Nein! --

Dies alles liegt in seiner Brust versargt, und keines Menschen Seele

wird es je erfahren. Was fürchtet er?

Warum will er auch jetzt noch vor ihr, der Ahnungslosen, fliehen?

Das Vergangene ist überwunden.

Daß Gabriele ihn nie lieben und nie heiraten wird, weiß er, und daß er

viel zu stolz ist, um die Liebe als Almosen zu erbetteln, das weiß er

auch.

»Ritter ... treue Schwesternliebe widmet euch dies Herz --«

Heißt es nicht so im Gedicht?

Und warum soll sie nicht als Schwester neben ihm hergehen, warum soll er

künftighin noch mehr in ihr sehen, denn solch eine stille, freundliche,

gleichmütige Schwester?

Um der Mutter willen, deren Herz sie auch schon bezaubert und gewonnen

hat, -- um der armen, einsamen Mutter willen, muß er sich in das

Unvermeidliche fügen.

Der Bär von Hohen-Esp lehnt sich weit vor in dem Fenster und blickt über

die blühenden Obstbaumzweige hinweg, über die dunklen, schweigenden

Wälder hinaus. Da hinten ... fern hinter den Wipfeln glänzt ein Streifen

der See im silbernen Mondlicht! --

Wie hat Guntram Krafft sich in den stillen, einsamen Tagen von Walsleben

nach ihrem Anblick gesehnt!

Voll leidenschaftlicher Innigkeit breitet er die Arme nach dem

funkelnden Silberstreif aus.

»Du bist meine Geliebte, du blaue, herrliche, unergründliche See! Dir

habe ich Treue gelobt, und dir halte ich sie! Auf deinem geheimnisvollen

Grunde wohnen Nixen, die blicken aus denselben kristallhellen,

wundersamen Augen wie Gabriele! Die haben Mitleid mit liebeskranken

Menschenherzen und nehmen sie in die weißen Arme und betten sie drunten

zu ewiger Ruhe, wenn ihnen das Leben zu schwer und unerträglich wird! --

Dich will ich lieben, du blaue See -- und du wirst den ruhm- und

tatenlosen Mann von dir weisen!«

-- Und Guntram Krafft hob mit finster trotzigem Blick das Haupt,

entzündete eine Kerze und warf bei ihrem Flackerlicht die bespritzten

Kleider von sich.

Sein Blick streifte die eleganten Anzüge, welche er aus der Welt draußen

mit heimbrachte. Soll er sie jetzt wieder zu Ehren kommen lassen?

Ein beinahe rauhes Lachen.

Nein! Jene Zeit ist vergangen und nichts soll ihn mehr daran erinnern.

Kam das Fräulein von Sprendlingen in die Bärenhöhle, je nun, so mag sie

sich auch mit dem bärenhaften Anblick ihres Bewohners abfinden!

Und er nimmt die schlichte Düffeljoppe und wirft sie über.

Der Bär von Hohen-Esp ist jetzt daheim! Da duldet sein zottiger Pelz den

Tand nicht mehr, welchen man ihm in der Fremde um die Schultern gehängt!

--

* * * * *

Guntram Krafft begreift es selber nicht, wie es ihm möglich ist, so

ruhig und gleichmütig mit Gabriele zu verkehren.

Sie sehen sich allerdings nicht viel, eigentlich nur während der

Tischstunden, und dann vermeidet er es, sie anzusehen, und antwortet

ernst und zurückhaltend auf all das, was sie ihn freundlich und

unbefangen fragt.

Er sieht und bemerkt es nicht, wie ihr Blick oft voll staunender

Befriedigung seine hohe Gestalt streift, welche in der derben und

praktischen Kleidung so ganz anders aussieht, so viel sicherer und

selbstbewußter einherschreitet, wie dermalen auf dem Parkett.

Er beobachtet es auch nicht, wie erleichtert das junge Mädchen aufatmet,

als sie seine Ruhe und Gelassenheit, die große Gleichgültigkeit im

Verkehr mit ihr wahrnimmt.

Diese Veränderung deucht ihr eine Wohltat und macht sie fröhlicher und

zutraulicher gegen ihn.

Sie redet ihn an, sie sucht ihn in das Gespräch zu ziehen, sie spricht

selber lebhafter und heiterer wie zuvor, und wenn sein Blick sie hier

und da flüchtig streift, so sieht er ihr sonniges Lächeln und die

strahlenden Nixenaugen, welche zwar nicht mit dem Ausdruck auf ihm

ruhen, wie ehemals auf dem bewunderten Dragoner, aber doch lange nicht

mehr so kalt und abweisend blicken wie damals.

Und gerade dies wird ihm zur Qual und erschwert es ihm doppelt, seine

unnatürliche Ruhe an ihrer Seite zu wahren.

Er hält sich beinahe den ganzen Tag am Strand auf und weilt nur so kurze

Zeit wie möglich bei den Damen.

Gottlob hat sich die Gräfin schnell erholt, und es deucht Guntram

Krafft, ihr sonst so strenges, resigniert dreinschauendes Antlitz habe

das Lächeln gelernt, und in ihren Augen leuchte es jetzt oft so warm,

wie nie zuvor.

Gabriele kehrt aus dem Garten zurück und schreitet über den Hof.

Da sieht sie den alten Anton im Sonnenschein stehen und eifrig an ganz

seltsamen und lederartigen Kleidern hantieren.

Der Alte lächelte sie beinahe zärtlich an, denn die anmutige Schönheit

der jungen Dame hat auch sein Herz im Sturm genommen, so wie alle in der

Burg voll Entzücken den Zauber empfinden, welcher von ihrem Wesen

ausgeht.

Fräulein von Sprendlingen nickt dem treuen Kammerdiener freundlich zu

und tritt mit forschendem Blick näher.

»Ei, was haben Sie denn da für einen wunderlichen Anzug vor, Anton?«

lacht sie. »Bei diesem schönen Wetter wollen Sie doch nicht Ihren

Regenrock hervorholen?«

Anton dienert und freut sich der Gelegenheit, ein wenig plaudern zu

können.

»Mein Regenrock? I bewahre, gnädiges Fräulein! Das ist ja das Ölzeug vom

Herrn Grafen, welches ich mal wieder nachsehen und in den

Rettungsschuppen hinabbringen soll!«

»Ölzeug des Herrn Grafen?« -- Gabriele mustert überrascht den seltsamen

Rock, die mächtigen Stiefel und den ganz eigenartigen Hut: »Zu was

gebraucht der Graf diese schwere Kleidung? Zieht er die wirklich an?«

Anton reißt die Augen weit auf: »Nun, das versteht sich! Herr Graf muß

doch Ölzeug tragen, wenn er in Sturm und Wogenschwall hinausfährt! Bei

den Spritzern, die es da setzt, würde er ohne diese Schutzkleidung bald

bis auf die Haut durchnäßt sein!«

»Er fährt mit hinaus? -- Auch bei schlechtem Wetter?«

Antons Arm mit dem Putzlappen sinkt herab. Er starrt die Fragerin ebenso

überrascht an, wie sie ihn. --

»Wissen denn das gnädige Fräulein nicht, daß unser Herr Graf alle

Rettungen und Ausfahrten immer persönlich leitet? Daß er unser kühnster

und unerschrockenster Seefahrer ist? -- Seine Lotsen hat er sich alle

allein herangebildet -- ebenso wie er jetzt den ganzen Schuppen aus

eigenen Mitteln erbaut und ausgerüstet hat! Nun ist er sein eigener

Herr, so ein rechter, wahrer Lotsenkommandeur, wie man noch einen

zweiten finden soll! Das Hamelwaat hat nun wohl seine Schrecken für die

Schiffer verloren, solange der Herr Graf als Retter in der Not die

Riemen führt! Wußten das gnädige Fräulein das wirklich noch nicht?«

Gabriele blickt wie im Traum auf den Anzug in Antons Händen nieder.

»Nein, -- das wußte ich nicht!« sagte sie mit leiser Stimme. »Ist solch

eine Rettung eigentlich gefährlich? Ich kann mir das gar nicht

vorstellen!«

»Gefährlich? Gott im Himmel erbarme sich! Der arme Riek ist das

letztemal dabei geblieben, und seine Leiche ist bis zum heutigen Tage

noch nicht geborgen! Haben das gnädige Fräulein denn nicht von der

kühnen Tat des Herrn Grafen und seiner Lotsen ... ich meine im

vergangenen Winter ... gehört? Wie sie die Unglückskerle von dem Wrack

der >Sophie Johanne< geholt haben? Nein? Na, die Rettungsmedaille haben

sie sich alle dabei verdient -- --«

»Die Rettungsmedaille? -- Auch der Graf?«

»Nun, _der_ doch in erster Linie!«

Gabriele strich langsam mit der Hand über die Stirn: »Nein -- das wußte

ich nicht!« murmelte sie, »aber ... ich möchte doch wohl einmal an den

Strand gehen und das Meer wiedersehen!«

»Und ob, gnädiges Fräulein! Etwas Schöneres gibt es ja auf der ganzen

Welt nicht!«

* * * * *

Bei Tisch war Fräulein von Sprendlingen stiller wie sonst, -- ihr Blick

haftete oft sinnend und forschend auf Guntram Krafft, als schaue sie ihn

heut zum erstenmal.

Die Gräfin schien ganz mit der Zubereitung des Salats beschäftigt.

»Gehst du heute wieder zum Dorf, Guntram Krafft?« sagte sie plötzlich

leichthin, »so habe, bitte, die Güte und nimm Fräulein Gabriele einmal

mit! Denk dir, sie hat, seit sie hier ist, noch nicht ein einziges Mal

die See in der Nähe gesehen.«

Ein beinahe finsterer Ausdruck lag auf der Stirn des Grafen.

»Damit würde ich Fräulein von Sprendlingen kaum einen Dienst erweisen,

-- sie liebt das Meer nicht!«

»Nein, ich liebe es nicht und begreife auch nicht, wie man es so schön

finden kann!« bestätigte Gabriele harmlos. »Aber gerade darum möchte ich

einmal wieder an den Strand gehen, um zu sehen, ob es hier ebenso

langweilig ist wie in Heringsdorf!«

Gundula lachte: »Wie habe ich Ihre Aufrichtigkeit so gern, Gabriele!

Wenn Sie sich nun doch einmal zu ein paar anerkennenden Worten über

unser liebes Bernsteinmeer hinreißen lassen, so weiß ich wenigstens

bestimmt, daß es Ihre wahre Meinung und nicht nur eine höfliche

Redensart ist!«

»Ich kann Fräulein von Sprendlingen unmöglich zumuten, so lange drunten

zu bleiben, wie ich am Schuppen zu tun habe. Ich bitte dich, uns zu

begleiten, Mutter, damit ihr beiden Damen jederzeit heimkehren könnt.«

--

»Gut! Ich bin gern bereit!« Gundulas Blick streifte das geneigte Antlitz

des Sohnes, und sie lächelte abermals.

Es war ein außergewöhnlich milder, sonniger Frühlingstag.

Kein Lüftchen regte sich.

Blau -- weit ... unendlich lag die See.

Voll kristallener Klarheit spannte sich der Himmel darüber aus und

verschwamm am Horizont mit der Wasserflut, daß man kaum die zarte Linie

unterscheiden konnte, welche Himmel und Erde trennt.

Der Sonnenglanz lag breit auf dem Wasser, es spiegelte und schimmerte,

und die weißen Segel der Fischerboote zogen traumhaft still durch die

Ferne.

Der Strandhafer knisterte leis unter den Schritten der Nahenden und über

ihnen stiegen zwei Lerchen mit hellem Jubel in den offenen Himmel

hinein.

Die Gräfin hatte eine Fischerfrau, welche am Strand saß und Steine und

Tang aus den Netzen las, angesprochen und blieb momentan neben ihr

stehen, sich nach diesem und jenem zu erkundigen; Gabriele und Guntram

Krafft schritten weiter, nahe herzu bis auf den festen, hartgewaschenen

Sand, über welchen in graziösen Linien der silberschaumige Saum einer

kaum merklichen Brandung spült.

Der Graf hatte den Hut von dem Haupt gezogen und blickte wie verklärt in

die sonnige Pracht hinaus, -- es lag ein weicher, beinahe kindlich

milder Zug auf dem schönen Antlitz, und Gabriele schaute verstohlen zu

ihm auf und fand es zum erstenmal, daß dieser Ausdruck doch nicht so

unsympathisch sei, wie es ihr im Ballsaal geschienen.

»Es ist eine köstlich frische Luft hier!« sagte sie nach kurzem

Schweigen: »Aber die See liegt ebenso still und träge, wie damals in

Heringsdorf, und was Sie daran so schön finden, erklären Sie mir, bitte,

Graf!«

Er sah sie nicht an, aber das Entzücken, welches sein Auge spiegelte,

vertiefte sich.

»Wie kann man eine derartige Schönheit mit Worten nennen!« sagte er

leise, »die analysiert man nicht, sondern empfindet sie! -- Mir deucht,

Sie haben sonst so viel Verständnis für Poesie, mein gnädiges Fräulein,

und stehen ihr gerade hier, wo sie sich uns am reichsten und

vollkommensten entschleiert, so blind gegenüber. Fühlen Sie es nicht mit

allen Fasern Ihres Herzens, welch ein Stücklein Gottesfrieden sich rein

und unverfälscht hier an der See erhalten hat? -- Bekommen Sie nicht

eine Ahnung von der Unendlichkeit, wenn Sie über diese weite -- weite

Flut schauen, die so ohne Anfang und Ende scheint, wie der Himmel uns zu

Häupten? Und wenn Sie die Wellen schauen, wie sie in ewig gleicher

Weise, Tag und Nacht, Jahr um Jahr, hier gegen den Strand rollen, von

keines Menschen Kraft bewegt, geheimnisvoll kommend und gehend, dem ewig

weisen Willen eines Gottes gehorchend, vor dessen Antlitz tausend Jahre

sind wie ein Tag -- -- schauert Ihr Herz nicht zusammen in einem Gefühl

unendlicher Andacht, in dem Empfinden jenes scheuen Entzückens: >Jede

dieser Wogen ist ein Pulsschlag der Ewigkeit?<«

-- Gabriele stand neben ihm, das Köpfchen lauschend erhoben, den Blick

wie in staunendem Sinnen geradeaus gerichtet.

»Nein,« sagte sie leise, »diese Gedanken sind mir noch nie gekommen. In

Heringsdorf wurde nur gescherzt und gelacht, aber nicht philosophiert.«

»Dies ist keine Philosophie!« lächelte er, »im Gegenteil, hier spricht

nicht der Verstand, sondern lediglich Herz und Gemüt, aber gerade die --

ich glaube es wohl -- kommen überall zu kurz, wo der Lärm der bunten

Welt sein Recht behauptet!«

-- Gundula trat herzu, und Guntram Krafft wandte sich, ihr den Arm zu

bieten.

»Ich habe in dem Schuppen einen kleinen Auslug anbauen lassen, wo die

Damen hinter sicheren Glasscheiben, gegen Zug und Wind geschützt,

ausruhen können. Darf ich dich hinführen, Mutter?«

»Macht es Ihnen Freude, die >Rettungsstation< meines Sohnes zu sehen,

Gabriele?«

»Ich bitte darum, denn ich interessiere mich dafür.«

»Dann laß uns getrost gehen, Guntram Krafft, und genaue Musterung

halten, wir wissen ja, daß Gabriele keine Phrasen sagt!«

In den Augen des jungen Mannes leuchtete es auf, lebhafter wie zuvor

unterhielt er die Gräfin, und schweigsamer wie sonst schritt Gabriele an

Gundulas Seite.

Der Rettungsschuppen trug äußerlich die Form einer großen, massiv

gebauten Scheune.

Zwei breite Tore gewährten den Eintritt, und unter dem spitzen Dach war

das Wappen der Hohen-Esp unter dem roten Kreuz im weißen Felde

eingefügt.

Alle modernen Errungenschaften auf dem Gebiete des Rettungswesens waren

der inneren Einrichtung zugute gekommen.

Das Rettungsboot, eine Mischart der gebräuchlichsten Systeme, war aus

Stahlblech gebaut und trug den Namen »Guntram Krafft« in goldenen

Lettern.

Ein fester, sehr dauerhaft und widerstandsfähig gebauter Wagen trug es

und diente zu dem Zweck, das Boot bequem zum Strand zu transportieren

und es unmittelbar in das Meer zu lassen.

Auch ein Raketenapparat war zu schleunigstem Gebrauch auf dem Wagen

montiert.

Seitlich und im Hintergrund des Schuppens waren alle erforderlichen

Apparate und Gegenstände aufgestellt oder an Gestellen aufgehängt.

Die volle Ausrüstung der bedienenden Mannschaft, welche sich aus den

wackeren, unerschrockenen Fischern rekrutierte, und von ihrem

selbstgewählten Kommandeur, dem Grafen Hohen-Esp, befehligt wurde, die

Rettungsgeschosse verschiedener Art, Raketen, Mörser und Handgewehre,

Seelenretter, Korkjacken, Gürtel, Schläuche, Riemen, Schlepper, Segel

und Loggleinen, Kompaß, Fernrohr und Handlot, Ölfaß, Eimer, Pfropfe und

Reservedollen, Beil, Anker und Signalflaggen.

Gabriele konnte kaum so schnell schauen, als wie der junge

Lotsenkommandeur an ihrer Seite mit blitzenden Augen erklärte und

beschrieb, und während sie seinen Worten lauschte, streifte ihr Blick

sein lebhaft erregtes Antlitz, und sie begriff es nicht, daß es dasselbe

war, welches vor wenig Augenblicken noch in träumerischem Schwärmen

hinaus auf die blaue See geblickt, dasselbe, welches im Ballsaal so

weibisch schüchtern errötete und mit beinahe blöden Augen um sich

schaute. Hier reckte und dehnte der Bär von Hohen-Esp die kraftvollen

Arme, hier hob er schwere Lasten wie eine Feder hin und her, hier

schritt er fest und selbstbewußt in den schweren Fischerstiefeln über

einen Grund und Boden, welchem er aus eigener Kraft eine edle und hohe

Bedeutung gegeben hatte. Warum hatte ihr kein Mensch zuvor gesagt, daß

sich Guntram Krafft die Rettungsmedaille verdient? Warum heftete er sie

nicht voll Stolz auf die Brust, so wie Heidler seinen Orden trug? -- Und

der war nur ein Kreuzlein, welches ihm ein königlicher Gast des Herzogs,

bei dem er als Ordonanzoffizier Dienst tat, in Gnaden verliehen hatte!

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 71 / 110 题