Schade darum! --

Währenddessen stürmte Guntram Krafft die gewundene Holzstiege empor,

nach seinen Zimmern.

Er stieß ungestüm ein Fenster auf und atmete wie ein Erstickender die

kühle Abendluft.

Sein Herz hämmerte zum Zerspringen. Der qualvolle, gefürchtete

Augenblick, das Wiedersehn mit Gabriele war überwunden, aber ihm deuchte

es, als müßte dasselbe sichtbare Spuren in sein Antlitz gegraben haben.

Er hatte es nicht für möglich gehalten, daß er ihre Hand halten, mit

höflichen Worten zu ihr sprechen könne.

Er hatte gezittert vor seiner eigenen Schwäche, oder der wilden,

leidenschaftlichen Heftigkeit, welche gegen dieselbe revoltierte.

Er glaubte, ihren Anblick nicht ertragen zu können, und hatte doch ruhig

und ernst vor ihr gestanden und zu ihr geredet, ohne mit einer Wimper zu

zucken.

Wie war das möglich gewesen?

Weil Gabriele selbst ihm so ruhig, so harmlos, so freundlich gelassen

entgegenkam.

Da zuckte es ihm plötzlich durch den Sinn: »Du Narr! Warum erregst du

dich? Warum fürchtest du es, ihr in die Augen zu sehen? Hast du es nicht

auch in der Residenz getan? Und was ist seit jener Zeit anders

geworden?«

Nichts!

Gabriele ahnt ja nichts von der Indiskretion, welche Thea an ihr

begangen!

Sie läßt es sich nicht träumen, daß der kleine Zettel, auf welchem sie

sich so grausam für ewige Zeit von dem ruhm- und tatenlosen Hohen-Esper

lossagt, wie fressend Gift auf seiner Brust liegt!

Sie weiß es nicht, welche Qualen sein Herz um ihretwillen erduldet, wie

es tropfenweise verblutet ist an dem ersten, großen, namenlos bitteren

Leid, welches es erfahren.

Nein, davon ahnt und weiß sie nichts!

Guntram Krafft reckt sich plötzlich empor und drückt die Hände gegen die

Brust, als sei ein eiserner Panzer, welcher sie eingepreßt, jählings

zersprungen.

Er atmet hoch auf, -- er wirft das Haupt in den Nacken und schließt

momentan die Augen.

Daß er sich darüber nicht schon früher klar geworden ist!

Gabriele kam völlig ahnungslos und harmlos hierher, er braucht weder ihr

Mitleid noch ihren Spott zu fürchten.

Weiß sie denn, wie sehr, wie unaussprechlich er sie geliebt?

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 69 / 110 题