Thea lachte gedämpft. »So stellte er sich nicht vor?« --

»Nein! Ich glaube nicht, daß der Einsiedler aus dem Hinterwald schon

Knigges Umgang mit Menschen studiert hat!«

»Vorzüglich! Du bist fabelhaft amüsant, Gabriele! Und sehr gut warst du

nie auf diesen Bär zu sprechen! Weißt du noch, wie du damals -- hier an

derselben Stelle -- einen feierlichen Eid schwurst, den taten- und

ruhmlosen Grafen nie zu erhören, und wenn er zehnmal dir zu Füßen liegen

sollte?«

»Nein, diesen Schwur vergaß ich nicht und gedenke ihn auch unter allen

Umständen zu halten!« spottete Fräulein von Sprendlingen mit demselben

verächtlichen Zucken um die Lippen wie am Abend zuvor im Theater. --

»Wenn du gehofft hast, der Schlittenunfall sei das erste Kapitel zu

einem Roman gewesen, so irrst du gewaltig!«

Theas Augen schillerten, sie rückte eifrig näher und verschlang die

Hände um das Knie.

»Ich bezweifle es nicht! Ein Charakter wie du wechselt nicht die

Ansichten wie die Handschuhe, -- das wäre erbärmlich! Es wäre nur recht

bedauerlich, wenn der arme Parzival sein Herz ernstlich an dich

verlöre!«

»Warum nennt ihr alle diesen Herrn im Frack und Zylinder >Parzival<?

Verzeih' die Offenheit, aber ich finde es als eine grobe

Geschmacksverirrung!«

»Warum das? -- Stimmt das Schicksal des Hohen-Esp nicht genau mit dem

von König Gamurets Sohn überein?«

»Das ich nicht wüßte!«

»Lies einmal die deutschen Heldensagen nach! Gamuret fiel im Kampf,

hinterließ seine Gemahlin Herzeleide, welche an allem Glück ebenso

verzweifelte, wie die Gräfin Gundula, und einen ganz jungen Sohn, den er

ebensowenig heranwachsen sah, wie weiland Graf Friedrich Karl seinen

Erben in der Bärenburg! Und so steht es nun wörtlich bei Gustav Schalk

zu lesen: >O<, schluchzte Herzeleide und drückte den schönen Knaben

Parzival voll Zärtlichkeit an das Herz, >O, sähen dich, du liebes Kind,

die Augen deines Vaters, wie würden sie so innig lachen ob deiner

Schönheit! Wehe, wehe uns beiden, daß er dahinfahren mußte! Dich aber

will ich behüten vor solchen Fährlichkeiten. Du sollst nicht ein Ritter

werden! Fern von der Welt sollst du aufwachsen und später als

friedlicher Landmann den Acker bauen!<

... So! Und nun ziehe den Vergleich! Die Gräfin Gundula sprach gewiß

ebenso, mit etlichen kleinen Veränderungen nur! >Wehe, daß er

dahinfahren mußte nach Monte Carlo! -- Dich aber will ich vor solchen

Versuchungen und Fährlichkeiten wahren, mein Guntram Krafft! Du sollst

kein Leutnant werden, sondern fern in den Wäldern von Hohen-Esp

aufwachsen und als friedlicher Landmann deinen Acker bebauen!<«

»Vortrefflich! Du weißt ja großartig Bescheid!«

»Seit ich in Bayreuth war, ist Parzival mein Liebling, mein Ideal, meine

Leidenschaft!«

»Sehr begreiflich, denn der Bayreuther Parzival ist auch aller

mütterlichen Schlappheit zum Trotz _doch_ ein Ritter geworden, hat

Heldentaten getan und die Welt mit seines Namens Ruhm erfüllt, --

dahingegen Graf Guntram Krafft? Was tat er?«

»Er achtete und respektierte eine gramgebeugte Mutter zu sehr, um ihr

durch trotziges Scheiden das Herz zu brechen, wie der >ritterliche<

Parzival es tat!«

Gabriele zuckte die Achseln.

»Der gute Sohn! Wenn ihm Mutter Herzeleide von Hohen-Esp nur kein

Taschenmesser mitgegeben hat, daß er sich hier in die Finger schneidet!«

»Spotte nur, Gabriele! Ich kenne ja deinen Widerwillen gegen Männer,

welche sich nicht aus Patriotismus spießen und hängen lassen! Mag Graf

Guntram Krafft in deinen Augen keine einzige von all jenen hohen

Tugenden besitzen, welche du so gebieterisch forderst, -- _eins_ mußt du

ihm dennoch zugestehen, daß er hübsch ist! Bildhübsch! Reichlich so

schön wie jener Parzival, welcher auf den weltbedeutenden Brettern unter

Schminke und Lampenlicht alle Welt bezauberte!«

Thea hatte mit beinahe schwärmerischer Ekstase gesprochen, sie preßte

die Hände gegen die Brust und schaute träumerisch in das Schneetreiben

hinaus, Gabriele aber lachte ein wenig erstaunt und schüttelte den Kopf.

»Du scheinst ihn gestern abend genauer angesehen zu haben wie ich!

Fürerst finde ich es nur schade, daß so männlich edle Züge einen solch

weichlich naiven Ausdruck tragen! Das kommt bei der Erziehung in

Waldeinsamkeit heraus! Aber gleichviel, -- er gefällt dir! Und das ist

viel Glück für den Bärenhäuter ...«

»Nenn' ihn nicht so, Gabriele! Du tust ihm unrecht, und ich mag es nicht

hören!«

»Ei, ei! So gewaltig hast du schon Feuer gefangen? So ganz =prima vista=

dich erobern lassen?!«

Komtesse Sevarille schlang leidenschaftlich den Arm um die Sprecherin

und drückte ihr Gesichtchen mit den nervös bebenden Lippen an die

Schulter der Freundin.

»Ach, Gabriele, du hast gut spotten und dich über einen neuauftauchenden

Heiratskandidaten lustig machen!« sagte sie leise, sehr innig und sehr

aufrichtig, »du Glückliche hast dein Teil erwählt, du wirst geliebt und

liebst wieder! Wenn du es auch noch ableugnest, -- wir wissen es doch,

daß du mit Heidler einig bist! Warum auch nicht? Wenn man so reich ist

wie du, kann man sich den Luxus gestatten, den Löwen der Saison an die

Rosenkette zu legen -- ich armes Wurm muß bescheidener sein und Gott

danken, wenn es nur ein Bär ist, dessen Herz ich bändige! -- Und er

gefällt mir schon jetzt so gut, dieser Bär! -- Gabriele! Du hast stets

gesagt, daß du meine treue, aufrichtige Freundin bist, betätige es! Hilf

mir, daß ich auch so glücklich werden möchte, wie du!« Ein seltsamer

Ausdruck lag auf dem reizenden Antlitz mit den hellen Nixenaugen.

Gabriele sah aus, als wolle sie sagen: »Wie schnell hat sich schon eine

gefunden, die dem Freier aus der Bärenhöhle mit offenen Armen

entgegenläuft!« -- -- aber sie sprach ihr Empfinden nicht aus, kämpfte

auch den Widerwillen, welcher sie überkam, nieder, und antwortete so

freundlich, wie es ihr möglich war: »Wenn ich jemals etwas dazu tun

kann, dir das Herz des Grafen zuzuwenden, so soll es gewiß geschehen,

obwohl ich glaube und hoffe, daß er ohne fremdes Zutun solch einen guten

Geschmack entwickeln wird! Was aber Heidler anbelangt« -- -- die

Sprecherin erglühte bis auf den weißen Hals hinab, -- »so bist du

gewaltig im Irrtum, wenn du glaubst, daß ein einziges Wort zwischen uns

gefallen ist, was mehr besagt, wie freundschaftliches Interesse. Wir

sind gute Kameraden, -- weiter nichts.« --

»Je nun, was noch nicht ist, wird desto sicherer werden! -- Apropos ...

der Hohen-Esper fährt heute Besuche. -- War er schon hier, und habt Ihr

ihn angenommen?«

Wieder brach ein lauernder Blick unter den dunklen Augen hervor und

forschte in dem Antlitz des Fräulein von Sprendlingen, Gabriele aber

griff gelassen nach ein paar Karten, welche zwischen den Büchern des

Nebentischchens lagen und reichte sie dar.

»Vor einer halben Stunde schickte mir die Mama die Karten herüber,

soviel ich weiß, hat sie den hohen Besuch empfangen, -- ich selber ließ

mich entschuldigen, ich sei noch bei der Toilette!«

»Und spieltest Klavier? Du bist zum Totlachen, Gabriele! So etwas

brächte keine andere fertig!« --

Mit beinahe gierigem Blick hafteten die Augen der Komtesse auf der

Karte, sie war plötzlich sehr guter Laune, strahlend heiter und

vergnügt. »Guntram Krafft, -- Graf Bär von Hohen-Esp«, las sie mit viel

Pathos. »Wie entzückend das klingt! Das mußt du selbst eingestehen,

Liebste!«

»Der kleinste Titel darunter würde mir mehr imponieren wie der ganze

Namen!« klang es trocken zurück.

»Du bist unverbesserlich, aber himmlisch amüsant, ich bewundere dich!

Doch nun =addio, cara mia=, ich muß heim!« -- und Thea schob die

Visitenkarte in ihren Muff und griff hastig nach der Jacke.

»Bleib' doch noch! es gibt gewiß noch mancherlei zu berichten?!« --

Aber Komtesse Sevarille hatte es plötzlich sehr eilig.

»War der Graf denn schon bei euch?« fragte Gabriele noch zum Abschied.

Sie nickte flüchtig. »Die Tournee fängt ja meistens in unserer Straße

an! -- Empfiehl mich bitte deiner lieben Mutter ... und nochmals --

=addio!=« --

Wie ein Schatten, schnell und lautlos, flog sie die Treppe hinab.

Auf der Straße überlegte sie einen Augenblick. Sie wußte genau, nach

welcher Liste die Visiten zumeist abgefahren wurden, ihrer Berechnung

nach mußte Graf Hohen-Esp jetzt bis zu dem Hause des Oberjägermeisters

gekommen sein. Hastig schritt sie aus.

Ihr Gesicht sah so zufrieden und triumphierend aus wie selten zuvor.

Von weitem sah sie die Equipage, in welcher Guntram Krafft saß, in eine

Nebenstraße einbiegen.

Vortrefflich! Auch sie wird einen Besuch bei der Oberjägermeisterin

machen und noch einmal mit dem Grafen zusammentreffen, -- »doppelt

genäht reißt nicht!« sagt ein altes Sprichwort, und außerdem möchte sie

es dem Erben von Hohen-Esp nahe legen, daß sie heute nachmittag auf dem

Eis zu treffen ist. Auch Gabriele wird sie nennen, -- als Lockvogel. --

* * * * *

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 43 / 110 题