2) Daß Sie schönes Wetter haben werden, hoffe ich;

dann habe ich:

3) Ich hoffe, Sie werden schönes Wetter haben.

4) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe so.

5) Sie werden schönes Wetter haben; ich hoffe es.

6) Sie werden schönes Wetter haben; das hoffe ich.

7) Sie werden, ich hoffe, schönes Wetter haben.

8) Sie werden, so hoffe ich, schönes Wetter haben.

9) Sie werden, ich hoffe es, schönes Wetter haben.

Mehr Sätze, Herr Meister, konnte ich nicht finden.

Bella: Das haben Sie sehr gut gemacht, Louis. Nicht wahr, Herr

Meister?

Herr Meister: Ganz gewiß. Ich stimme mit Ihnen überein (= ich denke,

so wie Sie). Haben Sie dieselben Sätze, Otto?

Otto: Ja wohl, Herr Meister, und noch einige mehr. Ich habe: 10) Sie

werden hoffentlich schönes Wetter haben, und: 11) Hoffentlich werden

Sie schönes Wetter haben.

Louis: Diese Sätze konnte ich nicht finden. Ich glaube, diese sind die

besten von allen. Herr Meister, können Sie noch einige finden?

Herr Meister: Lassen Sie mich eine Minute denken. So: »Ich habe die

Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und: »Ich bin der

Hoffnung, daß Sie schönes Wetter haben werden.« Aber diese Sätze sind

nicht so gut, wie Ottos.

Bella: Ich glaube, es wird sehr gut für uns sein, oft solche Sätze

umzuschreiben.

Herr Meister: Das denke ich auch.

Louis: Herr Meister, wollen Sie schon gehen?

Herr Meister: Ich muß. Ich kann heute nicht länger das Vergnügen

haben, mit Ihnen zu sprechen.

Louis: Haben Sie denn auch so viel zu thun, Herr Meister?

Herr Meister: Sehr viel, Louis, sehr viel. Darum sage ich Adieu bis

auf morgen.

Alle: Auf Wiedersehn!

[Illustration: Section Footer]

[Illustration: 5 instrumentalists: Lute, drum, mandolin,

cello, violin]

*XI.*

Bella: Herr Meister, ich möchte Sie etwas fragen.

Herr Meister: Bitte, mein Fräulein, ich werde Ihnen mit Vergnügen

antworten.

Bella: Ich habe bei meiner deutschen Freundin dieses Zeichen [IX-2] so

oft gesehen an so vielen Dingen, an Gläsern, an den Taschentüchern;

ihr Herr Gemahl, der {Dr.} Stellen hat auch dasselbe Zeichen auf

seinen Hausschuhen. Ich glaubte erst, es sei ein Kreuz, aber es ist

keines; dann glaubte ich, es sei das Wappen meines Freundes, aber der

Herr {Dr.} ist kein Baron und kein Graf, sondern ein Bürger. Ich

wollte meine Freundin nicht gern fragen, weil ich schon zu viel

gefragt hatte.

Herr Meister: Ich vermute (= ich denke), der Gemahl Ihrer deutschen

Freundin ist ein Turner, und dieses Zeichen hier ist das Zeichen, das

alle Turner haben und lieben; es ist ein vierfaches {F}; des Turners

Motto hat viermal {F}, und es heißt: Frisch, Frei, Froh, Fromm.

Sei frisch in der That,

Sei frei im Denken,

Sei froh im Sinn und

Sei fromm. Bete zu Gott und thue seinen Willen.

Anna: Das ist ein schöner Spruch (sprechen, Spruch).

Herr Meister: Nicht wahr? Aber was haben Sie denn, Louis?

Bella: Warum lächeln Sie so, Louis?

Anna: Louis, Sie müssen nicht leise mit Ihrem Bruder sprechen, wenn

wir hier sind. Sprechen Sie laut, bitte.

Otto: Ich werde Ihnen sagen, warum mein Bruder lachte und leise mit

mir sprach. Er hat wieder einen deutschen Brief von unserm Bruder

Albert in Berlin.

Louis: Ja, denken Sie, wie merkwürdig (= wunderbar), Fräulein

Anna. Gestern noch sagte ich Ihnen: »Ich glaube, mein Bruder ist böse

mit mir, weil ich seinen deutschen Brief noch nicht beantwortet habe,«

und als ich nach Hause kam, sagte mir Mama: »Louis, ich habe hier

einen Brief für dich von unserm Albert, ich kann ihn nicht lesen, er

ist deutsch. Sieh, ob du ihn verstehen wirst.« »O, Mama,« sagte ich,

»ich verstehe jetzt alles im Deutschen.« Ich nahm (ich nehme, ich

nahm, ich habe genommen) den Brief, las (ich lese, ich las, ich habe

gelesen) ihn und verstand ihn, und sagte alles meiner lieben, guten

Mama im Englischen.

Herr Meister: Ich freue mich sehr, das zu hören.

Louis: Aber ist es nicht wunderbar, daß er in diesem Brief auch von

den Turnern spricht?

Bella: Von Turnern?

Louis: Ja, darum habe ich ja so gelacht, als Sie mit Herrn Meister

über »Turnen« sprachen.

Herr Meister: Hier würde ich nicht das Wort »wunderbar« gebrauchen,

sondern »merkwürdig«; in der That ist es merkwürdig, daß Sie gestern

von Ihrem Bruder sprachen und dann einen Brief von ihm vorfanden, als

Sie nach Hause kamen; und ebenso merkwürdig ist es, daß er über Turnen

spricht. Ich möchte wohl hören, was er schreibt.

Louis: Ich werde Ihnen den Brief vorlesen, wenn Sie es wünschen.

Alle: Bitte, bitte!

Louis (liest):

Teuerer Bruder Louis!

Ich habe Dir am sechsten September einen deutschen Brief geschrieben,

und ich habe heute noch keine Antwort. Wie kommt das? Papa schreibt

mir, Du studierst Deutsch. Kannst Du noch nicht Deutsch schreiben?

Ich hoffe, Du bist so wohl, wie ich bin. Wir Studenten haben jetzt

vier Wochen Ferien, das ist, wir sind vier Wochen frei und brauchen

nicht zur Universität zu gehen. Professoren und Studenten wollen

Weihnachten feiern.

Hier schicke ich Dir meine Photographie. Du wirst Dich wundern, mich

im Winter in Kleidern von weißem Linnen zu sehen und fragen: »Ist es

im Dezember in Berlin so warm, daß die Leute in weißem Linnen gehen?«

O, mein Freund, es ist hier sehr kalt, so kalt wie in New York. Der

Wind bläst durch die Straßen, und der Schnee liegt zwei Fuß

hoch. Nicht alle Leute gehen jetzt in Linnen. Auch ich gehe nicht

immer so, nur einmal in der Woche, am Mittwoch Abend von acht Uhr bis

zehn; -- dann bin ich in der Turnhalle, denn ich muß Dir nur sagen,

ich bin in einem Turnklub oder einem Turnvereine. Mittwoch Abend bin

ich in der Turnhalle, und habe Gymnastik. O, wie ist das schön, mein

lieber Louis, mit hundert, oft zwei hundert Männern nach der Musik zu

marschieren oder springen. Wir laufen, schwingen, fechten, boxen und

tanzen; kurz, wir thun alles, was uns stark und gesund macht. Ah,

seitdem ich turne, befinde ich mich wohl. Du weißt ja, ich war früher

in New York oft sehr nervös. Seitdem ich Turner bin, bin ich frisch

und wohl, bin immer fröhlich und studiere mit Freude. Hier in

Deutschland ist das Turnen an allen Schulen obligatorisch; das heißt:

In allen Schulen m_u_ß geturnt werden, und alle Schüler müssen so gut

turnen lernen, wie schreiben und lesen. Ist das nicht schön? Ich

meine, gewiß Ludwig Jahn war ein weiser Mann. Du mußt nämlich wissen,

Ludwig Jahn hat zuerst das Turnen begonnen mit wenigen Schülern hier

in Berlin im Jahre 1811, und heute haben wir Turnhallen in ganz

Deutschland, und viele tausend Studenten ehren (= respektieren) den

»Turnvater« Jahn. Aber ist es nicht traurig, daß es so oft den

Männern schlecht geht, die der Welt Gutes thun? So ging es Columbus,

so ging es Galilei, so ging es Johann Gutenberg, dem Erfinder der

Buchdruckerkunst, so ging es Schiller und auch dem Turnvater

Jahn. Warum sind die Menschen (= Leute) so undankbar gegen die Männer,

die ihnen Gutes thun? N_a_c_h dem Tode, ja nach dem Tode ehrt man die

großen Männer, aber erst nach dem Tode! Da ich vom Traurigen spreche,

so will ich Dir auch mitteilen (= schreiben), daß Bayard Taylor, der

amerikanische Gesandte, der Schriftsteller (= Autor), Poet und

Reisende, tot ist. Alle Amerikaner Berlins waren an seinem

Sarge. Tausende von Menschen waren da, und auch die besten

Schriftsteller Deutschlands, wie Berthold Auerbach, Paul Lindau, Paul

Heyse, Friedrich Spielhagen und Julius Rodenberg. Berthold Auerbach,

ein persönlicher Freund von Bayard Taylor, sprach wunderschön an

seinem Sarge. Ich sehe, Deutschland fühlt den Verlust des Mannes so

tief wie Amerika und trauert.

Bei meiner Photographie in diesem Briefe ist noch eine andere, die

Photographie einer alten Burg (= das Kastell), »die Wartburg.« Am

elften August dieses Jahres war der hundertjährige Geburtstag unseres

Turnvaters Jahn, und die Turnvereine Deutschlands machten eine

Exkursion oder Turnfahrt nach der Wartburg. Warum die deutschen

Turner gerade nach dieser alten Burg gehen, würdest Du wohl verstehen,

wenn Du die Rede meines Freundes Heinrich gehört hättest. Ich schreibe

Dir das, was ich heute noch weiß. Mein Freund begann so:

»Turnbrüder, Freunde! Aus allen Enden unseres schönen, deutschen

Vaterlandes sind wir heute hierher gekommen, um ein Fest zu feiern:

den hundertjährigen Geburtstag unseres Turnvaters Jahn. Warum, meine

Brüder, kommen wir hier zusammen, in dieser alten, alten Burg? Weil

dieser Ort (= der Platz) allen Deutschen so teuer ist, so teuer sein

muß; und wie Gott einst zu Moses sprach, so will ich zu Ihnen

sprechen: Nehmet eure Schuhe von euren Füßen, denn das Land, auf dem

ihr steht, ist heilig. Dieses Thüringen, meine Brüder, dieses

Thüringen ist heilig; der Boden, auf dem ihr steht, ist heilig, und

die Steine, die ihr hier seht, sind heilig. In dieser Burg lebte die

heilige Elisabeth; hier lebten und dichteten (= schrieben die

Gedichte) die großen Poeten unserer alten deutschen Litteratur; hier

schrieb Walther[XI-1] von der Vogelweide seine schönen Lieder; hier

lebte Wolfram von Eschenbach; hier kämpften die alten Ritter so

manchen harten Kampf mit dem Schwerte, und hier kämpften auch die

edlen Ritter des Gesanges und der Poesie den edlen Kampf in der Kunst,

-- den Sängerkrieg auf der Wartburg. Hier in diesen Mauern lebte auch

Luther; hier schrieb er seine deutsche Bibel, und hier gab er uns die

deutsche Sprache, die wir heute sprechen. Ist dieses nicht heilige

Erde, meine Brüder?

Und sehen Sie dort, -- nur wenige Meilen von hier, da lebten auch

Herder und Wieland, und Schiller und Goethe. O Thüringen, mein

Thüringen, du bist mir teuer! Du bist das Herz Deutschlands, und die

Kultur, unser Leben kommt von dir und geht in alle, alle Teile. Darum

lieben wir dich, mein Thüringen, mit unsrem ganzen Herzen.

Und nun, ihr Turnbrüder, alle, rufet: ,Thüringen, Thüringen, lebe

hoch!'« So sprach mein Freund.

O, lieber Louis, Du hättest das »Hoch« hören sollen, das Hoch von

tausend starken Männern gerufen. Du hättest den Enthusiasmus sehen

sollen! Ich werde das niemals, niemals vergessen.

Aber hier will ich meinen Brief schließen (= enden), er ist lang,

nicht wahr?

Grüße mir Deine Freundinnen Anna und Bella und auch Herrn

Meister. Wunderst Du Dich, daß ich den Namen Deiner Freunde kenne? Ah,

ein kleiner Vogel kam aus New York nach Berlin und sagte mir alles.

Schreibe bald

Deinem treuen Bruder

Albert.

Louis: Nun, wie gefällt Ihnen dieser Brief?

Herr Meister: Sehr gut, Louis.

Bella: Er ist sehr interessant.

Anna: Ich möchte Ihren Bruder als Turner sehen.

Otto: Wenn ich nach Deutschland komme, so muß ich auch nach Thüringen

gehen und die Wartburg sehen. Aber eins möchte ich Sie fragen, Herr

Meister; mein Bruder Albert schreibt von einem altdeutschen Dichter

Walther[XI-1] von ..... von ..... bitte, laß mich den Brief einen

Augenblick (= Moment) sehen, Louis.

Louis: Hier, Otto.

Otto: Danke, Walther[XI-1] von ..... wo ist es .....? so hier .....

ich habe es ..... Walther[XI-1] von der Vogelweide. Ich habe nie von

ihm gehört. War er ein guter Poet?

Herr Meister: O, gewiß, Otto. Walther[XI-1] von der Vogelweide hat

wundervolle Gedichte geschrieben. Er war ein großer Freund (von) der

Natur, und vor allem liebte er die Vögel. Bevor er starb, machte er

auch ein Testament für die Vögel; er schrieb: die Vögel sollen jeden

Tag mit Brot und Wasser auf meinem Grabe gespeist werden.

Anna: Ist das nicht allerliebst?

Bella: Ja, das ist wundervoll, und unser Longfellow hat ein schönes

Gedicht geschrieben: »Walther[XI-1] von der Vogelweide«; ich will es

gerne im Englischen sagen, wenn Sie mir erlauben wollen, Herr Meister?

Herr Meister: Bitte, Bella, ich möchte es hören.

Bella:

{WALTER VON DER VOGELWEID.

Vogelweid the Minnesinger,

When he left this world of ours,

Laid his body in the cloister,

Under Würzburg's minster towers.

And he gave the monks his treasures,

Gave them all with this behest:

They should feed the birds at noontide

Daily on his place of rest;

Saying, "From these wandering minstrels

I have learned the art of song;

Let me now repay the lessons

They have taught so well and long."

Thus the bard of love departed;

And, fulfilling his desire,

On his tomb the birds were feasted

By the children of the choir.

Day by day, o'er tower and turret,

In foul weather and in fair,

Day by day, in vaster numbers,

Flocked the poets of the air.

On the tree whose heavy branches

Overshadowed all the place,

On the pavement, on the tombstone,

On the poet's sculptured face,

On the cross-bars of each window,

On the lintel of each door,

They renewed the War of Wartburg,

Which the bard had fought before.

There they sang their merry carols,

Sang their lauds on every side;

And the name their voices uttered

Was the name of Vogelweid.

Till at length the portly abbot

Murmured, "Why this waste of food?

Be it changed to loaves henceforward

For our fasting brotherhood."

Then in vain, o'er tower and turret,[XI-2]

From the walls and woodland nests,

When the minster bells rang noontide,

Gathered the unwelcome guests.

Then in vain, with cries discordant,

Clamorous round the Gothic spire,

Screamed the feathered Minnesingers

For the children of the choir.

Time has long effaced the inscriptions

On the cloister's funeral stones,

And tradition only tells us

Where repose the poet's bones.

But around the vast cathedral,

By sweet echoes multiplied,

Still the birds repeat the legend

And the name of Vogelweid.}

Herr Meister: Ich danke Ihnen, Bella. Das Gedicht ist schön.

Otto: Ich will versuchen, ein deutsches Gedicht davon zu machen.

Herr Meister: Thun Sie das, Otto.

Herr Meister: Ich möchte noch sagen: Wie die Turnvereine, so kommen

auch die Gesangvereine oft nach Thüringen und auf die Wartburg.

Louis: Gesangvereine? Sind das nicht Klubs, die da singen?

Herr Meister: Gewiß, Louis.

Anna: Hat Deutschland viele Gesangvereine?

Herr Meister: Sehr viele, mein Fräulein, sehr viele; mehr

Gesangvereine als Turn- und Schützenvereine; Sie wissen ja,

Deutschland ist das Land der Musik.

Bella: Ja, das ist wahr, und darum habe ich Deutschland immer so

bewundert.

Otto: Herr Meister, ich habe so oft gedacht: Wie kommt es doch, daß

Deutschland die meisten und größten Musiker in der Welt hat:

Beethoven, Mozart, Weber, Haydn, Schumann, Gluck, Schubert, Händel,

Bach, Mendelssohn, Meyerbeer, Wagner und .....

Bella: Und Strauß; ah, vergessen Sie Strauß nicht, Otto, Strauß, der

die schönen Walzer komponiert.

Otto: O, gewiß, Fräulein Bella, Strauß und noch viele, viele andere.

Louis: Herr Meister, Sie haben uns sehr schöne Anekdoten von

Beethoven, Mozart und Haydn erzählt, aber nicht eine von den anderen

Komponisten.

Herr Meister: Freund Louis, das will ich später einmal thun. Heute

will ich nur noch bemerken (= sagen), der Freund Ihres Bruders, Herr

Heinrich, könnte (ich kann, ich könnte) auch noch sagen, daß in diesem

Thüringen die Brüder Grimm ihre schönsten Märchen gefunden haben. Und

ferner (= auch), meine Freunde, will ich bemerken, daß wir auch bald

Weihnachtsferien nehmen müssen, und daß[XI-3] ich einige Monate nicht in der

Stadt sein werde, ich werde verreisen.

Bella: Ach!

Anna: O, Herr Meister!

Louis: Das ist schade!

Otto: Das bedauere ich recht sehr, Herr Meister.

Herr Meister: Auch mir thut es sehr leid. Bevor wir aber heute

scheiden (= gehen), will ich Ihnen noch ein Märchen von Grimm

erzählen.

Anna: Das ist schön, Herr Meister!

Herr Meister: Ein Mann hatte eine Frau und eine Tochter. Die Frau war

sehr krank, und als sie ihr Ende nahe fühlte, rief sie ihre Tochter an

das Bett und sagte: »Mein Kind, ich kann nicht mehr bei dir sein, ich

muß von dir gehen auf lange, lange Jahre; aber wenn ich nicht bei dir

bin, so denke immer an den lieben Gott und thue das Gute, so wird der

liebe Gott auch bei dir sein und dir helfen.« Bald darauf (= nicht

lange) hatte das Kind keine Mutter mehr. Der liebe Gott hatte sie zu

sich genommen.

Der Mann aber nahm eine andere Frau; die hatte kein gutes Herz, und

ihre zwei Töchter auch nicht, und ihre Töchter waren nicht schön, und

sie war böse mit ihrer Stieftochter, weil sie so schön war. Ihre

Töchter hatten es gut und hatten das Beste und hatten alles, was sie

wollten, und ihre Stieftochter hatte nichts. Sie durfte (ich darf, ich

durfte) nicht in das Zimmer kommen, sie mußte arbeiten und immer in

der Küche bleiben, und oft war sie voll mit Asche, und die Stiefmutter

rief sie dann immer: »Aschenputtel! Aschenputtel!« und alle gaben ihr

nun den Namen »Aschenputtel.« O, arme Aschenputtel! Ihr Vater sah

alles, aber er mußte still sein, denn die zweite Frau war ja so böse!

Einmal ging der Vater auf lange Zeit von Hause, und er fragte die

Töchter: »Was soll ich für euch nach Hause bringen?« Die eine sagte:

»Ich will Perlen.« Die andere sagte: »Ich will Diamanten.«

Aschenputtel aber sagte: »Bring' mir, lieber Vater, ein kleines

Bäumchen, ich will es auf das Grab meiner Mutter pflanzen.«

Der Vater ging, und als er wieder nach Hause kam, brachte (ich bringe,

ich brachte, ich habe gebracht) er für die eine Tochter Perlen, und

für die andere Diamanten, aber für Aschenputtel hatte er ein schönes

Bäumchen, und sie pflanzte das Bäumchen auf das Grab ihrer guten

Mutter, und oft, wenn es so schlimm war im Hause für sie, ging sie auf

das Grab, setzte sich unter das Bäumchen und dachte an ihre gute

Mutter und betete: »O guter Gott, bring' mich zu meiner Mutter in den

Himmel, denn hier auf Erden hab' ich keine Freuden, aber viel Leiden

(= Böses).« Dann sangen die Vögel auf dem Bäumlein so schön; Thränen

kamen aus Aschenputtels Augen, und im Herzen war sie wieder

froh. Darum war sie gut mit den Vögeln und gab ihnen Körner und Brot,

und die Vögel kannten (ich kenne, ich kannte, ich habe gekannt) sie

und waren ihre Freunde.

In der Stadt aber war ein Prinz, jung und schön, und er wollte auch

eine schöne Frau haben, und in seinem Palaste gab er darum einen

Ball. Alle Mädchen konnten kommen, und die schönste von ihnen sollte

seine Frau werden und Königin im Lande.

Aschenputtel wollte auch gern gehen, aber die Mutter nahm einen Sack

voll mit Linsen und warf (ich werfe, ich warf, ich habe geworfen) sie

in die Asche und sagte: »Nimm (= ich nehme) alle diese Linsen aus der

Asche, und wenn du es gethan hast, magst du gehen.«

Da öffnete Aschenputtel die Thüre und rief: »Kommt ihr Vöglein all,

denn ich will zum Ball.« Und alle kamen, alle ihre kleinen Freunde,

und pickten die Linsen aus der Asche.

Die Stiefmutter aber hatte die Vöglein nicht gesehen, und da sie keine

Linsen mehr in der Asche fand, war sie böse und nahm die Linsen und

warf die Linsen noch einmal in die Asche und sagte: »So, nun thue es

noch einmal.«

Und wieder öffnete Aschenputtel die Hausthüre, und wieder kamen ihre

kleinen Freunde, die Vöglein, und pickten die Linsen aus der Asche.

Da fragte Aschenputtel die Mutter: »Kann ich nun zum Balle gehen?« Sie

aber sagte: »Nein, du bleibst im Hause, denn ich will gehen mit meinen

Töchtern.« Und sie ging mit ihren zwei Töchtern.

Aschenputtel aber ging auf das Grab ihrer Mutter und sagte zum

Bäumchen:

»Bäumlein, Bäumlein,

Schüttele dich,

Wirf Gold und Silber

Über mich.«

Und das Bäumlein schüttelte sich und warf über sie ein Kleid, ha! das

glitzerte von Gold und Silber, und auf ihrem Haar hatte sie Perlen und

Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe von Gold,

die waren so klein. Und da war auch ein Wagen mit vier weißen

Pferden. Aschenputtel setzte sich in den Wagen und fuhr vor des

Prinzen Palast. Alle tanzten in der schönen Halle. Als aber

Aschenputtel kam, standen alle still, wunderten sich und riefen: »O,

wie schön! Wer ist sie?«

Und der Prinz kam zu ihr, tanzte mit ihr und fragte sie: »Was ist dein

Name, schöne Prinzessin, wo ist deines Vaters Palast?« Aschenputtel

aber sagte nichts, und die andern auch nicht, denn niemand (= keine

Person) kannte sie, auch die Mutter und die Töchter nicht.

Nach Mitternacht ging die Mutter nach Hause. Aschenputtel war vor

ihnen nach Hause gefahren und lag in der Küche, und die Mutter meinte,

sie schliefe (ich schlafe).

Am nächsten Abend war wieder Ball. Die Mutter ging wieder mit den

Töchtern in des Prinzen Palast, und Aschenputtel ging wieder auf das

Grab der Mutter und sagte zum Bäumlein:

»Bäumlein, Bäumlein,

Schüttele dich,

Wirf Gold und Silber

Über mich.«

Und ein Kleid fiel vom Bäumchen, das war wie Gold und Silber und noch

schöner als das erste, und in ihren Haaren hatte sie Perlen und

Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe, die waren

so klein, und bei dem Bäumlein stand ein Wagen mit vier schwarzen

Pferden. In den Wagen setzte sich Aschenputtel, kam vor des Prinzen

Palast und ging in den schönen Saal.

Da riefen alle und auch die Mutter mit den Töchtern: »Da ist die

Prinzessin wieder, da -- da -- wie schön, wie reich sie ist!«

Und der Prinz ging zu Aschenputtel und tanzte mit ihr allein und mit

niemand mehr den ganzen Abend. Und wieder fragte der Prinz: »Schöne

Prinzessin, o sage mir, was ist dein Name, und aus welchem Lande

kommst du?« Sie aber sagte wieder nichts. Mitternacht kam, und sie

ging aus dem Saale, setzte sich in den Wagen, und so schnell rollte

der Wagen dahin, daß der Prinz ihr nicht folgen konnte.

Als die Mutter nach Hause kam, lachte sie mit ihren zwei Töchtern,

denn Aschenputtel lag in der Küche und schlief.

Nun kam der dritte Abend, da wollte der Prinz die Schönste zu seiner

Gemahlin nehmen. Alle waren da und auch Aschenputtel; ihre Kleider

waren noch reicher und noch schöner als zuvor, und sie selbst war auch

die Schönste von allen. Der Prinz sprach mit ihr allein und tanzte nur

mit ihr. Mitternacht ging sie wieder aus dem Saale, sie wollte schnell

in ihren Wagen und verlor einen Schuh und brachte nur einen Schuh nach

Hause. Als die Mutter nach Hause kam, rief sie: »Seht, meine Töchter,

da liegt sie bei der Asche und schläft, o, seht doch da, seht den

Aschenputtel da!«

Der Prinz aber hatte den einen goldenen Schuh gefunden. »Mit diesem

Schuhe muß ich sie auch finden!« sagte er. Und der Prinz ging in alle

Häuser der Stadt, aber der Schuh war für alle Mädchen zu klein. Er kam

auch in Aschenputtels Haus. Die Stiefmutter war froh und dachte: »Ha,

nun kann meine Tochter Prinzessin werden!« Aber der Schuh war zu klein

für die eine und für die andere auch. Von Aschenputtel sagte die

Mutter kein Wort. Der Prinz aber sprach: »Ihr habt noch eine Tochter,

ich weiß es; ich will sie sehen.« »O,« sagte die Stiefmutter, »die ist

nicht für Euch, mein Prinz, sie ist in der Küche und ist nicht schön.«

Aber der Prinz wollte sie sehen, und Aschenputtel kam in das

Zimmer. Und der Prinz rief: »Das ist sie, ja, das ist sie. Das ist

dein Schuh! Ja, liebes Mädchen, du bist mein, mein!« Und der Prinz

setzte Aschenputtel auf sein Pferd, und beide ritten vom Hause.

Aschenputtel aber ging noch einmal auf das Grab, und dachte an ihre

gute Mutter und dankte dem lieben Gott, daß er so gut war mit ihr. Die

Vöglein sangen so froh, so froh. Und Aschenputtel kam mit dem Prinzen

in den Palast und war die Gemahlin des Prinzen, und sie waren

glücklich ihr Lebenlang.

Anna: Und?

Herr Meister: Hier ist das Ende, mein Fräulein.

Anna: Das ist schade!

Herr Meister: Wir müssen nun nach Hause gehen,[XI-4] Otto, es ist

spät, nicht wahr? Meine Freunde, werde ich Sie heute Abend in meinem

Hause sehen?

Alle: O gewiß, Herr Meister, wir kommen alle.

Louis: Und morgen bringe ich auch meinen deutschen[XI-5]

Brief.

Adieu! Adieu!

[Illustration: Section Footer]

[Illustration: Section heading,

6 instrumentalists on a balcony]

*XII.*

Otto: Meine Damen, wie befinden Sie sich (= wie sind Sie) heute nach

der Gesellschaft?

Bella: Danke Ihnen, Otto, sehr wohl. Das war ein schöner Abend, nicht

wahr, Louis?

Louis: Gewiß, mein Fräulein. Alles war wundervoll, und die Damen waren

so reizend (= schön), besonders Sie, Fräulein Anna und Sie, Fräulein

Bella, und Herrn Meisters Töchter Martha und Gretchen auch.

Otto: Mein Bruder Louis konnte lange, lange nicht einschlafen, und

dann sprachst du noch im Traume vom Kotillon. Weißt du das, Louis?

Louis: So? Das kommt davon, weil ich noch gestern Abend nach dem Balle

an meinen Bruder Albert geschrieben habe. Sehen Sie, meine Damen, hier

ist der Brief.

Anna: Haben Sie Deutsch geschrieben?

Louis: O gewiß!

Bella: Wollen Sie Ihren Brief nicht vorlesen?

Louis: Mit Vergnügen. Bis Herr Meister kommt,[XII-1] bin

ich hoffentlich damit zu Ende.

Louis (liest):

»Teurer Albert!

Deine beiden deutschen Briefe habe ich erhalten, ich habe sie gelesen

und verstanden. O, ich wünsche, ich könnte auch so gut Deutsch

schreiben, wie Du. Ich studiere jeden Tag bei Herrn Meister und hoffe,

die deutsche Sprache hier gut zu lernen; so gut, als wäre ich in

Deutschland. Ich bedauere nur, daß Herr Meister morgen von uns geht

und einen Monat oder auch zwei nicht in der Stadt sein wird. Ich liebe

und bewundere ihn und glaube, er ist mir so gut, wie ich ihm bin. Vor

einer halben Stunde kam ich aus seinem Hause. Da war große

Gesellschaft. Viele interessante Personen habe ich gesehen, viele

gelehrte Herren, Doktoren, Journalisten, Schriftsteller und

Schriftstellerinnen, und von der Schönheit der Damen waren meine Augen

fast geblendet. Ich möchte Dir über alles schreiben, aber wo soll ich

beginnen? wo enden? Über einen Tanz muß ich Dir doch schreiben, einen

Tanz, der mir sehr gut gefallen hat. Es ist der Kotillon.

Es war Mitternacht, genau zwölf Uhr, da brachten die Diener einen

Tisch in die Mitte des Saales. Auf dem Tische sah ich Blumen,

Blumensträuße (= Bouquets), Medaillons, Früchte und noch viele, viele

andere Dinge; ich konnte nicht alles übersehen. Die Diener stellten

dann Stühle in einem weiten Zirkel um den Tisch. Damen und Herren

setzten sich. Bruder Otto saß neben Bella, und ich neben Anna. Die

Musik begann einen Walzer zu spielen, und ein Herr {Dr.} Stellen aus

Köln eröffnete mit Fräulein Martha Meister den Kotillon. Sie tanzten

eine Runde. O, da hättest Du Fräulein Martha sehen sollen! Welche

Grazie! Welche Schönheit! Alle bewunderten sie, und ich weiß, mein

lieber Albert, sie hätte Dir auch gefallen. Als sie an den Tisch

kamen, nahm Herr {Dr.} Stellen einen Lilienstrauß und gab ihn Fräulein

Martha, dafür gab (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben) sie ihm ein

Medaillon. Sie tanzten wieder eine Runde durch den Saal und setzten

sich. Nun stand mein Bruder Otto auf und tanzte auch; tanzte bis an

den Tisch und gab in die Hand seiner Freundin Bella einen Spiegel (=

Glas). Otto brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) dann

sechs Herren an den Tisch. Diese stellten sich hinter Fräulein Bella,

so daß Fräulein Bella sie (= die sechs Herren) in dem Spiegel sah, und

wenn Fräulein Bella mit der Hand nach der rechten Seite winkte, so

setzte sich ein Herr auf einen Stuhl zur rechten Seite: und wenn

Fräulein Bella nach der linken Seite winkte, so mußte sich ein Herr

auf einen Stuhl zur Linken setzen. So, nun saßen alle Herren, und

Fräulein Bella engagierte mich zu einem Tanze. Welche Ehre für mich!

Die Herren auf der rechten Seite engagierten nun Damen und

tanzten. Die Herren auf der linken Seite aber mußten auf ihrem Stuhle

sitzen, bis wir zu Ende waren; o, die armen, armen Menschen! Fräulein

Anna, meine Freundin, hat sehr viel getanzt; ich fürchte, zu viel; sie

tanzt sehr gut und sehr schön. Der Kotillon dauerte zwei Stunden, aber

immer war er interessant, immer kam etwas Neues, immer eine andere

Form. Herr Meister hat alles sehr schön geordnet. Du mußt mich, mein

lieber Albert, entschuldigen. Ich will schließen, denn ich bin

müde. Ich schreibe Dir bald mehr, vielleicht morgen. Für heute sage

ich Dir gute Nacht, schlafe wohl -- und denke oft an Deinen Bruder

Studien und Plaudereien. First Series · 第 38 / 55 题