Schade ist es um die Reckengestalt! Ewig schade! -- --

* * * * *

Ernst und schweigend steht Guntram Krafft in dem Tanzsaal und

schaut mechanisch auf den wirbelnden Reigen, welcher wie ein wüster

Fiebertraum vor seinen Augen kreist. --

Die Musik schmeichelt mit süßen Walzerklängen, -- er hört sie nicht.

Vor seinen Ohren klingen nur Gabrieles Worte, jene unfaßlich grausamen

Worte, daß sie das Meer nicht liebt!

_Sein_ Meer! Das herrliche, majestätische, unbeschreiblich schöne

Meer, welches keines Dichters Zunge genug rühmen, an welchem sich

keines Menschen Auge jemals satt sehen kann!

_Sein_ Meer! -- Und sie liebt es nicht. -- Sie schilt es langweilig,

träge, reizlos. --

Und sie selber hat Augen, welche die Farbe dieses Meeres spiegeln,

grünlich ... graublau ... schillernd wie Perlmutter ... dunkel und

licht zu gleicher Zeit ... verkörperte Wassertropfen.

Wie ist es möglich, daß sie das, was er als Liebstes und Herrlichstes

voll Leidenschaft preist, an welchem sein Herz voll unstillbarer

Sehnsucht hängt, daß sie das verachtet und von sich stößt?

Die See! -- Die blauwogende, unendliche See, deren brandende Wogen

Pulsschläge der Ewigkeit sind, deren Sonnenlächeln wie bräutliche

Wonne, deren zorniges Donnerrollen die Sprache Jehovas ist? --

Ach, daß sie ihm solches angetan!

Den herben Spott ihrer Worte, welche ihn selber als »armseligen

Ruderer« so weit ab von allem Heldentum wiesen, welche in ihm nichts

anderes als einen verdienstlosen Menschen sahen, welcher sein Vergnügen

an ruhmlosen Spielereien findet -- die Worte hatte er kaum gehört und

beachtet.

Er war zu harmlos, zu unerfahren, um auf solche Anspielungen zu achten.

Sein Herz brannte nur in Schmerz und Weh um sein geschmähtes Meer.

Aus jedem anderen Munde würde ihm ein solches Urteil zu zornigem

Widerspruch gereizt haben. -- Gabriele von Sprendlingen gegenüber

verstummte er in jener unerklärlichen Befangenheit, in welche ihn ihr

Anblick vom ersten Moment an versetzt hatte.

Wie gleichgültig würde es ihm sein, ob fremde Menschen die See lieben

oder nicht, -- nur von einer einzigen würde es ihn namenlos beglücken,

und gerade sie wendet das reizende Haupt gleichgültig ab und urteilt so

hart, so grausam, so verständnislos ...

Ja, verständnislos!

Sie kennt ja das Meer gar nicht!

Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges,

unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen,

ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des

Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!

Guntram Krafft atmet tief auf.

Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!

Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen

im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem

aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur

kennenzulernen.

Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den

eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend

bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack

des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, -- die blicken

kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in

die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des

Meeres wohnt. --

Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind

mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, -- wenn er der

holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!

Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt,

und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen

Träumen aufschrecken läßt. --

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 51 / 110 题