenbild gegen den bleifarbenen Himmel gezeichnet.

Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit. Die Nacht ist nicht so

rabenschwarz, wie es ihr von dem erleuchteten Zimmer aus geschienen,

schwarze, phantastisch wilde Wolkengebilde jagen über den Himmel und

verhüllen den Mond, nur hier und da bricht sein falbes Licht hervor,

wenn der Sturm die Massen zerreißt.

Noch verdeckt die Düne vor ihnen das Meer, man hört nur die Brandung in

nächster Nähe -- wie Donnerrollen und dumpfes, unheimliches Pfeifen

schallt sie empor.

Gabriele hat sich im ersten Moment wie ein angstzitterndes Vögelchen an

die Gräfin geschmiegt, aber sie überwindet das Grauen, sie fühlt, wie

eine leidenschaftliche Erregung sich ihrer bemächtigt, die sie ungestüm

vorwärtstreibt an Guntram Kraffts Seite.

Wie ein Bild aus Erz steht er vor ihnen, kaum daß der Sturm sein

lockiges Haar zerwühlt. Seine breite Brust trotzt dem wüsten Gesellen,

hoch und gebieterisch ist sein Arm im Gespräch mit den Fischern erhoben

und weist auf die See hinaus, als sei es der Schirmvogt von Hohen-Esp,

welcher hier zu gebieten hat, und nicht der zigeunerhafte, landfahrende

Gesell, der Sturmwind!

Jöschen liegt im Riedgras ausgestreckt, stützt die beiden Ellenbogen auf

und späht durch den langen Fernkieker auf die See hinaus.

Die beiden Frauen kämpfen sich vorwärts, Fischerfrauen und Kinder folgen

ihnen, fest aneinandergedrängt, starren sie stumm und ernst hinaus auf

die wild empörten Wasser. Der Schutz der Düne hört auf, mit voller Wucht

wirft sich der Sturm den Nahenden entgegen. Einen Augenblick hat

Gabriele das Empfinden, sie müsse ersticken, -- die Gräfin faßt sie

fester in den Arm und kehrt ihr Antlitz dem Lande zu, -- da braust es

über sie hinweg, und sie kann momentan aufatmen und neu zu Kräfte

kommen.

Dann ringen sie abermals gegen Wind und Wetter, und Gabriele gewöhnt

sich nach den kurzen Anweisungen Gundulas an das Atmen im Sturm, sie

überwindet ihre Bangigkeit und Schwäche, sie will stark sein! Sie will

vorwärts ... sie will sehen und hören!

Guntram Krafft wendet sich flüchtig und blickt zurück, aber all sein

Interesse scheint im Dienst der Pflicht zu stehen.

»Ist es tatsächlich ein Notsignal?« fragt die Gräfin.

Er nickt. »Vorläufig läßt sich noch nichts erkennen, wir müssen warten,

bis die Wolken vorüber sind, -- minutenlang muß der Mond hervortreten!«

Dann trifft sein Blick Gabriele.

Sie steht neben ihm, die Hände gegen die Brust gedrückt, das Antlitz von

dem weißen Spitzentuch umflattern, mit einem leisen Schrei die Augen

starr, weitoffen auf die See gerichtet.

»Ist dies dasselbe Meer ... dasselbe Meer von gestern und ehedem?!« --

Schwarz und furchtbar gähnt es in weiter Unendlichkeit vor ihr, -- der

hohe Wogenschwall wälzt sich donnernd heran, in zwei-, drei- und

vierfacher Brandung kocht der weiße Gischt am Strande auf, gespenstisch

rollen die aufbäumenden Seen heran wie Ungeheuer, welche in wütender

Gier Strand und Land verschlingen wollen.

Da teilt sich die dräuende Finsternis.

Der Mond bricht durch die Wolken, sein weißgelbes Licht fließt

minutenlang wie ein magischer Schein über die Wasser.

»Dort ... dort ... dat Schipp!!«

Wie ein Schrei gellt es von Jöschens Lippen.

»Richtig -- dort is't!« --

»A's'n Turpedo sieht's ut!!« --

»Nee! Nee! Is 'ne lüttje Brigg ...«

»Ich seh' keen Mast nich --«

»De warn ja woll verlurn sin!« --

»Un keen Licht nich ...«

»Doch -- achterlich de gröne Lantern!« --

»Äwerst keen Signal nich ...«

»Doch! -- Obacht!«

»Dat Blulicht!!«

Ein scharfes, bläuliches Licht blitzte auf See auf ... hielt

sekundenlang an und verschwand wieder, -- gleichzeitig ein Kanonenschuß

...

»Das Schiff treibt auf --! Brandung voraus!« schrie Guntram Krafft.

»Vorwärts, meine Braven, da ist keine Zeit zu verlieren! Zum Schuppen!

-- Gebt Signal! -- Boot klar zum Auslaufen!« --

Die Stimmen klangen sekundenlang in wilder Hast durcheinander, -- die

Männer stürmten die Dünen hinab nach dem Rettungsschuppen. Wie in jähem

Entsetzen hob Gabriele die Arme. »Jetzt hinaus in See? -- Gräfin ... auf

_diese_ See hinaus?!« --

Gundula nickte. »Gebe Gott, daß sie noch zur rechten Zeit kommen. --

Kehren Sie jetzt zurück in das Zimmer, Gabriele ... ich muß in den

Schuppen hinab und alles vorbereiten, falls es gilt, einem Verunglückten

Hilfe zu bringen!«

Sie sprach ruhig, beinahe tonlos, und ihr blasses, schönes Antlitz sah

in dem Mondlicht wie versteinert aus.

Das junge Mädchen schüttelte aufgeregt den Kopf, in ihren Augen

leuchtete es plötzlich auf wie heiße, leidenschaftliche Begeisterung.

»Ich bleibe bei Ihnen! Schnell, Gräfin -- schnell ... ach, lassen Sie

uns eilen ... lassen Sie mich das Unbegreifliche schauen!«

Und sie wartete nicht mehr auf den schützenden Arm Gundulas, sondern

flog wie von den Sturmesschwingen getragen, dem Rettungsschuppen zu.

Ein grelles Flackerfeuer, wie von geschwungenen Teerfackeln herrührend,

flammte wieder auf dem gefährdeten Schiffe auf, gleicherzeit leuchtete

am Strand drunten, dicht neben dem Schuppen, ein rotes Licht, mehrere

Augenblicke gezeigt, dann wieder verschwindend.

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Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 90 / 110 题