XXI.

Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn

auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine

noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den

Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.

Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen

empfohlen.

Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer,

stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht.

Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in

den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand

er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf

den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte,

Gabriele! --

Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine

Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr

heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.

Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken

ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches

sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und

Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die

Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«

Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und

unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl

freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe

hernieder an sein Herz zu sinken. --

Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner

Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles

betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer

aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese

Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen

Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der

Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens

geworden.

Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um

seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne

Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht

wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das

Kaminfeuer und sagte:

»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den

warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«

»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt

wird.«

Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete

angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.

»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich

dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was

unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«

Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der

Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig

gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.

»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in

ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft.

Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele

den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«

»Spinnen? Sie lernen spinnen?«

Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden,

Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor

ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche

zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich

umzusehen:

»Ich kann stricken,

Ich kann flicken,

Feines Leinen

Kann ich spinnen ...

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 72 / 110 题