Gräfin Thea Sevarille hatte eine schlaflose Nacht gehabt.
Mit weitoffenen, brennenden Augen hatte sie in den Kissen gelegen und
überlegt, auf welche Weise sie mit einem einzigen geschickten Schachzug
die Königin Gabriele matt setzen und selber als Siegerin aus dem Spiel
hervorgehen könne.
Daß Guntram Krafft ein Mann war, welcher überlegte, hatte sie bereits
bemerkt.
Seine aufflammende Liebe für Gabriele war bereits so stark, daß er auf
Einflüsterungen nichts mehr gab -- das hatte sie erfahren, als die ihm
so geschickt beigebrachte Verlobung Gabrieles mit Heidler nur die eine
Folge hatte, daß der Graf sich bei dem Souper an ihre Seite setzte und
sich doppelt zu bemühen schien, den Nebenbuhler rechtzeitig aus dem
Sattel zu heben.
Der »weltfremde« Parzival war gar nicht so unerfahren, wie sie annahm,
er hatte zu viel Bücher gelesen und wußte ganz genau, wie schwer ein
reicher Freier gegen einen mittellosen Courmacher in die Wagschale
fällt.
Er mußte durch ein drastischeres Mittel überzeugt werden, um sein
Rennen aufzugeben.
Gabriele selber war eine Närrin und fanatisch genug, den Erben
von Hohen-Esp einer idealen Schrulle zu opfern, -- bis jetzt sah
es tatsächlich aus, als ob sie nicht gewillt sei, Theas Pläne zu
durchkreuzen, wenn dieses abstoßende Wesen nicht doch die berechnendste
Koketterie war, um den naiven Parzival auf das äußerste zu reizen und
desto sicherer zu gewinnen.
Thea glaubte es zwar nicht, denn sie hatte Gabriele als wahrheitliebend
und aufrichtig kennengelernt.
Sie war ein spröder, stolzer, leidenschaftlicher Charakter, viel zu
aufbrausend und heftig, um berechnend handeln zu können, viel zu ideal
beanlagt und in ihre törichten Schwärmereien verrannt, um aus schnöder
Gewinnsucht ihre Überzeugung aufgeben zu können!
Thea lacht ironisch auf.
»Das Herz eines heldenhaft mutigen Mannes und eine Hütte!« das genügt
dem Fräulein von Sprendlingen, aber die Mutter! -- die müßte eben keine
Mutter sein, wenn sie nicht mit hundert scharfen Augen über der Tochter
wachte und die Torheiten derselben mit allen Mitteln korrigierte!
Mit welch auffallender Liebenswürdigkeit begegnete sie dem Bären von
Hohen-Esp!
Wie suchte sie so geschickt jeden fatalen Eindruck zu verwischen,
welchen die rücksichtslose Tochter gemacht!
Herr von Heidler rechnet in den Augen der Mama gar nicht mit, denn sie
sucht eine gute Partie für die Tochter.
Man sagt zwar, daß Sprendlingens recht vermögend seien, -- freilich
tauchen auch oft Gerüchte auf, daß sie sehr über ihre Verhältnisse
gelebt und bei einem jüngst erfolgten Börsenkrach ganz bedeutend
verloren haben sollen.
Dieses Gerücht hat Herrn von Heidler bisher abgehalten, aus seiner
Courmacherei Ernst zu machen und sich zu erklären, denn der
schneidige Dragoner ist das verkörperte Rechenexempel und wird seine
begehrenswerte Hand nur zum höchsten Angebot losschlagen.
Aber selbst in dem Falle, daß die bösen Gerüchte nur auf Verleumdung
beruhen, sind wenig Aussichten bei den Eltern seiner Angebeteten.
Frau von Sprendlingen ist noch viel zu hübsch, zu jung und
lebenslustig, um zugunsten der Tochter auf ein Vermögen und mit
demselben auf die gesellschaftliche Rolle zu verzichten, welche sie
trotz der erwachsenen Gabriele noch immer spielt.
Geteilte Zinsen sind nur halbe Zinsen, und das weiß auch der
pensionierte Oberst mit dem Generalstitel genau so gut, wie seine
gefeierte Gattin.
Herr von Sprendlingen ist Lebemann, er liebt eine vorzügliche
Speisekarte, er huldigt noblen Passionen und hat nie Anlage zur
Selbstkasteiung und niemals Sinn für eine strenge Pönitenz gehabt! Auch
er zieht den reichen Freier einem mittellosen Schwiegersohn vor.
Wenn aber Heidler von den Eltern in nicht mißzuverstehender Weise
abgewinkt wird, wenn die Mutter das Ohr und Herz des Töchterleins
dauernd und wirksam bearbeitet, wird Gabriele dann auch auf die Dauer
der Werbung des Grafen von Hohen-Esp so ablehnend gegenüberstehen wie
jetzt? --
Thea beißt die scharfen, weißen Zähnchen in die Lippe und atmet schwer
auf.
Nein! Darauf darf sie es unter keinen Umständen ankommen lassen!
Sie muß die Fäden endgültig zerschneiden, ehe ein Netz daraus
geflochten werden kann!