Kaum, daß er sie beachtet, ihr die notwendigste Höflichkeit erweist! --

Er sucht ihre Gesellschaft nicht, -- er meidet sie eher.

Und das ist keine Koketterie, kein Anreizen, -- es ist seine ehrliche,

schlichte Meinung.

Warum gefällt sie ihm nicht mehr?

Gabriele blickt gedankenvoll in die weißglänzende Pracht der Kirschbäume

hinab.

Anfänglich war es ihr so angenehm, von ihm übersehen zu werden, -- jetzt

grübelte sie, aus welchem Grunde es geschehen mag.

Daß es so geschieht, ist gut, -- es steht ihm wohl an, er gefällt ihr in

dieser kühlen Gelassenheit.

Und wie seltsam schaute er sie heute abend an, als Frau Gundula von dem

Mut und der Kühnheit der Hohen-Esp sprach?

Erriet er in jenem Augenblick ihre Gedanken?

Was dachte sie doch?

Sie sah ihn an -- die große, eckige Stirn unter den blonden Haarlocken,

die herrliche, »bärenhafte« Gestalt ... und sie dachte ... warum fehlt

gerade ihm der Mut und die wilde Kühnheit, welche die verblendete Mutter

an ihren Vorfahren preist? Er ist wie geschaffen zu einem Helden! --

Warum ist er's nicht? --

Er schaut drein wie Parzival, der Schildträger -- warum sitzt er ruhmlos

daheim bei Frau Herzeleide? Verstand er diese Gedanken?

Las er sie von ihrem Antlitz ab?

Sein Blick ward so finster, so aufsprühend zornig, wie sie ihn noch nie

zuvor gesehen -- und er stand auf und antwortete ihr voll spöttischen

Trotzes auf ihre Frage ... und ging mit hallenden Schritten davon.

Das war schön! -- da war Jung Parzival ein Mann! -- und sein Bild

schwebt ihr vor bis in diese stille, einsame Stunde der Nacht.

Warum ging er? Warum zürnte er?

Woher kennt er die geheimsten Gedanken ihres Herzens?

Er _kann_ sie nicht wissen, -- es war ein Zufall. Horch ... drunten auf

dem schmalen Kiesweg, welcher durch den Garten nach dem Wald führt,

erschallen Schritte.

Das junge Mädchen neigt sich unwillkürlich vor und schaut hinab.

Der Mond scheint so hell, sie erkennt jeden Grashalm am Wege, und jene

Gestalt, welche naht ... wer ist das?

So hoch ist nur einer in der Burg gewachsen, so stolz und elastisch

schreitet nur ein Herr unter Knechten!

Es ist Guntram Krafft!

Aber wie seltsam sieht er aus?

Ist's ein Scherz, daß er sich so kostümiert hat, wie man es an den

Fischern und Lotsen auf Seebildern so malerisch dargestellt sieht? Nein,

dem Grafen Hohen-Esp war es heute gewiß nicht nach Scherzen zu Sinn! Der

breite Südwester sitzt ihm weit im Nacken und gibt seinem Antlitz einen

eigenartig verwegenen Ausdruck, die Fischerjacke steht über der Brust

offen, das weiße Hemd leuchtet breit hervor und fällt in weichem

Streifen über den Halskragen hinaus.

Die hohen Wasserstiefel reichen bis über die Knie empor, aber sie sehen

nicht plump und häßlich aus, sondern geben der schlanken Gestalt etwas

Keckes und Ritterliches, obwohl der Gang sehr ruhig und ernst erscheint.

Mit weitoffenen Augen starrt Gabriele hinab.

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 75 / 110 题