Der erste Hofball!
Die ganze Residenz ist voll Interesse und Anteilnahme.
Alter Tradition gemäß muß es an Hofballtagen besonders kalt sein, ein
frisches, fröhliches Schneegestöber muß die Luft erfüllen, und die
Parkbäume und Bosketts rings um das herzogliche Schloß herum haben die
Verpflichtung, weiß bereift, wie ein glitzernder Zauberwald, das Auge zu
erfreuen, denn niemals sieht der malerische Rokokobau schöner und
märchenhafter aus, als wie mit strahlend erleuchteten Fenstern inmitten
der verschneiten Winterlandschaft.
Dann malen die rotgelben Lichter ihre langzitternden Streifen über die
weißen Samtdecken der Rasenflächen, werfen flimmernde Reflexe auf dem
gefrorenen Teich und glühen wie starre Augen durch die immergrünen
Taxushecken, welche ihre mannigfachen Schatten in den fleckenlosen
Hermelin des Winters zeichnen. --
Pechfackeln schweben zu beiden Seiten der Einfahrt, wo ein mächtiges,
eisernes Tor in kunstvoller Schmiedearbeit den inneren Schloßhof
abschließt. Da staut sich die Menge und ist hochbefriedigt, einen Blick
in das glänzend erleuchtete Vestibül zu werfen, wo mächtige
Palmengruppen in feuchtwarmer Treibhausluft die verträumten Blattwedel
über Marmorfiguren breiten.
Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und
Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden
Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden
Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher
Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie
ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche
rauschen.
Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide
und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen
Augen bot.
Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und
Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser
strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert
war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen
vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim
brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder
schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen
gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl
junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender,
vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor
geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte
ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht
zu lösen vermochte! --
Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen
einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf
Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber
nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten
Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie
stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal
genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die
einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß
man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren
und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann
den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor,
und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften
präsentiert werden! -- Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird
alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern,
und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst
ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat,
ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann
man nicht darin ertrinken! -- Das nächste Mal mischen Sie sich dann
schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen
kennen und amüsieren sich herrlich!«
Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich
und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem
Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen.
Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung
und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können.
Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten
Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit
schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten
Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.
Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich,
wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer
Toilette.
Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim
der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-,
Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes
kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und
silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war
ein Traum!
Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, -- wie
die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider
wehen! -- Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen,
welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!
Blumen in allen Farben und Arten, zart eingeschmiegt in die Kreppwogen
und in die reizend frisierten Haare, keine frischen, lebenden Blumen,
wie Guntram Krafft zuerst geglaubt, sondern wunderbar täuschend
nachgeahmt, mit Blättern und Knospen, Blüten, wie man sie in gleicher
Schönheit kaum im Lenz beisammensieht! --
Und welch ein Gefunkel von Edelsteinen!
Über Nacken, Brust und Arme sind sie gestreut wie ein versteinerter
Funkenregen, in allen Farben der Iris leuchtend, -- Diademe über der
Stirn, goldene Spangen um die zarten Handgelenke, und wo die Frauenaugen
besonders tief und schwärmerisch blicken, da glänzen die zauberschönen
Schätze des Meeres, die Tränen der Nixen und Meerfrauen, welche die
Menschen Perlen nennen!
Gar mancher Blick hat den Bär von Hohen-Esp gestreift, gar manch leises
Wort ist über ihn gewechselt und manch rote Lippe hat seinen Namen
genannt, -- auch hat des jungen Grafen Blick sich selber im hohen
Wandspiegel gestreift und voll beinahe scheuer Unsicherheit sein fremdes
Bild gemustert.
Er trägt zum erstenmal einen Frack -- die weiße Binde und Weste -- zum
erstenmal die spiegelnden Lackschuhe an den Füßen.
In Hohen-Esp war solch ein Luxus unbekannt, und weil sich der Einsiedler
aus der Bärenhöhle so ungewohnt darin vorkommt, fühlt er sich beklommen
und geniert.
Die Zahl der Gäste lichtet sich, es scheint nun die höchste Zeit zu
sein, die Säle zu betreten, und langsam steigt Guntram Krafft die Treppe
empor.
Er mustert die überlebensgroßen Gemälde fürstlicher Ahnherrn an den
Wänden, er atmet schwer und tief den berauschenden Duft, welcher ihn
geheimnisvoll umweht. Sind es die Veilchen, welche Gabriele jüngst im
Schlitten getragen? --
Wie haben seine Blicke Fräulein von Sprendlingen gesucht, -- wie zuckte
sein Herz empor, als er sie noch im letzten Moment droben an der
Treppenbiegung erblickte. Sie wandte just das Köpfchen und schaute
zurück, ein paar jungen Damen drunten zuzunicken.
Ihr Blick streift auch ihn, -- aber so fremd, so kühl, als habe sie ihn
nie im Leben gesehen.
Wieder überkommt ihn ein Gefühl banger Ungeduld.
Er sehnt sich danach, ihr vorgestellt zu werden, damit sie auch mit ihm
plaudert und ihn abermals anlächelt wie damals auf der Straße, als er
ihre schlanke Gestalt in den Armen emporhob und sie sekundenlang an
seinem Herzen hielt. Bei dem Eingang an der Bildergalerie steht ein
diensttuender Kammerherr, um die Ankommenden zu begrüßen.
Er tritt auch dem jungen Grafen sehr liebenswürdig entgegen, nennt
seinen Namen und spricht seine Freude aus, wieder einen Vertreter der
Familie von Hohen-Esp hier begrüßen zu dürfen.
Er spricht mit leiser Stimme, sehr höflich und verbindlich, dennoch
liegt etwas Zeremonielles in seinem Wesen, und sein Händedruck ist mehr
förmlich wie herzlich.
Er geleitet den Neuling auf höfischem Parkett bis zu dem nächsten Saal,
welcher seinen Namen von den kostbaren alten Gobelins, die seine Wände
schmücken, erhalten hat, und in welchem sich die tanzende Jugend bis zu
dem Eintritt der hohen Herrschaften versammelt. Zwei Adjutanten in
großer Uniform halten sich in der Nähe der Tür auf, treten eilig herzu,
und der Kammerherr stellt ihnen den Grafen vor, mit der Bitte, ihn bei
den jungen Damen bekannt zu machen.
Ein paar sehr liebenswürdige Worte der vielbeschäftigten Herren, welche
Guntram Krafft mit der ehrlichen Versicherung, daß er sich freue, diesem
Feste beiwohnen zu können, quittiert, und dann murmelt ein sehr junger
Leutnant hinter ihm einen unverständlichen Namen und offeriert die
silberne Schale mit den Tanzkarten.
Der Graf stellt sich seinerseits vor und nimmt eins der eleganten
Kartonblätter, auf welchem unter dem farbigen Fürstenwappen eine Anzahl
Tänze notiert ist, von welchen er kaum die Namen kennt.
»=The lancers=« -- »Menuett der Königin« -- »Ouadrille =à la cour=«
-- nein, diese Kunstwerke sind ihm in Hohen-Esp fremd geblieben.
Polka und Walzer, -- ja, die hat er voll fröhlichen Übermuts bei dem
Hauslehrer gelernt und zeitweise in der »blauen Woge« praktisch
angewandt, wenn irgendein besonderes Fest die Anwesenheit des gräflichen
Schirmvogts erforderte, -- er hat da unwillkürlich ebenso mitgetanzt wie
die wetterharten Fischer, Matrosen und Seeleute es vorgemacht; und daß
man in Lackschuhen, auf höfischem Parkett doch ein bißchen anders walzt
wie in dem weltfremden Fischerdorf -- das sieht der Bär von Hohen-Esp
nur allzugut ein. Er verzichtet darum darauf, zu engagieren, obwohl
einer der Adjutanten sich mit ihm durch die Menge drängt und den Versuch
macht, ihn den Damen vorzustellen.
Lauter fremde Gesichter, -- wie rosige Nebel wallt es vor den Augen des
Grafen, er verneigt sich stumm und vermag kaum, die einzelnen jungen
Mädchen mit dem Blick zu umfassen, geschweige all die Namen zu merken,
welche, kaum verstanden, vor seinen Ohren schwirren.
Wozu auch? -- Er sucht nur ein einziges Antlitz, er lauscht nur auf
einen einzigen Namen, und just darauf vergeblich.
Noch sind sie nicht weit gekommen, als ein lautes, hartes Klopfen auf
dem Parkett ertönt, die lachenden, schwatzenden Stimmen wie mit
Zauberschlag verstummen und die Damen hastig nach der einen Seite des
Saales, die Herren nach der andern zurückweichen.
Adjutanten und Kammerherrn schreiten geschäftig »die Fronten« auf und
ab, herüber und hinüber werden noch ein paar Scherzworte und Grüße
getauscht, dann klopft es abermals, die vergoldeten Flügeltüren schlagen
auf, und unter Vortritt der obersten Hofchargen betreten die hohen
Gastgeber, von den Privatgemächern kommend, den Saal. --
Tiefe, feierliche Verbeugungen rechts und links.
Die Herrschaften grüßen voll gewinnendster Leutseligkeit, lächeln und
schreiten langsam durch die spalierbildende Jugend.
»Bleibt die herzogliche Familie nicht anwesend?« fragt Guntram Krafft
den jungen Leutnant, an dessen Seite er zufällig steht, ein wenig
betroffen, als der Hof in der gegenüberliegenden Tür verschwindet, und
der Angeredete klappt mit etwas wunderlichem Ausdruck in dem bartlosen
Gesicht die Hacken zusammen.
»Herrschaften treten fürerst in den Thronsaal, um die älteren Damen und
Herren zu begrüßen! Findet in der Regel kleiner Cercle statt, aber dann
geht es sofort los! -- Werden uns gleich hier durch die Galerie in den
Tanzsaal begeben. -- Haben der Herr Graf schon alle Tänze besetzt?«
»Nein! Noch nicht einen einzigen.«
»Ah ... fatal ... sind ein wenig spät gekommen, ist aber kein Mangel an
Tänzerinnen! Im großen Saal läßt sich das erst richtig übersehen.«
»Ich möchte heut nicht tanzen, sondern das Fest nur als Schauspiel auf
mich wirken lassen!«
»Sehr wohl! Ist auch kaum ein Vergnügen, auf einem wie ein
Präsentierteller großen Raum zu tanzen! Furchtbare Fülle heut! Man
findet sich kaum durch! Aber immerhin engagiert man, um ein wenig mit
den Damen zu plaudern. Superbe Erscheinungen heute ... alle Stars sind
vollzählig vertreten.«
»Wer gilt für die schönste der Damen?«
Der junge Offizier lacht: »=Mon Dieu=, Verehrtester, das ist schwer zu
sagen! Der Geschmack ist unberechenbar! Da ist die Hofdame der
verwitweten Prinzeß Amalie, -- Gräfin Dollen, eine vielgerühmte
Schönheit, aber kühl ... kühl bis ans Herz hinan ... dann Fräulein von
Lochau, pikant ... amüsant ... kapriziös.., Baronesse Sprendlingen,
bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt und anspruchsvoll ... Fräulein
Karola von Erlau-Föhrbach, Tochter des Ministers ... ein
Tanagra-Figürchen voll größten Charmes ... aber pardon ... wir wollen
uns in den Tanzsaal begeben, damit die höchsten Herrschaften allzugleich
das Zeichen zum Beginn des Tanzes geben können ... Sie gestatten, Herr
Graf ...« und der Sprecher verneigt sich ein paarmal hastig nacheinander
und schießt davon, um einer zierlichen kleinen Blondine den Arm zu
bieten und sich dem »Zug nach dem Westen« anzuschließen.
Da hastet es abermals lachend und scherzend an ihm vorüber, und Guntram
Krafft steht -- um eines Hauptes länger denn alles übrige Volk -- ruhig
beiseite und überfliegt mit suchendem Blick die bunte Menge.
»Fräulein von Sprendlingen, -- bezaubernd hübsch, aber rasend verwöhnt
und anspruchsvoll!« klingt es noch wie ein Echo vor seinen Ohren, und
dann denkt er wie in jubelnder Freude daran, daß er nicht zu tanzen
braucht, sondern auch eine Dame zum Plaudern engagieren kann.
Und wie er mechanisch über die Menge hinblickt, -- da zuckt er plötzlich
empor und ahnt es nicht, daß ihm alles Blut in die Wangen steigt.
Dort taucht endlich, endlich Gabrieles Köpfchen auf. Sie scheint es
nicht eilig zu haben, den Tanzsaal zu erreichen.
Sie hat einen großen, zartduftigen Marabu-Fächer entfaltet und bewegt
ihn mechanisch vor dem Busen auf und nieder.
Die Spitzen des Ausschnitts wogen leise, wie ganz zarter, maigrüner
Hauch, durch welchen sich ein Silbergekräusel zieht, und die
wunderschönen Arme gleißen im Licht und sind ihm so bekannt ... ja, wo
sah er sie schon?
Im Traum! Es sind die Arme jener Meerfrau, welche ihm die Perlenschnur
entgegenreichten. Perlen!
Nein, diesmal träumt er nicht!
An ihrem schlanken Hals schimmern sie in mattem Glanz, eine Kette mit
einem Brillantschloß ... und sie neigt den Nacken graziös zurück und
lächelt zu einem Dragoneroffizier empor, welcher ihr gar schöne Worte zu
sagen scheint.
Langsam, ganz langsam schreiten sie heran, als die letzten im Saal, und
Guntram Krafft begreift es in dem Augenblick selber nicht, woher er den
Mut nimmt, aber er steht in dem nächsten Augenblick vor den beiden,
verneigte sich etwas linkisch und stammelt seinen Namen.
»Darf ich um einen Tanz bitten, mein gnädiges Fräulein?«
Sie schaut ihn mit den großen hellen Augen einen Moment sprachlos an,
das Lächeln schwindet, ihre Lippen zucken ein Gemisch von Stolz und
schroffer Abweisung.
»Bedaure, meine Tänze sind vergeben!« sagt sie kurz, klappt den Fächer
zu und legt ihre Hand auf den Arm des Offiziers, um hastig
weiterzuschreiten. Herr von Heidler hat seinen Namen ebenfalls mit
kurzer Verneigung genannt und den Bär von Hohen-Esp mit etwas ironischem
Blick gemustert, dann flüstert er seiner Tänzerin ein paar Worte zu, und
beide entschwinden in die Galerie.
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