Von der See herüber brauste der eisige Novembersturm und fegte die
letzten welken Blätter um die Zinnen von Hohen-Esp.
Der Buchwald, welchen Gräfin Gundula vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren
an all den Stellen, welche Friedrich Karl so schonungslos hatte abholzen
lassen, nachgepflanzt hatte, war emporgewachsen und füllte schon wieder
die Lücken aus, welche ehemals das Auge der Burgherrin so schmerzlich
verletzt hatten.
Noch waren sie den wundervoll hochstämmigen Riesen, welche rings um den
Hügel, der die Mauern von Hohen-Esp trug, Wache hielten, lange nicht
gleichgekommen, aber sie waren ebenso gediehen und frisch und kräftig
aufgewachsen, wie der junge Sproß des alten Grafenstammes, welcher als
blondlockiger Knabe unter ihnen gespielt, als Jüngling mit markigen
Armen geschafft und nun als Mann sein Erbe in Empfang nehmen sollte.
Guntram Krafft war mündig geworden, ohne besondere Zeremonie und
Feierlichkeit, ohne von fremden Menschen in neuen Rechten anerkannt zu
werden; denn das ehemalige Vermögen seines Vaters war in den Besitz
seiner Mutter übergegangen, und nur von dem freien Willen der Gräfin
hing es ab, ob der Sohn Herr sein sollte auf dem Besitz der Väter. In
dem Willen Gundulas aber lag es, den jungen Mann selbständig zu machen.
Voll stolzer Genugtuung sah sie, daß er zu einem Charakter ausgereift
war, fest und zuverlässig, stark in allem Guten und Edeln, und dennoch
so rein an Herz und Sinn wie ein Kind.
Kein Gifthauch der Welt hatte sein junges Herz getroffen, nur wie ferne,
sagenhafte Klänge und Bilder zogen die Erzählungen seiner Erzieher von
Menschen und Leben an seinem geistigen Auge vorüber.
Als er groß genug geworden, um eine berechtigte Frage nach seinem Vater
und dessen Leben zu stellen, hatte Gundula zum erstenmal seit langen
Jahren von ihrem Gatten gesprochen.
Da erst entspann sich ein inniges Wechselleben zwischen Mutter und Sohn.
Da entrollte die Gräfin vor den weitoffenen Augen ihres Sohnes die
traurigen Bilder der Vergangenheit, und waren dieselben schon an und für
sich dunkel genug, so färbte sie die Erbitterung der einsamen Frau noch
düsterer, so daß Guntram Krafft die Welt nur als einen Sündenpfuhl voll
dräuender Gefahren, und die flotte, leichtlebige Gesellschaft der
Großstadt als eine Wildnis kennenlernte, in welcher aller Ecken und
Enden die Abgründe gähnen. Guntram Krafft lernte sie verabscheuen und
verachten, ohne sie jemals kennengelernt, ohne sich jemals ein Urteil
aus eigener Anschauung gebildet zu haben, und doch machte diese fremde,
unnatürliche Beeinflussung keinen weltschmerzlichen Sonderling und
Einsiedler aus ihm.
Er verlangte nicht nach jenen Verhältnissen, welche die Mutter ihm so
unerquicklich geschildert, und von welchen die jungen Fischer im Dorf
nichts Gegenteiliges zu erzählen wußten!
Die meisten seiner Spielkameraden waren als Matrosen eingezogen, hatten
ihre Jahre abgedient und Reisen in weite, ferne Wunderländer gemacht,
von denen sie wohl einmal in ihrer wortkargen Weise erzählten, aber nach
welchen sie doch nie zurückverlangten.
»Nord, Süd, Ost -- West --
Daheim ist's am best'!«
lautete ihr Urteil jedesmal, sie liebten ihre einsame, sturmumbrauste
und meerumspülte Heimat mit der zähen Treue nordischen Bluts, sie
kehrten heim, freiten und machten sich seßhaft; selten nur, daß der eine
oder andere fernblieb in Hamburg oder Kuxhaven, wo ihn besseres
Verdienst lockte.
Das waren jedoch die »Verschollenen«, von denen kaum noch Angehörige im
Dorf lebten und welche selten, fast nie eine Nachricht in die Heimat
gelangen ließen.
Kam jemals eine heiße, leidenschaftliche Sehnsucht über Guntram Krafft,
die herkulische Stärke seiner Arme zu prüfen, auch hinauszuziehen mit
flinken, weißen Segeln, um jene heimlichen Wunder fremder Länder
kennenzulernen, wollte sie ihn packen, die Wanderlust des Jünglings und
der Tatendrang des Mannes, so genügte nur ein einziger Blick auf die
schwarze Trauergestalt der Mutter, in ihr bleiches, gramgefurchtes
Antlitz unter dem frühergrauten Scheitel, und er schüttelte voll stolzer
Entsagung das Haupt und war es sich voll bewußt, daß er die einsame Frau
nicht verlassen durfte, deren einziges Glück er geblieben.
Die rastlose Arbeit in Flur und Feld, sein eifriges Studium edler
Wissenschaften gaben seinem Leben reichen Inhalt, und wenn er Freude und
Zerstreuung suchte, so streifte er das grobe Fischerzeug über seine
markige Brust und fuhr voll jauchzenden Ungestüms hinaus in See, mit
Sturm und Wogen einen tollkühnen Kampf zu kämpfen, furchtlos sich in
brandende Flut zu wagen, der geschickteste der Segler, der furchtloseste
der Schwimmer, ein Seemann, zu dem die wetterharten Fischer voll
staunender Bewunderung aufblickten und ihn den »Besten der Ihren«
nannten.
Wie oft hatte Guntram Krafft sein Leben eingesetzt, wenn es galt,
bedrohten Freunden Hilfe zu bringen, strandenden Schiffen in Nebel und
Sturm ein tollkühner Lotse zu sein, sie sicher einzuholen an dieser
Küste, welche durch widrige Gegenströmungen und Untiefen schon manchem
Fahrzeug und manch wackerem Seemann mit Tod und Verderben gedroht hatte!
--
Die meisten ahnten es wohl nicht und hatten es nie erfahren, wer ihr
kühner Retter in der groben Teerjacke gewesen; flossen ihm Geldgeschenke
von den Dankbaren zu, so lachte der junge Graf gar frisch und fröhlich
auf, überwies sie seinen Genossen und sprach: »Holla, Kinnings! Dor
hätten wie wat inbrächt!« und die schwieligen Hände legten die Taler
zurück in die gemeinsame Kasse, aus welcher bedürftige Fischer
unterstützt und das Rettungsboot, welches anfangs ein recht dürftiges
Fahrzeug gewesen, immer zweckmäßiger ausgestattet wurde. Guntram Krafft
fühlte sich in seiner so arbeitsreichen Einsamkeit unendlich glücklich
und verlangte nicht hinaus in die Welt voll Zerstreuung, Pracht und
Lustbarkeit, eine Welt, welche ihm so fernlag, wie jene andern Welten,
welche ewig unerreichbar als leuchtende Sterne im endlosen Himmelsraume
kreisen.
Und doch fiel es dem scharfbeobachtenden Blick der Gräfin auf, daß es
oft wie ein melancholischer Schatten auf dem freien, männlich schönen
Antlitz lag, daß sein Blick oft sinnend und träumerisch in das Weite
streifte, daß er oft ganz unvermittelt sagte:
»Nun hat Jochen Riem auch geheiratet, die kleine Anning, die er seit
Kind auf so liebgehabt hat!« -- oder --: »Weißt du's, Mutter, daß dem
Göschen Wulff in dieser Nacht ein Bub geboren ist? Ein prächtiger,
pausbackiger Kerl ... kann schreien für zehn, und der Göschen ist so
stolz, als sei er ein Kaiser geworden!« ... und nach kurzer Pause --:
»Wie ist es doch so still und leer hier in Hohen-Esp! Wäre wohl nicht
übel, Mutter, wenn auch hier mal ein wenig junges Leben einzöge und ein
paar kleine Bärlein herumpurzelten!« Er lachte dazu, und dennoch
blickten seine blauen Augen seltsam ernst! --
Da war's, als ob Frau Gundula urplötzlich aus einem langen, langen Traum
erwache, und sie nickte wie erschrocken vor sich hin und sprach leise:
»Ja, es ist Zeit geworden!« --
Nun stand sie an dem spitzen Bogenfenster mit den kleinen, bleigefaßten
Scheiben, und blickte starren Auges hinab auf die laublosen
Buchenwipfel, welche der Sturm wie brandende Flut gegen das graue
Turmgemäuer peitschte. --
Tage und Nächte lang hatte sie in schwerem Kampf gerungen, hatte
gesonnen und überlegt, um das rechte zu finden.
Die Natur forderte ihr Recht; Guntram Krafft war ein Mann geworden,
dessen Herz sich nach Liebe sehnte, dessen Wunsch es war, gleich seinen
Gespielen ein Weib zu freien und glücklich zu sein!
Die Gräfin, deren scharfer Geist alles so wohl überlegt und bedacht
hatte, was zum Glück ihres Kindes nötig schien, hatte seltsamerweise
diese Notwendigkeit noch nie ernstlich erwogen, und nun, als sie trotz
der lang vorbereitenden Jahre doch überraschend an sie herantrat, da
kostete es ihrem Herzen schwere Kämpfe, bis sie sich entschlossen hatte,
sich in das Unvermeidliche zu fügen.
Guntram Krafft mußte die Brautfahrt unternehmen, er mußte Ausschau
halten unter den Töchtern des Landes, welche von ihnen das Ideal
verkörpern möchte, das sich der weltfremde Mann von seinem Weib
gebildet!
Ihr Sohn mußte den Winter in der Residenz verleben und die Feste
mitmachen, er _mußte_ es! Es half da kein Weigern mehr! Kein anderer
Ausweg wollte sich ihrem Sinn zeigen, ob sie noch so sehr grübelte.
Seit Tante Agathe gestorben war, besaß sie gar keine näheren Verwandten
mehr, wenigstens keine, welche heiratsfähige Töchter hatten und zu
welchen sie den jungen Bären von Hohen-Esp hätte senden können, wie
einst Jakob hinzog in das Land seiner Freundschaft, bei seiner Sippe um
ein Weib zu dienen.
Guntram Krafft durfte keine Fischerdirne aus dem Dorfe heimführen,
dagegen sträubte sich der Stolz einer Frau, welche ihr ganzes Leben lang
nur für das eine Ziel gearbeitet und gestrebt hatte, ihrem Sohn den
Besitz und alten Glanz seines feudalen Geschlechts zurückzuerwerben. --
Die neue Stammutter der Hohen-Esps soll Wappen und Krone mitbringen, sie
soll eine ebenbürtige Gemahlin für ihren Sohn sein, deren Ansichten die
ihren sind, deren edler Sinn eine Bürgschaft für die Tugend künftiger
Geschlechter ist! Wird Guntram Krafft die rechte Wahl treffen? --
Ohne Zweifel; ihre Ansichten sind auch die seinen geworden, der
Geschmack der Mutter ist dem Sohne eingeimpft!
Wird die Welt auch jetzt noch ihre verderblichen Schlingen um seine Füße
legen?
Wird sie ihn blenden und bestricken, daß er nicht wieder zurückverlangt
in sein stilles Heim? --
Wird er ihr Gift schlürfen und es so süß und berauschend finden, daß ihm
das klare Quellwasser der Heimat nicht mehr mundet? --
O nein! Nun und nimmermehr!
Gundula ist ihres Sohnes gewiß. Die mühsame Aussaat von so viel langen,
bangen Jahren kann nicht in ein paar Wochen im Hagelschauer neuer
Eindrücke, in der sengenden Glut froher Feste, in den Stürmen eines
Karnevals zugrunde gehen!
Die fremde Welt wird dem Neuling fremd erscheinen und fremd bleiben, --
er wird sich aus der hohen Flut eine Perle heben und sein Kleinod so
bald wie möglich in den stillen Hafen von Hohen-Esp retten.
Außerdem schickt sie ihn nicht völlig allein und haltlos in das bunte
Leben hinaus. Der alte Kammerdiener ihres Mannes, welcher schon Gundula
als Braut gekannt und auf dessen Armen auch Guntram Krafft aufgewachsen
ist, der goldgetreue, zuverlässige Anton wird seinen jungen Gebieter in
die Residenz begleiten.
Er weiß ja so gut Bescheid auf dem heißen Boden der Großstadt, er ist
über so manches Parkett geglitten und hat den Kammerherrn ehemals in so
manch schwieriger Situation beraten, er wird nun auch seine Sorge über
dem jungen Bären walten lassen, welcher zum ersten Male die sichere
Höhle verläßt! Anton wird angewiesen sein, ganz genau über den Grafen zu
berichten, und wenn es wahrlich den Anschein haben sollte, als ob die
Welt ihre schimmernden Netze um ihn flechten wollte, dann wird die
Mutter zu rechter Zeit die energischen Hände heben, diese Fäden
unbarmherzig zu zerreißen.
Gräfin Gundula blickt in den Sturm hinaus und wartet auf den Sohn, und
als sie endlich seinen schweren, stampfenden Schritt auf der gewundenen
Stiege hört, da hebt sie wie mit letzter Selbstüberwindung das Haupt und
schaut ihm festen Blicks entgegen. In der niederen, spitzgewölbten Tür,
den hochgewachsenen Nacken im Eintreten beugend, steht Guntram Krafft.
Mächtige Wasserstiefel reichen bis über die Knie, eine Düffeljoppe läßt
die breite Brust noch hünenhafter erscheinen, und ein ausgeschlagener
Südwester sitzt fest auf den blonden, lockigen Haaren und umrahmt das
frische, männlich schöne Antlitz mit den leuchtenden Blauaugen.
»Dag ok, Mutting!« lacht er mit strahlendem Blick, reißt den Hut ab und
hebt ihn in seemännischem Gruß hoch über das Haupt.
»Hoffentlich hast du nicht zu lange auf mich gewartet? -- Aber bei
diesem Wetter muß man auf dem Posten sein, damit kein Unglück am
Hamelwaat passiert! Weiß der Kuckuck, daß solch eine gefährliche Stelle,
wo schon so manches Fahrzeug aufgelaufen ist, noch von keiner
Strandkommission schärfer ins Auge gefaßt ist! -- Vorhin wieder eine
Brigg! -- Schnurgrad drauflosgehalten! Noch ein paar Nasenlängen, und
sie saß fest! -- Wir hatten sie glücklicherweise beobachtet, und ich
konnte noch rechtzeitig hinaus, um ihr Warnung zu geben! Aber eine
Lustfahrt war's just nicht bei der heutigen Brise, und kalt genug hat's
uns um die Ohren gepfiffen! Da hat dir dein Bär einen regelrechten
Bärenhunger heimgebracht, und für ein Warmbier verkaufe ich heute auch
das Recht der Erstgeburt!«
Er lachte, daß die weißen Zähne unter dem blonden Schnurrbart blitzten,
schlang zärtlich den Arm um die düstere Frauengestalt und küßte Frau
Gundula herzhaft auf den Mund.
»Das steht bereit, du Wasserratte!« lachte diese, mit einem Blick
unendlichen Wohlgefallens die blühende Schönheit ihres Sohnes umfassend,
»willst du dich erst umkleiden oder erst durch einen Imbiß erwärmen? Du
weißt, ich liebe es nicht allzusehr, dich in dieser Ausrüstung am Tisch
zu sehen!«
»Weiß ich, Mamachen, -- und werde nie dein Eßzimmer durch Teerjacke und
Ölzeug entweihen. -- Auch ist's mir, ehrlich gestanden, selber zu
unbequem! Aber bitte, befiehl einstweilen alle Bierkannen und
Schinkenbrote auf Deck, damit ich in zehn Minuten an ihnen zum
Massenmörder werden kann!«
»=Vae victis!=« --
»Ja, wehe ihnen! Heut wird kein Pardon gegeben!« -- Und Guntram Krafft
schritt über die Schwelle zurück, daß die morschen Parkettplatten
krachten.
Draußen hörte die Gräfin ihn fröhlich pfeifen: »Auf, Matrosen, die Anker
gelichtet!« -- Dann hub ein gewaltig Poltern und Rumoren in der
Turmstube des jungen Grafen an, und in sehr kurzer Zeit saßen Mutter und
Sohn beim lodernden Kaminbrand in der Speisehalle zusammen, wo Guntram
Krafft das Frühstück serviert war.
Der Hausanzug des jungen Hohen-Esp war weder sehr elegant noch sehr
modern, er war solide und zeugte von der Sparsamkeit, welche in allen
Dingen noch im Hause herrschte, obwohl die Gräfin mit einem tiefen
Ausatmen der Befriedigung noch vor wenig Tagen zu dem Inspektor gesagt
hatte: »Noch ein paar solcher Rübsenernten, und wir können, so Gott
will, schon das zweite Vorwerk von Walsleben zurückkaufen!«
Aber trotz seiner nicht allzu vorteilhaften Kleidung sah der junge Graf
ganz vortrefflich aus, just so, wie es zu seiner bärenhaften und
urwüchsigen Schönheit paßte.
Man konnte es sich bei seinem Anblick kaum denken, daß diese
Reckengestalt in Frack und Lackschuhe hineinpassen würde, daß sie sich
zum Träger all der weichlichen, geschniegelten Eleganz der modernen
Salonhelden machen könne!
Ein Zylinderhut auf diesem wildlockigen Haupt mußte ganz wunderlich
aussehen, und wie die wetterharten Hände, wohl schön und edel in der
Form, aber ohne Schonung verarbeitet wie bei dem geringsten Fischer,
sich mir Glacéhandschuhen befreunden würden, schien selbst Frau Gundula
in diesem Augenblick eine berechtigte Frage.
Sie musterte das Äußere des jungen Bären interessierter wie je zuvor,
und dieweil er frisch und fröhlich dem kräftigen Mahle zusprach und
dabei voll lebhaften Eifers über seine stürmische Seefahrt sprach,
flogen ihre Gedanken weit voraus ... und sie sah diesen unerschrockenen
Seehelden auf dem höfischen Parkett stehen, umrauscht von schmeichelnden
Musikklängen, umweht von süßem Amberduft, umglänzt von ungezählten
Lichtflammen und umringt von koketten, lachenden, anmutig reizenden
Mädchengestalten.
»Unser Rettungsboot taugt nichts, Mutting,« fuhr Guntram Krafft
währenddessen etwas unwillig fort, »es ist ganz unzweckmäßig gebaut, --
ein Kahn wie alle andern auch, der bei gutem Wetter zum Heringfangen
noch zu brauchen ist, aber wenn's mal kräftig weht, doch ein ganz
unzuverlässiges Ding ist! Grad' bei der drei- und vierfachen starken
Brandung am Hamelwaat! -- Über die äußerste Brandungslinie, wo sich die
Wellen auf drei bis vier Faden brechen, kriegen wir's kaum noch hinaus.
Hab' heute versucht, den Bug dem Lande zuzuwenden -- hab' den Lenzsack
nachbugsiert -- damit ich das Boot zurück und zu gleicher Zeit recht vor
der See halten konnte -- wollte so das Beidrehen hindern -- aber viel
nützen tat's auch nicht! Ja, so ein gutes Peakeboot, welches sich
aufrichtet wie ein Holundermännchen, mit einem schweren, eisernen Kiel,
und vorn und hinten hohe, gewölbte Luftkästen ... ja, das könnten wir
gebrauchen, damit ließe sich etwas ausrichten ...«
»Sicherlich!« -- nickte Gundula zerstreut und überlegte, daß sich der
junge Graf am besten in der Residenz neu ausrüsten müsse, -- Anton
verstand sich vorzüglich darauf ... der muß ihn einkleiden ...
»Ich finde, es ist eine Schande, daß gerade hier für unsere
Küstenstrecke so gar nichts geschieht! Die nächste Rettungsstation
hat gar keinen Wert für uns, denn wir können sie einfach nicht
erreichen, wenn plötzlich Not an den Mann geht! -- Es _muß_ etwas
hier geschehen, das Hamelwaat ist auch solch ein Brunnen, welcher erst
zugeschüttet wird, wenn das Kind ertrunken ist! -- Mir geht es schon
so lange im Kopf herum, mich an eine zuständige Behörde zu wenden, daß
sie uns eine regelrechte Rettungsstation bauen läßt -- was meinst du,
Mutter, was ich dazu tun könnte?«
Die Gräfin blickte auf, legte entschlossen die Hand auf den Tisch und
sagte: »Du wirst in der Residenz am besten Gelegenheit haben, maßgebende
Persönlichkeiten für deine Pläne und Absichten zu interessieren!«
»In der Residenz?!«
»Ich möchte dir heute eine Eröffnung machen, Guntram Krafft, dir einen
Wunsch mitteilen, welchen du mir hoffentlich erfüllst?«
Er blickte erstaunt auf, nahm ihre Hand und küßte sie als stumme
Antwort.
»Es ist Zeit, daß du, als jetzt großjähriger Mann, deinem Herzog
vorgestellt wirst, daß du hochdemselben, als angestammter Vasall und
Sproß eines seiner ältesten Grafengeschlechter, deine stete Treue und
Dienstwilligkeit versicherst. Ich habe mich diesbezüglich mit einer
Anfrage an das Hofmarschallamt gewandt und eine sehr huldvolle und
gnädige Antwort Seiner Hoheit erhalten.
Man sieht deinem Besuch in der Residenz mit liebenswürdigstem Interesse
entgegen und ist bereit, dich bei Hofe zu empfangen. Dein Aufenthalt
wird sich über die Saison erstrecken, du wirst die Feste im
herzoglichen Schloß und, falls es dir Freude macht, auch diejenigen der
Hofgesellschaft mitmachen!«
Guntram Krafft sah weder sehr erfreut noch erregt bei dieser Eröffnung
aus; er blickte die Sprecherin nur erstaunt an und sagte beinahe
bedauernd: »Gerade im Winter bin ich am wenigsten abkömmlich hier! Denk
an die Sturmflut vom 13. und 14. Februar vorigen Jahres! Wie gut war es,
daß ich da auf dem Posten war! Aber so Gott will, haben wir gut Wetter
in diesem Winter, und wenn du sagst, daß ich die Verpflichtung habe,
mich meinem Landesherrn vorzustellen, gut, so gehe ich.« --
»Du wirst gleicherzeit Gelegenheit haben, eine Menge der hübschesten,
liebenswürdigsten und vornehmsten jungen Damen kennen zu lernen -- --«
Der junge Graf richtete sich höher auf, sein Blick haftete wie in
starrem Forschen auf dem Antlitz der Sprecherin, über welches ein müdes,
flüchtiges Lächeln glitt, ein Lächeln, wie er es noch nie darauf
gesehen.
Flammende Glut stieg ihm in die Wangen, ein Ausdruck von Verlegenheit,
wie bei einem jungen Mädchen, lag plötzlich auf dem schönen Antlitz, und
langsam nach dem Bierglas greifend, fragte er zögernd: »Was meinst du
damit, Mutter?«
»Ich meine und hoffe, daß mein Sohn mir vielleicht eine schöne,
liebenswürdige Tochter aus der Residenz mitbringt, eine junge Bärin für
das alte Nest, welche all das frohe, frische Leben in Hohen-Esp
aufblühen läßt, welches du seit einiger Zeit so sehr hier vermißt hast!«
Einen Augenblick sanken die dunklen Wimpern tief über Guntram Kraffts
Augen, dann schlug er sie voll auf und lachte die Gräfin mit strahlendem
Blicke an.
»Das würdest du gut heißen?!«
»Es ist meine sehnliche Hoffnung und mein dringender Wunsch, daß du
heiratest, mein Sohn! Deine finanzielle Lage ist durch Gottes gnädige
Hilfe eine derartige geworden, daß du auch ein armes Mädchen heimführen
kannst, vorausgesetzt, daß sie solide und anspruchslos genug ist, jetzt
und für die Zukunft mit dir in unsrer lieben Waldeinsamkeit hier zu
leben! Ein genußsüchtiges, eitles und oberflächliches Weib paßt nicht in
die Bärenhöhle von Hohen-Esp, sie würde dein Unglück sein! Ich hoffe,
daß du selbst an derartig veranlagten Damen keinen Geschmack findest,
und werde dich noch, ehe du gehst, auf manches aufmerksam machen, was du
zu beobachten hast. Es gibt auch in der großen, lebenslustigen Residenz
genug sinnige, holde Mädchenblüten, welche ihr volles Genüge und ihr
schönstes Glück in einem stillen Liebesleben, fernab von der lärmenden
Landstraße, finden! -- Ich habe dich durch fünfundzwanzig Jahre hindurch
gelehrt, mit meinen Augen zu sehen, -- gebe der barmherzige Gott, daß du
in dem wichtigsten und entscheidendsten Augenblick deines Lebens nicht
mit Blindheit geschlagen sein mögest!«
Die Gräfin hatte sich erhoben, sie breitete die Arme aus und zog ihren
Sohn an die Brust, und als sie in seine großen, klaren Augen sah, welche
aus dem kühnen, wettergebräunten Männerantlitz noch so offen, ehrlich,
treu und wahr leuchteten wie Kinderaugen, da ging es wie ein qualvolles
Aufseufzen durch ihre Seele. -- »In Sturm und brandende Meereswogen habe
ich dich ohne Zagen hinausfahren sehen; nun aber, wo du dein
Lebensschifflein auf die glatte, spiegelnde Flut treibst, welche gleißt
und glänzt und lockt wie ein Märchensee, -- welche ihre Klippen unter
schaukelnden Rosen versteckt und über deren Untiefen sich schneeweiße
Nixenarme breiten, -- jetzt zittere ich um dich, du furchtloser Seeheld,
und flehe zu Gott, daß dieses Lebensmeer dir den Frieden schenken möge,
den es _meiner_ Seele geraubt hat!«
* * * * *
Alle Vorbereitungen zur Reise wurden getroffen, und es kam der Tag, an
welchem Gundula im dunkel flatternden Mantel abermals auf dem Söller
stand, um dem Wagen nachzublicken, welcher ihr Liebstes von dannen
führte. --
Sorgenvoll schaute sie auf, ob die Sonne abermals für sie untergehen
werde für ewige Zeit! -- Aber nein, wohl peitschte der Sturm das schwere
Schneegewölk gegen sie und verdunkelte sie für kurze Zeit, dann aber
brach ihr Licht kraftvoll und siegreich hervor, wie endliches, segnendes
Glück!
* * * * *