Über die hohe Düne, welche das Fischerdorf von der See trennt, stieg
Gräfin Gundula an der Seite des alten Pfarrherrn, gefolgt von Gabriele
und Guntram Krafft.
Der Pastor hatte den lebhaften Wunsch ausgesprochen, das Meer bei dem
immer stärker werdenden Wind in seiner wogenden Schönheit zu sehen, und
darum hatte man den kleinen Umweg gemacht und nahte dem Dorf nicht von
dem Burgberg, sondern vom Strande aus.
Die Gräfin sprach sehr lebhaft und angeregt, und Gabriele, welche ebenso
schweigsam wie der Bär von Hohen-Esp an dessen Seite schritt, gedachte
der Worte des Predigers, welche dieser kurz zuvor zu Guntram Krafft
gesprochen. »Welch eine auffallende und sehr erfreuliche Veränderung ist
mit Ihrer Frau Mutter vor sich gegangen! So heiter und lebhaft habe ich
die Gräfin seit langen, langen Jahren nicht gesehen! Mir deucht, der
finstere Ernst, die tiefe Schwermut sind erst jetzt von ihr gewichen,
und dafür sei Gott gelobt!« -- Er hatte dann Gabriele herzlich beide
Hände entgegengestreckt, und fuhr fort: »Das haben wir ganz entschieden
Ihrem so günstigen Einfluß zu verdanken, mein gnädiges Fräulein! Sie
haben den Sonnenschein wieder in das Haus der so tief gebeugten Frau
getragen!«
Der Blick des Grafen hatte sie abermals getroffen, als er sich stumm und
höflich, wie in schweigender Zustimmung vor ihr verbeugte, und es hatte
warm aufgeleuchtet in den ernsten, traurigen Augen.
Ein paar gleichgültige Worte hatten sie später auf dem Weg zum Strande
gewechselt, und als sie über die waldige Höhe schritten und zuerst den
Blick auf das Meer genossen, war Gabriele unwillkürlich stehengeblieben
und hatte mit leisem Ausruf des Entzückens auf die weißschäumende,
hochgehende See hinausgeblickt.
»Nicht wahr, so gefällt sie selbst Ihnen?« hatte der Graf gelächelt, und
das junge Mädchen nickte mit seltsam leuchtendem Blick und wiederholte:
»Selbst mir!«
Dann brauste der Sturm daher und riß die weißen Narzissen aus ihrem
Gürtel und verstreute sie durch das Riedgras, und während Gabriele mit
beiden Händen den Hut festhielt, eilte Guntram Krafft den Blumen nach
und sammelte sie.
Sein Blick überflog ihre schlanke, schneeweiße Gestalt, um welche die
weichen Kleiderfalten in graziösem Spiele flatterten, und er behielt den
Strauß in der Hand und sagte: »Ich werde die Narzissen bis zu dem Dorfe
tragen, Sie haben jetzt genug zu tun, Hut und Kleid zu halten!«
Und er trug sie, bis sie abermals in den Schutz der Dünen gelangten und
das Wirtshaus »Zur blauen Woge« vor ihren Blicken lag.
Da reichte er die Blüten zurück.
»Wir alle haben uns festlich geschmückt, Graf, nur Sie allein tragen
kein einziges Abzeichen, welches auf die frohe Bedeutung dieses Tages
schließen läßt!«
Um seine Lippen zuckte ein resigniertes Lächeln.
»Ich selber vergaß es, und andere dachten nicht an mich!«
Da wählte sie die schönsten Blumen aus ihrem Strauß und bemühte sich,
sehr unbefangen zu lachen: »Welch eine grobe Unterlassungssünde!
Erlauben Sie, Graf, daß ich das Versäumte nachhole und Ihr Knopfloch
schmücke!«
Er nahm die Blumen und befestigte sie an der Brust.
»Wie freundlich Sie sich heute der Hohen-Esp annehmen!« sagte er sehr
ruhig. »Den Ahnherrn Wulffhardt und mich bedenken Sie in gütiger Weise
mit solch lieblichem Schmuck.«
Alles Blut stieg ihr in die Wangen, -- vor ihren Ohren schwirrten
plötzlich wieder die Worte --: »Mit weißen Totenblumen ... doch nicht
mit einem Lorbeerkranz ...«
Sie schüttelte den Kopf und sagte leise: »Ich verfüge ja über keinen
besseren Schmuck, Graf!«
»Und weder Wulffhardt noch ich werden je einen besseren tragen!«
Das Gespräch ward unterbrochen, aus dem Saal des Wirtshauses erschallten
die lustigen Weisen der Harmonika, und das junge Ehepaar trat den
vornehmen Gästen entgegen, sie mit herzlichem Händedruck zu begrüßen und
zum Hochzeitstisch zu geleiten.
Gräfin Gundula saß zwischen dem jungen Ehegatten und dem Pastor, --
Guntram Krafft an der Seite des bräutlichen Weibes, zu seiner Rechten
war Gabriele der Platz angewiesen. Auf der Ofenbank saßen die beiden
Harmonikaspieler und sorgten durch lauter schöne Seemannslieder und
lustige Stücklein für Unterhaltung, dieweil es bei Tisch selber sehr
ruhig zuging.
»Unsere Anwesenheit scheint die Leute in ihrer Fröhlichkeit zu stören!«
flüsterte Gabriele zu dem Grafen auf.
Dieser lächelte: »O, durchaus nicht! Es würde eine Nichtachtung gegen
die vergötterte Weinsuppe und den obligaten Schweinebraten sein, wollte
man während dieser Genüsse viel sprechen! Das ist nicht Sitte hier, und
die >Stimmung< kommt zumeist erst mit dem Tanz. Dann werden Sie sehen,
daß wir unsere Getreuen nicht stören. Ich bin überzeugt, daß wir hier
von allen noch sehr viel mehr geliebt wie respektiert werden!«
Und so war es auch.
Als das, nach Ansicht der so wenig verwöhnten Leute, glänzende
Hochzeitsmahl beendet war, als die Tische beiseite gerückt wurden und
der Kaffeeduft so lieblich durch den Saal zog, daß allen Frauen das Herz
im Leibe lachte, da schallten die Stimmen lauter und lauter
durcheinander, da wagten sich die ersten verstohlenen Jauchzer hervor,
und als die Harmonikas mit schallendem Ton den »Großvatertanz« anhuben,
da umfaßte Jöschen seine strahlende junge Frau und begann sich mit ihr
sehr langsam und würdevoll im Kreise zu drehen.
Aller Augen schauten auf den Grafen, ob er nicht mit dem wunderschönen
jungen Fräulein solchem Beispiel folgen werde, aber der stand und sprach
so eifrig mit ein paar alten Fischern, daß er gar nicht an den Tanz zu
denken schien.
Da wagte sich denn der Vater der Braut herzu, machte seinen Kratzfuß vor
Gabriele und tanzte mit ihr, schwer und wuchtig, als gelte es, eine
holländische Kuff bei konträrem Wind zu lavieren, -- und als er zum
Schluß die junge Dame mit freundlichem Lob auf den Arm gepatscht, stand
schon ein junger Lotse bereit und sah sie treuherzig bittend an.
Gabriele nickte ihm lachend zu und tanzte weiter, und ihre schlanke
weiße Gestalt tauchte wie ein Traum zwischen dem derben Schiffervolk
auf, so daß der Pastor ganz begeistert zu Guntram Krafft trat und sagte:
»Wissen Sie, Graf, was mir soeben bei dem Anblick des wunderholden
Fräulein von Sprendlingen einfiel? Ein Gedicht von Heinrich Heine: >Wohl
unter der Linde, da tönt die Musik, da tanzen die Burschen und Mädel ...
da tanzen auch zweie, die niemand kennt, sie schauen so schlank und so
edel!< -- Sagen Sie selbst, ist es nicht, als ob die weiße Wassernixe
aus der Flut gestiegen sei, sich unter das lustige Fischervolk zu
mischen? -- Wie ein Märchen deucht mir die lilienhafte Mädchengestalt,
und wen Fräulein Gabriele mit den großen, klaren, wundersam glänzenden
Augen anlächelt, der lernt an die Macht der Meerfrau glauben!«
»Man sagt, die Meerfei bringt Unglück dem, der sie schaut! Hören Sie,
wie der Sturm um das Dach heult? Vielleicht wählt sich die Undine
bereits ihre Opfer für die kommende Nacht aus!«
»Das verhüte Gott! Fürchten Sie bös Wetter?«
»In wenig Stunden haben wir es.«
»Arme junge Frau! Das wäre eine üble Hochzeitsmusik!«
Jöschen stand mit leuchtenden Augen vor seinem Jugendgespielen.
»Wollen Sie heute gar nicht tanzen, Herr Graf!«
Guntram Krafft richtete sich jäh auf. »Ich warte nur, daß du Mike einmal
freigeben sollst!«
»Dor steiht se!« lachte der junge Ehemann, wieder in sein gemütliches
Plattdeutsch verfallend, und der Bär von Hohen-Esp nickte, drückte dem
Glücklichen die Hand und holte sich die Braut mit den rotglühenden
Wangen zum Ehrentanz.
»Nu leggt he los!« flüsterte es im Kreis, und man wartete, daß der
Burgherr nach der Mike das »gnä Frölen« zum Tanze holen werde; aber er
trat mit umwölkter Stirn zur Tür zurück und hatte mit Krischan Klaaden
ersichtlich viel ernste Dinge zu reden.
Und trotzdem das Rollen und Branden der See immer stärker und stärker
herübertönte und der Sturm immer schriller durch die Taue des vor dem
Hause aufgepflanzten Flaggenmastes pfiff, ward die Stimmung immer
fröhlicher und ausgelassener, und schließlich stand die Mamsell vom
Schloß und tuschelte unter listigem Augenzwinkern mit Mike und Jöschen.
Die Weiber, Mädchen und Burschen drängten drum herum, es gab ein leises,
jubelndes Gelächter, und dann lichtete sich plötzlich der Kreis, einer
der Fischer trat vor und rief mit kraftvoller Stimme:
»Tom Brutdanz binnen! Uns' Mike sall sich sin' Nachfolgern söken!« --
Großer Jubel erhob sich, Mike ging mit sehr schalkhaftem Lächeln zu
Gräfin Gundula und bot ihr eine Schere dar, mit welcher die Burgfrau die
beiden rosa Bänder der Kranzschleife abschnitt.
Die alte Dame lächelte dabei sehr amüsiert, und in ihren Augen leuchtete
es auf, wie ein sehr wohlgefälliges Verstehen.
»Möchtest du die Rechte treffen, Mike!« sagte sie und händigte der
jungen Frau die Bänder aus. -- Diese wandte sich, reichte Jöschen flink
eines der Rosenbänder, und schnell wie der Gedanke stürmte das junge
Paar unter die laut kreischenden und jubelnden Hochzeitsgäste.
Erstaunt hatte Gabriele dem Beginnen zugesehen, als sie ihren Arm auch
schon von Mike gefaßt und mit dem Band umschlungen sah, gleicherzeit
zerrten und drängten die Männer Guntram Krafft heran, an dessen Arm
Jöschen das andere Band geknüpft hatte, und ehe die beiden aufs höchste
betroffenen jungen Leute recht wußten, wie ihnen geschah, waren ihre
Arme durch die Bänder zusammengebunden, und ein jauchzendes Geschrei
erhob sich: »Tom Brutdanz! Tom Brutdanz!« --
Guntram Krafft stand momentan regungslos, nur seine Lippen bebten, und
die breite Brust hob und senkte sich unter stürmischen Atemzügen, dann
neigte er sich zu Gabriele herab und stieß kurz hervor: »Befehlen Sie zu
tanzen, mein gnädiges Fräulein?« --
Sie blickte zu ihm auf, -- ihm deuchte es, ebenso kühl und ruhig wie
sonst -- und die kristallenen Nixenaugen leuchteten ganz nahe den
seinen, und ihr roter Mund antwortete: »Ich füge mich der Sitte, Herr
Graf!«
Da umschloß sie sein Arm, er machte eine kurze Bewegung mit der freien
Hand, daß man Raum gebe, und dann tanzten sie.
Wie feurige Nebel wallte es vor seinen Augen, siedend heiß brauste das
Blut durch seine Adern, wie befangen von einem wilden,
leidenschaftlichen Rausch flog er dahin, und die weiche, schmiegsame
Gestalt ruhte wieder an seiner Brust, und ihre krausen Löckchen
flimmerten vor seinem Blick.
Freiwillig wäre er nie zu ihr gekommen -- nun trieb sie das Schicksal
selber in seine Arme, und er hielt die bleiche Meerfrau ... und drückte
sie fest -- immer fester und aufgeregter an sich, so fest, als wolle er
sie nie wieder freigeben.
Seine Augen brannten wie im Fieber, all die heiße, unaussprechlich
innige Liebe, welche er so stolz und gewaltsam bekämpft hatte, loderte
in verzehrenden Flammen in seinem Herzen auf und benahm ihm alles klare
Denken und Handeln.
Er tanzte -- tanzte ohne Aufhören ... und er hatte nur einen tollen,
wahnwitzigen Gedanken -- so hinab mit ihr durch Nacht und Sturm bis zu
den schäumenden Wogen! Sein Lieb im Arm hinab in die kühle,
geheimnisvolle Tiefe, in den Kristallpalast der Meerfei, wo die Perlen
auf weißen Wasserlilien glänzen und rote Korallen bis an das Abendrot
des Himmels emporwachsen ... da wird sie das bleiche Antlitz lächelnd zu
ihm heben, wird mit ihren kühlen, meerfarbenen Augen sein Leben trinken
und ihn küssen in traumhaft süßem Glück ...
Weiter und weiter tanzt er ... und um die Fenster schrillt der Sturm ...
und die Brandung donnert lauter und lauter empor ...
Gabrieles Köpfchen aber sinkt plötzlich tiefer und tiefer, und ihr
Körper ruht schwer in seinem Arm.
Da erwacht er plötzlich wie aus tiefem Traum und starrt sie an.