Guntrams Augen leuchteten.
»Da ich Ihnen diese Kunst doch nicht ablerne, so können Sie dieselbe
neidlos in meiner Gegenwart ausüben!« scherzte er, rückte sich einen
kleinen Tisch herzu, breitete die Zeitungen aus und nahm in einem der
Rittersessel davor Platz.
Gabriele aber entzündete selber eine kleine Stehlampe, welche neben ihr
auf dem Serviertisch stand, hielt sie, einen Augenblick sie stumm
betrachtend, in der Hand und stellte sie dann vor dem Grafen nieder.
Dieser dankte durch eine höfliche Verbeugung, griff schweigend nach den
Zeitungen und schien schon im nächsten Augenblick völlig in ihre Lektüre
vertieft.
Aber er las nicht.
Er starrte wie ein Träumender gedankenlos auf das Papier und gab sich
voll und ganz dem süßen Zauber, in Gabrieles Nähe zu weilen, hin.
So konnte er sie unbemerkt ansehen, konnte den weichen Wohllaut ihrer
Stimme hören und voll und ganz das süße Behagen empfinden, welches ihre
Anwesenheit dem ganzen Hause verlieh.
Wie Frieden zog es in sein sehnendes, gequältes Herz, und ein beinahe
wunschloses Genügen, welches nicht mehr von dem Schicksal fordert, als
wie es freiwillig gibt. Welch ein reizendes Bild war es, die beiden
Damen am Spinnrad zu sehen! Über Gabrieles geneigtes Köpfchen zuckte
das rötliche Flackerlicht des Kaminbrandes, das Antlitz trug den
Ausdruck lächelnder Nachdenklichkeit, und die weißen Händchen
arbeiteten, wenn auch noch unsicher und zaghaft, so doch graziös und
anmutig, wie alle ihre Bewegungen es waren.
Neigte sich Gräfin Gundula helfend und erklärend näher, so traf sie der
Blick der hellen Nixenaugen so warm und herzlich, daß das Herz des
Beobachters schneller schlug in dem entzückten Empfinden: »sie liebt
deine Mutter!« -- und stand sie ihm selber auch ewig fremd und fern,
diese Liebe zu Gräfin Gundula schlug dennoch eine Brücke zu seinem
Herzen, welches ihn mit der Geliebten in gleichem Denken und Fühlen
verband.
Die Bärin von Hohen-Esp nestelte an dem Wocken, dessen Flachsgewinde
unter den Fingerchen Gabrieles etwas in Unordnung geraten war, und
derweil flog der Blick des jungen Mädchens durch die mattbeleuchtete
stille Halle und haftete wieder sinnend auf der Lampe vor Guntram
Kraffts Platz, deren Fuß durch einen schreitenden Bronzebär gebildet
wurde.
Und von da schweifte er weiter zu dem eigenartigen Kronleuchter, welcher
von der gewölbten Decke herabhing und in Art der alten Leuchterweibchen
gearbeitet war, nur schwebte anstatt des Frauenkörpers der Oberleib
eines Bären in den schmiedeeisernen Ketten, und von ihm aus gingen acht
mächtige Pranken, welche die Lichter hielten.
Die Sessel, auf welchen man saß, ruhten auf geschnitzten, behaglich
ausgestreckten Bären, welche die Füße ersetzten, -- braunzottige
Bärenfelle lagen als weicher Teppich über den Estrich, Bären flankierten
rechts und links den Kamin, und wohin man nur schauen mochte, zeigte die
Täfelung der Wände das Bärenwappen, blickten von Schränken, Truhen und
Geräten die Bärenköpfe mit starren Augen auf die einsamen Bewohner der
Burg herab.
»Wie kommt es eigentlich, gnädigste Gräfin, daß alles und jedes in
Hohen-Esp das Bild eines Bären zeigt?« fragte Gabriele leise und neigte
das Köpfchen näher an die alte Dame heran, um den Lesenden nicht zu
stören. »Man findet in andern Schlössern auch die häufige Wiederholung
des Familienwappens, aber so, bis auf die kleinsten Gegenstände herab,
sah ich es noch nie angebracht, und kam mir schon früher der Gedanke,
daß dies einen besonderen Zweck haben müßte?«
Gundula schüttelte lächelnd das Haupt.
»Eine Liebhaberei! eine Laune der Besitzer! Die Bären von Hohen-Esp
gefielen sich darin, ihre Höhle zu einem wirklich originellen, echten
Bärennest zu gestalten. Der Urahne begann damit, und Kind und
Kindeskinder führten es weiter und schufen halb im Ernst und halb im
Scherz diese eigenartige Burg, in welcher die Nachkommen jenes ersten
Bären von Hohen-Esp stets daran erinnert sein sollten, wem sie das
Bestehen ihres Geschlechts verdanken!«
»Das Bestehen ihres Geschlechts? -- Was haben die Bären mit Ihrer
Familie zu tun, gnädigste Gräfin, und woher kommt es, daß die Hohen-Esp
den seltsamen Namenszusatz: die >Bären< von Hohen-Esp erhielten?«
»Wenn es Sie interessiert, so erzähle ich Ihnen gern unsere alte
Familiensage, liebe Gabriele!«
Frau Gundula schob das Spinnrad der Genannten wieder zu und setzte ihr
eigenes Rädlein abermals in surrende Bewegung, Guntram Krafft aber ließ
mechanisch die Zeitung sinken und blickte wie in fragender Spannung zu
dem jungen Mädchen hinüber.
»Und ob es mich interessiert, verehrte Frau Gräfin!« nickte Gabriele
eifrig; »was könnte mir lieber sein, als wie mit der alten Welt, welche
mich hier umgibt, recht vertraut zu werden! O, bitte, erzählen Sie! --
Zu einem Spinnrad gehören seit jeher die Romanzen, wenn nicht die
gesungenen, so doch die gesprochenen, und ich vermute, daß die Bärensage
dieser Burg ein Stücklein jener poesievollen Ritter- und Heldenzeit ist,
in welcher meine Gedanken so gern noch leben!« --
»Nun, so hören Sie, Gabriele! Und wenn Ihr Herzchen sich auch für die
brave Bärin erwärmen kann, welche unserm Stammvater einst so große
Dienste erwies, so bin ich überzeugt, daß die braunen Schutzpatrone
dieser Burg all ihre schirmende Liebe auf Sie, die junge Gastin dieses
Hauses, übertragen werden.«
Mit großen, forschenden Augen schaute das junge Mädchen auf, -- ihr
Blick hing an den Lippen der alten Dame, als ob sie, nur sie allein in
dieser Halle anwesend sei, und Frau Gundulas Stimme klang tief und voll
durch das leise, melodische Summen des Spinnrades:
»Unsere alte Familiensage ist anscheinend eine Nachbildung jenes
phantastischen Ereignisses, welchem man die Entstehung Roms zu verdanken
glaubt, -- also weder neu noch originell, und doch aus jener grauen
Vorzeit stammend, von welcher man wohl sicher annehmen kann, daß die Mär
von Romulus und Remus ihr noch völlig fremd gewesen. Ein Beweis dafür,
wie launig der Götterfunke Poesie um den Erdball blitzt und in Nord und
Süd Flammen zündet, welche -- durch eine halbe Welt getrennt -- doch in
geschwisterlicher Ähnlichkeit leuchten und ein und dasselbe Bild
spiegeln, nur mit dem Unterschied, daß die rauhe, markige Wildheit der
Deutschen sich die kraftvolle Bärin zur Amme eines ritterlichen
Geschlechts wählte, während der kluge, geschmeidige und listige Römer
die schlanke Wölfin dazu ausersah! -- --
Eine Jahreszahl nennt unsere Wappensage nicht, sie greift weit, weit in
die dämmernde Vergangenheit zurück und setzt da ein, wo die Grafen von
Hohen-Esp bereits ein ritterliches und turnierfähiges Geschlecht, und
als Schirmvögte bereits mit der Burg Hohen-Esp hierselbst belehnt waren.
Da hebt sie an, von einer furchtbaren Seuche zu berichten, welche
allerorts die Lande verödete und die Menschen dahinraffte wie Grashalme
vor dem Messer des Schnitters. Auch hier an die Tore der Burg hatte die
Pest mit knöchernem Finger geklopft.
Der Burgherr, seine edle Hausfrau, zwei Söhne und zwei Töchter starben
in einer Nacht dahin, im Burgfried lag das Gesinde zu Haufen und hauchte
sein Leben aus, und nur der Gräfin jüngstes, neugeborenes Söhnlein, eine
alte Schwester des Hausherrn und die Amme des Kindes waren noch am
Leben.
Da befahl das alte Fräulein in großer Angst und Sorge, daß die Amme mit
dem Neugeborenen sich eilend aufmache und das Kind in das nahe
Fischerdorf zu treuen Menschen bringe, welche es aufnehmen und warten
sollten, bis daß der Würgeengel sei vorübergezogen in diesem Lande.
Ein Knappe stieg zu Roß, der Magd und dem Knäblein ein sicher Geleit zu
geben. Da sie aber kaum eine halbe Stunde durch den Wald geflohen waren,
kam den Mann die Todesschwäche an, er sank vom Roß und starb elendiglich
am Wege.
Voll Angst und Grausen lief das Weib mit dem Kindlein in den finsteren
Tann hinein, und kaum, daß sie das nahe Meer brausen hörte, sperrte ihr
eine mächtige Bärin den Weg, stellte sich auf, hob dräuend die Pranken
und brüllte aus blutigem Rachen.
Da wußte die Magd in ihrem Schrecken nicht, was sie tat, -- sie warf das
Kind, welches sie des kalten Windes wegen in einen warmen Fellsack
gesteckt hatte, von sich und entfloh in sinnloser Furcht.
Sie kam in das Fischerdorf und verbarg sich in einer Hütte und wagte es
nicht, von dem Ende des Kindleins zu berichten. Die Zeit verging, und
eines Tages kam plötzlich das totgeglaubte alte Burgfräulein in das
Dorf, erforschte die Magd, trat vor sie und forderte das Kind.
Die Ungetreue sank wehklagend in die Knie und beichtete von dem Tod des
Knappen und dem Überfall des Bären, und daß sie bei der Flucht das
Knäblein habe aus dem Fellsack verloren.
Ein großes Wehklagen erhob sich, und das Fräulein rief die Fischer und
sprach: »Lasset uns im Tann suchen! Die Heiligen im Himmel haben meine
Gebete für das Kind erhört, so es ihr gnädiger Wille gewesen,
erretteten sie es aus dem Rachen des Bären!«
Die Fischer schüttelten zwar die Köpfe und meinten, das sei vor eines
Mondes Länge geschehen und wohl kein Knöchelchen von dem jungen
Grafenkind mehr zu finden; aber sie bewaffneten sich und gingen in den
Wald.
Und als sie an die Stelle kamen, welche die Magd beschrieben, hörten sie
ein gewaltiges Brummen als wie von einem Bären, und als sie durch das
Dickicht herzuschlichen, sahen sie ein leibhaftiges Wunder. Da lag die
Bärin im Moose ausgestreckt, und an ihr das noch in das Fell gewickelte
Knäblein, welches sie säugte.
Sie lockten das Untier mit Geschrei heraus, und ein Beherzter sprang
herzu und ergriff das Kind. -- Das war lebend und gesund, stark und
bärenkräftig, und solche Kunde drang bis zu dem Fürsten des Landes.
Der lachte der absonderlichen Mär, ließ das Knäblein vor sich bringen,
wiegte es auf den Armen und lobte Gott:
>Ei, du Gräflein von Hohen-Esp, so dich Bärenblut gesäuget hat, so wirst
du stark und kühn werden, und man wird dich hinfort »den Bären von
Hohen-Esp« heißen.<
So sprach er und gab ihm den neuen Namen und den Bären in das
Wappenschild, zur Erinnerung an das Gotteswunder, welches sich an dem
Kind begeben.« --
Frau Gundula unterbrach sich und ließ momentan die fleißigen Hände
ruhen; ihr Blick schweifte voll stolzer Zärtlichkeit nach dem Sohn
hinüber und umfaßte seine hohe, markige Gestalt, dann zog sie abermals
den feinen Faden aus dem Flachs und lächelte. -- »Und nun gehen Sie
hinauf in den Saal, Gabriele, und sehen Sie sich einmal das
Bärengeschlecht an! Es ist wirklich ganz auffällig, wie die Bärenamme
ihm ihren Stempel aufgedrückt hat! So hoch und kraftvoll gewachsen, so
bärenhaft fest und trutzig ist kein zweites. -- Die eckige Stirn und die
große Gutmütigkeit haben die Hohen-Esp sicher von den Bären geerbt, vor
allen Dingen aber das mutige und kühne Drauf- und Drangehen in Kampf
und Gefahr, die Furchtlosigkeit, wenn es gilt, einen Feind zu packen,
die zähe Ausdauer im Ringen mit dem Gegner, gleichviel ob derselbe aus
Fleisch und Blut oder als Sturm und hohe Flut zum Gang auf Leben und Tod
herausfordert!«
Gabriele hatte bisher nur Augen und Ohren für die Sprecherin gehabt, den
schlanken, blonden Mann in dem Rittersessel vor dem Kamin schien sie
völlig vergessen zu haben.
Jetzt plötzlich hob sie das Haupt, und ihr Blick traf Guntram Krafft.
Auge ruhte in Auge.
Wie wunderlich sah sie ihn an.
So groß, so forschend, so nachdenklich ... und doch brannte es wie ein
geheimer Vorwurf in ihrem Auge, wie ein scharfer, ungestümer
Widerspruch, welcher verächtlich sagt --: »nein! du irrst, Frau Gundula!
Nicht alle Grafen von Hohen-Esp sogen Kraft, Mut und Kühnheit aus der
Bärenmilch! -- Hier, dieser letzte seines Geschlechts, ist entartet ganz
und gar! -- Er ist kein Held! er imponiert mir nicht! und darum werde
ich nun und nimmer diesen ruhm- und tatenlosen Mann freien!« -- Sprach
es nicht so aus ihrem Blick? aus den großen, wundersam ernsten Augen?
Guntram Krafft hört und versteht nichts mehr als diese erbarmungslosen
Worte, sein Vorurteil ist zu groß ... sein Blick ist verschleiert, er
glaubt nicht mehr an das Glück und vermutet es nirgends.
Wieder steigt es heiß empor in Stirn und Schläfen, er senkt finster den
Blick und begreift es nicht, daß er soeben noch sich ihres Interesses an
seiner Familie gefreut.
Die Hohen-Esp sind keine verwegenen Reiter, welche in Kriegszeiten sich
den Lorbeer aus feindlichem Feuer holen, -- und nur solche Heldentaten
imponieren dem stolzen Sinn einer Sprendlingen!
Nach wenig Minuten rafft der junge Graf die Zeitungen zusammen, steht
auf und empfiehlt sich kurz.
Die Nacht ist so schön und mondhell, -- er will mit den Fischern
hinausfahren, wenn sie die Netze auswerfen.
Gabriele sieht ihn erstaunt an.
»Das tut man in der Nacht? -- Warum das? Ist solche Arbeit am Tage nicht
müheloser und bequemer?«
Ein herber, beinahe etwas spöttischer Zug liegt plötzlich um seine
Lippen.
»Mühelos und bequem ist sie nach Ansicht der Binnenländer stets,
gnädiges Fräulein, man rudert ein wenig hin und her und schöpft das
Schiff voll Heringe und Dorsche! Ob bei Sonnen- oder Mondenschein -- das
ist höchstens eine kleine Abwechslung in dem ewigen Einerlei!«
Gräfin Gundula dreht mit ganz seltsamem Lächeln den Faden, welcher ihr
gerissen, wieder zusammen, Fräulein von Sprendlingen aber sieht so
harmlos aus, als ob sie von den Worten des Sprechers ganz überzeugt sei,
und sagt nur nachdenklich: »Und doch ertrinken so oft die Menschen
dabei! Ihre Fischer werden doch vorsichtig sein?«
Da lacht er laut und hart auf. »Unbesorgt, mein gnädiges Fräulein, die
See ist wie ein Tischtuch, sie ist so, wie Sie's nicht lieben, träge,
ruhig und langweilig, und dann fordert sie keine Opfer!«
»Wird sie nicht bald einmal böse und wild? Ich möchte so gern eine
bessere Meinung von ihr bekommen!«
Ein beinahe finsterer Blick aus den sonst so lachenden Blauaugen trifft
sie.
»Kurze Zeit müssen Sie sich wohl noch gedulden, die Ruhe scheint allen
Wetterberichten nach noch anzudauern, aber in dieser Jahreszeit pflegt
sie tatsächlich eine Ruhe vor dem Sturme zu sein!«
Er verneigt sich kurz, unhöflicher wie sonst, und geht, -- Gundula aber
schüttelt ernst das Haupt und sagt mit leisem Seufzer: »Sie wissen und
verstehen es noch nicht, was Sie da wünschen, Gabriele! Für meinen Sohn
bedeutet ein Sturm mehr wie ein schönes Schauspiel, und für seine braven
Fischer ebenso! -- Warum wollen Sie diese glücklichen Tage der Ruhe
kürzen? Warum soviel Sorge und Not durch ein Unwetter heraufbeschwören?
Ist das Meer in seinem ruhigen Schlaf wahrlich so langweilig? -- Gehen
Sie morgen einmal an den Strand und sehen Sie den Sonnenuntergang, -- er
ist verkörperte Poesie, das schönste Gedicht, welches unser lieber
Herrgott mit Farben an den Himmel geschrieben!«
Gabriele nickte mit sinnendem Blick, ihr fielen plötzlich Guntram
Kraffts Worte am Strand drunten ein.