Ruhelos wie sie! --

* * * * *

Gegen Morgen hat der Wind ein klein wenig abgeflaut.

Die Sonne leuchtet am Himmel, -- hinter dem Wald blitzen die weißen

Wellenkämme der See auf. --

Gabriele ist frühzeitig aufgestanden.

Sie hat gestern im Wald ein wildes Birnbäumchen gesehen, das stand in

voller Blüte.

Welch sinnigeren Altarschmuck könnte sie finden, als diese duftigen,

schneeigen Zweige?

Als sie in den Hof tritt, hört sie noch jenseits der Zugbrücke Hufschlag

verklingen. Ein Knecht steht, die Arme behaglich in die Seiten gestemmt,

und schaut dem Reiter nach.

»Ist eine telegraphische Nachricht gekommen, Christian? Die erwartete

Sturmwarnung von der Seewarte?«

Der Mann lacht die Fragerin mit seinen hellblauen Augen vergnüglich an.

»Nee, gnä Frölen! Dat wi nähstens doch 'n ollen düchtigen Bö kreegen,

dat weiten wi ganz alleen!«

»Wer ritt soeben fort?«

»Dat wier nur uns' junge Graf! He fall woll up'n Feldern nach'n Rechten

kieken!«

»Auf den Feldern!«

»Wie hei seggt! -- Du leiwe Tid! Wat het de Graf nich allens to

bedenken! Keen Ruh' nich bi Tag un Nacht. Un hätt dat doch so goar nich

nötig! Aber dat rackert sich af! Keen Dagelöhner duht sich so schinn'n

as uns' leibe Jong! Um Glock fif rett hei weg, jeßt däht hei Frühstück

eten, un nu heidi wedder up't Pierd!«

Tief in Gedanken verloren schritt Gabriele weiter.

Also drum war er so selten am Morgen zu sehen, darum kehrte er neulich

so staubig und erhitzt zurück und hatte soviel Eiliges mit seiner Mutter

zu verhandeln! Daß er nachts mit seinen Fischern ausfuhr, die Netze zu

werfen, daß er am Tage oft segelte und ruderte und anstrengende Übungen

mit seinen freiwilligen Lotsen machte, das war nur Erholung, nur

Vergnügen nach der Arbeit!

Und diesen Mann hatte sie oft einen Bärenhäuter genannt, ihn als müßigen

Tagedieb bespöttelt und verachtet?

Wieder schießt Gabriele das Blut heiß in die Wangen.

Wie traurig ist es doch, wenn ein Mädchen so gar keinen Begriff von

Landarbeit und Seewesen hat. Was für falsche, irrige Ansichten bildet

man sich in der Stadt davon, wie bitter unrecht tut man oft den

Fleißigsten und Verdienstvollsten!

Gabriele ist es plötzlich zu Sinn, als habe sie ein schweres Unrecht an

Guntram Krafft gutzumachen.

Nicht nur der Mann, welcher mit der Waffe in der Hand zu Felde zieht,

für Kaiser und Reich zu kämpfen, erwirbt sich Verdienste um sein

Vaterland, sondern auch der, welcher in stillem Fleiß seinen Grund und

Boden kultiviert, für seine Arbeiter sorgt wie ein Vater, welcher gute

Gesinnungen und edlen Patriotismus unter ihnen pflegt, welcher in treuer

Selbstlosigkeit an der Küste Wacht hält, ein »Schirmvogt der Not« zu

sein! --

Mit bebenden Händen pflückt Gabriele die blühenden Zweige im Wald.

Ein Flockenregen rieselt auf sie nieder und streut bräutlich-weiße

Blättchen in ihr lockiges Haar, -- in ihrem Herzen aber wächst aus

kleinem Funken eine helle Flamme empor, noch flackernd und unsicher,

aber dennoch stark genug, daß sie kein Aschenregen wieder ersticken

kann.

Und diese Flamme brennt so vieles zu Tode, was ehemals in diesem Herzen

als falsche Götzen gethront, -- sie macht es so hell, wo es früher

dunkel war, sie läßt es so warm, ach so warm werden, wo früher Schnee

und Eis gestarrt ...

Die Arme und das hochgeraffte Kleid voll duftiger Blütenzweige geladen,

kehrt Gabriele heim, und von der niedern, rund gewölbten Turmtür, welche

zu der Kapelle führt, tönt das helle Gelächter und der Gesang der

Mägde.

Sie sind noch fleißig bei der Arbeit, und die Mamsell tritt Gabriele

entgegen und bittet: »Wollen das gnädige Fräulein nicht noch ein halbes

Stündchen warten! Dann ist die Kapelle sauber wie ein Schmuckkästchen,

und Baronesse haben einen so viel schöneren Eindruck davon!«

»Es ist aber schon recht spät geworden, liebe Mamsell, und die Hochzeit

soll sehr präzise stattfinden! -- Man heiratet hier schon zu recht

früher Stunde!« --

»Ja, du liebe Zeit, gnädiges Fräulein, so verliebte Leutchen haben es

immer eilig, und Mike und Jöschen vollends! Ist _das_ ein Glück! Man

braucht die beiden nur anzusehen, um zu wissen, wie gut sie einander

sind! -- Aber vielleicht machen das gnädige Fräulein erst Toilette? So

ein bißchen was Weißes oder Rosiges gehört sich doch für den heutigen

Tag!... Und die Zweige stellen wir derweil noch in Wasser! Je kürzere

Zeit sie auf dem Altar liegen, desto frischer sehen sie aus!«

»Sie haben recht, Mamsell, das ist ein guter Gedanke! So will ich mir

denn ein hochzeitlich Gewand anziehen und bin in einer halben Stunde

wieder hier!« --

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 83 / 110 题