Wie gleicht er Guntram Krafft! --

Wird auch sein Bild einst hier hängen, wird auch unter ihm das grausige

Wort »ertrunken« stehen ... wird ...

Gabriele macht eine jähe Bewegung und preßt schweratmend die Hand gegen

das Herz -- und als sie sich hastig zurückwendet, ringt sich ein leiser

Schreckenslaut von ihren Lippen.

Dort an dem Kirchenstuhl steht Guntram Krafft, mit gekreuzten Armen,

still und regungslos, und starrt sie aus weitoffenen Augen an.

Blick ruht in Blick ..., und die Orgelklänge flüstern, schwellen wieder

an und klingen so voll und feierlich, als trügen sie schon jetzt das

Dankgebet vereinter Herzen zum Himmel.

Der Graf macht eine Bewegung, als wolle er sich mit beiden Händen schwer

auf die Lehne des Kirchenstuhles stützen, dann schreitet er langsam

näher, tritt neben sie und schaut auf das geschmückte Bild Wulffhardts

nieder.

»Warum taten Sie das?« fragt er mit leiser, fremder Stimme.

Gabriele sieht nicht auf zu ihm, sie wendet sich und ordnet mit bebenden

Händen unter den Blüten auf dem Altar, welche bereits so wohlgeordnet

liegen.

»Das Herz tut mir weh, wenn ich daran denke, wie früh er sterben mußte!«

»Ja, er starb früh, -- an der Schwelle des Lebens. Er kannte weder Glück

noch Liebe -- und doch wäre er wohl auch so gern glücklich gewesen!«

_Auch_ glücklich gewesen! --

Klang das nicht wie ein geheimer, leidenschaftlicher Seufzer der

Sehnsucht?

Gabriele antwortet nicht, sie neigt das Haupt nur tiefer.

»Ich danke Ihnen in dem Namen jenes Armen, Einsamen --«, fährt der Graf

sehr ruhig fort, »dessen Sie so barmherzig gedachten. Mir ist's, als

müßte er jetzt ruhiger in der Gruft drunten schlafen, als müßte er nun

versöhnter mit seinem inhaltlosen Leben sein.«

»Ein inhaltloses Leben, wenn ein Mann dieses Leben dahingab für die

Brüder?«

»Er tat seine Pflicht!«

»Er tat _mehr_ denn sie!«

Ein beinahe düsterer Blick brach aus Guntram Kraffts Augen.

»Wohl doch nicht in Ihrem Sinne, Fräulein Gabriele; er zog weder in den

Krieg, noch konnte er große Taten für sein Vaterland tun! Der liebe

Herrgott im Himmel, welcher auch das geringste Streben nach treuer

Rechtlichkeit in seinem Dienst anerkennt, war wohl zufrieden mit ihm,

die Welt aber hat den einsamen Mann auf Hohen-Esp kaum gekannt, noch

anerkannt! Sein Name ist in keinem Heldenbuch verzeichnet, sein Andenken

wird weder durch Wort noch Lied geehrt, -- jene Stelle, wo die tosende

Flut einen Jüngling verschlang, welcher einem gefährdeten Schiff Rettung

bringen wollte, ist durch keine Spur gezeichnet, die Wogen rollen

darüber hin und der Wind verweht die Kunde. -- Das Schicksal der

Hohen-Esp! Mit weißen Totenblumen schmückt eine mitleidige Mädchenhand

nach Jahrhunderten wohl noch unser Bild und Grab, -- mit Lorbeerzweigen

nicht.« --

Er brach kurz ab und trat zurück.

»Der Hochzeitszug scheint zu nahen, Sie gestatten, daß ich meinen

wackeren jungen Freund im Burghof begrüße!« --

Gabriele stand regungslos und schaute starren Blicks aus das Bild, --

war es nur Einbildung, oder sahen die lachenden Augen Wulffhardts

plötzlich ernst, beinahe wehmütig unter dem weißen Blütenschmuck auf sie

nieder?

... nicht mit Lorbeerzweigen ... nicht mit dem Ehrenkranz, welcher dem

Helden geziemt!

Es lag etwas seltsam Herbes in der Stimme des Grafen, als er das gesagt,

etwas Vorwurfsvolles, was sie nicht verstand.

Hatte sie vielleicht damals auf dem Hofball nur _den_ Mann einen Helden

genannt, welcher auf dem Schlachtfeld sein Leben für Reich und Kaiser

läßt?

Wohl möglich; -- so war es ja ehedem auch ihre Ansicht.

Und jetzt?

Nachdenklich streicht sie die krausen Löckchen aus der Stirn; jetzt ist

es ihr wie eine Ahnung gekommen, als ob ein Mann, welcher sich kühn in

Sturm und hohe Flut hinaus wagt, auch ein Held sein könne! --

Zur Überzeugung ist es ihr freilich noch nicht geworden, sie hat von

Guntram Kraffts mutigen Taten gehört, ohne sich eine rechte Vorstellung

davon machen zu können, ohne sie mit eigenen Augen geschaut zu haben.

Ach, daß sie es einmal, nur einmal tun könnte!

Wie eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht überkommt es sie, gerade von

ihm, von Guntram Krafft überzeugt zu werden, daß sie ihm ehemals in der

Residenz bitteres Unrecht getan!

Seine Persönlichkeit ist ihr so gänzlich verändert hier in Hohen-Esp

entgegengetreten, ein Zug wundersamer Romantik verklärt sie, -- der Bär

von Hohen-Esp, der Schirmvogt der Notleidenden hat ihr Interesse aufs

lebhafteste geweckt, eine einzige kühne, mutige Tat, so wie sie für

diese reckenhafte und poesievolle Seemannsgestalt paßt -- und das

Interesse wird lodernde Leidenschaft, und die Leidenschaft wird Liebe,

-- Liebe, welche getreu ist bis in den Tod! --

Wehe ihr, wenn es geschähe!

Ehedem lachte ihr das Auge Guntram Kraffts voll ehrlichen Entzückens

entgegen, jetzt blickt er ernst und gleichgültig über sie hinweg.

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 85 / 110 题