XII.

Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer

alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften

Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.

Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft

gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie

der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer

Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen

Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im

Saal herabzuschauen.

Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen

Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen

Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang.

Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie

geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea

streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges.

Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und

das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig

belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht

war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren.

Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr

wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige

eine glänzende Partie zu tun.

Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug

genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der

Graf unbekannt in der Gesellschaft war.

Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von

Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte

Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der

Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde.

Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der

Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der

Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen

Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.

Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und

bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig

verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.

Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen

Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf

mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau

herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und

zu erkennen.

Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die

kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen.

»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz

begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt

geworden und amüsieren sich vortrefflich?« --

Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor

sich hatte.

Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und

stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig

verstand.

»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?«

fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer

jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind

und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« --

Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr

befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das

plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles

nannte.

»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den

Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie,

gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft

verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser

neuen Welt schlecht zurechtfindet!«

»Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht

unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?«

»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie

erkennen!«

Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte

abermals.

»Wie liebenswürdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, daß Sie zum mindesten

den Kotillon mit ihr tanzen?«

Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären.

»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste.

»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie

für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig

Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es

sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.«

»Sehr gnädig -- ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und

abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante

Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden

Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein

brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch

lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich

in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch

heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen,

jedes freundliche Wort doppelt dankbar.

Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender

Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz

noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er

empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu

plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. --

-- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder,

und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe

legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße.

»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit

ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen

Marabufächer vor der Brust. -- »Wie kam das? Wir waren heute sehr

präzise zur Stelle!«

»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde

Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in

diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es

mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen

Parkett lernen muß!«

»Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen

schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit

gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!«

Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten,

auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder.

»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter

noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr

ungelegenen Zeit ...«

Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum

verstand. Sie hob jäh den Kopf.

»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?«

Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich

traurig an.

»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er

treuherzig.

Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich

verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?«

»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe

auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!«

»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O

welch eine lächerliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen

Unsinn vorgeredet, Graf?«

Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner

Seite an. _Wieder_ stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf.

»Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von

seinen Lippen --: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich

voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige

Atlasschleppe nieder. --

»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!«

lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer

Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben

--: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr

etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht,

daß zum Verloben doch immer zweie gehören!«

»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram

Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals

klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme.

»Je nun -- er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!«

lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: »aber das tun

doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt

und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und

wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie

zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit

einer langen Reihe von Jahren kennt!«

Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der

Sprecherin.

Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen

Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte

sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen.

»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die

Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr.

Frau von Sprendlingen lachte abermals.

»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre!

Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen

Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen -- gern

verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß

man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht

alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter!

Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?«

»Keinen, gnädigste Frau.«

»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?«

Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an.

»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein

Tochter tanzen, sondern nur plaudern.«

»Ah! Sie überraschen mich!«

»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie

man hier tanzt.«

»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu

wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte

doch nachholen?«

»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich

mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl

nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.«

»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu

kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?«

Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute

sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher

geführt.

»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige

Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin.

»Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das

Schwerste überstanden!«

»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie

möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!«

»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?«

»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?«

»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten

Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und

Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel

III Plätze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich führe Sie

bis zu der Galerietür, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und

belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« --

»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?«

»Wenn Sie das wünschen!«

»Über alles wünsche ich es mir!«

Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach

lebhafter wie je zuvor.

»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille

benutzen, um uns den Weg zu bahnen!«

Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen.

»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus.

Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die

Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« --

Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu,

und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der

hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem

einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und

dirigiert, wohin es ihr beliebt.

Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre

Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine

Begleiterin -- und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre

Lippen.

* * * * *

Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten,

welche auf den Gläsern lagen.

Ein jeder Platz war besetzt.

Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel.

»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es

hinter ihm.

Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am

Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso

höflich wie respektvoll.

»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper,

sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt.

»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch

Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten

Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir

noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« -- und er

neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser

Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen

der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...«

»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst

bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine

Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar.

Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast

wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück.

Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn

ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen

ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er

gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er

vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz

auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum

blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 47 / 110 题