Da flogen sie heran, die Rosse, mit den bunten, lustig flatternden
Schneedecken, da klingelten und rasselten die Schellen durch die
schmetternden Musikklänge, und die ersten Schlitten mit den Trompetern
jagten vorüber.
Dann mehrere »Familienschlitten« mit den Müttern, Tanten und Papas, und
dann, als Erster an der Tete der Jugend, Hans von Heidler neben Fräulein
Henny von Larsen. Sie verschwindet beinahe in dem mächtigen, gelben
Löwenpelz, ihr spitzes Gesichtchen ist dem Dragoner zugekehrt, und
dieser neigte sich so vertraut und keck, wie es seine siegesbewußte Art
ist, und lächelt der Kleinen just »tief in die Seele!«
O, Gabriele kennt dieses Lächeln -- diese Augen, diese betörende und
bestrickende Art! --
Ihr Herzschlag stockt, sie neigt sich noch weiter vor und starrt hinab
... ihre Lippen öffnen sich, als wollten sie voll herben Wehes
aufschreien: »Hans! -- Hans! Hast du keinen einzigen Blick mehr für
mich?« --
Nein, er hat weder Blick noch Gedanken mehr für die öde, verlassene
Villa, in welche über Nacht die Armut eingezogen ist.
Der Schlitten fliegt vorüber, ohne daß Herr von Heidler Zeit gefunden,
einen einzigen Blick nach dem Fenster emporzuwerfen, hinter welchem das
bleiche, liebliche Mädchen steht, dem noch vor wenig Wochen seine
leidenschaftlichsten Huldigungen galten. Gabriele taumelt zurück und
sinkt auf einen Stuhl, -- sie schlägt die kalten, zitternden Hände vor
das Antlitz und möchte weinen -- weinen -- daß ihre ganze Seele in den
Tränen dahinschmelze, ... aber ihre Augen bleiben trocken und starr, und
ihr Herz blutet still verborgen aus der Wunde, welche falsche Liebe ihr
so grausam geschlagen. --
* * * * *
Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter
fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu
schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden
verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können.
Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen.
Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn
Gabriele ein anderes Unterkommen fand.
Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. -- Die Stelle
einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft,
war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, -- andere Aussichten
zerschlugen sich ebenfalls.
Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, -- doch stets ohne
Erfolg.
Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine
sehr annehmbar erscheinende Offerte.
Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und
heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die
Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht.
Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in
stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch
schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre
ab. --
Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen
hinaus. -- Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten?
Ach, ihr Schicksal, ihre Zukunft sind ihr so gleichgültig geworden.
Seit sie, kaum drei Wochen nach ihrem Scheiden aus der Residenz, Herrn
von Heidlers Verlobung mit Henny, der reichen Erbin, las, und sehr bald
danach durch den Brief einer Freundin aus der Heimat erfuhr, daß die
Hochzeit des schneidigen Dragoners trotz der großen Jugend der Braut
schon in den ersten Tagen des Mai stattfinden solle, -- war die Welt
leer und tot für sie geworden.
Der Mann, welchen sie bewundert, verehrt, vergöttert hatte, trat ihr
Herz voll egoistischer Rücksichtslosigkeit unter die Füße. --
Er, der kühne, mutige und unerschrockene Held, war zu feige gewesen, den
Kampf um die Existenz an der Seite eines geliebten Weibes aufzunehmen.
-- Und _diese_ Entäuschung traf Gabriele herber als der Verlust ihres
eigenen Glückes.
* * * * *
Als Guntram Krafft so unvermutet schnell nach Hohen-Esp zurückgekehrt
war, ruhten die Augen der Gräfin voll bangen Forschens auf dem ernsten
Antlitz des Sohnes, als könne sie die Gedanken hinter seiner Stirn lesen
und die Gründe erforschen, welche ihn so plötzlich heimgetrieben.
»Warum kommst du schon jetzt zurück, Guntram Krafft? Ist dir etwas
Unangenehmes begegnet?«
Er blickte ihr, ganz gegen seine Gewohnheit, nicht in die Augen.
»Wenn du alle gescheiterten Hoffnungen betreffs einer eigenen
Rettungsstation unangenehm nennst, dann freilich ist mir viel
Ärgerliches begegnet!«
»Und nur darum bist du Hals über Kopf abgereist?«
Er antwortete nicht direkt auf diese Frage, sondern er strich sich
langsam die blonden Haare aus der Stirn.
»Ich bekam Heimweh, Mutter!« sagte er leise, mit einem beinahe
schwermütigen Klang in der Stimme, »es gefiel mir nicht zwischen all den
fremden Menschen. Ich kam mir so überflüssig, so vereinsamt dort vor.
Ihre Interessen sind nicht die meinen, ihre Sitten und Ansichten sind
neu, die meinen alt. Ich verstehe das Tanzen und Plaudern gar nicht,
oder doch sehr schlecht im Vergleich zu den andern Herren. Die Leute
waren nicht unfreundlich zu mir, aber auch nicht so, daß ich mich
tatsächlich unter ihnen wohlgefühlt hätte. -- Dazu wehte der Sturm so
vorwurfsvoll daher und mahnte mich, da es gerade jetzt viel ernste
Arbeit daheim gäbe. -- Da hielt es mich nicht länger. Ich sehnte mich
heim zu dir, Mutter, -- hier ist mein Platz! Du hast mich lieb ...
gleichviel wie ich bin!« --
Die letzten Worte klangen noch leiser und wehmütiger wie zuvor, und
Gundula trat neben seinen Sessel und drückte voll weicher Innigkeit das
Haupt des Sohnes an die Brust.
Ihr Blick ward nachdenklich und verschleiert, wie eine bange Sorge kam
es plötzlich über sie.
Waren dies die Früchte, welche sie von ihrer starren und eigenwilligen
Erziehung erntete? Hatte sie ihr Kind der Welt und dem Leben so völlig
entfremdet, daß es nun einsam und verlassen blieb, sein Leben lang?
Wiederum durchbebte die alte Bitterkeit ihr Herz.
Hatte sie darum zeitlebens gearbeitet und rastlos geschafft, die
verlorenen Güter zurückzuerwerben, um ihren Sohn als trübseligen alten
Junggesellen darauf zurückzulassen? Oder war es eine heimliche
Kinderliebe, welche Guntram Krafft so fest und treu im Herzen saß?
Er hatte stets so gern mit Mike, der blonden kleinen Fischerdirne
gespielt, -- er hatte als Jüngling im Dorfkrug mit ihr getanzt ... wäre
es möglich, daß er sein Herz an sie verloren, trotzdem die Gräfin ihn so
sorgsam in den Ansichten, Manieren und Pflichten seines Standes erzogen
hat? --
Gundula seufzte tief auf.
Je nun, mußte sie das Glück für ihr Kind auch tief, tief von unten
heraufholen ... es soll ihm werden, -- besser er freit ein
Fischermädchen, als keine.
Die anfänglich so schwermütige Stimmung des jungen Grafen schwand von
Tag zu Tag. Der Sturm heulte daher und schien nur auf die Rückkehr
Guntram Kraffts gewartet zu haben, um seine gewaltige Kraft mit der des
Bären zu messen!
Da gab es keine müßige Zeit mehr, da war es vorbei mit dem wehmütigen
Sinnen und Grübeln!
Täglich fast gab es schwere Arbeit!
Schiff in Not! -- -- Und der Bär von Hohen-Esp reckte voll kühnen Muts
die Pranken, scharte seine Getreuen um sich und warf sich in tollem
Wagemut gegen die brandende Flut, der Tiefe ihre Opfer zu entreißen.
Die Kälte ward von Tag zu Tag grimmiger, am Hamelwaat knirschte das Eis
... das war die böseste Zeit.
Zwei Tage lang lag der Nebel dick und fest wie ein Brett vor der See;
als ihn ein neu einsetzender Sturm auseinanderriß, stürzte ein Schiffer
zur Burg und meldete, daß aus dem Waat das Wrack eines gesunkenen
Schoners rage. In den Masten sei noch Mannschaft zu erkennen. Das war
ein fürchterlicher Tag und eine grauenvolle Fahrt! --
Das erste Boot zerschellte in der Brandung, und Guntram Krafft und seine
freiwilligen Lotsen konnten selber kaum geborgen werden; doch kaum, daß
sich die Erschöpften erholt, bemannte der Graf ein zweites Boot, welches
er in aller Eile zweckmäßig eingerichtet hatte.
Er ließ den fehlenden Luftkasten durch leere Fässer, welche möglichst
gut verspundet und unter die Duchten gelascht wurden, ersetzen, ließ
Ballast einlegen und einen Lenzsack nachbugsieren, um das Boot möglichst
vor See zu halten und ein Beidrehen zu verhindern.
Dann ging es mit frischem Mut abermals hinaus, und nach zweistündiger
schwerer Arbeit brauste das jubelnde Hurra der Heimkehrenden durch das
Heulen der Flut. Sie hatten sechs Mann eingeholt. --
Kaum, daß man die Schiffbrüchigen noch zu den Lebenden zählen konnte.
Zwei Tage und Nächte lang waren sie ohne Nahrung gewesen, ihre Lage in
der Takelage bei Sturm und bitterer Kälte bedeutete eine geradezu
unbeschreibliche Qual.
Gräfin Gundula ließ die Geretteten nach Hohen-Esp schaffen und nahm
ihre erfrorenen Glieder in Pflege, bis ein Arzt zur Stelle war.
Diese heldenmütige Rettung wurde bekannt. Guntram Krafft und seine
Lotsen erhielten die Rettungsmedaille und ein ansehnliches Geldgeschenk,
und mit leuchtenden Augen stürmte der Graf in das Zimmer seiner Mutter:
»Nun können sie heiraten! Ich habe meinen Anteil an Jöschen abgetreten,
dann reicht's zur Ausstattung, und den kleinen Katen am Seehaus habe ich
ihm ja schon lange versprochen, den kann er sich in Gottes Namen zur
Wohnung einrichten!«
»Jöschen will heiraten?« fragte die Gräfin überrascht; »davon ahne ich
nichts; wen hat er sich zum Schatz genommen?«
»Nun, die Mike! -- Die beiden sind doch schon seit Kindesbeinen an
Brautleute!« lachte der Bär von Hohen-Esp. »Wie manch liebes Mal hat der
Jöschen ihr seinen Apfel geschenkt, und als er von der Marine zurückkam,
brachte er ihr schon den Ring mit. Es sollte nur nicht laut werden, bis
sie Aussicht hatten zu freien, -- sind ja beide so blutarm! Aber nun ist
das Geld beisammen, und ich denke, sie warten den Mai kaum ab!«
Gundula blickte starr in das frisch gerötete Antlitz des Sohnes.
Mike heiratet den Jöschen! Und Guntram Krafft erzählt es ihr mit
lachendem Munde. Nein, so sieht keiner aus, der selber in das Mädel
verliebt ist.
Nachdenklich senkt die Gräfin das Haupt, ihr Sohn aber setzt sich nahe
an ihre Seite und nimmt zärtlich ihre Hand zwischen die seinen.
Er sieht sie an, -- so kindlich bittend wie stets, wenn er etwas auf dem
Herzen hat.
»Mutter!« --
»Was willst du?« --
»Warst du zufrieden mit unserer Arbeit?«
»Sehr zufrieden, Gott lohne sie euch!«
»Sie hat aber einen schweren Verlust für uns bedeutet!«
»Wieso das?«
»Unser einzigstes Rettungsboot, welches wir mit so vieler Mühe als ein
Peake-Boot zurechtgemacht hatten, ist von der See zerschlagen!«
»Oh! -- Es wird sich Ersatz finden!«
»Mutter!« flüsterte Guntram Krafft und legte den Arm um die Gräfin:
»Möchtest du mich wohl einmal recht glücklich sehen?«
»Welche Frage!«
»Du botest mir jüngst an, -- ich solle auf Reisen gehen, -- fremde
Länder und Völker sehen ...«
»Ganz recht! Hast du dich entschlossen?«
»Nein, Mutter. Ich möchte dich aber recht inständig bitten, mir das
Geld, welches solch eine Reise kostet, zu geben!«
»Wozu das?«
Guntram Krafft hob mit leidenschaftlicher Bewegung das Haupt.
»Es ist seit Jahren mein sehnlichster Wunsch, eine regelrechte
Rettungsstation hier zu errichten. Mit der nötigen Ausrüstung und
Unterstützung brauche ich meine braven Jungens nicht annähernd so zu
exponieren wie jetzt. Von fremder Seite haben wir keine Unterstützung
zu erwarten, -- _wollte_ man uns helfen, so hätte man es jetzt
getan, nachdem die Rettung der Schiffbrüchigen die Aufmerksamkeit auf
uns gelenkt. -- Da heißt es also -- hilf dir selber! Ich habe keine
andere Passion, keine anderen Interessen mehr auf der Welt, als wie das
Rettungswesen, ich kenne keinen höheren Wunsch, als aus eigenen Mitteln
einen Schuppen mit Ausrüstung, Boot und Apparaten hier aufzustellen.«
Gundula sah dem Sprecher tief in die Augen.
»Wenn es dir ernstlich darum zu tun ist, so steht der Ausführung deines
Planes gewiß nichts im Wege!«
»Mutter!« -- Der Graf war dunkelrot geworden, »und das Geld dazu?« --
»Du bist majorenn und kannst über dein Vermögen verfügen!«
Er umkrampfte die schlanke Hand der Gräfin: »Mein Vermögen? Alles, was
wir besitzen, hast du verdient, es ist dein Eigentum, Mutter ... und
zehntausend Mark ist wohl das mindeste, was ich benötige!«
Gundula lächelte; zum erstenmal sah ihr ernstes Antlitz beinahe heiter
aus in dem Gefühl, dem Sohn, welchen sie über alles liebte, einen Wunsch
erfüllen zu können.
»Du weißt, daß ich für _dich_ arbeitete, und du hast mir seit Jahren
redlich dabei geholfen. Die zehntausend Mark hast du dir selber
reichlich verdient. Wie du sie anwenden willst, ist deine Sache -- sie
liegen bereit!«
Das Antlitz des Grafen spiegelte die unaussprechliche Freude, welche er
empfand. Er schlang die Arme um die Sprecherin und dankte ihr so
strahlend glücklich, als sei das Geld ihm zu Genuß und Vergnügen, nicht
aber für fremde Not gespendet.
Seit langer Zeit hatte man Guntram Krafft nicht so heiter und lebhaft
mehr gesehen, wie jetzt, wo er voll ungeduldigen Eifers sogleich den Bau
des Rettungsschuppens in Angriff nehmen und seine notwendige Ausrüstung
herstellen ließ.
Alles leitete und ordnete er selbst, und bei der regen Beschäftigung
blieb ihm keine Zeit, trüben Gedanken nachzuhängen.
Die Gräfin atmete, wie von Zentnerlasten befreit, auf.
Sie glaubte nun überzeugt zu sein, daß keine unglückliche Liebe das Herz
des Sohnes erkranken ließ und seine zeitweise, unerklärliche Schwermut
in der Tat nur dem Kummer entsprang, welchen seine vergebliche Mission
in der Residenz ihm verursacht.
Gundula grübelte und sann, wie sie ihren Liebling zu einem glücklichen
Mann und Gatten machen könne.
Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu
ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier
aufzutreten.
Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser
wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat.
Da kam ihr ein guter Gedanke.
Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge
Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten
Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am
passendsten für ihren Plan erschien.
Zu dicken Stößen kamen die Briefe an.
Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die
Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften
Interesses ein Schreiben nach dem andern.
Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein
jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches
ihr so recht von Herzen sympathisch war.
Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin
von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt
jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes
Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren
Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.
Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und
anspruchslos.
Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu
den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie
Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.«
Ein guter Name. -- Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele,
23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen,
geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle
als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode
ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem
Kinde zu trennen.
Gundula nickte nachdenklich vor sich hin. Eine Witwe, welche ein
Unterkommen für die Tochter sucht ... Arme Frau!
Wieder und wieder nahm sie Gabrieles Bild zur Hand, auch dann noch, als
sie alle anderen Schreiben geöffnet und die Photographien recht
gleichgültig beiseitegelegt hatte.
Wie eine geheime, unerklärliche Gewalt zog es sie zu dem entzückenden
Antlitz mit den rätselhaften Augen.
Ein Bild täuscht ja sehr, vielleicht war die Kleine in Wirklichkeit
nicht annähernd so sympathisch; aber gleichviel, darauf mußte man es
eben ankommen lassen und es abwarten, ob Fräulein von Sprendlingen dem
Geschmack Guntram Kraffts entsprechen wird.
Kurz entschlossen griff die Gräfin zu Feder und Papier und schrieb an
Frau von Sprendlingen, daß sie gewillt sei, ihre Tochter voll herzlicher
Freundlichkeit in ihrem Hause aufzunehmen.
* * * * *