XV.

Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt.

Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und

überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug

die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel

hervorgehen könne.

Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits

bemerkt.

Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf

Einflüsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm

so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine

Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und

sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem

Sattel zu heben.

Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm,

er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein

reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale

fällt.

Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein

Rennen aufzugeben.

Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben

von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah

es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu

durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste

Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und

desto sicherer zu gewinnen.

Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend

und aufrichtig kennengelernt.

Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu

aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal

beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder

Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können!

Thea lacht ironisch auf.

»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt

dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die müßte eben keine

Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter

wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte!

Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von

Hohen-Esp!

Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen,

welchen die rücksichtslose Tochter gemacht!

Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie

sucht eine gute Partie für die Tochter.

Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, -- freilich

tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse

gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend

verloren haben sollen.

Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner

Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der

schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine

begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen.

Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung

beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten.

Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und

lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit

demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie

trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt.

Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der

pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine

gefeierte Gattin.

Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche

Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur

Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch

er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.

Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise

abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins

dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer

der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie

jetzt? --

Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer

auf.

Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen!

Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus

geflochten werden kann!

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 54 / 110 题