XVII.

General von Sprendlingen war begraben, und in der Residenz wurde nur ein

einziges Thema besprochen, die finanzielle Lage seiner Gattin und

Tochter.

Wie ein Lauffeuer war es durch die Stadt gegangen, daß der alte Herr

infolge einer ungeheuren Aufregung den Schlaganfall erlitten hatte.

Viele behaupteten, es sei längst kein Geheimnis mehr gewesen, daß der

pensionierte Offizier spekuliert hatte, um den Ausfall des hohen

Gehaltes durch reichere Zinsen auszugleichen.

Seine Damen sowohl wie er selbst waren so sehr verwöhnt, ein Bankkrach

hatte ihm vor kurzem schwere Verluste gebracht -- was Wunder, wenn der

alte Herr dem Beispiel so vieler folgte, welche das Geld für sich

arbeiten ließen, nachdem sie selber als verabschiedete Offiziere die

Hände in den Schoß legen mußten?

Das Glück ist aber heutigentags noch dasselbe wetterwendische und

launische Weib, welches es stets gewesen, und so wandte es Herrn von

Sprendlingen treulos den Rücken, um seinen Goldregen über andere zu

streuen, welche für den Augenblick seine Günstlinge waren.

Der General erhielt die verzweifelte Nachricht, daß alles verloren sei,

just in dem Augenblick, als er sich anschickte, mit Frau und Tochter den

Kavalierball im Hotel St. Petersburg zu besuchen, und sie traf ihn

derart, daß er als ein zu Tode getroffener Mann unter ihr zusammenbrach.

Frau von Sprendlingen schien nicht ganz so unvorbereitet gewesen, wie

man anfänglich angenommen; sie war gefaßter, als man glaubte, und

Gabriele blickte so ruhig und zuversichtlich aus den tränenglänzenden

Augen, daß man wohl annehmen konnte, ihre Zukunft sei durch eine nahe

bevorstehende Heirat gesichert.

In Villa Monrepos vollzog sich voll grausamer Hast und Nüchternheit die

traurige Wandlung, welche derartigen Ereignissen zu folgen pflegt. Die

notwendige Auktion hatte stattgefunden, und die Damen bereiteten sich

zur Abreise vor; denn da sie über keine weiteren Mittel als die karge

Witwenpension verfügten, schien es fraglich, ob sie ein eigenes Heim in

der Residenz gründen konnten. Vorläufig folgten sie der Einladung einer

kinderlosen Verwandten, welche Frau von Sprendlingen und Gabriele für

die Dauer des Trauerjahres zu sich gebeten hatte.

Zum letztenmal saßen Mutter und Tochter in den liebgewordenen Räumen, in

welchen sie so viele, glückliche Jahre verlebt, beisammen. Von allen

Seiten waren ihnen viele herzliche Zeichen von Liebe und Teilnahme

geworden, und fast ununterbrochen kamen und gingen die Visiten, --

lauter gute Freunde, welche den so allgemein beliebten Damen vor dem

Abschied noch die Hand drücken und ihnen Hilfe, Rat und Tat anbieten

wollten. Frau von Sprendlingen stand am Fenster, und ihr erst so

ruhiges, bleiches Antlitz sah plötzlich so verstört, so verzweifelt und

verfallen aus, als sei eine letzte Hoffnung, welche sie im Herzen

gehegt, für immer vernichtet worden.

In der ersten Zeit des Schmerzes und der Aufregung hatte sie an den

Grafen von Hohen-Esp gedacht wie an einen Retter in der Not, welcher

sicher kommen muß, das bitterste Elend von ihnen abzuwenden.

Sie hoffte von Tag zu Tag auf seinen Kondolenzbesuch, -- er blieb aus.

--

Sie brachte es nicht über sich, nach ihm zu fragen, und so erfuhr sie

erst heute zufällig durch eine befreundete Dame, daß Guntram Krafft am

Morgen nach dem Hotelball Knall und Fall abgereist sei, ohne daß jemand

einen Grund für diesen fluchtartigen Abschied wußte. Den Tod des Herrn

von Sprendlingen habe er wohl gar nicht erfahren.

Tränen tiefster Hoffnungslosigkeit glänzten in den Augen der verwitweten

Frau, und als Gabriele an ihre Seite trat, zärtlich den Arm um die

Weinende zu legen, da schluchzte sie laut auf und flüsterte: »Ach, meine

arme, arme Gabriele! Was soll nun aus dir werden?«

Das junge Mädchen hob das Antlitz wie in seligem Vertrauen zum Himmel,

-- es sah in all dem Leid so verklärt und ruhig aus, als sei ihr nie ein

Zweifel an dem Glück der Zukunft gekommen.

»Er liebt mich, Mama!«

»Wer?« --

Da senkte Gabriele das Köpfchen.

»Hans Heidler! -- O, Mütterchen, du ahnst es ja nicht, wieviel liebe

Worte er mir noch auf dem letzten Hofball sagte, wie er mir die Hand

drückte, wie unaussprechlich viel sein Auge mir gestand --«

»Sein Auge, aber nicht seine Zunge!« murmelte Frau von Sprendlingen

bitter. -- »Gabriele, glaubst du wahrlich, daß Heidler je an Heiraten

gedacht -- und daß er sogar _jetzt_ noch daran denkt?«

Das junge Mädchen atmete hoch auf, preßte wie in begeisterter

Versicherung die Hände gegen die Brust und nickte.

»Ja, ich glaube es, ich weiß es bestimmt! Ein Mann, der so ritterlich,

so heldenhaft, so edel ist wie Hans, betrügt kein Mädchenherz.«

»Sprachst du ihn nach Papas Tode?« --

»Ich sah ihn nur bei der Beerdigung! Aber die Weise, wie er mir die Hand

küßte ... wie er mich ansah ...«

Frau von Sprendlingen machte eine ungeduldige Bewegung.

»O Kind! Kind!!«

»Er sagte mir, daß er in den nächsten Tagen kommen werde --«

»Aber er kam nicht!«

»Er wird kommen!«

»Morgen reisen wir ab!«

»So kommt er heute noch! Warum mißtraust du ihm so sehr, Mama? Warum

zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit?« --

Frau von Sprendlingen schlang krampfhaft die Hände ineinander. »Weil ich

die Menschen besser kenne wie du, Kind!« sagte sie gepreßt.

»Du bist jetzt nervös und verbittert, Mamachen, du wirst einsehen, wie

unrecht du ihm tust!«

Das scharfe Klingeln der Hausglocke drang zu ihnen herauf, -- Gabriele

zuckte mit leuchtenden Augen empor, und auch die Baronin blickte wie in

jäher Hoffnung nach der Tür. --

Nach wenigen Minuten stand der Portier auf der Schwelle, er hielt einen

köstlichen Strauß von Orchideen und Tuberosen sowie eine Visitenkarte in

der Hand.

»Eine schöne Empfehlung von dem Herrn Leutnant von Heidler, und er ließe

den Damen herzlichst Lebewohl sagen und eine glückliche Reise wünschen!

Der Herr Leutnant wäre gern selber noch vorgekommen, er ist aber zu

seinem großen Bedauern verhindert!« --

Da die beiden Damen bleich und schweigend wie zwei Marmorsäulen vor ihm

standen und keine Hand sich hob, den Strauß in Empfang zu nehmen, legte

ihn der Sprecher seitlich auf den Tisch.

»Es ist nämlich die Schlittenpartie heute, die der Herr Oberleutnant

arrangierte!« fuhr er fort, mehr aus momentaner Verlegenheit wie aus

Geschwätzigkeit. »Der Enkelin des Herrn Ministers zu Ehren, wie meine

Frau sagt, die hilft ja manchmal in der Küche bei Exzellenz aus, wie die

Damen wissen! Na, da hört sie so mancherlei. -- Der Herr Oberleutnant

ist jetzt beinahe alle Tage da im Hause! Die Fräulein Enkelin soll ja

wohl steinreich sein, darum gibt's so ein Fest ums andere! Ja, und was

ich noch sagen wollte, Frau Baronin, die Koffer werden morgen früh schon

um sechs Uhr abgeholt ... die Dienstmänner können es nicht gut anders

machen ... und ... wie ist es mit einer Droschke, soll ich sie für die

Damen bestellen? -- Ich gehe nachher doch noch mal aus ...«

»Ich danke Ihnen, Hartlich, wir gehen zu Fuß. Die Koffer stehen auf dem

Flur bereit. Guten Abend!«

Der Portier blickte die Sprecherin betroffen an. So geisterhaft hatte er

die Damen noch nie zuvor gesehen, und die Stimme der Gnädigen klang wie

aus dem Grabe.

Er verbeugte sich und ging.

Wie schwer wurde den Ärmsten der Abschied! Du lieber Gott, ja, -- wenn

in solch feine Häuser mal das Unglück hereinbricht, dann liegt es immer

doppelt so schwer als da, wo man gewohnt war, es von Kindesbeinen auf

mit sich herumzuschleppen.

Als sich die Tür geschlossen, breitete Frau von Sprendlingen schweigend

die Arme nach ihrer Tochter aus, und Gabrieles Köpfchen sank wie eine

sturmgebrochene Blüte an die Brust der Mutter nieder.

Sie sprach nicht, nur ein leises Zittern rann durch den weichen,

schmiegsamen, jungen Körper.

Und dann hob sie jählings das Haupt und blickte mit herzzerreißendem

Lächeln empor.

»Ich kann es nicht glauben, daß er nicht mehr kommen _wollte_,

Mama! Er _muß_ ja all diese Vergnügungen arrangieren, er verkehrt

viel im Hause des Ministers, weil man ihn viel einladet! -- Sein Herz

weilt sicher bei mir, Mama! Es ist ja ganz unmöglich, daß diese meine

herrlichste Idealgestalt so kläglich in Dunst und Nebel zerrinne!«

Frau von Sprendlingen küßte die Stirn ihrer Tochter und wiederholte

nur leise: »O, du armes, armes Kind!« -- Dann wandte sie sich zur Tür,

in welcher das Stubenmädchen erschien und mit betrübtem Gesicht die

gnädige Frau um ihr Abgangszeugnis bat. --

Gabriele blieb allein.

Sie stand an dem Fenster und starrte mit erloschenem Blick auf die

stille, winterliche Straße hinab, wo die Sonne auf Eis und Schnee

glitzerte und fröhlich plaudernde Menschen mit den Schlittschuhen

vorübereilten.

Schlittengeklingel ertönte von fern und näherte sich in flottem Tempo.

Gabriele schrak empor, neigte sich vor und starrte mit weitoffenen

Augen hinab.

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 63 / 110 题