Bella: Aber, Louis, Sie schreiben ja einen sehr guten Brief.
Otto: Unser Bruder Albert hat gewiß schon oft den Kotillon gesehen; in
Deutschland wird der Kotillon viel getanzt und .....
Anna: Da kommt Herr Meister.
* * * * *
Herr Meister: Guten Tag, meine Freunde. Wollen Sie gütigst
entschuldigen, daß ich so spät komme?
Louis: Wir glaubten (= dachten), Sie wären nicht wohl und könnten
nicht kommen.
Herr Meister: Nein, mein lieber Louis; ich bin wohl und bin glücklich,
weil alle in meinem Hause gestern so glücklich waren.
Anna: Ja, glücklich waren wir alle, und es war bis heute der schönste
Abend in meinem Leben, ich werde noch lange, lange an ihn denken.
Bella: Herr Meister, ich bin ein wenig neugierig, ich möchte sehr gern
wissen, warum Sie heute so spät kommen. Es ist dieses die letzte
Stunde für lange Zeit, und gewiß ..... Ah, Sie lächeln -- gewiß,
gewiß, Sie haben einen Grund.
Herr Meister: Wohl gesprochen, mein liebes Fräulein. Erraten Sie,
erraten Sie: Warum komme ich spät?
Bella: Warum Sie spät kommen, ja, das weiß ich nicht, ich kann nicht
raten, Herr Meister, heute nicht; gewiß, ich kann nicht.
Otto: Ich vermute (= denke), das kleine Paket in Ihrer Hand ist der
Grund Ihres Spätkommens.
Herr Meister: Erraten! Sie haben es erraten, Otto.
Louis: Und was ist darin, Herr Meister?
Herr Meister: Nun, sind auch Sie neugierig, Louis?
Anna: Sagen Sie es, Herr Meister, bitte, bitte!
Herr Meister: O, nein, nein, noch nicht.
Bella: Ah, Herr Meister, Sie sind heute in sehr guter Laune.
Herr Meister: Ja, meine Lieben, das bin ich, und wie könnte ich anders
sein! Monate lang komme ich zu Ihnen, oft zwei Mal an einem Tage, und
spreche mit Ihnen in meiner Muttersprache, und .....
Louis: O, ich liebe Ihre Muttersprache, Herr Meister!
Herr Meister: ..... und wir sind die besten Freunde geworden.
Louis: Ja, Herr Meister, das sind wir geworden.
Herr Meister: Und wissen Sie auch, was das heißt (= ist): »Wir sind
Freunde«? Wissen Sie, was es heißt: »Ich habe einen Freund. Ich habe
einen Freund, der fühlt, wie ich, -- einen Freund, der mir gehört«?
Muß dieser Gedanke uns nicht glücklich machen? Und welche Wunder thut
dieser Gedanke! Die Freude fühlen wir doppelt, das Leid nur halb. Ich
bitte, lassen Sie mich zum Ende noch wenige Worte sprechen.
Bella: O, bitte, Herr Meister, sprechen Sie noch recht viel! Ich höre
Sie so gerne Deutsch sprechen, es klingt so musikalisch.
Herr Meister: Sie haben recht, mein Fräulein. Deutsch, s_c_h_ö_n
g_e_s_p_r_o_c_h_e_n, klingt musikalisch. Freundschaft! Die
Freundschaft und die Liebe zu allem, was groß ist und gut und schön,
macht uns selbst gut, groß, schön, und stark, das Größte zu thun.
Freundschaft und Liebe ist überall in der Natur. Kommen Sie mit mir,
meine teuren Freunde, in das Feld. Früh am Sommermorgen, wenn die
Sonne den Tau von Gras und Blumen küßt, -- o sehen Sie dann, sehen Sie
wie diese Blumen alle lächeln; hören Sie nur, wie diese Bäume wispern
in stiller Freude, und wie die Vögel singen, und die Insekten so
fröhlich summen, so froh!
Sie alle freuen sich, sie alle sind glücklich, denn die Sonne sendet
ihre Strahlen. Das ist Freundschaft zwischen Sonne und Erde, und in
dieser Freundschaft zwischen Sonne und Erde wird alles groß und
reif. In dem Wald! Wie kühl, wie frisch! Alles ist so still, ich höre
nur das Murmeln des klaren Baches. Kommt, dieser Bach ist nicht sehr
tief, wir wollen springen von einem Stein zum andern bis auf jenen
großen dort in seiner Mitte. Da wollen wir ruhen. Wie schön, o wie
schön ist es hier! Sehen Sie auf der einen Seite des Baches, auf jenem
Busche da, das Nest? O, seht, die grünen Blätter bedecken es ein
wenig. Konnte die Liebe einen schöneren Platz finden als diesen?
Still, still, nun kommt die Mutter; o sehen Sie, die Kleinen öffnen
den Mund; nun legt die Mutter ihnen Körner hinein. So, jetzt haben
sie alle. Nun fliegt die Mutter wieder fort; -- sie kommt wieder, o
wie die Jungen sich freuen! O, die kleinen, kleinen lieben Vögel!
Hier stehe ich, wundere mich und freue mich. Wie warm muß das kleine
Herz der Mutter fühlen für ihre Kinder! Das, das ist Mutterliebe .....
Louis: Bitte, Herr Meister, vergessen Sie nicht, von dem Pakete in
Ihrer Hand zu sprechen.
Bella: Louis! Sie sind sehr ungeduldig!
Herr Meister: Es war gut, Louis, daß Sie von dem Pakete sprachen, ich
hätte es vergessen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, Fräulein
Bella, aber wir sehen uns ja wieder, nicht wahr? und ich hoffe,
bald. Damit Sie aber oft an diese schönen Stunden denken, habe ich
Ihnen d_i_e_s_e_s mitgebracht. Ich öffne nun das Paket hier.
Anna: O, wie schön!
Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, Fräulein Bella.
Bella: Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, Herr Meister. »Goethes
Gedichte.« Wie schön! Und Sie haben auch etwas geschrieben: »Zum
Andenken schöner Stunden.«
Herr Meister: Dieses Buch, Fräulein Anna, ist für Sie.
Anna: Ich danke Ihnen viel, vielmal, Herr Meister. »Schillers
Gedichte«! -- und hier steht: »Denken Sie oft an Ihren Freund
W. Meister.« O, wie schön das ist, und wie glücklich ich bin!
Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, mein lieber Louis, lesen Sie?
Louis: »Märchen von Grimm.« O, Herr Meister! Darüber freue ich mich
aber sehr! »Dornröschen,« -- hier ist »Dornröschen,« Otto, und hier
»Aschenputtel,« und hier ....., sieh, Otto, o sieh!
Bella: Louis' Freude ist so groß, das er vergißt (ich vergesse, er
vergißt), Herrn Meister zu danken.
Louis: O, Herr Meister, ich danke Ihnen recht herzlich!
Herr Meister: Und für Sie, Freund Otto, habe ich einen Roman von Paul
Heyse: »Die Kinder der Welt.«
Otto: Von Paul Heyse und von »Kinder der Welt« habe ich schon so viel
gehört. Herr Meister, ich danke Ihnen für Ihre Güte!
Anna: Kann ich wohl die Gedichte von Schiller verstehen, Herr Meister?
Herr Meister: Nicht alle, mein Fräulein, aber viele. Sehen Sie, hier
ist ein wundervolles Gedicht: »Die Bürgschaft.« Das müssen Sie lesen,
ich will Ihnen ein wenig davon erzählen.
Alle: Ja, thun Sie das, Herr Meister.
* * * * *
Herr Meister: Syrakus war eine Republik, aber Dionys hatte sich zum
König gemacht; darum wollte Damon ihn töten und ging mit einem Dolche
in den Palast des Königs. Aber des Königs Männer sahen ihn und
brachten ihn gebunden (binden, gebunden) vor den König. Der König
sprach: »Du mußt sterben.« »So will ich sterben,« sagte Damon. »Ich
mag nicht leben unter einem König, ich mag nicht leben in einer
Monarchie. Frei will ich leben und frei sterben. Doch, -- ich bitte
dich, o König, gieb mir nur drei Tage Zeit zum Leben, daß ich erst für
meine Schwester sorgen und ihr einen Gatten (= Mann) geben kann. Ich
komme wieder nach drei Tagen. Mein Freund wird dir so lange bleiben.«
Der König aber dachte eine Weile, lächelte und sprach: »Drei Tage will
ich dir Freiheit geben und Leben, so du den Freund mir bringst. Doch
kommst du nicht wieder zur Zeit, dann muß der Freund für dich sterben,
-- du aber gehst frei.«
Damon kam zum Freunde und sagte ihm alles und fragte ihn dann: »Willst
du, o Freund, für mich zum König gehen und bleiben bis ich wieder
komme?« Und der Freund sprach kein Wort, umarmte ihn und ging zum
Könige. Damon aber ging zur Schwester und sorgte für sie.
Und am dritten Morgen, früh, ging Damon vom Hause der Schwester auf
den Weg nach Syrakus. Aber es hatte lange geregnet (es regnet, es
regnete, es hat geregnet), und es regnete noch immer, und der Regen
wurde stärker und stärker (stark, stärker). So kam Damon an den Strom,
aber das Wasser war wild und stark und hatte die Brücke
hinweggerissen, und da war auch kein Schiffer, und da war kein Boot,
ihn über das Wasser zu bringen. Und auf und ab ging er am Ufer und
rief laut nach einem Schiffer. Aber kein Schiffer kam. Da sank (ich
sinke, ich sank, ich bin gesunken) er auf die Kniee und rief zu seinem
Gott: »O, sende mir Hilfe, sende mir Hilfe, mein Gott! Es ist ja schon
Mittag, und wenn die Sonne niedergeht und ich bin nicht in der Stadt,
so muß der teure, teure Freund für mich sterben.« Aber Hilfe kam
nicht, der Strom ward wilder. Damon denkt an den Freund und springt in
den Strom und schwimmt und kommt an das andere Ufer und eilt weiter
und dankt Gott und kommt in einen dunklen Wald. Da kamen Räuber auf
ihn zu. Er aber tötet (Tod, tötet) drei von ihnen mit einem
Schlage. Das sehen die anderen, fürchten sich und rennen fort.
Damon aber kann nicht mehr stehen, er sinkt zur Erde vor Durst, denn
die Sonne schien (scheinen, schien) heiß. Und wieder betete er zu
Gott: »O, Gott! Du hast mich gerettet aus den Händen der Räuber, du
hast mich gerettet aus dem wilden Strome! Soll ich hier nun sterben
vor Durst?« Aber da hörte er nahe bei sich Wasser rinnen aus einer
Quelle. Er trinkt, er wird frisch und eilt weiter.
Nun ist es spät am Tage. Zwei Männer sieht er. Die kommen von
Syrakus, und er hörte sie sagen: »Jetzt schlagen sie ihn ans Kreuz.«
Sie sprachen von seinem Freunde, und er eilte noch mehr, -- weiter,
weiter. Es ist Abend, und da ist er vor der Stadt. Da kommt sein
Diener und ruft: »Zurück, Herr! du kommst zu spät. Soeben (= in dieser
Minute) töten sie deinen Freund. Der König hatte den Freund verlacht,
aber der Freund wußte, du würdest kommen.« Da rief Damon: »Und ist es
zu spät, und kann ich den Freund nicht mehr retten, so will ich mit
ihm sterben!«
So ruft er und eilt in die Stadt. Da will man eben den Freund ans
Kreuz schlagen. Damon aber ruft: »Haltet! Haltet! Hier bin ich; ich,
Damon, bin hier. Hier bin ich!«
Die beiden Freunde umarmen sich und weinen vor Freude und vor
Schmerzen (= Leid); und die Tausende von Menschen, sie alle, die da
stehen, sie weinen. Und der König hört das Wunderbare, und man führt
(= bringt) die beiden Freunde vor ihn. Er sieht (ich sehe, er sieht)
sie lange, lange an. Dann sagt er: »Ich sehe, -- ja, ich sehe -- es
giebt (= es sind) Freunde in der Welt. Ich bitte euch, nehmet auch
mich zu eurem Freunde!«
Louis: Ist das das Ende?
Bella: Herr Meister, das ist sehr, sehr schön.
Anna: Ja, das ist schön.
Louis: Damon war ein guter Mensch.
Otto: Und sein Freund auch.
Herr Meister: Ich freue mich, daß Ihnen »die Bürgschaft« gefällt. Sie
werden noch viel, viel schönes in Ihren Büchern finden. Lesen Sie,
meine Freunde, lesen Sie! So, nun muß ich Ihnen auf lange Zeit Adieu
sagen. Leben Sie wohl, meine Freunde!
Otto: Leben Sie wohl, Herr Meister!
Louis: Leben Sie wohl!
Anna: Adieu, Herr Meister!
Bella: Reisen Sie mit Gott!
[Illustration: Section Footer]
Gedichte.
Gefunden.
Ich ging im Walde
So für mich hin,
Und nichts zu suchen,
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne leuchtend,
Wie Äuglein schön.
Ich wollt' es brechen,
Da sagt' es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein?
Ich grub's mit allen
Den Würzlein aus,
Zum Garten trug ich's
Am hübschen Haus.
Und pflanzt' es wieder
Am stillen Ort;
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
G_o_e_t_h_e.
Leise zieht durch mein Gemüt.
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute,
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling' hinaus ins Weite.
Kling' hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine Rose schaust,
Sag' ich lass' sie grüßen.
H_e_i_n_e.
Des Knaben Berglied.
Ich bin vom Berg der Hirtenknab'
Seh' auf die Schlösser all herab;
Die Sonne strahlt am ersten hier,
Am längsten weilet sie bei mir;
Ich bin der Knab' vom Berge!
Hier ist des Stromes Mutterhaus,
Ich trink' ihn frisch vom Stein heraus;
Er braust vom Fels im wilden Lauf,
Ich fang ihn mit den Armen auf;
Ich bin der Knab' vom Berge!
Der Berg, der ist mein Eigentum
Da ziehn die Stürme rings herum;
Und heulen sie von Nord und Süd,
So überschallt sie doch mein Lied:
Ich bin der Knab' vom Berge!
Und wann die Sturmglock' einst erschallt,
Manch Feuer auf den Bergen wallt,
Dann steig' ich nieder, tret' ins Glied
Und schwing' mein Schwert und sing' mein Lied:
Ich bin der Knab' vom Berge!
U_h_l_a_n_d.
Der gute Kamerad.
Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite,
In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen:
Gilt's mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen;
Er liegt mir zu den Füßen,
Als wär's ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad';
»Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib' du im ew'gen Leben,
Mein guter Kamerad!«
U_h_l_a_n_d.
Schäfers Sonntagslied.
Das ist der Tag des Herrn.
Ich bin allein auf weiter Flur;
Noch eine Morgenglocke nur:
Nun Stille nah und fern.
Anbetend knie' ich hier.
O süßes Graun, geheimes Wehn!
Als knieten viele ungesehn
Und beteten mit mir.
Der Himmel nah und fern,
Er ist so klar und feierlich,
So ganz, als wollt' er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn.
U_h_l_a_n_d.
Zur Nacht.
Gute Nacht!
Allen Müden sei's gebracht.
Neigt der Tag sich still zu Ende,
Ruhen alle fleiß'gen Hände,
Bis der Morgen nun erwacht.
Gute Nacht!
Geht zur Ruh,
Schließt die müden Augen zu!
Stiller wird es auf den Straßen,
Und den Wächter hört man blaßen;
Und die Nacht ruft allen zu:
Geht zur Ruh!
Schlummert süß,
Träumt euch euer Paradies!
Wenn die Liebe raubt den Frieden,
Sei ein schöner Traum beschieden,
Als ob Liebchen ihn begrüß'.
Schlummert süß!
Gute Nacht!
Schlummert, bis der Tag erwacht,
Schlummert, bis der neue Morgen
Kommt mit seinen neuen Sorgen,
Ohne Furcht, der Vater wacht.
Gute Nacht!
T_h_e_o_d_o_r K_ö_r_n_e_r.
Wanderschaft.
Das Wandern ist des Müllers Lust,
Das Wandern!
Das muß ein schlechter Müller sein,
Dem niemals fiel das Wandern ein,
Das Wandern.
Vom Wasser haben wir's gelernt,
Vom Wasser!
Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht,
Ist stets auf Wanderschaft bedacht,
Das Wasser.
Das sehn wir auch den Rädern ab,
Den Rädern!
Die gar nicht gerne stille stehn,
Die sich mein Tag nicht müde drehn,
Die Räder.
Die Steine selbst, so schwer sie sind,
Die Steine!
Sie tanzen mit den muntern Reihn
Und wollen gar noch schneller sein,
Die Steine.
O Wandern, Wandern, meine Lust!
O Wandern!
Herr Meister und Frau Meisterin,
Laß mich im Frieden weiter ziehn
Und wandern.