Da der Wind ganz plötzlich wieder bedeutend aufgefrischt hatte und
merklich kühl durch die blühende Frühlingspracht brauste, hatte Gabriele
ein wollenes Kleid zu ihrem Anzug gewählt, welches nun in zart weißen
Crêpefalten an ihrer schlanken Gestalt herniederfloß.
Es war noch eins ihrer »Fünfuhr-Tee«-Kleider, welche sie ehemals in der
Residenz getragen, schick und elegant gearbeitet und doch einfach und
anspruchslos wirkend, einzig geschmückt durch ein duftiges
Spitzengeriesel, welches über die Brust fiel und den Saum des Rockes wie
kräuselnden Wellengischt zierte. Die weiße Perlenschnur, welche sie
damals auf dem Hofball getragen, glänzte auch jetzt auf ihrem graziösen
Nacken, und in dem Gürtel duftete ein kleiner Strauß weißer Narzissen.
Hastig schritt sie über den Hof nach der Kapelle, und die Mamsell trat
ihr entgegen, faltete behaglich die fetten Hände über dem Magen und
betrachtete das junge Mädchen mit unverhohlenem Entzücken.
»Das lasse ich mir gefallen, Baronesse!« nickte sie wohlgefällig. »Wenn
jetzt ein Fremder hier einschaute, der gehört hätte: >Auf der Burg
gibt's eine Trauung<, dann würde er Stein und Bein darauf schwören, daß
das gnädige Fräulein selber die Braut sei, auf welche die Gespielinnen
mit dem Kränzchen und Schleier warten! -- Na, ich denke, den Tag erleben
wir auch noch, und dann will ich aber den Backofen für den
Hochzeitskuchen heizen, daß die Flammen oben zum Schornstein
hinausschlagen!«
»Ja, nicht, Mamsell! Dann brennt der schöne Kuchen am Ende an!« lachte
Gabriele, aber sie fühlte es doch, wie ihr das Blut unter dem schelmisch
zwinkernden Blick der Alten in die Wangen schoß. »Der Mike steht das
Heiraten besser an als mir, darum wollen wir ihr recht viele Blumen auf
den Weg streuen!«
»Erst ihr, dann Ihnen, gnädiges Fräulein! Die Blütenzweige stehen in dem
Wasserkübel neben dem Altar!«
Noch ein neckendes Nicken und Grüßen, und die Mamsell faßte Besen und
Staubtuch und schritt über den Hof zurück, Gabriele aber trat in die
Kapelle ein, welche leer und still im Schimmer der bunten, kleinen
Glasfenster vor ihr lag.
Voll andächtigen Entzückens schaute Gabriele um sich.
Rechts und links die wenigen Reihen der dunkelgebräunten,
hochgeschnitzten Kirchenstühle, geradeaus der erhöhte Altar in seinem
verblichenen lila Samtschmuck, auf welchem die Silberstickerei längst
schwarz geworden war. Hocharmige Silberleuchter, ein
elfenbeingeschnitztes Kruzifix, an welchem noch die Rosenkränze der
gräflichen Beter aus der katholischen Zeit hingen.
Rechts und links von dem Altar die Familienbilder frommer Hohen-Esp,
hohe, steiflinige Gestalten in schwarzen Nonnengewändern und weißen
Kopftüchern, mit betend zusammengelegten, wachsgelben Händen und
starren, hohläugigen Gesichtern.
Direkt hinter dem Altar ein kaum noch erkenntliches Gemälde: »Die
Auferstehung des Herrn.« --
An dem offenen Grab kniet anscheinend der Stifter des Bildes, ein Graf
von Hohen-Esp, mit seiner Familie; die Burgfrau gleicht in der Tracht
und Aussehen der Katharina von Bora, und ähnlich wie Luthers Kinder sind
auch ihre acht kleinen Grafen und Gräfinnen gekleidet. -- Der Vater
trägt ritterliche Rüste, der älteste Sohn ein kleines Schiff in der
Hand. Alle heben voll inniger Anbetung die Blicke zu dem segnenden
Heiland.
Zur Rechten erhebt sich die alte Burg Hohen-Esp, wie sie damals wohl
ausgeschaut, im Hintergrund wogt ein grellblaues, zackenwelliges Meer,
aus welchem drei geisterhafte Gestalten emporschweben. Offenbarung Joh.
20. 13. --
Seitlich von dem Altarbild sind Gedenktafeln, zwei halb vermoderte
Kirchenfahnen, Fischernetze und ein zerbrochenes Ruder aufgestellt.
Ein welker, fast zerfallener Totenkranz mit Trauerflor ist um das Ruder
gewunden.
Gabriele schaudert zusammen.
Dieses Ruder war wohl das einzige, was von dem Boot eines ertrunkenen
Hohen-Esp an das Land zurückgespült wurde. --
Ihr Blick irrte weiter, über die mächtigen Bärenwappen, über die
steinernen Grabplatten, welche die Familiengruft schließen und steife,
liegende Rittergestalten zeigen, hinauf zu der niederen, gewölbten
Decke, von welcher an rostigen Ketten eine ganze Anzahl von kleinen
Schiffen herabhängen.
Fromme Stiftungen der Fischer aus dem Dorfe drunten.
Grob und plump geschnitzte Segelschiffe, in Form und Bau ihr hohes Alter
zeigend, kleine Boote und schwerfällige Kuffs, allerliebst und kunstvoll
getakelte, kleine Dreimaster, an welchen fleißige Hände wohl ein
Menschenalter gearbeitet haben.
»Modell der >Anne Marie Karsten<, Kapitän Jochen Ulrich Grot« --
gestrandet bei Kap Horn im Jahre des Herrn 1760. -- »Dein Wille
geschehe.« -- -- steht auf schwarzer kleiner Tafel an dem einen.
Leiser Schritt erklingt auf den Steinfließen, und Gabriele schrickt aus
tiefen Gedanken empor und blickt sich um.
Ein schmächtiges, altes Männchen steht hinter ihr und dreht respektvoll
den schäbigen Filzhut in der Hand.
»Ach, verzeihen die gnädige Herrschaft« -- flüstert er mit devotem
Kratzfuß, die lichte Gestalt der jungen Dame wie eine Vision anstarrend
-- »ich bin der Küster aus Karstein und soll bei der Trauung das
Harmonium spielen! Die Frau Gräfin schickte mich, daß ich die Lieder
erst einmal durchspiele!«
»O, das ist ja schön, Herr Küster!« nickte ihm Gabriele mit
herzgewinnendem Lächeln zu, »da habe ich den Genuß schöner Musik während
meiner Beschäftigung!«
Der kleine Mann dienert sehr geschmeichelt und klettert die schmale
Holzwendeltreppe zu der Empore hinauf, Gabriele aber tritt an den Altar,
nimmt sinnend die weißen Blütenzweige und schmückt die teuern
Heiligtümer.
Wie wundersam leuchten die frischen Blumenkelche auf dem uralten,
verschossenen Samt, wie grell der Kontrast zwischen Tod und Leben,
zwischen dem sonnigen, bräutlichen Jetzt und dem grabstillen, grauen
Ehemals! --
Ein Sonnenstrahl bricht durch das bunte Fenster und malt goldige Lichter
um die schlanke Mädchengestalt, welche mit graziös erhobenen Händen die
Blüten um das Kruzifix schlingt, welche die zarten Zweige durch die Arme
der Leuchter flicht, -- dann niederkniet vor der Altardecke und auch an
ihr empor den holden Schmuck ranken läßt, sinnig und schön, so festlich,
wie wohl dieser Tisch des Herrn seit langen Jahren nicht mehr
ausgeschaut hat. --
Und während sie, selber wie ein bräutliches, junges Weib anzuschauen,
ihres lieblichen Amtes waltet, ertönen über ihr die jubelnden Klänge:
»Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan
hat!«
Immer voller und duftiger gestaltete sich der Altarschmuck unter
Gabrieles Händen, sie streut auch noch die weißen Blüten über die
Grabsteine, sie nestelt die duftigen Narzissen in die grünen
Tannenzweige, welche das Geländer um den Altar verhüllten ... und dann
steht sie plötzlich wieder schweratmend still und starrt auf das
zerbrochene Ruder unter dem verstaubten Trauerschleier.
Einen Schritt tritt sie näher ... noch einen und noch einen ... bis sie
davor steht und ihre Hände wie in scheuer, banger Innigkeit über das
wurmstichige Holz gleiten.
Jetzt fällt ihr Blick auch auf ein kleines Pastellbildchen, welches an
dem Pfeiler, kaum sichtbar von der Kirche aus, aufgehängt ist.
Eine schlechte Kopie jenes Gemäldes aus dem Ahnensaal droben. --
Wulffhardt von Hohen-Esp; ertrunken um 1503. --
Armer, armer Jüngling!
Die jubelnden Orgelklänge sind leise und ernst geworden, sie hallen und
klingen wie Seufzer der Wehmut durch die Kapelle, wie eine leise
Engelsstimme, welche um die Toten klagt.
Gabriele weiß nicht, warum sie es tut, aber sie schlingt die schneeigen
Blütenzweige zum Kranz und schmückt das Bild des Wulffhardt von
Hohen-Esp -- und seine Augen schauen so lebendig drein ... sein Blick
senkt sich in den ihren, und seine Lippen lächeln unter dem bräutlichen
Schmuck ...