Schneegestöber!
Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so
daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten
Trottoirplatten entlangschlidderten!
Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in
ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten
der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus
wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck
spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig
geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in
flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und
Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke
zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom
der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das
lustige Winterwetter trieb!
Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße
hinab.
Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor
ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die
seltsamsten Gefühle versetzte.
Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge
belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er
empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es
noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen.
Aber er lernte es bald.
Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als
ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen
Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das
verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren.
Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil
Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und
Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit
einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle
Magazine und Läden berichtete, -- so gewöhnte er sich doch bald an das
so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung.
Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer
zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im
Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd
versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den
Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie
im ganzen Land nicht finden!«
Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von
Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein
undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt
zwischen den anderen Herren erscheinen ließ.
Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung
beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens
blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt.
Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und
trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives,
beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im
Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.
Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren
vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich
wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise
seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch
machte.
Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert,
gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen
verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so völlig anders war wie
daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und
diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und
Unvorteilhaftes.
Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage
in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der
Gesellschaft abstattete. --
Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen
Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der
Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne,
ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.
Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton
schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß
getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!«
»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im
Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in
das Palais!«
»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen
jungen Damen!«
Guntram Krafft wurde dunkelrot.
»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe
mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen?
-- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus
den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen!
-- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken
Bär hierher unter die Menschen zu schicken!«
»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet
sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem
hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: >Lieben
Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar
sehr!< -- dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den
Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine
jede gern!« --
Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn
er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz
unwillkürlich das Herz auf die Zunge!
Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen
Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche
Frage auch eine freundliche Antwort erhält!
Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er
die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere
Leben im Schneegestöber blickte. --
Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er
»unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter
klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr.
Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem
lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen,
Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher
Passanten ihn jählings zurückschauen ließen.
Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei
Vollblütern unter langwehenden Schneedecken.
Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind
momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht
zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und
der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt
gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite.
Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die
Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben
begraben.
Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten
Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren
Schaden zu verhüten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten
neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn
ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug!
Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben
in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor.
Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre
Bewegungen, ob sie sich verletzt habe.
Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und
schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen.
»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -- atmet der Graf
auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es
doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und
drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz.
»Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit
überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich
oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen
hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige
Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht,
blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick
wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut
steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat
er nie zuvor gesehen.
Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu
verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und
in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt
mit nachdenklichen Blicken betrachtete.
Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das
Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen
Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten
Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen
beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer
Nixe, welche der Flut entsteigt!
Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem,
forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer
undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den
dunklen Wimpern zum Stern geformt!
Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach
den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam
schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle
Tiefe, auf Leben und Sterben.
Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit
aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und
Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben
fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie
alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden
Ring, welcher seine Heimat umschloß.
Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann
stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es
in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den
Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der
weißen Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die
Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die
schimmerten wie durchsichtiger Kristall! --
So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!
Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll
Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.
Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen
Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, -- aber sein Blick
hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem
staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und
neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken
wieder auf die Füße gebracht sind.
Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel
und untersucht das Geschirr.
»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal
ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem
Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch
noch eine ganze Strecke bis nach Haus!«
Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem
erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der
Hand hält.
Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, daß er das ganz vergessen hatte,
daß er in dem eisigen Wind nicht fror! --
Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen
Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die
Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht.
-- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt
der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr
behilflich zu sein.
Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lächelt.
Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren,
legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt
sich voll sicherer Grazie in den Schlitten.
Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an
wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so
schön! wie gefällst du mir so gut!«
Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt,
liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie
sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne
Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen
paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen
dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen
kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen,
in den Schlitten zurücklegt. --
»Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher
bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich.
»O bitte, gnädiges Fräulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, daß
alles so abgegangen ist!«
Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig
aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon.
Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick
und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich
schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.
Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt.
Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen!
Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln -- diesen
sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand.
Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre
Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf.
Veilchen! Veilchen im Winter!
Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur
solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den
Toilettentisch gestellt.
Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren
unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden
Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben.
Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen.
Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft
einer Blume schmücken wollte; -- aber für eine Dame ... ja, das ist
etwas anderes!
Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im
Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine
Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine
Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen,
freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und
erfreut.
Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste
junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene
Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit
er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. --