Der Lenz hatte einen außergewöhnlich frühen Einzug gehalten, und wenn
auch die Tage sonnenhell und warm waren, so strich doch am Abend eine
noch recht empfindlich kühle Luft von der See herüber und machte den
Aufenthalt in warmen Zimmern notwendig.
Guntram Krafft hatte sich anfänglich sogleich nach dem Abendessen
empfohlen.
Er saß mit seinen Zeitungen und Büchern in seinem stillen Zimmer,
stützte das Haupt träumend in die Hand und las nicht.
Oft war er voll nervöser Unruhe aufgesprungen und noch einmal hinaus in
den Wald oder hinab an den Strand gestürmt, aber Ruhe für sein Herz fand
er auch dort nicht, wo der silberne Mondschein so bleich und kühl auf
den Wogen spielte und ihm immer dasselbe Bild vor die Seele zauberte,
Gabriele! --
Je länger er mit ihr zusammenweilte, desto tiefer und inniger ward seine
Liebe zu ihr, obwohl seine leidenschaftliche Erregung nachließ und ihr
heiteres, gleichmütiges Wesen auch ihm Ruhe und Unbefangenheit gab.
Er gewöhnte sich an ihre Gegenwart, er genoß voll heimlichen Entzücken
ihren Anblick, sein Herz erzitterte bei jedem freundlichen Wort, welches
sie zu ihm sprach, bei jedem Anzeichen von Interesse an seinem Tun und
Handeln, -- und doch klang ihm unausgesetzt das Dichterwort durch die
Seele: »Die Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht!«
Auch Gabriele wollte er als einen jener holden, ewig fernen und
unerreichbaren Sterne betrachten, welche dem sehnenden Schwärmer wohl
freundlich zublicken, ohne jedoch gewillt zu sein, aus ihrer Höhe
hernieder an sein Herz zu sinken. --
Als Fräulein von Sprendlingen an seiner Seite durch den Schuppen seiner
Rettungsstation schritt und mit großen, staunenden Augen alles
betrachtete, was er barg, eifrig um Erklärungen bat und in ihrer
aufrichtigen Weise kein Hehl daraus machte, wie fremd ihr alle diese
Dinge waren, da stürmte ihm das Herz in der Brust und blitzte aus seinen
Augen, und er empfand es als unaussprechliche Wonne, die Teilnahme der
Geliebten an dem zu erwecken, was zum heiligen Inbegriff seines Lebens
geworden.
Auch während des Abendbrots hatte sich die Unterhaltung sehr lebhaft um
seemännische Dinge gedreht, und als Anton die dicke, schwarzlederne
Posttasche mit den Zeitungen brachte, erhob sich Guntram Krafft nicht
wie sonst, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, sondern trat näher an das
Kaminfeuer und sagte:
»Es ist abends recht kühl bei mir droben, und ich vermisse jetzt den
warmen Ofen doch noch in dem großen Erkerzimmer ...«
»Aber Guntram, so sage doch Anton sofort, daß morgen nachmittag geheizt
wird.«
Der Graf warf gerade ein neues Buchenscheit in die Glut und beobachtete
angelegentlich, wie die roten Flammen an ihm emporzüngelten.
»Das wird leicht zu heiß, Mutter, und die zu große Wärme geniert mich
dann mehr wie die Kälte. -- Am liebsten bliebe ich hier. -- Was
unternehmt ihr denn jetzt? Stört meine Anwesenheit?«
Ein ganz feines, schier unmerkliches Lächeln ging um die Lippen der
Gräfin, so froh und zufrieden, wie bei einem Menschen, welcher geduldig
gewartet hat und nun dafür den gewünschten Lohn erhält.
»Welch eine Frage!« schüttelte sie den Kopf und rückte sich behaglich in
ihrem hochlehnigen Sessel zurecht. »Wir freuen uns deiner Gesellschaft.
Geheimnisse haben wir durchaus nicht zu verhandeln! Ich lehre Gabriele
den Gebrauch des Spinnrades und freue mich meiner fleißigen Schülerin.«
»Spinnen? Sie lernen spinnen?«
Guntram hob ganz betroffen den Kopf, als habe er nicht recht verstanden,
Gabriele aber räumte die gemalten Wappenhumpen, aus welchen man zuvor
ein Warmbier getrunken und welche Anton soeben wieder aus der Küche
zurückbrachte, in den uralten Kredenzschrank und sang lachend, ohne sich
umzusehen:
»Ich kann stricken,
Ich kann flicken,
Feines Leinen
Kann ich spinnen ...