Warum das? --

Weil der Bär von Hohen-Esp zu stolz ist, um ein Weib zu werben, welches

ehemals seine Annäherung so schroff und beleidigend zurückgewiesen hat,

wie sie. --

Gabriele senkt das Köpfchen tief, tief zur Brust, schlingt die Hände

ineinander und schreitet langsam die Stufen des Altars hinab, der Gräfin

entgegen, welche die Kapelle betreten hat, den Brautzug in ihrem hohen

Kirchenstuhl seitlich des Traualtars zu erwarten.

Gundula nimmt die kalte, bebende Hand des jungen Mädchens in die ihre,

streift mit einem warmen Blick inniger Bewunderung die liebreizende

Erscheinung ihrer jungen Gastin und tritt mit ihr nach dem erhöhten

Sitz, -- die Orgelklänge ertönen, und mit dem golden durch die Tür

hereinflutenden Sonnenlicht erscheint das Brautpaar in der Kapelle.

Guntram Krafft führt es zum Altar.

Mike schreitet zwischen ihm und dem Geliebten, eine blühende, kraftvoll

schöne Braut. Sie tragt das goldblonde Haar schlicht gescheitelt und in

Zöpfen herabhängend, ein dicker grüner Myrtenkranz legt sich um den

ganzen Kopf und endet in einer rosa Schleife, welche lang über den

Rücken herabflattert.

Eine dunkelgrüne Tuchjacke, mit Ärmeln, welche oben sehr weit, unten

sehr eng sind, ein buntes, mit breiten Fransen besetztes Halstuch, ein

schwarzer Warprock, welchen eine mächtig breite, geblümte Schürze

beinahe verhüllt, bilden den Staat der Braut, welche ihr Gesangbuch

gegen das Herz preßt und mit niedergeschlagenen Augen und hochroten

Wangen daherschreitet, wie die Verkörperung eines echten, rechten

Glückes!

Und Jöschen an ihrer Seite sieht nicht minder strahlend aus, wenngleich

sein frisches Gesicht mit den hellblauen, lustigen Augen und dem

weißblonden Flaum auf der Oberlippe recht verlegen ob all der Ehre,

welche ihm geschieht, dreinschaut.

Sein dunkler, großer Filzhut ist mit rotem Band und Blumenstrauß

geschmückt, ein ebensolcher ziert die offenstehende Fischerjoppe, unter

welcher eine schwarze Manchesterweste mit rotem und grünem

Sternchenmuster sichtbar wird.

Der Hemdkragen fällt blendenweiß über und wird von einem sehr

grellfarbigen Schlips geschlossen.

Da Jöschen sich just nagelneue, hohe Wasserstiefeln hat machen lassen,

trägt er sie selbstredend an seinem Ehrentag und stampft so kräftig

durch die Kapelle, daß es auf den Steinplatten hallt.

Dem Brautpaar folgt die Schar der Gäste, Fischer und Fischerfrauen, wohl

die gesamten Einwohner des kleinen Dörfchens.

Alle ernst und feierlich, in ehrwürdig, altväterischem Staat, einem

Gemisch von bäurischer Tracht und einem ersten Anfang städtischer

Kleidung, wenngleich das bäurische in diesem weltfernen Dörfchen bei

weitem überwiegt.

Kinder mit Blütenzweigen oder bunten Sträußchen in der Hand, drängen

sich scheu an die Mütter, -- alte, wetterharte Seeleute mit dem

Priemchen zwischen Zahn und Backe und dem Tonpfeifchen in der

Rocktasche, folgen langsam im Zug, und dann schließt sich das Gesinde

von Hohen-Esp an, alle so strahlend heiter und festfreudig gestimmt, als

gehe Mike und Jöschens Glück sie alle an, als sei diese Hochzeit ihr

aller Ehrentag, von welchem ein warmer Sonnenstrahl in jedermanns Herz

fällt. --

Zuerst wurde gesungen, sehr lange und viel gesungen, wie es die Sitte

verlangte, und Guntram Kraffts Stimme klang fest und laut hervor, ebenso

wie Gundulas weicher Alt und die helle, schmetternde Stimme der noch

sehr stattlichen Brautmutter.

Gabriele hatte gesehen, daß der Graf ihr just an der andern Seite von

dem jungen Paar gegenüberstand, sie fühlte auch, daß sein Blick beinahe

unverwandt auf ihr ruhte, aber sie schaute nicht auf, sie sang leise,

kaum vernehmlich die Worte des Chorals mit, nur ihre Lippen regten sich.

Der Pastor trat vor den Altar, sprach in schlichter, sinniger Weise viel

schöne und herzbewegende Worte, und wandte sich ganz besonders an Mike,

sie auf die schweren Pflichten der Seemannsfrau aufmerksam machend. Wie

treu, wie selbstlos, wie aufopfernd muß das brave Weib eines Fischers

sein, wie wenig an sich selbst und das eigene Glück denken, wie tapfer

und mutig den Herzliebsten in Sturm und Gefahr hinausschicken, wenn es

gilt, fremder Not und gefährdeten Menschenleben zu Hilfe zu kommen!

Gerade in solchen Stunden höchster Angst und Gefahr müßte sich die wahre

Liebe eines treuen Weibes bewähren, nicht durch stumpfes »Dreinergeben«,

nicht allein durch Handreichungen und kräftige Hilfe, sondern vor allen

Dingen durch Gebet und Fürbitte, welche den Geliebten auf seiner

schweren Fahrt durch Sturm und Wogen begleiten.

Da ist kein besseres Steuer, als die inbrünstige Bitte zu Gott dem

Herrn, da ist kein sicheres Segel, als das Flehen eines liebenden

Herzens zum Himmel! Solch ein Steuer bricht nicht, solch ein Segel reißt

nicht! -- Die Hände, welche ein treues Weib im Gebet zu dem Herrn der

Welten erhebt, sind der Talisman, welcher den Seefahrer auch in höchster

Not beschirmt, sie sind der Felsen, an welchem die verderbenden Wogen

zerschellen und des Sturmes Macht sich bricht. »Darum leget eure

Lebensschifflein an den einzigen Anker, welcher noch nie versagt und im

Stich gelassen hat, den Anker fester und freudiger Zuversicht auf Gottes

Gnade, den Anker treuen Glaubens an seine Barmherzigkeit, den Anker

frommer Ergebung in seinen Willen ... wenn derselbe uns auch andere Wege

führt, als wie wir gehen wollen!«

Mike blickte dem Pastor mit ihren großen, treuherzigen Augen aufmerksam

in das gütige Antlitz, und sie nickte ihm zustimmend und so recht von

Herzen überzeugt zu, und Jöschen machte auch hier und da eine

unwillkürliche Bewegung, als wolle er versichern: »Jawoll, Herr Pastur,

dat wollen wi allens so maken!«

Und dann knieten sie nieder und wurden gesegnet, und der Prediger nahm

die Ringe und steckte sie ihnen an.

Da raschelte es leise an dem Steinpfeiler. Ein Blütenzweig löste sich

von Wulffhardts Bild und fiel nieder auf das morsche Ruder.

Niemand bemerkte es, nur Guntram Krafft und Gabriele schauten auf -- und

ihr Blick traf sich plötzlich, -- sie sahen einander in die Augen. Da

zog eine heiße Purpurglut über die Wangen des jungen Mädchens; sie

blickte verwirrt zu Boden und neigte das Köpfchen noch tiefer wie zuvor.

* * * * *

In der kleinen Dorfschänke, welche über den einzigen Raum verfügte, in

welchem ein bescheidenes Fest abgehalten werden konnte, hatte der Graf

von Hohen-Esp den Hochzeitsschmaus für seinen Jugendgespielen herrichten

lassen.

Hier in dem niedrigen, verräucherten Saal, an dessen Deckbalken das

Haupt des hochgewachsenen Bären beinahe anstieß, feierten die Fischer

»Kaisers Geburtstag«, »Sedan«, Hochzeiten und Kindtaufen, hier saßen sie

Sonntags und rauchten ihre Pfeifen beim Glase Bier, hier versammelten

sie sich, wenn es Außergewöhnliches zu besprechen gab, oder wenn ein

Sohn, Vetter, Bruder oder Onkel nach langer Seefahrt heimkehrte und von

viel schweren oder glücklichen Fahrten zu erzählen hatte.

Als einziger Schmuck hing das Bild eines lang verstorbenen

Landesfürsten, sowie das Kaiser Wilhelms des Großen an der Wand, darum

her vergilbte Stiche und gewöhnliche Kreidezeichnungen von Schiffen, mit

welchen Dorfbewohner als Matrosen oder Kapitäne gefahren, und über der

Tür, ganz nach gutem alten Brauch, der fliegende Holländer mit

käseweißem Gesicht, schwarzem Bart und großem Fischerhut, welcher

starren Auges auf den Beschauer herabsieht, und unter welchem der Spruch

steht --: »Gott gnade dem Mann auf stürmischem Meer -- geht ihm der

flyende Dutschman die Quer!«

Auf den wurmstichigen, uralten Schränken liegen große Korallen und

fremdartige Muscheln, steht eine chinesische Vase, der der eine Henkel

fehlt, und ein paar grellbunte, furchtbar fratzenhafte Götzenbilder, vor

welchen sich die Kleinen im Dorf über die Maßen »grugeln«! --

In großen Glashäfen sind seltene Fische aus dem Südmeer, Schildkröten

und Seeteufel in Spiritus aufbewahrt, eine kleine, sehr giftige

Herrgottsschlange befindet sich auch in einer Flasche, und von ihr

herüber bis zu der Vase ziehen sich Schnüre von getrockneten Seesternen

und fremdartigen Tangs, welche irgendein Angehöriger des Schankwirts aus

fernen Zonen heimgebracht.

Ehemals lebte der schöne große Papagei und ergötzte die Gäste durch sein

erstaunliches Geschwätz, jetzt ist er ausgestopft und sitzt recht

verstaubt und struppig auf einem Baumast an der Ofenwand.

Heute ist eine lange, lange Tafel inmitten des Saales aufgestellt, mit

groben weißen Tüchern belegt und durch Tannengrün und Blumensträuße ganz

besonders feierlich geschmückt.

Teller von jeder Art und Sorte sind aufgestellt, Napfkuchen duften schon

jetzt sehr locker und festlich von des Tisches Mitte, und seitwärts

lagert ein großes Faß Bier, auf welches mit Kreide »Vivat« geschrieben

ist, und von den eben ankommenden Fischern mit schmunzelndem Entzücken

zuerst besichtigt wird.

Das junge Ehepaar und die Hochzeitsgäste nahen, fürerst noch so

schweigsam und ernst, wie es in der Art dieser wortkargen Menschen

liegt, welche es mehr gewohnt sind, den schweren, sorgenvollen Kampf um

das Dasein zu führen, als heitere Feste zu feiern.

Der Wind, welcher mehr und mehr auffrischt und manch altem,

wettererfahrenen Schiffer ein bedenkliches Kopfschütteln und »Hm-Hm!«

abgenötigt hat, spielte in den rosa Kranzbändern der jungen Frau und

färbte ihre Wangen noch röter, und wenn auch Mike mit festem Händedruck

ringsum die schwieligen Hände faßt, und Jöschen manch lieben Freund

innig auf den Rücken klopft, so herrscht dennoch fürerst noch die

feierliche, erwartungsvolle Stille, welche dem Nahen des Pastors und der

gräflichen Herrschaft vorauszugehen pflegt. --

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 86 / 110 题