Hat vielleicht ein tückischer Zufall ihn durch ihre Finger geblasen? --

Mit bebenden Händen durchwühlt Thea den Inhalt der Schublade, das

Licht flackert und wirft rötlich zuckenden Schein über ihr blasses,

aufgeregtes Gesicht.

Hier die altmodische kleine Schreibmappe, welche alle Raritäten aus

ihrer Backfischzeit, der Tanzstunde usw. enthält.

In ihr liegt auch der bedeutungsvolle Zettel Gabrieles verwahrt!

Die dünnen, feingliedrigen Finger mit den langgebogenen Nägeln streuen

achtlos die welken Blumen, Bandschleifchen und Tanzkarten, die

Haarlocken und Stammbuchverse auseinander.

Hier! zwischen mehreren engbeschriebenen Blättern einer

ausgeschriebenen Rolle, »Die Gouvernante«, von Körner, liegt das

Gesuchte! Theas Augen leuchten auf, sie faßt den Zettel fest, so

krampfhaft fest, als fürchte sie, er könne ihr noch jetzt entrissen

werden, wirft den vergilbten Kram hastig in die Schublade zurück und

eilt auf den weichen Sohlen ihrer roten Morgenschuhe fröstelnd in das

Schlafzimmer zurück.

Dort liegt sie wieder in den Kissen und starrt mit brennendem Blick auf

die noch sehr deutliche Bleistiftschrift hernieder.

Vortrefflich! Gabriele hat ihren Namen genannt, sie hat die Zeilen

gewissermaßen an Thea gerichtet.

Der Inhalt ist überraschend gut.

Klarer, deutlicher und beleidigender kann er beim besten Willen nicht

gedacht werden.

O, er wird Eindruck machen!

Die junge Dame lacht leise auf, ihre sonst so weichen, schwärmerischen

Augen blitzen Triumph und hämische Freude.

Mit diesen wenigen, kleinen Bleistiftschnörkeln hat Gabriele das große

Los durchgestrichen, welches ein gütiges Schicksal ihr so verführerisch

präsentierte.

Die Herrschaft Walsleben, -- Hohen-Esp, -- eine Grafenkrone und ein

bildschöner, ritterlicher Mann -- dies alles zerrinnt wie Rauch und

Nebel vor diesem winzigen Blättchen Papier, welches ein arrogantes

kleines Fräulein sich selber zum Urteil schrieb.

Nun liegt es wie ein unüberwindliches Hindernis vor ihr auf dem Weg zu

Glück, Reichtum und Rang, und eine andere kommt und nimmt Besitz davon.

Noch kurze Zeit wirbeln die Gedanken hinter Theas Stirn, dann ist sie

einig mit sich, ihr Plan ist ausgereift.

Er ist einfach, sehr einfach, aber gerade dadurch verspricht er den

Erfolg.

Gräfin Sevarille dehnt die Arme und schließt mit wohligem Lächeln die

Augen.

Sie spielt ein Hazard um den Coeur-König, und schon morgen abend wird

sie »=va banque=« sagen! --

* * * * *

Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus.

Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger

Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen

Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln!

Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits

auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre

Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, -- es

hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche

und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die

Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg

stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel

besucht ist.

Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die

ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen,

und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die

Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und

Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den

Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie

stets, sehr lange auf sich warten.

»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!«

sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte:

»Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen

pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig

versammelte.«

Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem

Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward

von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den

jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch

den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran

erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze

zuzusichern.

Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise:

»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja

am meisten!«

Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen

aufgeregt zwischen den seinen.

Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas

recht Angenehmes mitzuteilen!

Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr

niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am

heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der

vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche

junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt

hatte.

Gestern war der Tanz Nebensache.

Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei

welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der

Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung,

Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem

erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.

Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz

verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel

St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles

nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert

hatte.

Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum

einen Blick von der Tür.

Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk,

nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen

entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine

Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.

Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch

gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem

knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche

ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose

»an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es:

»Viel andre Blumen sah ich blühen

Und sie zu pflücken hab ich Wahl --

Doch immer treibt mich inneres Glühen

Zur Rose, zur geliebten Qual!

Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen

Den Wonnentau, den süßen Schmerz

Und drücke sie samt allen Dornen

Vor Wollust an mein leidend Herz!«

Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals

so unverständlich schien, das begriff er jetzt.

Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller

Rosen, welcher er im Leben begegnet war?

Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit

nicht tausendmal besser?

Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten

entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick,

kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto

unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust.

Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge

um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr

flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte

des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin

des Ministers.

Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht

blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute

morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts

frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches

wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, -- ein Tanz, welcher

in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. --

Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in

Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in

das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen.

Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein

von Sprendlingen nicht erschienen.

Auch Thea fällt es auf.

»Wo steckt denn Gabriele?« fragte sie einen der Vortänzer: »Hat sie etwa

abgesagt?«

»Leider! leider!« dienert der Vielbeschäftigte, »noch in letzter Stunde

...«

»Undenkbar, aus welchem Grunde?« ...

Der Gefragte zuckte die Achseln.

»_Nur_ mündliche Bestellung!... Durch plötzliche Krankheit verhindert!

Möglicherweise hat das gnädige Fräulein gestern doch zu viel getanzt!

Einige zwanzig Kotillonsträuße! Das ist eine Anforderung, welche kaum

große Füße leisten können, geschweige eine solche Miniaturausgabe, wie

die des Fräulein von Sprendlingen!«

Beinahe atemlos vor Interesse hat Thea zugehört.

Gabriele krank?

Günstiger konnte es sich für ihre Pläne ja kaum treffen!

Wenn man krank ist, nimmt man keine Besuche an, dann schreibt man mit

Bleistift auf kleine Zettel, -- das muß doch selbst dem Argwöhnischsten

einleuchten!

Gräfin Sevarille sieht strahlend heiter aus, der Triumph, die Genugtuung

blitzen aus ihren Augen.

Ein französisches Sprichwort sagt: »Der Abwesende hat immer Unrecht!«

Auch Gabriele, die Rivalin, wird geschlagen werden, während sie fernab

von dem Schlachtfeld weilt!

Ist es nicht ganz auffällig, wie sich das Interesse des Grafen schon

jetzt der kleinen, hilfsbereiten Freundin zuwendet?

Wie innig drückte er ihr vorhin die Hand, wie allerliebst errötete er

bei ihren Worten -- wahrlich ein moderner Parzival, ein Kinderherz ohne

Arg und Falsch, ebenso leicht durch ein paar Zuckerplätzchen gewonnen,

wie ein solches!

Und hoffentlich auch ebenso leicht getröstet, wenn ein hübsches, buntes

Spielzeug, nach welchem es naives Verlangen trug, aus seinen Händen

gewunden wird. Man gibt ihm dafür ein anderes ... und es wird sich

zufrieden geben und sich artig dem Willen derjenigen fügen, welche so

sehr, sehr viel klüger und weltgewandter ist wie das große Kind aus dem

Strandschloß.

Thea hatte eigentlich noch ein wenig warten wollen, ehe sie den großen

Trumpf ausspielte; nachdem sie aber die köstliche Nachricht erhalten,

daß Gabriele krank sei, hielt sie nicht länger zurück, sie brannte

darauf, das Eisen zu schmieden, so lange es heiß war. Geschmeidig wie

ein schillerndes Eidechschen wand sie sich durch die Plaudernden und

stand im nächsten Augenblick vor dem Bären von Hohen-Esp, welcher ihr

bereits voll fiebernder Ungeduld entgegensah und zum erstenmal seinen

Posten an der Tür verließ, um Gräfin Sevarille den Arm zu bieten.

»Jetzt kommt unser Tanz, Gräfin, nicht wahr?« fragte er hastig.

Sie lachte und legte das Händchen mit allen Zeichen großer Erschöpfung

auf seinen Arm. »Nein, Gott sei Dank, noch kommt er _nicht_, Graf! --

Ich bin halb tot! Ich muß mich erst eine Weile ausruhen, und darum will

ich vor dem nächsten Galopp flüchten und biete ein Königreich für einen

Sessel!«

»In des Waldes tiefste Gründe flüchtete die Seherin!« rezitierte ein

ganz junger Offizier und trat lachend zur Seite, während Guntram Krafft

sehr ernst und eifrig nickte.

»Ganz recht, Sie tanzen viel zu viel, Gräfin, es wird Ihnen

schaden!« sagte er und wandte sich nach einem Nebenzimmer, an dessen

Spiegelwänden nur eine Reihe von Wiener Stühlen stand: »Kommen Sie

bitte hier herein! -- Es ist kühl und menschenleer!«

Seitlich im Zimmer hatten sich etliche alte Herren zu einem L'hombre

zusammengesetzt; sie blickten flüchtig auf, ließen sich aber nicht

stören, als die jungen Leute entfernt von ihnen, in der Fensterecke,

Platz nahmen.

Guntram Krafft stand noch vor Thea, welche sehr graziös und so matt wie

ein rosa Wölkchen in der Sommerhitze auf einen der Stühle niedersank.

»Wo bleibt Fräulein von Sprendlingen?« fragte er ohne jedwede

Einleitung, so, wie sich ihm die Worte ungestüm auf die Lippen drängten.

»Gabriele? Wissen Sie es noch nicht? Sie ist krank!«

»Krank?! -- Mein Gott, was fehlt ihr?«

Thea zuckte mit umwölkter Stirn die Achseln. »Vielleicht erkältet ...

vielleicht auch nicht. Herzlose Mädchen kokettieren ja oft nur eine

Indisposition, um sich rar und interessant zu machen!«

»Herzlose Mädchen ... kokettieren ...?«.., stammelte Guntram Krafft

beinahe erschrocken. »Urteilen Sie _so_ über Ihre Freundin?«

Thea blickte ihn seltsam an, -- so warm, so innig und traurig, daß ihm

abermals das Blut in die Wangen schoß.

»Setzen Sie sich zu mir, Graf!« hauchte sie weich, entfaltete den Fächer

und blickte tief aufatmend auf seine gemalten Narzissen nieder.

»Graf ...!«

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 56 / 110 题