Die Gräfin schob ihr Spinnrad zurück und erhob sich. Sie war müde und
wollte zur Ruhe gehen, man machte frühen Feierabend auf Hohen-Esp.
* * * * *
Gabriele stand an dem geöffneten Fenster ihres Turmzimmerchens und
blickte hinaus in die stille, blütenduftige Pracht des kleinen Gartens,
über welchen der Vollmond sein schier taghelles Silberlicht goß. Sie
konnte nicht schlafen.
Wundersame Gedanken kreuzten hinter ihrer Stirn und nahmen ihr die Ruhe.
Sie dachte zurück an jene Stunde, wo sie neben Guntram Krafft am Strande
stand und seinen so eigenartig poetischen Worten lauschte.
Gerade aus seinem Munde berührten dieselben so seltsam, weil Gabriele
sie nicht erwartet hatte, und wenn ihr die Zartheit seines Empfindens
zuerst auch etwas unmännlich erscheinen wollte, so ward doch dieser
Eindruck schnell verwischt durch die Besichtigung des Rettungsschuppens.
Noch nie zuvor war ihr der Graf so kraftvoll männlich erschienen als wie
hier in seiner energischen Art des Erklärens und Zufassens, in seiner so
schönen und frischen Begeisterung für die Sache.
Gabriele verstand nicht viel von all den Dingen, aber sie fühlte
instinktiv, daß es sich hier um mehr handelte, wie um einen harmlosen
Sport.
Vielleicht war es auch das Ungewohnte in dem Anzug des Grafen, welches
denselben schon während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit auf Hohen-Esp
so verändert erscheinen ließ.
Diese schmuck- und kunstlose, derbe Kleidung paßte so gut zu ihm, sie
machte seine Erscheinung ernst und eigenartig, sie gehörte zu dieser
Umgebung.
Ein Bär von Hohen-Esp ist keine Nippesfigur, er muß in die Höhle passen,
welche er bewohnt. Deucht es ihr nur so, oder ist auch sein ganzes Wesen
verändert?
Wie weggewischt ist das scheuverlegene Lächeln, die linkische
Unbeholfenheit und Unsicherheit! --
Hier ist er Herr und Gebieter, -- wohl ein gütiger, freundlicher
Gebieter, aber dennoch einer, dessen Wort einen festen, stolzen Klang
hat!
Das Anschmachten und entzückte Anstaunen hat er vollends verlernt.