Das geschah. --

Den riesengroßen Schlüsselbund an der Gürteltasche, schritt Gundula mit

ihrem jungen Gast durch die wunderlichen Gemächer, in welchen eine

längst vergangene Zeit gleich einem Dornröschen in tiefem Zauberschlafe

lag.

Wie düster, wie still ringsum.

Die Schritte hallten auf den eingesunkenen Dielen, hier und da huschte

der graue Schatten einer Maus unter altgeschnitztem Schrank oder

silberbeschlagener Truhe hervor.

Am meisten interessierten Gabriele die Ölgemälde in dem Ahnensaal, einem

viereckigen Gemach mit niedriger, getäfelter Decke und Parkettplatten,

welche schreitende Bären als Muster aufwiesen.

Hier hingen die Familienbilder, und Gabriele las ernsten Blickes die

Namen auf den kleinen Schildern, während Gundula wie in tiefen,

schwermütigen Gedanken langsam weiterschritt und mit umflorten Blicken

zurückschaute in eine Zeit, wo sie zum erstenmal am Arm des Geliebten

diesen Saal betreten, ein überglückliches, leidenschaftlich empfindendes

Weib, welches sich bei dem Anblick dieser alten Bilder zu all dem

begeisterte, was sie später für ihren Sohn geschaffen, erstrebt und

erreicht.

Gabriele las mit einigem Befremden unter verschiedenen Gemälden dieselbe

Anmerkung.

Hier eine stolze, markige Männergestalt in schlichtem Wams und hohen

Wasserstiefeln.

»Christoph Kaspar von Hohen-Esp, geb. anno domini 1522, ertrunken den

14. März 1570.«

Und hier eine schlanke, blühende Jünglingsgestalt, blondlockig, mit

lachend hellem Blick -- eine entschiedene Ähnlichkeit mit Guntram

Krafft.

»Wulffhardt von Hohen-Esp, geb. 1481, ertrunken um 1503.«

Und dort --! Dieselbe reckenhafte Gestalt, wie sie fast alle Bären von

Hohen-Esp aufweisen, dieselbe trotzig-feste Stirn, die kühn blickenden

Augen und die energische Hand, welche hier ein breites Schwert über ein

Segelschiff neigt.

»Diethelm von Hohen-Esp, Schirmvogt zu Land und See, geb. 1361,

ertrunken im Kampf gegen seeräuberisch Gesindel um 1433.«

Und hier noch eins -- zwei andere Bilder, mit lateinischen Inschriften,

dem schwarzen Kreuz und der Wiederholung des Spruches: »Und das Meer

wird seine Toten wiedergeben.«

Gabriele wandte sich zu der Gräfin.

»Wie kommt es, daß so viele Grafen ertrunken sind?« fragte sie leise,

»mir deucht es seltsam, daß ein derart seltener Unglücksfall sich so

merkwürdig oft in einer Familie wiederholt!«

Gundula blieb vor dem Bilde Wulffhardts stehen und nickte ihm wehmütig

zu: »Das wundert Sie bei Männern, Gabriele, welche Schirmvögte einer

Küste waren, die sowohl wegen ihrer gefährlichen Strömungen als auch

wegen der Piraten, die in den undurchdringlichen Wäldern hier hausten,

allgemein gefürchtet und verrufen war? Die Bären von Hohen-Esp haben

aufgeräumt mit dem Gesindel, haben manch verwegenen Kampf zu Wasser und

zu Lande mit ihnen bestanden und sind manch armem schiffbrüchigen

Seefahrer in Sturm und Not zu Hilfe gekommen! Und wie gar mancher brave

Soldat seine Treue mit dem Tod besiegelt, so haben auch die Hohen-Esp

ihr Leben im Dienst für Fürst und Vaterland, für Recht und Pflicht

gelassen! -- Sehen Sie dort ... und dort ... und da drüben ... und an

jener Seite dort ... sie alle sind den Heldentod auf dem Meere

gestorben, Väter und Söhne, von den ältesten Tagen -- bis in die heutige

Zeit hinein! Ein ritterlich Geschlecht, dessen schönster Ehrenschmuck

jenes schwarze Kreuz über dem Wappenschild, dessen heiligster Trost der

Spruch des Herrn war: >Und das Meer wird seine Toten wiedergeben!<« --

Gundula schwieg, es war still und dämmerig, und Wulffhardts lachende

Augen hafteten in beinahe unheimlicher Lebendigkeit auf Gabrieles

Antlitz.

Dem jungen Mädchen war es plötzlich so feierlich, als stünde es in der

Kirche.

Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, ihre Wangen färbten sich höher, und

ihr Herz, welches seit jeher so begeistert für Mannesmut und Heldentum

geschlagen, hämmerte in ihrer Brust.

Und während Gundula an das Fenster trat, um es für kurze Zeit zu öffnen,

stand sie und blickte wie im Traum zu Wulffhardts jungem Heldenantlitz

empor.

Ja, er glich Guntram Krafft ... und doch ... nein! da war dennoch keine

Ähnlichkeit!

Hier der kühne, mutige Blick mit den blitzenden Augen und der stolzen

Haltung -- er hatte nichts gemein mit dem schüchternen, errötenden

Nachkommen, welcher nichts ist, nichts leistet ... welcher nur behaglich

hinter dem Ofen sitzt und erntet, was die Mutter gesät!

Gabriele faltet bei diesem Gedanken unmutig die Stirn, wendet sich

hastig und folgt der Gräfin, welche ihr zu der Waffenhalle

vorausschreitet, vor deren schmiedeeisernen Tür zwei wirkliche, echte

Bären, ausgestopft, staubig und mottenzerfressen, aber dennoch durch

ihren Anblick Grausen erregend, die Wache halten.

* * * * *

Von Tag zu Tag gewann Gabriele die Gräfin lieber, und auch Gundulas Herz

schlug immer wärmer und zärtlicher für das anmutige Mädchen, an welches

sich ihre liebsten und geheimsten Zukunftspläne knüpften.

Der fast ununterbrochene Verkehr im einsamen Hause führte die Menschen

schneller zusammen und gestaltete auch das Verhältnis zwischen Gundula

und ihrem jungen Gast von Stunde zu Stunde inniger.

Das sehr ruhige, ernste und doch liebenswürdige Wesen des Fräulein von

Sprendlingen war der alternden Frau sehr sympathisch, die große

Aufrichtigkeit, ihr ehrliches Bestreben, sich nützlich zu machen und

fleißig zu sein, sowie ihre anmutige Schönheit gewannen ihr vollends ihr

Herz.

Immer ungeduldiger sah sie dem Tag entgegen, an welchem Guntram Krafft

heimkehren wollte, und nun verschob er diesen Zeitpunkt bereits zum

drittenmal und deutete an, daß er fürerst überhaupt noch nicht an die

Heimreise denke.

Die regnerischen Tage hatten lachendem, sonnenhellem Frühlingswetter das

Feld geräumt, und Gabriele schritt zum erstenmal an der Seite der Gräfin

in den Park hinab.

Der Inspektor trat den Damen mit respektvollem Gruß entgegen, starrte

einen Augenblick wie gebannt in das reizende Mädchengesicht, dessen

Anblick ihm so überraschend wurde und in dieser kalten Welt doppelt

wohltat, und meldete der Gräfin mit etwas unsicherer Stimme, daß das

neue Reitpferd, welches der Herr Graf angekauft habe, nach Walsleben

nachgeschickt werden solle.

»Das ist ein Unsinn, lieber Möller! Ich hoffe, daß mein Sohn dieser Tage

zurückkommt, und will auf alle Fälle erst noch einmal schreiben, ehe dem

Tier der unbequeme Transport zugemutet wird!«

»Befehl, Frau Gräfin!«

Die Damen schritten weiter, und Gabriele blickte voll harmlosen Staunens

zu der Burgherrin auf.

»Seit wann reitet Ihr Herr Sohn so gern, daß er sich sogar das Pferd

nachkommen lassen will! Er sagte mir doch in der Residenz, daß der

einzige Sport, welchen er eventuell gern ausübe, das Rudern sei?«

Gundula war stehengeblieben und starrte die Sprecherin an, als höre und

verstehe sie nicht recht.

»Mein Sohn _sagte_ Ihnen ...« wiederholte sie langsam, »ja, um alles in

der Welt, _kennen_ Sie ihn denn, Gabriele?«

Gabrieles große Augen blickten ebenso erstaunt wie die der Gräfin.

»Ja, gewiß! Ich lernte den Grafen in der Residenz auf einem Hofball

kennen und nahm an, daß ich es seiner gütigen Fürsprache verdankte, hier

im Hause aufgenommen zu sein! Hat Ihr Herr Sohn meinen Namen nicht

erfahren?« --

Gundula schüttelte langsam den Kopf. »Kein Wort hat er mir davon gesagt

... und er sah doch sogar Ihr Bild, Gabriele!«

Das junge Mädchen schritt ruhig an der Seite der Sprecherin weiter. »O,

so hat er mich wohl gar nicht wiedererkannt! Er hat so unendlich viele

fremde Gesichter zu sehen bekommen und so viele Namen gehört, daß es nur

ganz natürlich ist, wenn er die einzelnen nicht im Gedächtnis behielt!«

Gundulas Augen bekamen plötzlich einen auffallenden Glanz.

»Aber er tanzte mit Ihnen?«

»Doch nicht, Frau Gräfin. Der Graf kam sehr spät zu mir, da waren meine

Tänze vergeben!«

»So bat er wenigstens um einen?«

»Er war so höflich!«

Ruhig und gleichmütig wie stets klang ihre Stimme.

»Und holte sich keine Extratour?«

»Auch dabei waltete ein Mißgeschick. Gerade als wir tanzen wollten,

schwieg die Musik.«

»Ach, das hat er gewiß sehr bedauert. Plauderten Sie nicht zur

Entschädigung zusammen?«

»Bei Tisch, gnädigste Gräfin. Ihr Herr Sohn saß neben mir. Sehr viel

sprachen wir aber nicht, und was wir sprachen, weiß ich nur noch dem

Sinne nach. Wir waren verschiedener Ansicht, -- der Graf liebte das

Meer, ich nicht. Sehr liebenswürdig erschien ich ihm sicherlich nicht,

wenn er überhaupt meinen Worten Wert beilegte, was ich bezweifle.«

»Die Jugend war nicht plaziert bei Tisch?«

»Nein, nur die verheirateten Herrschaften!«

»So wählte Guntram Krafft selber den Platz an Ihrer Seite?«

Gundula sprach heiter und sehr ruhig, wohl nur, um die Unterhaltung

fortzuführen.

»Ihr Herr Sohn war sehr fremd in der Gesellschaft, und da ich ihm

zufällig schon bekannt war, so dachte er wohl ...«

»Sie waren ihm schon bekannt?«

»Durch einen kleinen Unfall, welchen ich mit dem Schlitten auf der

Straße der Residenz erlitt. Der Graf kam mir zu Hilfe, richtete den

Schlitten auf und sammelte mich aus dem Schnee empor!« -- Gabriele

lächelte.

»Ich dankte meinem Retter in der Not, doch stellte er sich in der Eile

nicht vor und erfuhr auch meinen Namen nicht!«

»Und dann sahen Sie sich erst auf dem Hofball wieder?«

»Einmal saß mir der Graf noch im Theater gegenüber, doch lernten wir uns

dort nicht kennen.«

Die Burgherrin von Hohen-Esp fragte noch so mancherlei, und Gabriele

erzählte von dem Leben und Treiben in der Residenz. Sie kannte so viele

Menschen, für welche sich die Gräfin noch lebhaft interessierte, und so

legten die Damen den Spaziergang in sehr angeregter Unterhaltung zurück.

In der darauffolgenden Nacht lag Gundula mit weitoffenen Augen schlaflos

in den Kissen. Ihre Wangen brannten in heißem Rot, und ihre Lippen

lächelten.

Eine außerordentliche Aufregung hatte sich der einsamen Frau bemächtigt,

seit sie durch Gabriele erfahren, daß Guntram Krafft sie bereits kannte.

Da war es, als ob plötzlich ein Schleier vor ihren Augen zerrissen sei.

Sie entsann sich plötzlich der seltsamen Veränderung, welche mit dem

jungen Mann vor sich ging, als er Gabrieles Bild sah, -- sie rief sich

sein Benehmen in das Gedächtnis zurück und hatte den Schlüssel dafür

gefunden.

Guntram Krafft hatte sein Herz an das auffallend reizende Mädchen

verloren, das bewies ihr sein Verhalten auf dem Balle und seine Erregung

bei dem Anblick ihres Bildes.

Gabriele gab es selber ehrlich zu, daß sie nicht sonderlich

liebenswürdig zu ihm gewesen sei; das hatte der weltfremde, unerfahrene

Mann für eine direkte Abweisung gehalten und ergriff in planloser

Verwirrung die Flucht.

Und so wie er damals die Residenz um des jungen Mädchens willen verließ,

so kehrte er auch jetzt in der ersten Aufregung Hohen-Esp den Rücken, um

ein Wiedersehen zu vermeiden.

Die Gräfin lächelte.

Welch ein Kinderherz! als ob sich diese Flucht auf die Dauer durchführen

ließe!

Vielleicht macht ihn seine Liebe auch scheu und befangen -- er flieht

aus Verlegenheit. Seine Schwermut, sein so ganz verändertes Wesen seit

der Heimkehr, bestätigten diese Ansicht.

Und nun fügt es Gottes Gnade und Barmherzigkeit, daß die Mutter selber

die Geliebte des Sohnes unter sein Dach führt!

Welch eine wunderbare, unbegreifliche Fügung! Wäre tatsächlich von

Gabrieles Seite eine schroffe und definitive Abweisung erfolgt, so wäre

das junge Mädchen nach Anlage ihres Charakters nie nach Hohen-Esp

gekommen. Auch hätte sie nie so ruhig und gleichmütig von Guntram Krafft

gesprochen.

Gabriele ist durchaus ahnungslos, und ihre Ruhe und Gelassenheit sind

echt.

Gundula besitzt Menschenkenntnis, und weil sich ihre liebsten und

sehnsüchtigsten Pläne an das junge Mädchen knüpfen, hat sie dasselbe mit

dem argwöhnischen Scharfblick einer sorgenden Mutter beobachtet. Das

Resultat dieser Beobachtungen war ein sehr günstiges, denn die große

Aufrichtigkeit, welche Gabriele hier und da vielleicht etwas schroff

erscheinen ließ, schätzte die Gräfin als eine Garantie dafür, daß sie

nie aus Heuchelei oder Berechnung nach dem Ehering streben wird.

Guntram Krafft ist noch zu jung und weltfremd, um dies richtig zu

beurteilen, und wenn Gabriele selber sagt, daß sie ihm wohl nicht

liebenswürdig erschien, weil sie absprechend über Meer und Strand

geurteilt, so ist der Schwärmer Guntram möglicherweise tief verletzt vor

dieser Offenheit.

Auf alle Fälle ist es seine Absicht, Hohen-Esp um Gabrieles willen fern

zu bleiben, und mit Vernunftsgründen richtet man bei verliebten Leuten

nichts aus; also muß die Gräfin eine kleine List gebrauchen, den

Flüchtling heimzuholen. Der Zweck heiligt die Mittel.

Im Verkehr mit Gabriele wird sie den Sohn alsdann unauffällig

beobachten, und es wird ihr nicht schwerfallen, seines Herzens

heimlichste Gedanken zu erforschen.

Die Ehen werden im Himmel geschlossen, und wäre Gabriele nicht für ihren

Liebling bestimmt, so würde Gott der Herr sie nicht in so wunderbarer

Weise hierher in die Einsamkeit geführt haben.

Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief die Gräfin ein, und als sie

früh am Morgen erwachte, schrieb sie alsogleich ein paar Zeilen an

Guntram Krafft.

Sie teilte ihm mit, daß sie sich nicht wohl fühle, daß sie die Nacht

meist schlaflos verbracht, sie sei eine alte Frau, welcher jeden

Augenblick etwas zustoßen könne. Die Abwesenheit ihres einzigen Kindes

sei ihr ungewöhnt und beunruhige sie, die Sehnsucht nach ihm wirke

nachteilig auf ihren Zustand ein. So lieb wie sie Gabriele in der kurzen

Zeit schon gewonnen habe, sei ihr dieselbe doch eine Fremde, welche den

Sohn nicht ersetzen könne. Außerdem sei der alte Klaaden einige Male

dagewesen, um voll Ungeduld nach dem Herrn zu fragen, wahrscheinlich sei

seine Anwesenheit aus irgendeinem Grunde dringend notwendig. -- Und zum

Schluß bat sie den Sohn, unverzüglich abzureisen und zu kommen, falls er

sie nicht noch kränker machen wolle!

Ein beinahe schelmisches Lächeln spielte um Gundulas sonst so herbe und

ernst geschlossene Lippen, als sie das Schreiben adressierte und durch

einen reitenden Boten sogleich besorgen ließ.

Nun wußte sie es bestimmt, daß Guntram Krafft noch an demselben Tage

eintreffen werde. --

Aber ihre kleine Komödie mußte sie nun durchführen, und darum klagte sie

auch Gabriele, daß sie eine schlechte Nacht gehabt und sich leidend

fühle.

Das junge Mädchen war aufrichtig erschreckt und besorgt und bemühte

sich, auf jede Weise die Kranke zu hegen und zu pflegen. Da sah Gundula,

welch ein weiches, zärtliches Gemüt sich hinter all der ernsten

Gemessenheit ihres Wesens versteckte, und sie freute sich dessen von

Herzen.

Auch beobachtete sie es voll Interesse, mit wieviel Verständnis und

Umsicht Fräulein von Sprendlingen das ihr so ungewohnte Amt einer

Hausfrau übernahm und die Gräfin in Küche und Keller ersetzte.

Da lag es wie ein milder Sonnenglanz auf dem schönen, bleichen Antlitz

der »Frau Herzeleide«, und zum erstenmal seit langen, schweren Jahren

brannte ihr Herz in lebhafter, freudiger Erwartung auf ein Glück,

welches sicher kommen mußte, -- sicher und bald, das fühlte sie.

* * * * *

Als Gabriele in die große, gewölbte Küche trat, sah sie eine dunkel

gekleidete, trübselig dreinschauende Frau, welche in einem Topf Essen

empfing und mit bescheidenem Dank und Gruß davonschritt.

»Wer war die Frau? Eine Kranke?« fragte Gabriele die Mamsell.

»Nein, gnädiges Fräulein, das war die Witwe des Fischers Riek, welcher

bei der letzten Rettung der Schiffbrüchigen von dem Wrack der >Sophie

Johanne< ertrunken ist.«

Ertrunken!

Gabriele sah plötzlich die Bilder aus dem Ahnensaal vor sich, unter

denen neben schwarzem Kreuz dieses Wort geschrieben stand.

»Es ertrinken wohl viele Männer hier?« fragte sie nachdenklich.

Die Alte nickte laut seufzend. »Daß Gott erbarm! Ach, gnädiges Fräulein,

es ist ein gar saures Stückchen Brot, welches die Fischer und Seeleute

essen, und trägt wohl jeder alle Stund' sein Totenhemde auf dem Leibe.«

»Ich habe gar nicht gedacht, daß es so sehr gefährlich ist, auf dem

Wasser zu fahren!«

»Im Binnenlande kann man sich das wohl meist nicht recht vorstellen!

Wenn man die See aber einmal recht bös und grob gesehen und den Sturm

aus Nordost pfeifen hörte, dann begreift man's.« --

»Kommt das oft vor?«

»Mehr wie zu oft, Gott sei gelobt, daß es gerade jetzt, wo der Graf

abwesend war, nicht arg geweht hat!«

»Der befindet sich ja auf dem Lande in Walsleben! Da ist doch keine

Gefahr für ihn!«

Es zuckte wie herber Spott um die Lippen der Sprecherin, aber die

Mamsell sah es nicht, sie zerstampfte eifrig die Kartoffeln für den

Schweinetrog.

»Für ihn nicht, bewahre! Aber für die Seefahrer! Und wenn was passiert

wäre -- meinte noch gestern der alte Klaaden -- so hätten sie mit den

neuen Apparaten doch noch nicht ohne den Grafen zuwege kommen können!«

»Ah -- der Graf unterweist sie darin?«

»Wer anders denn er! -- Ja, wenn der junge Herr nicht wäre, gnädiges

Fräulein!«

Gabriele sah zwar noch nichts so Unersetzliches und kein so gewaltiges

Verdienst darin, die Fischer ein wenig anzuleiten, aber sie nickte

zustimmend und schritt weiter nach dem kleinen Küchengarten, welcher im

hellen Sonnenschein seine jungen Kräutlein und frischerschlossenen

Kirschblüten badete. Fern sah sie einen Strich der blauen See glänzen,

so still und blau, wie sie damals in Heringsdorf vier Wochen lang

gelegen, und sie schüttelte gedankenvoll den Kopf und begriff es nicht,

daß dies glatte Wasser so gefährlich und unheimlich sein sollte.

* * * * *

Da es in dem großen, hallenartigen Speisezimmer noch kalt war, brannte

ein loderndes Kaminfeuer, und Gräfin Gundula hatte ihren Sessel nahe

hinzurücken lassen und verlangte nach ihrem Spinnrad.

»Ich kann es nicht ertragen, die Hände so müßig zu falten!« antwortete

sie auf Gabrieles besorgte Bitte, heute ruhig zu bleiben, und als das

Rad fröhlich schnurrte und der Faden lief, ließ das junge Mädchen die

feine Stickarbeit sinken und blickte mit leuchtenden Augen zu.

»Wie schön! Wie poetisch das ist! O, das möchte ich auch lernen, Frau

Gräfin!«

»Gewiß, liebe Gabriele, meine Mägde spinnen alle und können Ihnen

sogleich ein Rad leihen! Ich bin so sehr für das eigengesponnene Leinen!

Es ist derb und hält bedeutend länger als gekauftes Gewebe, namentlich

in der Küche und für das Gesinde ist es durchaus praktisch!«

»So darf ich mir ein Rad holen?«

»Selbstverständlich; ich unterweise Sie gern!«

Gabriele eilte davon und trug sich nach kurzer Zeit ein Spinnrad herzu.

»Dieses >Radeln< ist mir lieber, wie das moderne,« scherzte die Gräfin;

»wir sind hier gut hundert Jahre zurück gegen die neumodische Welt!«

»Das ist schön, darum wohnt hier noch die Poesie in all ihrer

unverfälschten Schönheit!«

»Sie lieben dieselbe?«

»Über alles. Mama neckte mich oft, daß es für mich besser gewesen wäre,

zu eines König Artus' Zeiten zu leben. Ich begeistere mich so sehr für

alles Ritterliche, Edle, Kühne und Herrliche -- und gerade daran ist

unsere prosaische Zeit so arm.«

»Nicht arm, Gabriele, -- es tritt nur nicht so auffällig hervor wie

ehemals.«

»Gibt es noch Helden im neunzehnten Jahrhundert?«

»Gewiß! Sie ziehen nur nicht mehr in glänzender Rüstung durch das Land

und suchen Frau Aventure im Busch.«

»Unsere Männer und Jünglinge ziehen in den Krieg und werden

totgeschossen, ehe sie dem Feind nur ins Gesicht schauen konnten; das

ist kein heldenhafter Kampf, sondern nur Disziplin und müde Resignation,

welche auf Kommando stirbt!«

»Oho, Gabriele! Dieses resignierte, gehorsame Sterben, dieses treue

Ausharren auf dem Posten, inmitten des feindlichen Kugelregens, ist die

höchste und heiligste Tugend des Soldaten!«

»Das wohl, -- aber mir deucht, dieses kühne Aug' in Auge mit dem Feind,

dieses todesmutige Hineingehen in eine Gefahr ist poetischer, und das

findet sich im kleinen Überrest wohl nur noch bei der Kavallerie, welche

eine schneidige Attacke reitet!« --

»Und der tapfere Infanterist, welcher die Düppeler Schanze -- die

Spichererhöhe im Sturme genommen?« --

»Das ist Todesverachtung! Das erkenne ich auch als schöne und glänzende

Soldatentat an, aber man hat als Mädchen keine rechte Vorstellung

von der Tat des einzelnen! Und gerade diese macht die Poesie des

Heldentums aus! Hätte Parzival, Dietrich von Bern, Ekke oder Beowulf in

der großen Menge mitgekämpft, man hätte nicht die kühne, heldenhafte

Vorstellung von ihren Taten wie so, wo wir jeden ihrer einzelnen Kämpfe

bis auf den kleinsten Schwertstreich verfolgen können! Ich tue unseren

modernen Tapferen vielleicht sehr unrecht mit solcher Ansicht, aber

einem Mädchen verzeiht man es wohl, wenn es sich seine Ideale etwas

eigenwillig bildet. Ich möchte einen Helden _sehen_, seine tollkühne

Tapferkeit selber schauen, und das ist doch nur noch bei einem

waghalsigen Reiter der Fall, welcher alle Gefahren eines Rennens vor

unsern Blicken herausfordert und überwindet!«

Gundula lächelte ganz seltsam. »Sprachen Sie über dieses Thema

vielleicht auch mit meinem Sohn?«

»Ich glaube ja. -- Möglicherweise verargte er es mir.«

Die Gräfin schob das Spinnrad ein wenig zurück und hob lauschend das

Haupt.

Von dem Hof herein tönte Hufschlag, lautes Rufen und eilige Schritte.

Glückselig verklärt blickten Gundulas Augen, sie atmete, wie von Unruhe

und Spannung erlöst, auf und sagte leise:

»Er kommt! Es ist Guntram Krafft!«

Gabriele erhob sich und trat eilig an das Fenster, um hinauszublicken.

»Ja, es ist der Graf!« -- rief sie der Burgfrau zu, und ihre Stimme

klang nicht um einen Hauch erregter wie sonst.

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 67 / 110 题