Da gab man es in der Residenz achselzuckend auf, die interessanten
Einwohner von Hohen-Esp jemals von Angesicht zu schauen, und weil die
Mütter und Töchter sehr enttäuscht waren, so ärgerten sie sich darüber.
Die vielen Kaffees und Teeabende, welche mit den kürzer werdenden Tagen
aus ihrem »Sommerschlaf« erwachten und so zahlreich plötzlich
aufwirbelten, wie draußen das welke Herbstlaub durch die Luft flatterte,
boten den ergiebigsten Boden, auf welchem das Pflänzchen dieser
Neuigkeit Wurzel schlug und in mannigfachen, oft recht phantastischen
Blüten aufschoß.
In einer der vornehmen Villenstraßen lag das reizende Rokokoschlößchen
»Monrepos«, in welchem der Oberst und Kommandeur des Ulanenregiments,
Freiherr von Sprendlingen, Wohnung genommen.
Seine sehr elegante, lebenslustige Frau liebte es, ein großes Haus zu
machen, eine Passion, welcher sie ohne Bedenken huldigen konnte, da die
Vermögensverhältnisse des Obersten sehr gute waren, und das Ehepaar nur
ein einziges Töchterchen besaß, für welches man zu sorgen hatte.
Der Freiherr verwöhnte seine bezaubernde Frau in nur denkbarer Weise,
Frau von Sprendlingen verzog und verhätschelte ihr Töchterchen
dementsprechend, und so herrschte in dem Haus ein Luxus und Behagen,
welches keinen, auch den größten Wunsch, nicht unerfüllt läßt.
In den Salons der Hausfrau brannten nur einzelne verschleierte Lampen,
da die Herrschaften zum Diner gefahren waren; in dem lauschigen Boudoir
des fünfzehnjährigen Töchterchens aber strahlte die Gaskrone festlich
und hell, denn dort saßen die Backfischchen, welche zu Fräulein von
Sprendlingen eingeladen waren, bei heimlichen Weihnachtsarbeiten, viel
Kaffee und noch mehr Süßigkeiten, und sprachen ebenso wie die Alten die
Neuigkeiten des Tages durch. Seit der Tanzstunde interessierte man sich
für junge Herren noch mehr wie für junge Damen, und da man schon
mancherlei über den Hohen-Esper gehört und sich ebenfalls über den
»Strich durch die Rechnung« ärgerte, so begannen sie über den doch allzu
gutmütigen Zottelbär, welcher derart unselbständig an den Rock der
Mutter hänge, zu glossieren.
»Ein forscher, echter Mann hätte bei dieser Gelegenheit doch wohl etwas
mehr Eigenwillen und Schneid bewiesen und das Gängelband abgestreift!«
spottete Gabriele, die Tochter des Hauses, und ließ ihre Stickerei
sinken, -- »anstatt artig hinter die Schürze der Mama zu kriechen und
sich zu ducken, wenn die gestrenge Vormünderin befiehlt! Ob er zwei
Zehen mehr oder weniger hat, geniert ihn ja gar nicht, es ist nur ein
recht erbärmlicher Vorwand von der Gräfin, ein Zufall, welchen sie sich
zunutze macht, um das Bübchen unter den Fingern zu behalten!«
»Wenn Graf Guntram Krafft einen Funken Ehrgeiz und Selbstbewußtsein
hätte, würde er sich das nicht habe bieten lassen!«
»Vielleicht ist er zu feige und freut sich, daß er daheimbleiben kann!«
-- rief Gabriele von Sprendlingen, das reizendste Backfischchen, welches
die Residenz aufweisen konnte, abermals: »Hätte er Courage, würde er
sich das idealste Glück eines Mannes, Soldat zu werden, unter allen
Umständen erzwungen haben!«
»Feige? Nein, das ist er wohl nicht!« schüttelte ihre Freundin Trautchen
gutmütig den hellblonden Kopf, »denk doch, er wagt sich bei Sturm und
Wetter auf die See hinaus!«
Gabriele lachte spöttisch und rümpfte die entzückende kleine Nase: »Die
See schießt nicht mit Kugeln! Bah! Was will es heißen, sich auf die See
zu wagen?! Gar nichts! Kippt das Boot um, so schwimmt man! Wie weit
fährt denn der Herr Graf? -- Sicher nicht zehn Schritt entfernt vom Ufer
weg! Auf den Ozean hinaus ist er noch nie gelangt, und die Schiff- und
Bootfahrt an der Küste stellt überhaupt keine Anforderungen an den Mut
eines Mannes!« --
»Aber Gabriele! Das kann ich mir nicht denken -- --«
»So? Wirklich nicht? O, du kleines, schneeweißes Lämmchen, was hat denn
das Wasser für eine Gefahr, wenn es nicht tief ist?« -- und die
Sprecherin schüttelte die krauslockigen, lichtbraunen Haare aus der
Stirn und machte ein geradezu verächtliches Gesichtchen: »Ein Mann, der
nicht Soldat ist, nicht für Fürst und Vaterland kämpft, kann mir niemals
imponieren; und Graf Guntram Krafft ist kein kühner, stolzer Bär, wie
seine Vorfahren, sondern ein ganz lappiger Waschbär! -- Er sollte nur
einmal meinen Weg kreuzen, ich wollte es ihm schon zeigen, wie ich über
ihn denke!«
Und Gabrieles Augen, die wundersam hellen, schillernden Nixenaugen,
blitzten gar trotzig in dem süßen Gesicht, und sie wiederholte
nachdrücklich: »Glaub' mir's! Ich würde es ihm zeigen!« --
»Das würde ihn aber doch sehr kränken?« warf Trautchen schüchtern ein,
und das Mitleid glänzte in ihrem Blick.
»Um so besser, wenn es ihn kränkt!« brauste Gabriele ungestüm auf und
kehrte alle Würde ihrer fünfzehn Jahre heraus. »Wie soll denn so ein
verwöhnter Mamajunge anders merken, daß er ein Waschlappen ist, wenn wir
Weiber es ihm nicht markieren? Wie sollte unser Kaiser noch Helden in
seine Armee bekommen, wenn wir nicht die Männer zu Heldentaten
begeisterten und anspornten? -- Mein Vater sagt stets, ich sei eine gute
Soldatentochter und ein famoses deutsches Mädel, welches genau weiß, was
es Fürst und Vaterland schuldet! Einen Helden zum Vater! Einen Helden
zum Gatten, und mehrere Helden als Söhne!«
»Bravo! Die Steigerung war gut!« lachte die schwarzlockige kleine Gräfin
Sevarille und verzog dabei das Mündchen etwas ironisch, »solche Dinge
klingen in der Theorie ganz poetisch und schön, aber in der Praxis kommt
die Sache doch oft anders! Wenn zum Beispiel der geschmähte Waschbär
hier auftauchte, als schöner Mann und reicher Erbe, und er machte dir
eine Liebeserklärung, Gabriele, du pustetest auf alle
Heldenherrlichkeiten in deines angebeteten Kaisers großer Armee und
heiratetest den tatenlosen Gutsbesitzer, ohne dich zu besinnen!«
Heiße Röte stieg in das Gesichtchen der Genannten, die Nixenaugen
schillerten wie die See, ehe sie in hohen, verderbenden Wogen aufbraust.
»Das würde ich tun, sagst du?« -- stieß sie atemlos hervor, »das ist
eine perfide Behauptung, Thekla, und ich wünsche nun wahrlich nichts
sehnlicher, als daß der Hohen-Esper mir einen Antrag machen würde!« --
»Haha! Hört ihr's? Jetzt spricht sie ehrlich!«
Gabriele warf zornig ihre feine Seidenstickerei auf den Tisch und sprang
auf.
»Laß mich ausreden, ehe du mich beschimpfst!« trotzte sie in der vollen
Heftigkeit, welche ihrem Charakter eigen war, »ich wünsche mir einen
Heiratsantrag von ihm, lediglich um dir zu beweisen, daß ich keine
leeren Phrasen geredet, sondern Wort halten würde, so wahr ich Gabriele
von Sprendlingen bin! Und wäre er schön wie ein Gott und reich wie
Krösus, wenn er nichts für Fürst und Vaterland leistet, wenn er kein
Held ist und Taten tut, die mein Kaiser brav und herrlich nennt und mit
dem Kreuz der Ehre lohnt, -- ich würde _nie_ sein Weib! Nie! -- Das
schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« --
»Aber Herzchen, wie kannst du so leichtsinnig sein!« -- entsetzte
sich Trautchen; Thekla aber setzte ihr Schnitzmesser zu einem tiefen
Kerbschnitt an und sagte mit einem wunderlich scharfen Lächeln --:
»Gut, wir haben deinen Schwur gehört und werden nicht verfehlen, dich
zu guter Zeit daran zu erinnern! Aber du kennst den Ausspruch des
Dichters: >Ach, Worte sind ein leerer Schall --< denn sie verfliegen
und werden so schnell vergessen, wie man sie hört! _Mündlich_
ist schon mancher Schwur getan und leichtfertig gebrochen worden!
Auch du gibst deine stolze Versicherung nur mit den Lippen, aber
_schriftlich_? Haha! _Schriftlich_ verzichtest du nicht auf den
Grafen von Hohen-Esp!«
Gabriele griff mit nervös bebender Hand nach den Zetteln und
Bleistiften, welche, für ein Schreibspiel zurechtgelegt, bereits auf
einer Marmorschale seitwärts des Tisches standen.
»Und warum nicht?« spottete sie mit gefurchter Stirn: »Wenn dir ein
geschriebenes Wort sicherer ist wie ein gesprochenes, sollst du es gern
haben!« --
Und Gabriele setzte den Bleistift an und schrieb ohne Überlegen mit
festen, schwungvollen Schriftzügen auf einen der Zettel nieder:
»Da meine Freundin Thekla meine Ansicht über den Grafen von Hohen-Esp
schriftlich wünscht, so erkläre ich hiermit noch einmal, daß ich
denselben nie und nimmermehr heiraten werde, weil er kein Held ist und
mir nicht imponiert!«
-- Mit leisem Auflachen faltete das Backfischchen den inhaltschweren
Zettel zusammen und warf ihn Komtesse Sevarille zu, -- die andern jungen
Mädchen belohnten diese »fesche« Tat mit stürmischem Beifall, und Thea
griff hastig nach dem Papier und schob es in ihren Pompadour. Sie
lächelte und nickte Gabriele zu: »Du hast doch mehr Charakter, als wie
ich glaubte!« sagte sie anerkennend, und ihr stets unzufriedenes und
übellauniges Gesicht sah zum erstenmal sehr wohlgefällig aus. --
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