»Großartig! Brillante Geschichte!«
Thea war dunkelrot geworden und winkte Guntram Krafft hastig beiseite.
»Hier ist ein solches Gedränge, Graf! Wir wollen uns dort auf den Diwan
setzen.«
»Wie Sie befehlen!« nickte Guntram Krafft und sah dabei völlig harmlos
aus: »Die Menschen hier scheinen viel zu spotten, -- ich machte schon
die Bemerkung, daß die meisten Scherze auf Kosten der lieben Nächsten
gemacht werden!«
»Leider und seltsamerweise werden gerade diese Witze am meisten
belacht!«
Der Graf setzte sich neben der jungen Dame nieder und blickte ihr
plötzlich mit seinen klaren, grundehrlichen Augen voll beinahe
kindlichen Vertrauens in das blasse Gesichtchen.
»Gräfin ... Sie sind eine Freundin von Fräulein von Sprendlingen?« --
»Sogar eine ihrer vertrautesten!«
»Und Sie meinen es auch mit mir gut?«
»Von ganzem Herzen gut!«
»Würden Sie mir einen großen Liebesdienst erweisen, es mir gestatten,
Ihnen rückhaltlos zu vertrauen?«
Sie streckte ihm die kleine Hand hin, ihr Blick leuchtete bezaubernd zu
ihm auf. --
Niemand konnte es sehen; eine dreifache Reihe von älteren Herren
bildete vor ihnen Spalier, um einem »Menuett der Königin« zuzusehen,
welches von den Prinzessinnen und Prinzen nebst einer kleinen Schar von
Auserwählten soeben vor dem Herzog getanzt wurde.
»Sprechen Sie, Graf!« flüsterte sie, »kein Mensch hier meint es
ehrlicher mit Ihnen, wie ich!«
Er drückte beinahe krampfhaft die dargebotene kleine Rechte und nickte
erregt: »Das bemerkte ich bereits, Gräfin! Sie waren von Anfang an so
sehr liebenswürdig zu mir, Sie nahmen sich meiner so besonders gütig
an, und wenn ich diesen Abend eine heitere Stunde genoß, so verdanke
ich sie Ihnen!«
»Sie Ihnen zu bereiten, war wenigstens mein herzlichster Wunsch --!«
»Wundern Sie sich nicht über mich, ich bin fremd in der Welt und es
gewohnt, seit jeher nur nach meinen momentanen Eingebungen zu handeln.
Auch jetzt weiß ich mir keinen andern Rat, als mich an Sie zu wenden.
--« Wieder senkte sich sein Blick wie der eines vertrauenden Kindes in
den ihren: »Sie meinen es ja so gut mit mir ...«
»Seien Sie dessen versichert!« In Theas Wangen stieg es immer heißer
und röter, ihre Augen flimmerten vor Spannung, und ihre Lippen bebten
wie bei einem Menschen, welcher mit fieberhaftem Eifer einem Ziel
entgegendrängt.
»Sprechen Sie offen und ehrlich, Graf! Ich bin glücklich, Ihnen
irgendwie behilflich sein zu können!«
Er zögerte und blickte momentan starr vor sich nieder.
»Ich möchte es so gern wissen, ob Fräulein von Sprendlingen den
Dragoner wahrlich so sehr liebt!«
»Soll ich es auskundschaften bei ihr?«
»Sie sind doch ihre Freundin ...«
»Nichts leichter, als das zu erfahren! Immerhin glaube ich aber, daß es
Sie noch mehr interessieren wird, ob sie tatsächlich mit ihm verlobt
ist?«
Er schüttelt nachdenklich den Kopf. »Ich las in Romanbüchern, daß
heutzutage die Mädchen auch ohne Liebe heiraten. Schon manch eine
Verlobung wurde aufgelöst, weil die Braut schließlich noch einen Mann
kennenlernte, welchen sie mehr liebte, wie den allzu leichtfertig
gewählten Bräutigam!«
»Seien wir ganz ehrlich, Graf!« Thea entfaltete den Fächer und
flüsterte zu ihm auf: »Sie möchten wissen, ob Sie Aussichten haben,
Gabrieles Herz zu gewinnen?«
Er ward dunkelrot. -- »Ich glaube ... Sie treffen das Richtige, Gräfin!
Es würde mir von großem Wert sein, zu wissen, wie ich es anfangen muß,
um mir die Gunst Ihrer Freundin zu gewinnen! Das war es, was ich Sie
fragen wollte!«
»Ich ahnte es! Sie sind von Gabrieles Schönheit bezaubert, und es würde
keine liebere Mission für mich geben, als Ihnen das Herz der Gefeierten
zuzuwenden!«
»Wenn Sie mir nur eine kleine Anleitung geben wollten, Gräfin, von
was ich Fräulein von Sprendlingen unterhalten soll, was ich tun muß,
daß sie mir ihr Interesse zuwendet! -- Wenn sie es wüßte, daß sie mir
so sehr, sehr gut gefällt ...« er unterbrach sich und strich abermals
mit der Hand über die Stirn: »Das Reiten scheint ihr viel Freude zu
bereiten ... und wenn sie Wert darauf legt, will ich gern ...«
»Dragoner werden?!« Thea hob beinahe entsetzt die Hand und sah
plötzlich ganz blaß aus. »Wäre das Ihr Ernst, Graf?« --
Er lächelt. »Nein, daran ist gar kein Gedanke, Gräfin. Wozu das? Ich
habe daheim ernstere Pflichten zu erfüllen, als wie hier in behaglicher
Friedenszeit eine Uniform spazierenzutragen --.«
»Ganz meine Ansicht! Und eine Frau, welche das nicht einsieht, verdient
es nicht, Ihre Gemahlin zu werden!«
»Solange wie meine Mutter lebt, werde ich mein Leben genau nach ihren
Wünschen regeln, denn ich weiß, wieviel ich ihr zu verdanken habe, und
erachte den Gehorsam gegen sie als meine Schuldigkeit.«
»Wie edel, wie schön von Ihnen gedacht, Graf!« rief Thea mit
begeistertem Aufblick in sein Auge: »Wie sprechen Sie mir aus der
Seele! Wie billige ich Ihre Denkweise so völlig! Ich kenne zwar Ihre
Frau Mutter nicht, aber nach allem, was ich von ihr hörte, verehre ich
sie höher wie alle andern Frauen und denke es mir als höchstes Glück,
ihr zu Diensten leben zu können! Welch ein sündliches Begehren wäre es,
der einsamen Frau noch ihren letzten Trost, ihren Sohn zu entreißen, um
einer nichtigen Eitelkeit willen!«
Guntram Krafft blickte voll ehrlichen Entzückens zu der Sprecherin
nieder. Die Verehrung für seine Mutter gewann ihr vollends seine
Sympathien, und seine große Harmlosigkeit war weit davon entfernt,
irgendeine Verstellung hinter solch begeistertem Gesichtchen zu suchen.
»O, wenn Fräulein Gabriele doch ebenso denken möchte, wie Sie! --
Nein, Dragoner kann ich um ihretwillen nie werden, denn trotz aller
Bravour und aller Reiterstücklein reizt mich der Militärdienst in
Friedenszeiten nicht sonderlich, -- aber ein guter Reiter könnte ich
ihr zuliebe trotzdem werden ...«
»Es wäre lächerlich, wenn sie es verlangen wollte! -- Reiten lernt ein
jeder Rekrut -- aber ein Segelboot durch Sturm und hohe Flut steuern,
das ist ein Wagnis, ein Heldenmut, wie ihn eine Landratte gar nicht
kennt!«
Er blickte hoch aufatmend in ihr erhitztes Gesicht, seine Augen
strahlten wie verklärt.
»Also Sie haben Interesse für den Seemann, Gräfin? Sie lieben das Meer
und alle seine Herrlichkeit?...«
Sie preßte voll Leidenschaft die Hände gegen die Brust, -- die roten
Blüten des Kleiderausschnitts rieselten wie Funken über die nervös
bebenden Finger.
»Und _ob_ ich sie liebe! -- Noch nie lernte ich das Meer kennen,
Graf, und doch sehne ich mich voll glühenden Verlangens seit Jahren
schon nach seinem Anblick! -- Nicht >Neapel sehen und sterben< --
seufzt meine Seele, sondern >die See sehen und in ihrem Zauberbann
leben bis zum Ende meiner Tage!< Das ist das Gebet, welches in meinem
Herzen zittert! -- Noch ist es nicht erhört worden, aber ich lasse
nicht nach, zu hoffen und zu harren, -- _einmal_ muß auch mir das
Glück zu Willen sein!«
Er lauschte wie im Traum ihren Worten, welche sich so weich, so innig
und aus tiefstem Herzen quellend, in sein Ohr schmeichelten, als höre
er nach wirrem Lärm und Mißgetön wieder traute Klänge aus der Heimat.
Ganz unwillkürlich rückte er näher an ihre Seite und legte die Hand auf
ihren Arm. »Sie sollen ... Sie werden das Meer sehen, Gräfin ... Sie
müssen zu uns nach Hohen-Esp kommen! Sicherlich wird es Ihnen in dem
alten Bärennest gefallen, und welch eine Freude für mich, Ihnen das
Meer zeigen zu können!«
Ja, eine Freude!
Schon jetzt leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, und das Blut stieg
ihm abermals so rot und warm in die Schläfen, wie stets, wenn ein
glückseliger Gedanke ihm das Herz bewegte!
Und in diesem Moment gaukelte es plötzlich wie ein süßes Traumbild vor
seinen Augen; wenn Gabriele die Hausfrau von Hohen-Esp war, mußte dann
nicht ihre Freundin kommen, sie zu besuchen und sich an dem weltfernen
Glück des jungen Paares zu erfreuen?
Dieser Gedanke trieb ihm pochende Glut in die Wangen, Thea aber hörte
nur seine Worte und paßte seine Erregung einzig ihnen an.
Ihr Blick war noch weicher und sehnsüchtiger, ihre Stimme klang noch
jubelnder wie zuvor: »Und ob es mir in der Stille Ihres trauten
Heims gefallen würde?« flüsterte sie. »O, Graf, ich liebe die bunte
Welt mit all ihrem Lärm, ihrem Falsch und Schein nicht! Meine Seele
dürstet nach der Ruhe, nach dem Frieden solcher Waldeinsamkeit! O, und
Ihre Frau Mutter! Wie wollte ich bemüht sein, ihr die Tage kurz und
lieb zu machen! Wie würde mein Leben in ihrem Dienst ein so reiches,
hochbeglücktes sein! -- Und dann der Gedanke, von Ihnen, Graf, in die
Wunderwelt des Strandes eingeführt zu werden, mit _Ihren_ Augen die
unendliche Schönheit des Meeres schauen zu lernen, -- mit zitternder
Seele die dräuende Gottheit im Donnerrollen der Wogen anzubeten!«
Sie sprach voll schöner Leidenschaftlichkeit, mit dem einschmeichelnden
Organ, welches sich wie Silberfäden um das Herz strickt, und Guntram
Krafft blickte ihr wie verklärt in die Augen und empfand die Nähe der
kleinen Gräfin noch mehr wie zuvor als Wohltat! --
Er wollte antworten, in demselben Augenblick drängte sich jedoch ein
junger Infanterieoffizier durch die Spalier bildenden Damen und Herren
und verneigte sich hastig.
»Darf ich bitten, Komtesse, die Polka, welche Sie so gütig waren, mir
zu schenken.«
Thea erhob sich zögernd.
»Ah, die Polka! -- Eigentlich dürfte ich nicht mehr tanzen, ich bin
todmüde ...«
»Das wäre grausam, Komtesse! Diese eine kleine Polka schadet Ihnen
sicher nicht!«
Die junge Dame lächelte, -- ein wahres Märtyrerlächeln, blickte
zu Guntram Krafft auf und sagte: »So will ich es machen wie die
Schwalben, welche zwar scheiden, aber doch jedesmal versichern: Wir
kehren wieder!«
»Scharmant gesagt!« applaudierte der kleine Leutnant und bot der
Sprecherin den Arm.
Gräfin Sevarille kehrte auch wieder, aber sie fand den Erbherrn von
Hohen-Esp in sehr eifrigem Gespräch mit einem Ministerialrat, welchem
Guntram Krafft seine Absicht, in Sachen der Rettungsgesellschaft für
Schiffbrüchige hier zu wirken, ausgesprochen.
Der alte Herr hörte voll liebenswürdigen Interesses zu und nannte die
Bemühungen des Grafen sehr anerkennenswert und hochherzig, versicherte
aber, daß er selber in dieser Angelegenheit absolut nichts tun könne
und verwies ihn an eine andere Adresse.
Das Gespräch drehte sich zu Theas großem Mißvergnügen noch längere
Zeit um lauter sachgemäße Auseinandersetzungen und wollte absolut
nicht wieder in jene hochinteressanten Bahnen lenken, wie zuvor. Der
Graf schilderte die Gefahren, welche das Hamelwaat für die Seefahrer
berge, er sprach mit bewegten Worten von seinen kühnen, zuverlässigen
Schiffern und von ihren redlichen Bemühungen, Hilfe in der Not zu
bringen -- und so aufmerksam Thea anscheinend auch zuhörte und
begeisterte Bemerkungen einflocht, -- die Spitze ihres zierlichen
Füßchens bewegte sich dennoch sehr ungeduldig unter dem Kleidersaum,
und das nervöse Spiel mit dem Fächer zeigte es, wie höchst langweilig
ihr diese Unterhaltung war!
Zu ihrem Ärger kamen auch wieder neue Tänzer, welche sie nicht gut
abweisen konnte, und entführten sie, und der Ball näherte sich seinem
Ende, ohne daß sie die so mühsam errungenen Vorteile bei dem Bären noch
weiter ausnutzen konnte!
Fraglos hatte sie seine Sympathien gewonnen; solange aber die törichte
Schwärmerei für Gabriele noch anhielt, waren ernsthafte Aussichten für
sie ausgeschlossen.
Der moderne Parzival war anscheinend doch nicht ganz so unerfahren und
weltfremd, wie sie angenommen!
Er hatte bereits die Erkenntnis gewonnen, daß Menschen von der Liebe
allein nicht leben können, und »daß die Summe immer klein bleibt, wenn
sich nichts mit nichts verbindet!«
Sicher taxierte er den egoistischen und berechnenden Herrn von Heidler
richtiger wie sie alle und rechnete mit der Wahrscheinlichkeit, daß
derselbe durchaus keine Heiratsgedanken habe, sondern sich lediglich
darin gefalle, von der gefeiertsten jungen Dame als Held der Zukunft
angeschwärmt zu werden.
Daß aber ein Mann mit reellen Absichten stets den Sieg über einen
Courmacher davonträgt, ist eine so alte Tatsache, daß sie selbst in dem
weltfernen Hohen-Esp bekannt sein dürfte. --
Thea hatte es längst durchschaut, daß Herr von Heidler viel zu hohe
Ansprüche an die Mitgift seiner Zukünftigen stellte, um sich mit
Gabrieles Vermögen, so ansehnlich dasselbe auch sein mochte, zufrieden
zu erklären; daß dies dem Grafen Hohen-Esp aber möglichst unbekannt
blieb, ja, daß er so radikal wie möglich von seiner Schwärmerei geheilt
werde, das mußte fürerst die größte Sorge der Gräfin sein.
»Sie kommen doch morgen abend in den Petersburger Hof, wo wir zu
Ehren der auswärtigen jungen Damen und Herren noch einmal tanzen?«
flüsterte sie zum Abschied zu Guntram Krafft empor. Der folgte just
mit einem seltsam verschleierten Blick dem Fräulein von Sprendlingen,
welche, ohne nur den Kopf nach ihm zu wenden, lachend und plaudernd
vorüberschritt.
»Ich weiß es nicht, Gräfin! Was soll ich da? Es liegen auch so viele
Dinereinladungen für mich im Hotel -- --«
Was fragte Thea nach denen!
Junge Mädchen wurden selten, fast nie zu Diners eingeladen, -- außer
auf den Bällen und der Eisbahn hatte sie keine Gelegenheit, den Grafen
wiederzusehen.
Sie entfaltete den glitzernden Fächer und winkte ihn näher herzu.
»Ich gehe morgen nachmittag zu Gabriele und forsche sie aus!« flüsterte
sie. »Und abends, während des Balles, teile ich Ihnen mit, was
geschehen muß, um Gabriele für Sie zu interessieren! Ich werde bei
meinem Besuch schon alles tun, um das spröde Herzchen möglichst für Sie
zu erwärmen, -- hoffentlich gelingt es mir, daß sie Ihnen einen Tanz
aufhebt!«
»O, Gräfin ... wie sollte ich Ihnen das danken?« stammelte er und sah
abermals aus, wie ein Kind, welchem man lockende Märchen erzählt.
»Unter diesen Umständen komme ich natürlich!«
Sie nickte ihm lächelnd und vertraulich zu und freute sich, daß
ein paar andere junge Damen, darunter auch Lotte, welche den
modernen Parzival für einen Brillant unter Simili erklärt hatte, ihr
Einverständnis mit dem Hohen-Esper sahen. --
»Was wollen wir morgen zusammen tanzen, resp. >absitzen<, Graf?« --
fuhr sie flüsternd fort; »lassen Sie uns besser allsogleich etwas
Bestimmtes verabreden, sonst wandere ich wieder von einem Arm in den
andern und kann Ihnen nichts erzählen!«
»O, gewiß ... alles, was Gräfin befehlen ...«
»Gut, sagen wir also den ersten Walzer und das Souper! Bei Tisch ist
man oft am ungestörtesten! Vergessen Sie es aber nicht! Das Souper
und den ersten Walzer! -- Selbstverständlich trete ich die Tänze an
Gabriele ab, falls sie dieselben beanspruchen sollte, -- aber _nur_
an Gabriele, an niemand anders! O, Sie ahnen es nicht, Graf, _wie_
gut ich es mit Ihnen meine!«
»Doch, Gräfin! Ich überzeuge mich ja ununterbrochen davon!« antwortete
er mit warmem Dankesblick und erglühte abermals bei dem glückseligen
Gedanken, daß Gabriele mit ihm tanzen könne, bis unter die lockigen
Haare. »Ich vergesse Ihre gütige Zusage gewiß nicht! Wenn Sie derselben
nur eingedenk bleiben möchten!«
Thea nickte ihm mit reizendem Lächeln zu und drückte seine Hand zum
Abschied, und als Guntram Krafft in dem Wagen saß und nach dem Hotel
fuhr, sah er im Geiste das herzgewinnende Gesichtchen der Gräfin
beinahe deutlicher vor sich, wie das kalte und abweisende Antlitz
Gabrieles, deren Worte ihn erbarmungslos verfolgten bis in den kurzen,
unruhigen Schlaf hinein. -- --
Am nächsten Vormittag gedachte der Graf von Hohen-Esp für jene
Angelegenheit zu wirken, welche ihn ursprünglich hierher in die
Residenz geführt.
Er wollte den Finanzminister aufsuchen, um ihn, wie der Ministerialrat
gestern abend geraten, für die Anlage einer neuen Rettungsstation zu
interessieren.
Er mußte lange warten, bis Seine Exzellenz einen Augenblick Zeit
erübrigen konnte, und kaum, daß er ein paar einleitende Worte
gesprochen, lächelt der alte Herr sehr verbindlich und reicht ihm die
Hand.
»Ich ahne bereits, um was es sich handelt, mein lieber Graf!« sagte
er, »und möchte Ihre und meine Zeit nicht unnötig in Anspruch nehmen.
All diese Angelegenheiten, welche Sie da berühren, sind nicht meine
Sache, -- Sie dürften in erster Linie das zuständige See- oder
Hafenamt interessieren! Gestatten Sie einen Augenblick, ich werde mich
informieren und Sie allsogleich vor die rechte Schmiede schicken.«
Und Guntram Krafft wartete, und man schickte ihn weiter von Pontius
zu Pilatus, und überall begegnete er viel Liebenswürdigkeit und viel
höflichen Worten, -- nirgends aber einer Zusage oder energischer Hilfe.
Man schien die ganze Sache nirgends so recht ernst zu nehmen und mehr
an eine müßige Spielerei oder ungerechtfertigte Ansprüche zu glauben.
Einer der Herren, welche beim Mittagstisch neben dem Grafen saßen,
und welchem er sein Leid betreffs all seiner vergeblichen Bemühungen
klagte, schüttelte lächelnd den Kopf. »Das Hamelwaat ist den Schiffen
so gefährlich? Verzeihen Sie, Graf, ich habe noch nie von einer ernsten
Havarie gehört, welche ein Fahrzeug dort erlitten.«
»Weil wir glücklicherweise stets noch rechtzeitig zur Stelle waren, um
eine solche verhüten zu können!«
»Wer vollführte die Lotsen- resp. Rettungsarbeiten?«
»Freiwillige Fischer aus meinem Stranddorf!«
»O, vortrefflich! Haben Sie die Leute zu einer Auszeichnung oder
Belohnung vorgeschlagen? Bitte, versäumen Sie das ja nicht,
verehrtester Graf, und zeigen Sie eventuelle Verdienste der Leute bei
dem zuständigen Landratsamt an. Im übrigen aber rate ich Ihnen, die
wackeren Fischer ruhig weiter für ihre Kameraden sorgen zu lassen!
Diese Selbsthilfe ist meist die praktischste und beste. -- Die Gründung
einer neuen Station ist mit sehr vielen Kosten und Umständen verknüpft,
und wo es nicht absolut nötig ist, unterläßt man sie!« --
»Aber sie ist absolut nötig!«
»Ihrer Ansicht nach, verehrtester Herr Graf. Gewiß liegt es in dem
Wunsche eines jeden ehrenhaft denkenden Mannes, der Hilflosigkeit
überall, -- nicht nur auf eng bemessenen Strecken, beistehen zu können,
und ich glaube, daß Menschen, die viel oder gar stets an der See
kleben, die Notwendigkeit doppelt einsehen, daß noch gar viel geschehen
muß, um all den großen und schwerwiegenden Anforderungen gerecht zu
werden.«
»Aber es geschieht nichts, wenigstens nicht bei uns!« --
»Wie weit ist die nächste Station von Ihnen entfernt?« --
»Den Kilometern nach nicht direkt außer der Welt, und dennoch absolut
nutzlos für uns, da sie in dringenden Fällen -- und die sind es zumeist
-- nicht erreichbar ist!«
»Wie dürfte das zu verstehen sein, Herr Graf?«
»Die ganze Lage des Hamelwaats zwischen vorgestreckten Dünen und
Sandbänken, welche ihre Beschaffenheit beinahe mit jedem hohen
Seegang wechseln, die sehr zuwidern Strömungen, mit welchen gerade in
seiner nächsten Umgebung zu kämpfen ist, machen diese meine kleine
Küstenstrecke besonders gefährlich. Wenn ein Schiff aufläuft, so
geschieht das meist sehr unerwartet und so gewaltig, daß wir, die
beinahe ständig auf der Lauer liegen, um uns nicht überraschen zu
lassen, kaum schnell genug zur Stelle sein können, um das Schlimmste
abzuwenden. Meilenweit Boten schicken und dann warten, bis von fernher
ein Wagen mit Rettungsboot und Mannschaft von keuchenden Rossen durch
Sand und Schlick herangeschleppt wird, ist eine Unmöglichkeit! --
Wenn ein Schiff tatsächlich Havarie erlitten hat, liegt es kaum noch
in unserer, so schnell bereiten Kraft, die Mannschaft zu bergen,
geschweige das Fahrzeug selber zu retten! Unsere hauptsächliche
Aufmerksamkeit wendet sich daher einer vorbeugenden Hilfeleistung zu.
-- Wir leisteten mehr Lotsendienste wie Rettungsdienste bisher, wir
suchten stets rechtzeitig zur Stelle zu sein, um einem arglos segelnden
Schiff, welches sich in den Molochsrachen des Hamelwaats treiben ließ,
Warnung und einen Lotsen an Bord zu bringen, welcher ihm half, in
sicherem Fahrwasser seinen Kurs zu nehmen! Und weil wir so manchen
Unfall noch rechtzeitig verhüten konnten, ist die Aufmerksamkeit
der Strandbehörden noch nicht genügend auf die Gefährlichkeit
jener Küstenstrecke gelenkt. Habe ich mich klar und verständlich
ausgesprochen, sehr geehrter Herr? -- Ich bemühte mich, mit
Hintansetzung aller >technischen< Ausdrücke nur möglichst anschaulich
zu reden!«
»Das taten Sie, Herr Graf! Ich verstehe vollkommen, was Sie bezwecken
und wünschen, und würde mit Freuden der erste sein, welcher Ihre so
uneigennützigen Wünsche möglichst fördert. Aber, aber!!...« und der
Sprecher zuckte sehr bedauerlich die Achseln und schwieg.
»Welch ein >Aber<? -- läßt sich dasselbe nicht durch den guten Willen
überwinden?«
Immer röter und röter stieg es in Guntram Kraffts Stirn, immer
ungeduldiger blitzte sein Auge.
»Nein, Herr Graf! Gerade dieses >Aber<, welches man wohl Ihren
Bemühungen als Schranke gegenüberstellen muß, ist das einzigste,
welches sich selbst mit dem besten Willen nicht überwinden läßt --«
»Ah!?«
»Ich meine das Geld!«
Der Bär von Hohen-Esp neigte jäh das erst so stolz und fragend
blickende Antlitz.
»Das Geld?« wiederholte er mit etwas unsicherer Stimme. »Ich nehme an,
daß die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger über genügende Mittel
verfügt?«
Der alte Herr seufzte tief auf und rezitierte mit einem Versuch zum
Scherzen: »Wollte Gott, dem wäre so! Nein, Herr Graf, da befinden Sie
sich leider in großem Irrtum. Die Ansprüche, welche von Jahr zu Jahr
an diese unvergleichliche, so bienenfleißig arbeitende und schaffende
Gesellschaft gestellt werden, schwellen mit der stets und ständig
wachsenden Not bis ins Ungeheure an, -- während sich doch keine Quelle
erschließt, dementsprechende Mittel neu zuzuführen!«
»Aber die Sammlungen im Lande?!«
»Deren Erträge sind so unbedeutend, daß man sich ihrer schämen möchte!«
»Mein Gott, wie ist das möglich?«
Abermals ein resigniertes Achselzucken.
»Man interessiert sich nicht dafür! -- Die paar wenigen Menschen,
welche im Sommer in die Seebäder reisen, der kräftigen Salzluft neue
Kraft und Stärkung verdanken und die wundervolle Poesie des Meeres und
des Seewesens liebgewinnen, die steuern wohl teilweise ihr Scherflein
dazu bei, an dem großen, wichtigen, herrlichen Werk edler Nächstenliebe
zu helfen; aber was will dieser verschwindend kleine Bruchteil im
Gegensatz zu den enormen Kosten besagen, welche die Hilfeleistungen
erfordern? Die große Menge kennt und liebt die See kaum.« --
»Undenkbar! -- Schon aus Patriotismus ist es doch die Pflicht eines
jeden, gerade für die Küste eines Meeres einzustehen, auf welchem
Deutschlands ganze Zukunft ruht!« --
»So denken Sie, mein lieber Graf!«
»Und andere nicht?« --
»_Vorläufig_ noch nicht! Wenn unserm deutschen Volk die Augen
aufgehen, wird es auch die Hand öffnen und der heiligsten seiner
Missionen nicht mehr kalt und fremd gegenüberstehen!«
»Und bis dahin?!« --
»Bis dahin müssen wir uns gedulden, hoffen und mutig ausharren, lieber
Graf, und vor allen Dingen bemüht sein, uns nach Kräften selber zu
helfen! -- Haben Sie nicht bisher die gute Sache in umsichtigster und
opferfreudigster Weise gefördert? -- Lassen Sie es sich auch ferner in
gleicher Weise angelegen sein, das Ihre zu tun. Man wird es Ihnen Dank
wissen!« --
»Auf diesen möchte ich lieber verzichten, wie auf das kleinste Zeichen
tatkräftigsten Interesses!«
»Das läßt sich nicht erzwingen.«
»Gott sei es geklagt.«
Das Gesicht des jungen Mannes sah blaß und finster aus, und da die
Tafel just beendet war, erhob er sich, um sich zu verabschieden.
Noch ein paar sehr höfliche Redensarten, Worte der Anerkennung und
des Dankes für die warme Teilnahme, welche der Graf dem Rettungswesen
entgegenbringe -- und dann schloß sich die Tür hinter ihm.
In tiefe Gedanken versunken schritt Guntram Krafft nach seinem Zimmer
empor.
Ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit wollte ihn
überkommen.
Seine liebsten, schönsten Hoffnungen waren fehlgeschlagen, und sein
Herz, welches voll so heißer, wahrer Begeisterung für die gute Sache
schlug, blutete aus der Wunde, welche Gleichgültigkeit und der Mangel
an echter Nächstenliebe ihm geschlagen.
Man interessiert sich im Binnenland nicht für die See? -- Gott verhüte
es, du deutsches Volk, daß nicht ein eisenklirrender Sturmwind
daherrast und dich mit eherner Faust aus dem Schlafe rüttelt! --
* * * * *