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Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und
schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster
Fiebertraum vor seinen Augen kreist. --
Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, -- er hört sie nicht.
Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen
Worte, daß sie das Meer nicht liebt!
_Sein_ Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne
Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich
keines Menschen Auge jemals satt sehen kann!
_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig,
träge, reizlos. --
Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln,
grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und
licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen.
Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes
voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer
Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt?
Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen
Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche
Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? --
Ach, daß sie ihm solches angetan!
Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen
Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts
anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen
an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehört und
beachtet.
Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten.
Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer.
Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem
Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenüber
verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr
Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte.
Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben
oder nicht, -- nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken,
und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so
hart, so grausam, so verständnislos ...
Ja, verständnislos!
Sie kennt ja das Meer gar nicht!
Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges,
unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen,
ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des
Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!
Guntram Krafft atmet tief auf.
Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!
Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen
im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem
aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur
kennenzulernen.
Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den
eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend
bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack
des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken
kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in
die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des
Meeres wohnt. --
Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind
mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der
holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!
Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt,
und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen
Träumen aufschrecken läßt. --