Gabriele wollte das erste Wiedersehn zwischen Mutter und Sohn nicht
stören, und da bereits der schwere, spornklirrende Schritt Guntram
Kraffts auf den Steinstufen der Vortreppe ertönte und sie die Tür der
Halle nicht mehr erreichen konnte, ohne von dem Eintretenden gesehen zu
werden, blieb sie an dem Fenster stehen und blickte mit nicht gerade
sympathischen Empfindungen dem jungen Mann entgegen.
Wie ungeniert und behaglich hatte man ohne ihn hier gelebt!
Nun wird selbstredend ein gewisser Wandel eintreten und das gemütliche
Zusammensein beeinträchtigen.
Gabriele wird sich gern einem jeden Zwang fügen, welchen der Verkehr mit
einem jungen Herrn mit sich bringt, wenn ihr der Bär von Hohen-Esp nur
nicht mit dem anbetenden Entzücken begegnet, wie in der Residenz!
Das würde ihr furchtbar sein und ihren Aufenthalt hier unmöglich machen,
und doch tät es ihr leid, von der Gräfin und der Burg hier zu scheiden.
Die Gräfin hat sie bereits sehr liebgewonnen, und das alte Bärennest ist
just das, was auf ihr so poetisch veranlagtes Gemüt einen hohen Reiz
ausübt!
Guntram Krafft als Freund -- wie schön wäre das! -- Als Bewerber um ihre
Gunst und Liebe -- wie unerträglich! --
Mit heimlichem Seufzer schlingt sie die Hände ineinander und blickt der
hohen Männergestalt entgegen, welche voll ungestümer Hast über die
Schwelle tritt und mit ausgebreiteten Armen der Gräfin entgegeneilt.
Er hat den weichen Filzhut abgerissen, die blonden Haare fallen etwas
wirr und von dem eiligen Ritt gefeuchtet in die Stirn, und auf dem
heißgeröteten Antlitz liegt ein Ausdruck großer Angst und Sorge, welcher
bei dem Anblick der Gräfin schwindet und einer beinahe
leidenschaftlichen Zärtlichkeit Platz macht.
»Mutter! Du bist hier! Du liegst, Gott sei Lob und Dank, nicht zu Bett?«
Er ruft es mit halberstickter Stimme, neigt sich über den Sessel und
schlingt die Arme um die Gräfin, zart und behutsam, wie man etwas sehr
Zerbrechliches anfaßt.
Sein Blick sucht den ihren, und Gundula küßt seine Lippen, streicht über
sein Haar und sagt innig: »Du guter Mensch! Bist du den ganzen Weg
dahergejagt? Solltest dich ja nicht ängstigen, sondern nur heimkommen!«
Er läßt sich neben ihr auf das Knie nieder, nimmt ihre Hand zwischen die
seinen und blickt noch immer besorgt zu ihr auf.
»Was fehlt dir, Mutter? -- Hast du schon zu dem Arzt geschickt? War es
etwa wieder Atemnot, wie sie damals nach der Influenza kam?«
Gundula lächelt: »Ich werde alt, Guntram Krafft, und mag nicht mehr
allein sein! So treu und lieb Gabriele mich auch hegt und pflegt, gegen
die Sehnsucht hat auch sie noch kein Mittel entdeckt!« und die
Sprecherin wendet plötzlich den Kopf: »Liebe Gabriele ... wo stecken
Sie? -- Sind Sie noch im Zimmer?«
Das junge Mädchen hatte nachdenklich auf das schöne Bild vor dem
lodernden Kaminfeuer geschaut. -- Ja, ein schönes Bild, und eine
gerechtfertigte Angst und Sorge -- und doch schien sie Gabriele nicht
männlich und imponierend! Hatte sie nur ein Vorurteil, daß sie in
Guntram Krafft nie mehr erblickte, als wie das bange Muttersöhnchen,
welches nach wie vor an der Schürze der Mutter hängt?
Ja, er gleicht dem Wulffhardt auf dem Bilde droben, aber welch anderer
Charakter und Mut trotzt auf dem lachenden Gesicht jenes Vorfahren!
Jetzt, als die Gräfin ihren Namen ruft, schrickt er empor, erhebt sich
und weicht jäh zurück. Nun wird er sie wieder anstarren, verlegen
lächeln und erröten, wie damals in der Residenz.
Gabriele tritt langsam von dem Fenster herzu, reicht dem Grafen sehr
gelassen die Hand und sagt zwar freundlich, aber doch sehr förmlich und
kühl: »Ich freue mich, Sie wiederzusehen, Graf Hohen-Esp und hoffe, Sie
gönnen mir ein Plätzchen an der Seite Ihrer Frau Mutter!«
Sie versucht sogar zu scherzen und ist ein wenig überrascht, daß Guntram
Krafft nicht mit entzücktem Lächeln quittiert. Der aber berührt kaum
ihre Hand in flüchtigem Gruß, verneigt sich sehr tief, ohne sie
anzusehen und sagt so fest und ruhig, wie sie seine Stimme noch nie
vernommen: »Ich danke Ihnen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie den
Opfermut besitzen, in diese Einsamkeit zu kommen und meiner teuren
Mutter Gesellschaft zu leisten. Möchte Ihnen Hohen-Esp nicht allzu
eintönig erscheinen!«
Und dann küßt er die Hand der Gräfin und bittet: »Gestatte, Mama, daß
ich mich umkleide, der Ritt war eilig und der Weg grundlos! In kürzester
Zeit stehe ich wieder zu deiner Verfügung!«
»Selbstverständlich, Guntram! Wir warten mit dem Abendbrot auf dich!«
Er verneigte sich noch einmal kurz und spornklirrend vor den Damen und
schreitet durch die Halle zurück.
Nachdenklich blickt ihm Gabriele nach. Welch eine Veränderung ist in der
äußeren Erscheinung des Grafen vor sich gegangen! Wie stattlich und
markig sah er in diesem etwas verwilderten Reitkostüm aus, so ganz
anders, wie in dem hocheleganten, gräßlichen Frack und den Lackschuhen,
welche so geborgt und ungehörig an ihm aussahen. Gewiß wird er sich
jetzt wieder als Dandy zurechtmachen und als sehr schicker, moderner
Jüngling wiederkehren. --