So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und
amüsant war seine Nachbarin.
Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea
beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine
Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas
gesprächiger wurde.
Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und
die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken
einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie
heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge
zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das
Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes
Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine
gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von
seiner Stirn scheuchte.
Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu
übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer
Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und
Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden
Gefahren, ihrem >Seemann in Not< und ihrer schauerlich-schönen
Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine
Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für
sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie
eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und
Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber
eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen
entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen
möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« --
»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am
Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen
Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm
mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück:
»Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte
bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in
vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den
Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe
not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich
die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen
Schiller- und Bismarckvereine -- und denken so wenig an die Zukunft
ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben
sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff
>Frauenlob< von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß
selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und
Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist -- mit wenigen Ausnahmen --
so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste
vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen
Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische
Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land
hallte!«
Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in
seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den
ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte!
Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas
ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand
nehmen?«
Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist
ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die
Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!«
Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.
»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe
verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen.
Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil
keiner den Anfang machen will. Warum >von maßgebender Seite?< Dies ist
die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn
jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« --
Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das
Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch
der Tafel verursachten -- der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte
sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.
Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie
versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches
ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, -- der
Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam
verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so
linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust
der Großstädter den modernen Parzival genannt.
Er neigte flüchtig den Kopf.
»Ich tanze keinen Walzer, Komtesse, gestatten Sie, daß ich Ihnen einen
zuverlässigeren Tänzer besorge!«
»O nicht doch -- ich möchte tausendmal lieber mit Ihnen plaudern, Graf!
Jener Platz am Fenster dort ist so gemütlich ...«
Er schien ihre Worte zu überhören, wandte sich zu einem seiner
Tischnachbarn, welcher keine Dame geführt hatte, und bat ihn, bei
Komtesse Sevarille zum Tischwalzer für ihn einzutreten, da er nicht
tanze.
»Selbstverständlich, mit größtem Vergnügen!« versicherte der Angeredete,
nachdem er den Grafen ein wenig erstaunt gemustert hatte, verneigte sich
vor der jungen Dame und flog auf wiegenden Klängen mit Thea davon.
Guntram Krafft aber wandte sich kurz um und schritt dem Ausgang zu.
Er dachte nicht daran, ob er sich verabschieden müsse oder nicht; es
gingen verschiedene Damen und Herren schon jetzt nach dem Souper. So
ging auch er, nahm hastig Pelz und Hut und trat in die kalte, stürmische
Winternacht hinaus.
Seine Verpflichtungen gegen Thea hatte er erfüllt, nun hielt ihn nichts
mehr. Wie ein Verdürstender atmete er die klare, kalte Luft, -- sein
gequältes Herz hämmerte in der Brust, und seine Augen brannten so heiß,
als glühten ungeweinte Tränen darin. Welch eine Beherrschung hatte die
letzte Stunde von ihm verlangt!
Als er Gabrieles Worte gelesen, war es ihm zumute wie einem Menschen,
welchem das Glück jählings aus den Händen gleitet und in Scherben
zerbricht.
Es war der erste große, leidenschaftliche Schmerz, welcher sein Herz
traf, es war die erste tiefe, unaussprechlich wehe Wunde, welche ihm
geschlagen ward.
Seine Seele, welche bisher nichts anderes gekannt hatte als den stillen
Frieden der Heimat, als die Treue, Liebe und Aufrichtigkeit der Seinen,
sie lernte zum erstenmal alle Bitterkeit einer Enttäuschung, alle Qual
einer hoffnungslosen, unerwiderten Neigung kennen.
Wie Feuer brannte der kleine Zettel auf seiner Brust, wie verzehrendes
Feuer glühte ihm das Leid im Herzen.
Jetzt erst, nachdem er Gabriele für immer verloren, begriff er es, wie
voll, wie ganz und innig er sein Herz an sie gehängt hatte. So auf den
ersten Blick! --
So gläubig und vertrauend wie ein Kind, welches die Schönheit in seinem
Märchenbuch liebgewonnen und voll sehnenden Entzückens die Arme nach ihr
ausbreitet, wenn sie ihm im Leben unverhofft begegnet. Welch ein
schwerer, tosender Kampf in seinem Innern, nach all dem friedlichen
Glück vergangener Jahre! --
Dazu kam die herbe Enttäuschung, welche er in der Angelegenheit seiner
ersehnten Rettungsstation erfahren.
Dieser Mißerfolg allein hatte schon etwas sehr Niederdrückendes für ihn
und trug auch noch dazu bei, seine Stimmung zu verdüstern.
Eine Mutlosigkeit, ein Widerwillen gegen Welt und Leben, wie er ihn
zuvor kaum geahnt, überkam ihn plötzlich.
Die Luft in dem Ballsaal war so schwül, so heiß gewesen, die Menschen so
ungewohnt, die Musik so schrill und laut.
Hier war es still und einsam in den verschneiten Parkanlagen, und der
Wind sauste ihm so frisch und gewaltig entgegen, wie ein alter, treuer
Freund, welcher in toller Wiedersehensfreude die Arme um ihn wirft, ihn
reißt und schüttelt und ungestüm ruft: »Wo bleibst du so lange? Komm
heim! Komm heim!«
Und über ihm das kahle Gezweig knarrt und greint wie Rahe und Segel ...
und die fernen Wipfel rauschen wie brandende See ...
Da überkommt ihn ein wildes, unbändiges Heimweh! Ein übermächtiges
Sehnen nach der stillen Heimat, nach allem, was er liebt und was auch
ihm in treuer, schlichter Liebe ergeben ist!
Guntram Krafft breitet jählings die Arme aus und stöhnt aus tief
verwundetem Herzen: »Heim! -- ja, ich will heim! -- Was soll ich noch
hier? Meines Schicksals Würfel sind gefallen. Ich bin kein Held! -- Nie
und nimmer mehr wird Gabriele mir ihre Liebe schenken ... was hält mich
noch hier?«
Und er stürmt mit hämmernden Pulsen in das Hotel und kündet dem äußerst
betroffenen Anton an, daß er die Koffer packen solle, -- am nächsten
Tage kehre er nach Hohen-Esp zurück.
»Herr Graf!« stottert der alte Mann mit sorgenvoll prüfendem Blick in
das verstörte Gesicht seines Herrn: »Was wird Ihre Gnaden, die Frau
Gräfin sagen?«
»Gleichviel. -- Ich reise heim.«
Anton hört es dem halberstickten Klang der Stimme an, hier gibt es kein
Widersprechen. Was mag geschehen sein?
Eine Dame ist wohl nicht im Spiel, -- es ist allein der Ärger über die
Mißerfolge bei dem Minister und Geheimen Rat, -- der Graf sprach ihm ja
selber davon, wie wenig Verständnis und Teilnahme er für sein Projekt
finde.
Man nimmt den Bären von Hohen-Esp nicht ernst, man legt den Worten und
Wünschen des verbauerten Krautjunkers keinen Wert bei!
»Haben der Herr Graf daran gedacht, daß wir zuvor Abschiedsbesuche
machen müssen?«
»Ja; ich bestellte bereits bei dem Portier den Wagen. Wir werfen nur
Karten ab; einzig bei der Gräfin Sevarille wünsche ich gemeldet zu sein.
Ich werde jetzt noch die neu eingelaufenen Einladungen beantworten.«
Und der Graf wirft Pelz und Hut ungeduldig ab und tritt mit umwölkter
Stirn in das Nebenzimmer.
Dort sitzt er und erledigt voll nervöser Hast die Einladungen.
Es ist schon spät in der Nacht, -- Anton lugt besorgt durch die Tür.
Da sieht er Guntram Krafft über einen kleinen zerknitterten Zettel
geneigt, das Antlitz bleich und verfallen, wie bei einem Kranken.
»Wollen Herr Graf nicht zur Ruhe gehen?«
Er schrickt empor, streicht langsam über die Stirn und nickt.
»Du hast recht, -- ich gehe.«