Frau von Sprendlingen stand in etwas langweiligem Gespräch mit einer
alten Exzellenz nahe der Empore, auf welcher die höchsten Herrschaften
Platz genommen, dem Tanze zuschauten oder Cercle hielten.
Sie hatte beobachtet, wie huldvoll der Herzog mit Graf Guntram Krafft
gesprochen, wie auch die fürstlichen Damen ihn auszeichneten, und wie
der Erbe von Hohen-Esp sich bei dem neu beginnenden Tanz mit tiefer
Verneigung zurückzog, um einen Augenblick an der blütenduftigen
Wanddekoration stehen zu bleiben, um auf das farbenglänzende Bild im
Saal herabzuschauen.
Baronin Sprendlingen verabschiedete sich mit ein paar liebenswürdigen
Worten und schritt -- anscheinend nur in den Anblick der hohen
Herrschaften vertieft, langsam an dem Wanddiwan entlang.
Ein feines, nervöses Zucken spielte um ihre Augen, ein Zeichen, daß sie
geärgert oder nervös war, und wenn ihr Blick zufällig Komtesse Thea
streifte, so bekam er beinahe etwas Feindseliges.
Frau von Sprendlingen besaß viel Scharfblick und Menschenkenntnis, und
das Gespräch zwischen Thea und dem Grafen, welches sie unfreiwillig
belauscht, hatte ihr die Überzeugung gegeben, daß die Komtesse bemüht
war, auf sehr feine und geschickte Art gegen Gabriele zu intrigieren.
Die Komtesse war bereits zu der Überzeugung gekommen, daß sie, als sehr
wenig bemittelte junge Dame, kaum Chancen hatte, zu heiraten, geschweige
eine glänzende Partie zu tun.
Der Hohen-Esper aber war eine solche, und die junge Dame schien klug
genug, das Eisen allsogleich zu schmieden, solange es noch heiß und der
Graf unbekannt in der Gesellschaft war.
Wenn man momentan auch noch ein wenig witzelte über den Einsiedler von
Hohen-Esp und ihn mehr neugierig wie begehrlich betrachtete, so wußte
Frau von Sprendlingen doch, daß er sich gar bald hier eingelebt und der
Gegenstand brennenden Interesses für Mütter und Töchter sein werde.
Schon jetzt hörte man überwiegend mehr Anerkennendes aus dem Mund der
Damen wie Spöttisches, und die Schönheit des jungen Mannes schien der
Punkt zu sein, an welchem eine allgemeine Begeisterung für den reichen
Grundbesitzer einzusetzen beabsichtigte.
Ganz wie von ungefähr näherte sich die Baronin dem Sohne Gundulas und
bemerkte es voll äußerster Genugtuung, wie sein Blick, ein wenig
verdüstert, aber sehr beharrlich ihrer Tochter folgte.
Sie nestelte die langstielige, sehr elegante Lorgnette an der goldenen
Kette von dem Fächer los und hob sie an die Augen, und als der Graf
mechanisch auf die elegante, noch immer sehr schöne und jugendliche Frau
herniedersah, schien sie ihn just in diesem Moment erst zu bemerken und
zu erkennen.
Sie wandte sich ihm sichtlich überrascht und erfreut zu und bot ihm die
kleine Hand, über welcher die kostbaren Armspangen funkelten, entgegen.
»Sieh da, Graf Hohen-Esp! welch eine Freude, Sie hier bei Spiel und Tanz
begrüßen zu können! Hoffentlich sind Sie schon bei der Jugend bekannt
geworden und amüsieren sich vortrefflich?« --
Einen Augenblick schien der Genannte nicht recht zu wissen, wen er vor
sich hatte.
Er verbeugte sich in seiner etwas linkischen und befangenen Weise und
stammelte eine Antwort, von welcher Frau von Sprendlingen wenig
verstand.
»Hoffentlich hat Ihnen meine Tochter Gabriele einen Tanz aufgehoben?«
fuhr die schöne Frau mit anmutigem Lächeln fort. »Es ist heute einer
jener seltenen Tage, an welchen die Herren in der großen Überzahl sind
und die Tanzkarten infolgedessen bald ausverkauft sind!« --
Die Sprecherin beobachtete das Antlitz des jungen Mannes und war sehr
befriedigt, als sie das jähe Aufleuchten seiner Augen sah, das
plötzliche, lebhafte Interesse bemerkte, sobald sie den Namen Gabrieles
nannte.
»Oh, Frau von Sprendlingen!« rief Guntram Krafft mit jäher Röte in den
Wangen, in seiner so ehrlich-naiven Art: »Jetzt erst erkenne ich Sie,
gnädigste Frau! Die Damen sehen in den Balltoiletten alle so märchenhaft
verändert aus, daß man sich selbst mit dem besten Gedächtnis in dieser
neuen Welt schlecht zurechtfindet!«
»Wie begreiflich ist das! -- So fanden Sie auch meine Tochter noch nicht
unter den vielen unbekannten Tänzerinnen heraus?«
»Fräulein von Sprendlingen? Selbst mit blinden Augen würde ich sie
erkennen!«
Das klang aus tiefstem Herzen heraus, und die Generalin lächelte
abermals.
»Wie liebenswürdig Sie das sagen! -- Ich hoffe, daß Sie zum mindesten
den Kotillon mit ihr tanzen?«
Ein Schatten flog über das strahlende Gesicht des jungen Bären.
»Ich kam zu spät, gnädigste Frau!« sagte er leiste.
»Oh! in der Tat? Darüber müssen Sie mich genau unterrichten! Sind Sie
für diesen Tanz verpflichtet oder haben Sie Zeit, mir ein wenig
Gesellschaft zu leisten? Hier unter dem Rundbogen der Nische sitzt es
sich sehr nett, setzen wir uns zum Plaudern nieder.«
»Sehr gnädig -- ich bin überaus dankbar!« stammelte Guntram Krafft, und
abermals leuchtete ihm die Freude aus den Augen. Die schlanke, elegante
Frau mit dem zarten, blassen Gesichtchen und dem so sehr gewinnenden
Ausdruck in den schönen Zügen hätte nicht Gabrieles Mutter zu sein
brauchen, um es ihm anzutun, er hatte schon bei seinem ersten Besuch
lebhafte Sympathie für sie empfunden, und dieses Gefühl steigerte sich
in diesem Augenblick zu herzlichster Begeisterung. Empfand er doch
heute, inmitten all der fremden, so wenig entgegenkommenden Menschen,
jedes freundliche Wort doppelt dankbar.
Nun war es Gräfin Thea nicht mehr allein, welche ihm wie ein rettender
Engel in seiner Verlassenheit erschien, Gabrieles Mutter ließ sein Herz
noch schneller und erregter in diesem Augenblick schlagen, und er
empfand es schon als großes Glück, mit ihr von der Wunderlieblichen zu
plaudern, welche es seinem Herzen wie durch Spuk und Zauber angetan. --
-- -- Er setzte sich neben Frau von Sprendlingen auf den Diwan nieder,
und die weichen, glänzenden Falten ihrer fraisefarbenen Atlasschleppe
legten sich wie ein Traumgefilde um seine Füße.
»Also Sie kamen zu spät zu Gabriele?« fragte die Baronin abermals mit
ihrer weichen, angenehmen Stimme und entfaltete den duftigen
Marabufächer vor der Brust. -- »Wie kam das? Wir waren heute sehr
präzise zur Stelle!«
»Dessen kann ich mich kaum rühmen, gnädigste Frau! Ich habe das fremde
Terrain Schritt um Schritt erobert und bedurfte der Zeit, um mich in
diesem Zauberreich zurechtzufinden. Sie ahnen nicht, wie völlig neu es
mir ist, wie ich gleich einem Kind erst das Gehen auf dem höfischen
Parkett lernen muß!«
»Davon merke ich nichts -- oder besser gesagt, Sie lernen zum Erstaunen
schnell! Gleichwohl begreife ich, daß Sie heute nicht Herr der Zeit
gewesen! So fanden Sie Gabriele erst jetzt während des Tanzes!«
Er senkte das Haupt tiefer und blickte auf die schimmernden Atlasfalten,
auf das wirre, feine Spitzengeriesel, welches sie umsäumte, nieder.
»Doch nicht, gnädigste Frau ... ich konnte mich Ihrer Fräulein Tochter
noch in der Galerie bekannt machen ... aber ... ich kam zu einer sehr
ungelegenen Zeit ...«
Die letzten Worte klangen so leise, daß Frau von Sprendlingen sie kaum
verstand. Sie hob jäh den Kopf.
»Ungelegenen Zeit? Was verstehen Sie darunter, lieber Graf?«
Da schauten sie seine großen, ehrlichen, blauen Kinderaugen unendlich
traurig an.
»Ihr Fräulein Tochter stand im Begriff, sich zu verloben«, sagte er
treuherzig.
Die Generalin machte eine beinahe entsetzte Bewegung. »Gabriele sich
verloben? -- Herr des Himmels, mit wem denn?«
»Mit jenem schlanken, dunkelhaarigen Dragoner, welcher eine breite Narbe
auf der Stirn trägt; der Name ist mir wieder entfallen, gnädigste Frau!«
»Mit Heidler?« Frau von Sprendlingen klappte bewegt den Fächer zu: »O
welch eine lächerliche, absurde Idee! -- Wer hat Ihnen solch einen
Unsinn vorgeredet, Graf?«
Schier atemlos starrt der Bär von Hohen-Esp die schöne Frau an seiner
Seite an. _Wieder_ stieg es heiß und rot in seinem Antlitz auf.
»Es ist nicht wahr? -- Es ist ein Irrtum?« klang es wie leiser Jubel von
seinen Lippen --: »O, das wäre ja ...« und er unterbrach sich plötzlich
voll tödlicher Verlegenheit und starrte abermals auf die duftige
Atlasschleppe nieder. --
»Solches Märchen hat Ihnen gewiß Gräfin Thea Sevarille vorerzählt!«
lachte die Generalin, und doch flimmerte es in ihrem Blick wie geheimer
Triumph, das Spiel der kleinen Intrigantin richtig durchschaut zu haben
--: »Die jungen Mädchen wittern ja sofort eine Verlobung, wenn ein Herr
etwas den Hof macht, und bedenken in ihrem mitteilsamen Eifer gar nicht,
daß zum Verloben doch immer zweie gehören!«
»Herr von Heidler liebt Fräulein Gabriele wohl sehr?« fragte Guntram
Krafft wieder in seiner beinahe kindlichen Aufrichtigkeit, und abermals
klang es wie geheime Sorge durch seine Stimme.
»Je nun -- er schwärmt meine Tochter an und zeigt das sehr aufrichtig!«
lächelte Frau von Sprendlingen ein wenig ironisch --: »aber das tun
doch sehr viele der jungen Herren, denn Gabriele ist allgemein beliebt
und recht gefeiert! Aber an Verloben denkt sie durchaus nicht -- und
wenn sie zu Herrn von Heidler vielleicht etwas liebenswürdiger ist wie
zu andern Herren, so kommt das einfach daher, weil sie ihn schon seit
einer langen Reihe von Jahren kennt!«
Guntram Kraffts Blick hing in atemlosem Lauschen an den Lippen der
Sprecherin.
Es war, als ob er aus jedem ihrer Worte neue Zuversicht und frischen
Lebensmut schöpfte; seine Augen strahlten wie verklärt, und er bemühte
sich auch gar nicht, seine Freude zu verbergen.
»So liebt er sie ... aber sie nicht ihn?« fragte er leise und sah die
Baronin an, als habe er auch nicht das kleinste Geheimnis mehr vor ihr.
Frau von Sprendlingen lachte abermals.
»Es ist meine feste Überzeugung, und ich hoffe, daß ich mich nicht irre!
Die Welt, und namentlich die lieben Freundinnen meiner Tochter, sagen
Gabriele -- ebenso wie jedes andere vielumschwärmte Mädchen -- gern
verlobt, in der Hoffnung, sie dadurch unschädlich zu machen; daran muß
man sich hier in der Residenz gewöhnen, bester Graf, und durchaus nicht
alles glauben, was die Leute sagen! Nun aber erzählen Sie mir weiter!
Gabriele hatte keinen Tanz mehr frei?«
»Keinen, gnädigste Frau.«
»Aber Sie holten sich schon eine Extratour bei ihr?«
Da blickte er sie wieder recht treuherzig und verlegen an.
»Das wage ich nicht. Ich wollte überhaupt nicht mit Ihrer Fräulein
Tochter tanzen, sondern nur plaudern.«
»Ah! Sie überraschen mich!«
»Ich kann nicht tanzen, Frau Baronin! Ich lernte es nie in der Art, wie
man hier tanzt.«
»Sehr begreiflich! In der Einsamkeit Ihrer schönen Strandburg ist dazu
wohl kaum Gelegenheit! -- Aber in einer Pause könnten Sie das Versäumte
doch nachholen?«
»Ich habe nicht den Mut dazu. Ich bin unbeholfen und weiß nicht, was ich
mit jungen Damen reden soll. Meine einseitigen Interessen sind wohl
nicht die ihren, und die große Welt ist mir fremd.«
»Sie waren so sehr liebenswürdig, meiner Tochter als Retter zu Hilfe zu
kommen, als sie jüngst ein kleines Unglück mit dem Schlitten hatte?«
Seine Augen leuchteten wieder auf, er bejahte sehr lebhaft und freute
sich des Zufalls, welcher ihn just in jenem Augenblick des Wegs daher
geführt.
»Ei, so fragen Sie doch meine Tochter, wie ihr jene unfreiwillige
Bekanntschaft mit dem Schnee bekommen ist!« scherzte die Generalin.
»Wenn der Anfang zu einer Unterhaltung gefunden ist, haben Sie das
Schwerste überstanden!«
»Fräulein von Sprendlingen ist stets sehr umlagert ... und ... sie
möchte es wieder ungnädig aufnehmen, wenn ich störe!«
»Haben Sie bereits zu Tisch engagiert?«
»Nein, gnädigste Frau, daran dachte ich noch nicht. Muß man das?«
»Man muß nichts, was man nicht will! Aber ich möchte Ihnen einen guten
Rat geben. Wie ich höre, ist die Jugend auch heute nicht plaziert, und
Gabriele sagte mir, daß Herr von Heidler in der Bildergalerie an Tafel
III Plätze belegt habe. -- Nun kommen Sie einmal mit -- ich führe Sie
bis zu der Galerietür, -- dann suchen Sie sich den Tisch Nr. 3 auf und
belegen sich daselbst einen Platz mit Ihrer Visitenkarte!« --
»O, vortrefflich! In der Nähe Ihres Fräulein Tochter?«
»Wenn Sie das wünschen!«
»Über alles wünsche ich es mir!«
Der junge Bär von Hohen-Esp war wie ausgewechselt, er lachte und sprach
lebhafter wie je zuvor.
»Gut! Reichen Sie mir Ihren Arm, Graf, wir wollen diese Quadrille
benutzen, um uns den Weg zu bahnen!«
Er sah ihr noch einmal mit leuchtendem Blick in die Augen.
»Ich danke Ihnen!« sagte er wie aus tiefstem Herzen heraus.
Frau von Sprendlingen lächelte: »Glauben Sie in Zukunft nichts, was die
Leute faseln! Sie sehen, wie falsch man Sie unterrichtet hatte!« --
Sie schritten an dem Diwan entlang, den großen, goldenen Saaltüren zu,
und Frau von Sprendlingen hatte das Empfinden, als sei der Mann mit der
hohen Reckengestalt an ihrer Seite ein Baby, welches sie mit einem
einzigen Wort, einem einzigen Druck ihrer zierlichen Hand lenkt und
dirigiert, wohin es ihr beliebt.
Ihr Blick flog hinüber zu Gräfin Thea, welche, sichtlich zerstreut, ihre
Quadrille tanzte, -- sie sah weder den Graf von Hohen-Esp noch seine
Begleiterin -- und ein feines Lächeln des Triumphes zuckte um ihre
Lippen.
* * * * *
Guntram Krafft stand vor dem Tisch Nr. 3 und übersah die Visitenkarten,
welche auf den Gläsern lagen.
Ein jeder Platz war besetzt.
Unschlüssig und tief enttäuscht schaute er über die Tafel.
»Wünschten der Herr Graf gerade an diesem Tisch zu sitzen?« fragte es
hinter ihm.
Ein Lakai und der Haushofmeister, welcher mit jeder neuen Erscheinung am
Hofe vertraut schien, trat diensteifrig näher und verbeugte sich ebenso
höflich wie respektvoll.
»Es wäre mir allerdings sehr lieb gewesen!« versicherte der Hohen-Esper,
sehr angenehm durch das Interesse des alten Hofbeamten berührt.
»Aber bitte, Herr Graf! Nichts leichter wie das! Es müssen sowieso noch
Plätze eingeschoben werden, da der Herr Hofmarschall noch in dem letzten
Augenblick Ansagen von benachbarten Garnisonen erhielt! Also fügen wir
noch ein Kuvert ein ... befehlen Herr Graf vielleicht hier?« -- und er
neigte den wohlfrisierten Kopf und las: »von Heidler ... ah ... unser
Vortänzer ... dann hier seine Dame ... und neben derselben ... befehlen
der Herr Graf?... oder vielleicht hier an der Ecke ...«
»Nein, nein! Danke verbindlichst! Der Platz hier ... welchen Sie zuerst
bezeichneten, ist mir sehr angenehm ...« und der Sprecher zog seine
Visitenkarte aus der Brusttasche und reichte sie dar.
Wieder stieg die heiße Glut in seine Wangen, und voll verlegener Hast
wandte er sich und schritt nach dem Saal zurück.
Ihm war's, als müßte man ihm all seine jubelnden Gedanken von der Stirn
ablesen! Vor wenig Minuten hatte er gewähnt, all die hellen Kerzen
ringsum seien erloschen und dunkle, trostlose Nacht umgebe ihn, seit er
gehört, Gabriele sei die Braut eines andern, und nun plötzlich, als er
vernimmt, daß dies Gerede eitel Lug und Trug ist, da schlägt sein Herz
auf in ungestümer Glückseligkeit, und die elektrischen Flammen ringsum
blenden ihm die Augen, so leuchten und funkeln sie!