Er starrte sie momentan an. »Warum sprechen Sie nicht weiter, Gräfin?«

»Wollen Sie es durchaus, daß ich von Gabriele spreche?«

»Und wollen Sie es durchaus _nicht_?«

Sie seufzte: »Ich möchte Ihnen so gern alles Unangenehme ersparen! Ich

meine es gut mit Ihnen, Graf, und bin auf Gabriele so sehr ... so

ernstlich böse!«

Er hatte nur die ersten Worte gehört und zuckte unmerklich zusammen.

»Ich höre lieber Unangenehmes, wie gar nichts!« sagte er leise. »Und Sie

sind so gut und rücksichtsvoll zu mir, Gräfin, daß aus Ihrem Munde

sicherlich auch das Schlimmste noch erträglich klingt!«

Wieder traf ihn ihr Blick, in so herzlicher, ehrlicher Trauer, daß es

ihm ganz wundersam zumute ward.

»Nein, Graf, ehe ich Ihnen so etwas unerhört Beleidigendes sagte, eher

bisse ich mir die Zunge ab!« sagte sie erregt. »Ich finde meine Mission

sowieso trostlos genug, denn wenn es nach mir ginge, sollten Sie

wahrlich glücklich sein! Hätte es mir Gabriele nicht _schriftlich_

gegeben, ich würde nie ...«

Er hatte sie erst mit warmem Dankesblick angesehen, jetzt hob er jäh das

Haupt und unterbrach sie.

»_Schriftlich_ gegeben?« wiederholte er erstaunt.

Sie zog ein Notizbüchlein aus dem Kleid und entnahm ihm einen Zettel,

zog denselben jedoch hastig zurück, als Guntram Krafft mit allen Zeichen

großer Erregung danach greifen wollte.

»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen _diesen_ Zettel zeige, begehe ich eine große

Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu

einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich

nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie

mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich

interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte,

Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser

Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« --

»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...«

»Nur unter einer Bedingung ...«

»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!«

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen

heilig ist, daß _nie_ ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten --

jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu

zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?«

»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem

offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein.

»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf!

Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!«

»Ich bitte darum!«

»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von

Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich

ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre

schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf

ihrem Schoß. -- »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch

machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen,

weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! --

Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber

Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen,

die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun

einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!«

»O, wie schade, daß Sie die Freundin nicht sehen konnten!« -- Er strich

mit der Hand über die Stirn, seine Stimme bebte vor Ungeduld.

»Ich ging nach Hause und versuchte mein Heil schriftlich. -- Wahrlich,

Graf, ich habe es sehr diskret angefangen und begreife nicht, wie

Gabriele sogleich an Heiraten denken konnte, aber derart verwöhnte

Mädchen wie sie wittern ja überall einen Heiratsantrag; selbst aus

meiner durchaus harmlosen Plauderei las Gabriele einen neuen Sturm auf

ihr so kaltes, anspruchsvolles Herzchen heraus. Hier, lesen Sie selber,

in welch unerhört beleidigender Weise sie mir antwortet!«

Die Sprecherin reichte brüsk den Zettel dar, und Guntram Krafft nahm ihn

und neigte das Haupt tief darauf hernieder.

Theas Blick heftete sich scharf auf sein Antlitz, sie sah, wie es

erbleichte, wie sein Auge starr und glanzlos auf den Zeilen ruhte.

Regungslos saß Graf Hohen-Esp, -- sein Atem ging schwer, und der Zettel

schwankte momentan in seiner Hand. --

Er antwortete noch immer nicht, und Thea legte leise und zart ihre Hand

auf seinen Arm.

»O, sehen Sie, Graf, wie diese grausamen Worte Sie verletzten! O, wie

beklage ich es, wie sehr bereue ich es nun, sie Ihnen gezeigt zu haben!«

Er schüttelte den Kopf, faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die

Brusttasche.

Thea griff hastig danach.

»O, geben Sie zurück, Graf ...«

»Unbesorgt, Gräfin, das Papier ist gut aufgehoben, -- ich habe Ihnen ja

Diskretion gelobt. Aber ich bitte Sie, mir den Zettel zu eigen zu

lassen.«

Er sprach mit seltsam harter, klangloser Stimme, und Thea verschlang mit

leiser Klage die Hände.

»Graf ... zürnen Sie auch _mir_?«

Er blickte sie fragend an. »Zürnen? Ich zürne weder der Schreiberin noch

Ihnen. Daß Fräulein von Sprendlingen sich nur für einen Helden

begeistern kann und mich niemals heiraten wird, weil ich ihr nicht

imponiere, ist Geschmackssache, -- dagegen läßt sich nicht streiten.«

»Aber daß sie es so beleidigend ausdrückt, das verzeihe ich ihr nie!«

»Sie ahnte ja nicht, daß ich diese Worte lesen würde, und warum sollte

sie Ihnen gegenüber in meinem Interesse rücksichtsvoll sein? Je klarer

und deutlicher sie sich ausdrückte, desto sicherer war sie, richtig

verstanden zu werden!«

Er sprach sehr ruhig, beinahe monoton, und sein Haupt sank noch tiefer

zur Brust.

»Graf!«

Er schrak empor. »Ich danke Ihnen, Gräfin, daß Sie mir jetzt schon

erfahren ließen, was mir später wohl noch schwerer angekommen wäre. Ich

weiß, daß Sie mir gewiß lieber einen freundlichen Gruß überbracht

hätten. Sie haben sich meiner so gütig angenommen, obwohl Ihnen mein

Benehmen gewiß äußerst eigenartig erschien. Ich bin ein Fremdling hier,

-- ich kenne Ihre Sitten so wenig und handelte nur so, wie es mir just

in den Sinn kam. Bitte, vergessen Sie diese traurige kleine Episode.«

»Ich soll sie vergessen?« -- Thea neigte sich vor und sah ihm voll

rührender Innigkeit in die Augen: »Nein, Graf, _Sie_ sollen

vergessen, und zwar so schnell und so gründlich wie möglich! Blühen

nicht so viele andere holde Blumen um Sie her? Warum muß es gerade

die Königin Rose sein, welche an Ihrer Brust blühen soll? Glauben Sie

mir, Graf, es ist eine traurige Tatsache, daß die schönsten Mädchen

nicht immer die besten sind! Sie werden verwöhnt, eitel, egoistisch und

tyrannisch, sie lassen sich von ihren Launen beherrschen und urteilen

herzlos und oberflächlich ...«

Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht

den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein

Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so

schwer mit der herben Wahrheit ab! -- Schön und gut war bislang ein

unzertrennlicher Begriff für mich, -- -- und warum soll ein Weib,

welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein?

-- Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint

angekündigt zu sein, -- die alten Herren verlassen den Spieltisch!«

Thea erhob sich, -- das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen

spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres

schwärmerischen Partners galt, verlor sich.

»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken

bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir

jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und

dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten

übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges

Herz zu trösten und zu erheitern! =Carpe diem=!«

Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu,

hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften

Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum

Souper.

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 57 / 110 题