VII.

Schneegestöber!

Wie weiße Watte lag's auf der Erde, und darunter blankes Glatteis, so

daß die Scharen der Straßenjungen mit lärmendem Hallo die breiten

Trottoirplatten entlangschlidderten!

Die eleganten Villen hatten Hermelinmäntel umgeworfen und standen in

ihrer fürstlichen Pracht noch stolzer und unnahbarer wie sonst inmitten

der wohlgepflegten Gärten, aus denen die Tannen, Lebensbäume und Taxus

wie grüne Butzemänner schauen, welche unter weißen Laken Versteck

spielen! Schlitten flogen mit klingenden Schellen und prächtig

geschmückten Rossen vorüber wie Märchenbilder, schöne Frauen in

flockigen Pelzen saßen darin und neigten grüßend die Köpfchen, Damen und

Herren in eleganten Eiskostümen eilten dem spiegelblanken See im Parke

zu, und zwischendurch drängte und schwatzte und lachte der breite Strom

der Passanten, welche Dienst, Geschäft oder Vergnügen hinaus in das

lustige Winterwetter trieb!

Guntram Krafft schritt langsam, schier atemlos schauend die Parkstraße

hinab.

Es war zum erstenmal, daß eine größere Stadt ihre reizbaren Bilder vor

ihm entrollte und den Neuling durch ihren rastlosen Wechsel in die

seltsamsten Gefühle versetzte.

Anfänglich hatte ihn das Lichtmeer geblendet, die Menschenmenge

belästigt, die Masse der hohen Häuser in unangenehmer Weise bedrückt; er

empfand nur das Ganze als ein schwindelerregendes Chaos und verstand es

noch nicht, das Einzelne, Schöne und Interessante daraus zu erfassen.

Aber er lernte es bald.

Anton war ein verständiger und guter Lehrmeister, ein Mensch, der, als

ehemals so verwöhnter und welterfahrener Mann, es nun nach der langen

Zeit tiefer Einsamkeit geradezu mit Entzücken genoß, noch einmal in das

verlorene Paradies seiner Jugendträume zurückzukehren.

Antons Freude und Eifer steckte den jungen Gebieter bald an, und dieweil

Graf Hohen-Esp während der ersten Tage noch ein gewisses Unbehagen und

Mißtrauen jeglichem Neuen gegenüber empfand und seiner Mutter nur mit

einem rechten »Stoßseufzer« über die schreckliche Rundreise durch alle

Magazine und Läden berichtete, -- so gewöhnte er sich doch bald an das

so gänzlich veränderte Bild seiner Umgebung.

Immer leuchtender haftete sein Blick auf all dem Eigenartigen, immer

zufriedener musterte er seine so ganz verwandelte äußere Erscheinung im

Spiegel, -- er lachte so heiter wie ein Kind, als Anton ihm schmunzelnd

versicherte: »So, Herr Graf, nun können wir uns schon vor den

Residenzlern sehen lassen, bei Gott, einen schmuckeren Junker können sie

im ganzen Land nicht finden!«

Ja, er war eine imposante, auffallend schöne Erscheinung, der Bär von

Hohen-Esp, aber trotz der modernen Kleider lag es doch wie ein

undefinierbares, gewisses Etwas über ihm, was ihn fremd und ungeschickt

zwischen den anderen Herren erscheinen ließ.

Eine unüberwindliche Befangenheit und das Ungewohnte der neuen Kleidung

beeinflußten ihn, er tappte daher wie ein Mensch, welcher zeitlebens

blind gewesen und nun mit einemmal sehen lernt.

Der Ausdruck seines Gesichts, welches sonst mit Adleraugen, kühn und

trotzig in Sturm und wildes Wetter schaute, bekam etwas kindlich Naives,

beinahe Verlegenes, wenn er durch die Menschenmenge schritt oder im

Hotel an der Table d'hôte Platz nahm.

Gundula hatte ihren Sohn tadellos erzogen, seine Manieren waren

vorzüglich, formell und ritterlich, er war weit entfernt davon, sich

wie ein Hinterwäldler zu benehmen, und doch wirkte seine Art und Weise

seltsam, weil ihn das Ungewohnte der Situation ungeschickt und linkisch

machte.

Der junge Bär hatte wohl alles, was eine gute Erziehung fordert,

gelernt, aber er hatte seine Kenntnisse nie unter fremden Menschen

verwertet, und weil hier in der Stadt _alles_ so völlig anders war wie

daheim, so verlor er auch den Glauben an sich selber und seine Art, und

diese Unsicherheit gab dem hünenhaften Recken etwas Linkisches und

Unvorteilhaftes.

Die Gräfin hatte bestimmt, daß ihr Sohn sich erst zehn bis vierzehn Tage

in der Residenz aufhalten solle, ehe er seine Besuche bei Hof und in der

Gesellschaft abstattete. --

Sie fand es wohl selber notwendig, daß die weltfremden Augen des jungen

Mannes sich zuvor an elektrisches Licht und den bunten Wirbel der

Großstadt gewöhnten, daß er erst ein wenig auf dem Parkett gehen lerne,

ehe er sich in den glitzernden Strom hineinwagte.

Und Guntram Krafft lernte gehen, von Tag zu Tag besser, so daß Anton

schon recht zufrieden war und sagte: »In zehn Tagen wird im Schloß

getanzt, Herr Graf, da müssen zuvor die Karten abgeworfen werden!«

»Aber ich kann nicht tanzen, Anton! -- das, was wir daheim im

Fischerdorf mal >Tanzen< nannten, das paßt wohl schwerlich hierher in

das Palais!«

»Macht nichts, Herr Graf! Sie sehen zu und plaudern mit den schönen

jungen Damen!«

Guntram Krafft wurde dunkelrot.

»Ich fürchte, daß ich auch damit Fiasko mache! Bedenk, Alter, ich habe

mich nie darin geübt, mit Damen zu plaudern! Von was soll ich sprechen?

-- Von Hohen-Esp? Das kennt ja niemand! Von all den Dingen, die ich aus

den Büchern gelernt habe? Die werden den jungen Mädchen nicht gefallen!

-- Ich begreife nicht, woher meine Mutter den Mut nahm, mich ungelenken

Bär hierher unter die Menschen zu schicken!«

»So etwas müssen Sie sich gar nicht einbilden, Herr Graf! Das findet

sich schon alles, und Sie wären der erste junge Mann, welcher bei einem

hübschen Fräulein nichts zu reden wüßte! Da fragen Sie nur: >Lieben

Sie das Meer, mein gnädiges Fräulein?< und wenn sie sagt: >ja, gar

sehr!< -- dann erzählen Sie ihr von unserm blauen Wasser daheim und den

Fahrten durch Nebel und Sturm, welche Sie darauf machten! Das hört eine

jede gern!« --

Guntram Kraffts Augen leuchteten auf. Ja, das war eine gute Idee! Wenn

er von seiner geliebten See sprechen konnte, trat ihm wohl schon ganz

unwillkürlich das Herz auf die Zunge!

Eine freudige Zuversicht überkam ihn, der naive Glauben eines redlichen

Herzens, welches noch davon überzeugt ist, daß man auf jede freundliche

Frage auch eine freundliche Antwort erhält!

Just diese Gedanken waren es, welche den Grafen beschäftigten, als er

die Parkstraße entlang promenierte und mit hellem Blick auf das muntere

Leben im Schneegestöber blickte. --

Er lachte über ein paar Jungens, welche sich schneeballten, und als er

»unversehens mit Willen!« auch einen der weißen Grüße gegen die Schulter

klatschen fühlte, da blieb er stehen und amüsierte sich noch mehr.

Helles Schlittengeläute erklang hinter ihm, doch wandte er in seinem

lebhaften Schauen kaum den Kopf danach, bis ein lautes Aufschnaufen,

Klirren und Hufschlagen, sowie die schrillen Angstrufe etlicher

Passanten ihn jählings zurückschauen ließen.

Ein sehr eleganter Schlitten kam herangesaust, gezogen von zwei

Vollblütern unter langwehenden Schneedecken.

Da plötzlich gleitet das Handpferd auf dem Glatteis, von dem der Wind

momentan den Schnee hinweggeweht hat, aus, es stürzt wie gemäht

zusammen, schlägt wild um sich, reißt auch das andere Roß nieder, und

der Schlitten, welcher in voller Fahrt gegen den Knäuel anfährt, schlägt

gegen den hochgeschaufelten Schneewall zur Seite.

Der Kutscher ist von seinem kleinen Rücksitz herabgeschleudert, und die

Dame, welche in dem Schlitten sitzt, scheint momentan unter demselben

begraben.

Von allen Seiten springen Männer heran und wenden sich in der ersten

Bestürzung den Pferden zu, sie zu fassen, abzusträngen und weiteren

Schaden zu verhüten -- Guntram Krafft aber steht mit schnellen Schritten

neben dem Schlitten, packt ihn mit kraftvollen Händen und richtet ihn

ohne jede weitere Unterstützung auf, als sei er ein Puppenspielzeug!

Dann greift er abermals zu und richtet die Dame, welche halb vergraben

in dem Schnee liegt, in seinen Armen empor.

Er spricht kein Wort dabei, aber seine Blicke beobachten prüfend ihre

Bewegungen, ob sie sich verletzt habe.

Sie steht auf den Füßen und tritt zur Seite, sie hebt die Arme und

schüttelt die weißen Flockenballen aus dem Pelz und von dem Köpfchen.

»Nein, es ist nichts gebrochen, weder Arm noch Bein!« -- atmet der Graf

auf, -- er sagt es mehr zu sich, wie zu der Fremden; diese aber hat es

doch gehört, sie reißt den schneebedeckten Schleier von dem Hut und

drückt den Muff trocknend gegen das Antlitz.

»Nein, Gottlob, -- ich bin mit heiler Haut davongekommen!« sagte sie mit

überraschend ruhiger und fester Stimme; sie scheint nicht sehr ängstlich

oder nervös zu sein, sondern den kleinen Unfall höchst gelassen

hinzunehmen. »Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre liebenswürdige

Hilfe!« fügt sie hinzu, und als Guntram Krafft höflich den Hut zieht,

blickt er zum erstenmal in das Antlitz der jungen Dame. Und sein Blick

wird groß und starr im Schauen, sein Atem stockt plötzlich und das Blut

steigt heiß in seine Wangen empor. Solch ein reizendes Gesichtchen hat

er nie zuvor gesehen.

Wie ein Wunder scheint es vor ihm aufzutauchen und all die Träume zu

verwirklichen, die ihm oft vorgegaukelt haben, wenn er in Journalen und

in illustrierten Werken daheim solch ein anmutig-schönes Mädchenhaupt

mit nachdenklichen Blicken betrachtete.

Wie weich, rosig und frisch das zarte Oval, wie entzückend geformt das

Näschen und der stolze, schwellendrote Mund, wie kraus die lichtbraunen

Löckchen, welche unter der zurückgeschlagenen Krämpe des federumwallten

Hutes hervorquellen, übersät von Schneesternchen, welche zu schmelzen

beginnen und in blinkenden Tropfen über der Stirn zittern, wie bei einer

Nixe, welche der Flut entsteigt!

Und Nixenaugen sind es auch, welche zu ihm emporglänzen in langem,

forschendem Blick, Augen, so hell, so groß, so flimmernd in einer

undefinierbaren Farbe, als habe sich blau-grünes Seewasser unter den

dunklen Wimpern zum Stern geformt!

Ja, so müssen wahrlich die Nixen aussehen, welche die weißen Arme nach

den jungen Fischern heben, welche es ihnen antun mit dem wundersam

schillernden Blick, daß sie sich ihnen nachstürzen in die geheimnisvolle

Tiefe, auf Leben und Sterben.

Guntram Krafft war zwischen Fischern in weltfremder Einsamkeit

aufgewachsen, die Lieder von der Meerfrau, die Sagen von den Nixen und

Wasserfeien hatten schon seine Wiege umklungen und durch sein Leben

fortgetönt in Ernst und Scherz, sie waren ihm lieb und vertraut wie

alles, was teilhatte an dem großen, wogenden Weltmeer, dem leuchtenden

Ring, welcher seine Heimat umschloß.

Wenn er auf stiller, sonnenbeglänzter Flut in seinem Boot lag, dann

stieg plötzlich ein reizendes Mädchenhaupt aus dem Wasser, so, wie er es

in poetischer Schönheit in seinen Büchern daheim geschaut, das trug den

Kranz von Schilf und Seerosen im Haar, Korallen und Bernstein auf der

weißen Brust, -- die Wassertropfen rieselten ihm funkelnd über die

Stirn, und die Augen, die großen, hellen, farblosen Augen, die

schimmerten wie durchsichtiger Kristall! --

So, just so, wie im Angesicht der Fremden, welche er soeben schaut!

Und diese Entdeckung verwirrt ihn und macht ihn, den erst so kraftvoll

Unerschrockenen, wieder linkisch und befangen.

Er reißt abermals den eleganten, spiegelblanken Filz von dem lockigen

Haar und stottert ein paar unverständliche Worte, -- aber sein Blick

hängt wie gebannt an ihrem Antlitz, so naiv und ehrlich in seinem

staunenden Entzücken, daß die junge Dame sich lächelnd abwendet und

neben die Pferde tritt, welche mit Hilfe von untergeworfenen Decken

wieder auf die Füße gebracht sind.

Auch der Kutscher ist herbeigehinkt, klopft den Schnee von seinem Mantel

und untersucht das Geschirr.

»Na, das hat man alles noch gut gegangen, gnädiges Fräulein! Nicht mal

ein Strang oder Riemen ist gerissen, und die Pferde sind auch mit dem

Schreck davongekommen! Steigen Sie man ruhig wieder ein, es ist doch

noch eine ganze Strecke bis nach Haus!«

Guntram Krafft ist zur Seite getreten, er merkt es erst an dem

erstaunten Blick eines Dienstmannes, daß er den Hut noch immer in der

Hand hält.

Hastig setzt er ihn auf, -- seltsam, daß er das ganz vergessen hatte,

daß er in dem eisigen Wind nicht fror! --

Sein Blick hängt noch immer wie gebannt an der schlanken, schmiegsamen

Gestalt der jungen Dame, welche den gelbflockigen Pelz wieder um die

Schultern wirft. Wie weicher Flaum umschmeichelt er ihr rosiges Gesicht.

-- Sie wendet sich dem Schlitten zu, um einzusteigen, und abermals tritt

der junge Graf herzu, ihr beinahe schüchtern die Hand zu bieten, um ihr

behilflich zu sein.

Wieder trifft ihn ihr Blick, -- sie lächelt.

Aus Höflichkeit, gleichsam, um für seine Hilfe dankend zu quittieren,

legt sie für eine Sekunde die zierliche Hand in die seine und schwingt

sich voll sicherer Grazie in den Schlitten.

Sein Antlitz strahlt, sein Blick taucht in den ihren, er sieht sie an

wie ein Kind, welches voll ehrlicher Unschuld sagt: »Wie bist du so

schön! wie gefällst du mir so gut!«

Und die junge Dame, welche so viel Welt- und Menschenkenntnis besitzt,

liest das auch sehr klar und deutlich von seinem hübschen Gesicht. Sie

sieht ein wenig erstaunt aus, sie mustert seine elegante, hochmoderne

Erscheinung, welche so gar nicht zu dem naiven Wesen des blonden Riesen

paßt, sie lächelt abermals freundlich und anmutig, neigt das Köpfchen

dankend und wendet sich zu dem Dienstmann, welcher hilfsbereit einen

kleinen Reisekoffer und eine Plaidrolle, welche in den Schnee gefallen,

in den Schlitten zurücklegt. --

»Ich habe kein Geld bei mir, -- kommen Sie und holen Sie sich nachher

bei Papa ein Trinkgeld!« sagt sie freundlich.

»O bitte, gnädiges Fräulein, -- hat nichts auf sich! Ist man gut, daß

alles so abgegangen ist!«

Und dann ein Zungenschnalzen des Kutschers, die Pferde bäumen ein wenig

aufgeregt, ziehen an und sausen mit dem Schlitten davon.

Die Leute, welche sich angesammelt haben, stehen noch einen Augenblick

und schauen dem schellenklingenden Spuk nach, dann zerstreuen sie sich

schnell -- und auch der Graf von Hohen-Esp schreitet mechanisch weiter.

Sein Blick folgt dem Schlitten, sein Antlitz leuchtet wie verklärt.

Er möchte die Augen schließen, um nur noch ihr Lächeln zu sehen!

Er hat keinen andern Gedanken fürerst wie nur das Lächeln -- diesen

sanften, weichen Druck ihrer kleinen Hand.

Ihm ist, als wehe noch der feine, diskrete Veilchenduft, den ihre

Gestalt ausströmte, als er sie im Arm hielt, zu ihm auf.

Veilchen! Veilchen im Winter!

Trug sie deren am Kleide? Er sah sie nicht. Vielleicht war es auch nur

solch ein herrliches, duftendes Wasser, welches Anton ihm auf den

Toilettentisch gestellt.

Der Einsiedler von Hohen-Esp kannte keine eleganten Parfüms, diese waren

unerlaubter Luxus in der Bärenhöhle gewesen, seit Gräfin Gundula jeden

Heller sparte, um Goldstücke zu erwerben.

Anfänglich hatte Guntram Krafft »das Zeug« verächtlich zurückgewiesen.

Es deuchte ihm zu weichlich für einen Mann, wenn er sich mit dem Duft

einer Blume schmücken wollte; -- aber für eine Dame ... ja, das ist

etwas anderes!

Wie hatte er es an seiner Tante, -- an seiner Bonne geliebt, wenn sie im

Frühling Veilchen und im Sommer eine Rose an der Brust trugen! Seine

Mutter stellte die Blumen nur in ihr Zimmer, denn sie duldete keine

Farbe an ihrer düsteren Witwentracht, aber selbst in dem stillen,

freudlosen Gemach der Gräfin hatte ihn der Blumenduft angeheimelt und

erfreut.

Und nun zog es wie eine süße, zauberhaft süße Woge um das reizendste

junge Weib, welches er je mit Augen geschaut, um eine menschgewordene

Melusine, welche ihm aus dem fernen Weltmeer hierher gefolgt ist, damit

er nicht allein sei in der großen, unverstandenen Welt. --

Die Bären von Hohen-Esp: Roman · 第 28 / 110 题