»Ja, ein goldenes Kinderherz!«
»Was man nicht kennt, entbehrt und verlangt man nicht! Wem nie der
Gedanke kam, daß man nicht nur für sich, sondern in erster Linie für
andere leben muß, dem genügt ein Seelenfrieden, welchen das Bewußtsein,
>nichts Böses begangen zu haben<, verleiht.«
»Mein Gott, wie sollte jener einsame Mensch auf dem Lande Gelegenheit
finden, sich um ein großes Ganzes, um Fürst und Vaterland, verdient zu
machen!«
»Das ist es eben! Will er ein Parzival sein, so soll er sich von seiner
Bärenhaut aufraffen, in die Welt hinausziehen und Taten tun! -- Aber wir
streiten da um Kaisers Bart; ich glaube kaum, daß der Graf uns jemals um
unsere Ansicht befragen wird, -- die seiner Mutter genügt ihm!«
Das klang wieder recht mokant, aber doch nicht ganz so spöttisch mehr
wie früher.
Fräulein von Sprendlingen wandte sich ein paar Kavalieren zu, welche
augenscheinlich auf ihr Kommen gewartet hatten und die junge Dame um
eine Extratour bestürmten.
Da Gabriele nur mit einem der Herren tanzen konnte, -- und sie tat es,
wie eine Königin, welche einem Vasallen eine herablassende Huld erweist,
-- so war auch Gräfin Sevarille in diesem Augenblick begehrte Ware und
flog ebenfalls im Arm eines Tänzers auf feurigen Galoppklängen dahin.
-- -- Graf Guntram Krafft war dem Herzog vorgestellt und wurde von dem
hohen Herrn durch eine ganz besonders gnädige und lange Unterhaltung
ausgezeichnet, und der Einsiedler von Hohen-Esp, welcher zuvor so
zaghaft und unsicher auf dem Parkett gestanden, trat plötzlich fest und
sicher auf, wie ein Mann, welcher über schwankendes Moorland geschritten
ist und nun wieder festen Boden unter den Füßen fühlt.
Er wuchs unter dem Blick seines Fürsten empor zu dem alten, frischen
Selbstbewußtsein, welches ihm die heimatliche Scholle gab, er redete
frank und frei, in seiner schlichten, treuherzigen Weise, welche klug,
verständig und liebenswürdig klang, -- wenig von sich selber und seinem
Tun und Handeln, aber dafür desto mehr von seiner Mutter. -- Die
begeisterte Verehrung für die Gräfin leuchtete ihm aus den Augen, und
durch die Seele des Fürsten zog wie stille Wehmut der Gedanke: »Um
wieviel reines und schönes Glück hat sich sein Vater selbst betrogen!«
-- Das Wohlgefallen des hohen Herrn an dem jungen Grafen war ein ganz
ersichtliches, er führte ihn persönlich der Herzogin und Prinzessin
Amalie zu, und auch diese bezeigten ihm ein sehr freundliches Interesse.
Die jungen Herzoginnen und Prinzen des Hauses wechselten ebenfalls ein
paar liebenswürdige Worte mit ihm, wenngleich aus ihren Augen ein etwas
neugieriges Forschen blitzte, welches mehr dem vielbesprochenen
Sonderling als der Person des Grafen galt.
Den Damen gegenüber stellte sich sogleich wieder eine gewisse
Befangenheit bei ihm ein, und in seiner Feinfühligkeit empfand er es
selber sehr peinlich, wie wenig gewandt er im Verkehr mit denselben war.
Gabriele hatte während des Tanzes zufällig in der Nähe des Herzogs
gestanden, als hochderselbe den Bären von Hohen-Esp durch seine
Ansprache auszeichnete.
Ihr Blick streifte die Sprechenden und schärfte sich plötzlich, als er
das Antlitz Guntram Kraffts traf.
Die Veränderung in seinem Aussehen fiel ihr auf, -- sie war sehr
vorteilhaft.
»Sehen Sie doch, mein gnädiges Fräulein« -- lachte auch ihr Tänzer, »vor
Serenissimus wandelt sich der tolpatschige Bär zum Löwen! Er sieht
wirklich ausgezeichnet aus, der Hohen-Esper, und wenn man ihn scherzend
den modernen Parzival nennt, so hat man nicht so unrecht, denn Frau
Herzeleides Sohn zeichnete sich ja auch durch besondere Schönheit aus!«
»Durch die Schönheit eines ritterlichen Kämpen.« --
»Denken Sie sich jenen Mann in die Rüstung eines Gralsritters, und er
würde schön sein wie ein Gott!« --
»Er >würde< -- freilich! -- aber er wird es nie werden!« --
»Leider, jene Zeiten sind vorüber!« --
»Sie leben noch in jedem Manne fort, welcher Säbel oder Degen führt,
welcher kühn bereit ist, in den Kampf für Fürst und Vaterland zu
ziehen!«
Der junge Assessor verneigte sich geschmeichelt.
»Sehr verbunden, mein gnädiges Fräulein, diese Anerkennung tut einem
Soldatenherzen wohl! Ich bin zwar nur Reserveoffizier, aber zähle mich
dennoch zum Ganzen!«
»Mit Fug und Recht! Sie dienen dem Vaterlande mit Feder und Schwert
zugleich!«
»Der Bär von Hohen-Esp tut es mit dem Pfluge!« Sie sah ihn groß und
erstaunt an. »Indem er sich selber zum reichen Mann macht?«
»Auch dadurch. -- Wenn sich ein Landwirt bemüht, seine Güter auf eine
stets höhere Kulturstufe zu bringen, sie stets ertragsfähiger und besser
zu machen, so dient er damit indirekt auch seinem Vaterlande. Außerdem
ist anzunehmen, daß ein Mann, dessen persönliche Lage sich ständig hebt,
darauf bedacht ist, für seine Arbeiter und deren Wohlergehen, für seine
Bediensteten und deren günstige finanzielle Lage zu sorgen. Er arbeitet
dadurch am besten an der Lösung der großen sozialen Lage mit und schafft
in seinem Kreise vielleicht mehr Gutes, als manch ein Held der Feder und
des Säbels Zeit seines Lebens! -- Ganz abgesehen von dem erziehlichen
und fördernden Einfluß, den gerade der Gutsbesitzer in seinem kleinen
Reiche ausüben kann!«
»Das mag alles sehr logisch sein,« zuckte die junge Dame etwas
ungeduldig die Achseln, »aber es bezieht sich leider nur auf die Gräfin
und nicht auf ihren Sohn! Außerdem sind wir Frauen zu kurzsichtig, um
solch ein Wirken in der Stille genügend anzuerkennen. Für die Mutter
genügt es mir, für den Sohn nicht!«
»Und warum nicht für diesen?«
»Weil ich bei einem Manne _Taten_ sehen will! Es steckt in jedem
Mädchenkopf ein gutes Stück Romantik, welches den Wert eines Mannes nur
nach der Qualität von Mut und persönlicher Kühnheit bemißt, welche er
zeigt. Die idealste Tat imponiert mir gar nicht, wenn der Betreffende,
welcher sie ausübt, sich nicht dabei exponiert und sein Leben aufs Spiel
setzt! -- Wenn heute ein reicher Mann Hunderttausende hingibt für den
Bau eines Krankenhauses, so finde ich das sehr edel, sehr lobenswert und
schön, aber mein Herz wird für den hochherzigen Spender nicht um einen
Hauch schneller schlagen wie vorher! Wenn aber ein Soldat mit kühnem
Hurra im Kugelregen vorwärts stürmt, um für seinen Kaiser einen Sieg zu
erkämpfen ... wenn ein Mensch sich mutig in ein brennendes Haus wagt, um
ein Kind zu retten ... wenn er sich daherrasenden Rossen entgegenwirft,
einen Greis zu schützen ... ja, das ist Heldenmut, welcher mich stets zu
heißem Entzücken, zu flammender Bewunderung begeistern wird!« --
»Ich verstehe Sie und Ihre Ideale vollkommen, mein gnädiges Fräulein,
und freue mich dessen, wenngleich Sie bei all Ihrer edlen
Leidenschaftlichkeit doch etwas engherzig urteilen. Jeder leistet gewiß
so viel, wie in seinen Kräften steht, aber jeder muß sich auch den
Verhältnissen anpassen, in welche ihn Gottes Vorsehung gestellt hat. --
Wenn die Völker nicht aufeinander schlagen, wird es schwer sein, sich
blutige Lorbeeren auf dem Schlachtfeld zu pflücken, und wenn kein Haus
brennt, hält es schwer, Gefährdete zu retten! -- In unsern, gottlob so
stillen Zeiten lassen sich Taten, welche man mit den Augen sieht, am
wenigsten vollbringen; aber warten Sie nur, -- wenn sich die Gelegenheit
bietet, wird auch Graf Hohen-Esp seinen Mann stehen!«
Ein sarkastisches Lächeln zuckte um Gabrieles Mund, mit ungläubigem
Blick streifte sie die Reckengestalt des Genannten, welcher soeben vor
den jungen Prinzessinnen stand und so befangen in sich zusammensank, als
fehle Mark und Kraft in seinen Knochen, -- dann wandte sie mit
aufleuchtenden Augen das Köpfchen und sah Herrn von Heidler entgegen,
welcher sich hastig zu ihr Bahn brach und um eine Extratour bat.
Die breite Narbe auf seiner Stirn hob sich dunkelrot von dem erhitzten
Gesicht ab, die Narbe, welche stets von dem schweren Sturz erzählen
wird, welchen der schneidige Kavallerist sich bei tollkühnem Ritt
geholt! -- Gabrieles Herz schlägt hoch auf, sie legt die bebende Hand
auf seinen Arm und blickt sekundenlang in das scharfgeschnittene,
trainierte Gesicht mit den unruhig flackernden Augen empor. --
Hart, eisern -- fest ist es -- wie aus Bronze gegossen; der Griff, mit
welchem er ihre schlanke Gestalt beinahe an sich reißt, hat nichts so
Zartes, Rücksichtsvolles, wie die Hände des Bären von Hohen-Esp, als er
sie, behutsam, wie ein zartes Vögelchen, aus dem Schnee hob.
Gabriele liebt solche Weichlichkeit nicht. Ihr Blick brennt auf dem
roten Streifen, welcher seine Stirn zeichnet, und durch ihren Sinn zieht
es wie jubelnde Weise: »Wie lieb' ich dich erst um die Narb' auf der
Stirn -- und das eiserne Kreuz auf der Brust!« --
* * * * *