XIV.

»Endlich sieht man Sie wieder, Sie Fahnenflüchtiger!« drohte ihm die

Gräfin lächelnd mit dem Fächer: »Wie von dem Erdboden verschwunden

waren Sie, als wir unsere unendlich vergnügte und amüsante Ecke

bildeten! Wie sehr schade, daß Sie in unserm kleinen Kreise fehlten,

Sie würden sich fraglos sehr gut unterhalten haben!«

»Ich bezweifle es nicht, Gräfin!«

Das klang seltsam ernst, beinahe resigniert.

»Wie ist es Ihnen ergangen?« --

»Je weniger man erwartet, desto weniger kann man enttäuscht werden!«

Er sagte es sehr ruhig, und doch glichen seine Worte einem Seufzer.

Thea trat einen Schritt näher und sah mit ihren großen, dunklen Augen

beinahe wehmütig zu ihm auf.

»Ich habe bereits davon gehört, wie unliebenswürdig Gabriele einmal

wieder gewesen ist! -- Es ist wirklich ewig schade darum, daß in diesem

bildhübschen Körper eine so wenig sympathische Seele wohnt, denn diese

Tatsache muß selbst ich, als beste Freundin, bestätigen!«

»Fräulein von Sprendlingen unliebenswürdig?« wiederholte Guntram Krafft

beinahe erschrocken.

»Je nun! Haben Sie es noch nicht bemerkt? Man sagt mir, daß sie gerade

gegen Sie recht beleidigend gewesen sei, und das hat mich ernstlich

böse gemacht!«

Der Bär von Hohen-Esp hörte nicht den weichen, schmollenden Klang in

Theas Stimme, welche sich so ostensibel zu seiner Anwaltin machte, er

schüttelte nur betroffen den Kopf und strich mit der Hand die schweren

Blondhaare aus der Stirn.

»Fräulein von Sprendlingen sprach sehr abfällig über das Meer, über das

Rudern und Segeln -- und das kann unmöglich _mich_ beleidigen, so

sehr ich ihre Abneigung auch bedauerte!«

Ein seltsamer Blick der Gräfin streifte ihn. »Wie freundlich und

harmlos Sie sind, Graf! Wie fremd Ihnen unsere Welt und ihre Verderbnis

doch ist! Es freut mich doppelt, wenn Gabrieles Worte Sie nicht

kränkten, denn verliebten Menschen darf man nicht so genau nachrechnen,

wie anderen Sterblichen!«

»Verliebten Menschen?«

Thea lachte. »Aber Graf! Haben Sie es denn noch immer nicht bemerkt,

daß Fräulein von Sprendlingen keinen andern Gedanken mehr hat, wie

ihren schneidigen Dragoner?« --

»Das wohl ... aber ...«

»Nun?...«

»Verlobt sind sie noch nicht!«

»Noch nicht öffentlich!« --

»Auf diese kleinen Unterschiede kenne ich mich noch nicht aus ...«

murmelte er mit tiefem Atemzug.

Sie standen neben der Saaltür, ein lautes Lachen und Sprechen ließ sie

momentan verstummen.

Ein paar junge Herren umringten eine sehr große, schlankgewachsene,

junge Frau, von der man dem Grafen schon zuvor erzählt hatte, daß sie

einen bedeutend kleineren Mann geheiratet habe. --

»Gnädigste Frau, ich habe eine Bitte!« rief einer der Herren mit

übermütig blitzenden Augen. »Eine Frage hat man frei an das Schicksal

-- eine Bitte nicht!«

»Na -- schießen Sie los, Karlchen, ich bewillige sie im Namen von Frau

von Stark!«

»Oho!« --

»Also!« Der Kürassier legte beide Hände bittend auf die Brust:

»Gnädigste Frau -- pumpen Sie mir mal für vierzehn Tage Ihren Herrn

Gemahl!«

»Wie? -- Meinen Mann?!«

»Aber Karlchen! Jetzt schon? Vierzehn Tage nach der Hochzeitsreise??«

»Was wollen Sie mit ihm?« --

»Ich möchte ihn so gern auf _meinen Kaminsims stellen.... da fehlt mir

nämlich eine Nippesfigur_!«

Schallendes Gelächter!

Die junge Frau ist zuerst entrüstet, aber schließlich lacht sie doch

mit und tanzt mit dem Spötter eine Extratour. --

Ein paar junge Mädchen treten in den Saal. Sie sehen den Grafen

Hohen-Esp nicht, denn er steht hinter ihnen an der Tür.

»Nein, nein, Kläre! Wir müssen erst mal sehen, ob Parzival wieder

tanzt! --«

»Reizender Anblick! -- Erinnert an die graziösen Matrosen im fliegenden

Holländer!«

»Pfui! Schäm' dich! Parzival ist ein vortrefflicher Mensch! Lotte sagte

ja vorhin: >Der einzige Diamant unter viel Simili!<« --

»Hahaha! -- Ein Diamant!... Aber ein noch völlig ungeschliffener!«

»Ich fürchtete schon,« -- lachte eine der jungen Damen, »er würde à la

Jürgen Wansbeck hier auftreten!«

»Jürgen Wansbeck? Wer war das?«

»Ein sehr verbauerter Krautjunker, welcher hier an den Hof kam und bei

einem Ball die Handschuhe sparte. Der Herzog sah ihn scharf an und

fragte gedehnt: >Sie tragen keine Handschuhe, Baron?<«

Da schüttelte der Biedermann treuherzig den Kopf und antwortete: »Nee,

Hoheit, _ich frier' ja nich' an die Fingers_!« --

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 52 / 110 题