Anna: Fräulein Bella sagte: »Frau {Dr.}, erlauben Sie mir, daß ich
Ihnen meine Freundin Anna vorstelle?« und Frau {Dr.} Stellen sagte:
»Mit Vergnügen, Fräulein;« und dann sagte Bella:
»Fräulein Anna, meine Freundin.«
»Frau {Dr.} Stellen.«
Louis: Ah, das verstehe ich. Nun sagen Sie mir auch: Was meinten Sie,
als Sie sagten, ich sei (= bin) ein a_u_f_m_e_r_k_s_a_m_e_r Freund?
Anna: Gestern sagte ich: »Ach, ich wünsche mir jeden Tag Rosen.« Das
haben Sie sich gemerkt; das heißt (= das ist): Sie haben es gehört und
haben daran gedacht. Sie sind aufmerksam, Louis, und Sie haben
Aufmerksamkeit.
* * * * *
Otto: Ich wundere mich auch über Sie, Fräulein Anna. Sie können alles
dieses nicht gestern bei Ihrer Freundin gelernt haben. Woher haben Sie
alle diese Wörter und Erklärungen?
Anna: Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Es ist in mir, und ich sage
es. Sagte Herr Meister nicht, daß die Wörter von selbst kommen, daß
sie in uns wachsen, wie die Blätter an den Bäumen? Es ist so, wie Herr
Meister sagt, ich fühle es.
Herr Meister: Ich freue mich, daß Sie es so finden. Sie machen auch
mir dadurch heute einen glücklichen Tag.
Bella: Ist das nicht wunderbar? Eine glückliche Person macht oft viele
Glückliche. Freude und Sonnenschein bringt sie überall.
Louis: Fräulein Anna, haben Sie gestern viel Deutsch gesprochen?
Anna: O ja, ich habe auch ein wunderschönes Märchen gehört von unserer
Freundin, und sie will uns noch viele andere erzählen, sagt sie. Weil
Sie mein guter Freund sind, Louis, so will ich Ihnen ein Märchen
erzählen. Aber es ist lang.
Louis: O, das ist gut, Anna, das ist ja gut. Dann kann ich Sie lange
hören. Bitte, beginnen Sie.
Anna: Soll ich, Herr Meister?
Herr Meister: Bitte, Fräulein, bitte!
Anna: Gut, ich werde beginnen. Aber setzen Sie sich näher hierher,
Otto. -- So.
Vor langen, langen Jahren war ein König und eine Königin. Der König
hatte ein großes Land, und die Königin war sehr schön, und sie hatten
alles, was sie wollten. Nur eins hatten sie nicht: sie hatten keine
Tochter. Und nach einer langen Zeit bekamen (ich bekomme, ich bekam,
ich habe bekommen) sie eine Tochter. O, da war die Königin so froh!
Und der König machte ein großes Fest. Und alle die Ritter kamen, und
die Edelfrauen. Und in der großen Halle des Palastes waren viele
Tische mit weißem Linnen, und das Linnen war so weiß, wie
Schnee. Darauf stand der beste Wein zum Trinken, und die Becher waren
von Gold, und alles auf dem Tische war von gutem Gold: die Löffel und
die Messer, und die Gabeln und die Teller. Alles war so schön! Und an
den Tischen saßen die edlen Herrn und die schönen Damen. Da war auch
der Tisch für die zwölf Frauen. Diese Frauen waren nicht jung, und es
waren auch keine Edelfrauen. Es waren die weisen Frauen im Lande. In
dem Lande aber waren d_r_e_i_z_e_h_n weise Frauen. Aber die Königin
sagte: »Ich will keine dreizehn Personen am Tische; dreizehn Personen
an einem Tische ist nicht gut; die dreizehnte Frau soll (= muß) nicht
kommen.« Alle in der Halle waren froh. Da brachte (ich bringe, ich
brachte, ich habe gebracht) man die kleine Prinzessin in der Wiege (=
ein kleines Bett). O, wie schön sie war! Nun kamen die zwölf weisen
Frauen an die Wiege. Die erste von den Frauen sprach: »Prinzessin, ich
wünsche, daß du weise werdest!« Die zweite Frau sagte: »Ich wünsche,
daß du gut werdest!« Die dritte sagte: »Ich wünsche, daß du schön
werdest!« Und auch die vierte sagte einen guten Wunsch (ich wünsche,
der Wunsch), und die fünfte, und die sechste, und auch die siebente,
die achte, die neunte, zehnte und elfte. Da kam auf einmal in die
Halle ein altes Weib. Ihr Haar war wild und los am Kopfe, und sie rief
laut: »Und ich wünsche, daß diese Prinzessin am fünfzehnten
Geburtstage sich stechen soll mit einer Spindel und tot hinfalle zur
Erde!« So sprach die böse Frau und rannte (ich renne, ich rannte, ich
bin gerannt) aus der Halle. Und in der Halle war keine Freude
mehr. Die zwölfte Frau kam nun an die Wiege und sprach: »O, das ist
sehr schlimm (= böse), denn was diese böse Frau gesagt hat, muß
kommen. Doch eins kann ich thun, und das w_i_l_l ich thun. Ich sage:
Die Prinzessin soll nicht für immer tot sein. Nein, schlafen soll sie;
hundert Jahre soll sie schlafen, wie ein Toter, und dann erwachen.« So
sprach die zwölfte Frau, die gute, dann ging sie. Und alle gingen; das
Fest war zu Ende.
Und der König nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) alle
Spindeln im Lande, machte ein großes Feuer und verbrannte alle. Da war
nicht eine Spindel mehr im Lande, und der König sagte: »Nun kann meine
Tochter sich nicht stechen mit einer Spindel.« Und die Prinzessin
wurde groß und so schön, daß die Sonne sich wunderte, und so klug (=
weise), daß alle Menschen sie lieben mußten.
Da kam ihr fünfzehnter Geburtstag. Es war ein schöner Sommertag;
Sonnenschein und blauer, klarer Himmel. Und der König und die Königin
fuhren (ich fahre, ich fuhr, ich habe gefahren, ich bin gefahren) im
goldenen Wagen in den Park. Und die Prinzessin? Die Prinzessin war in
dem Garten, und sie fand hier eine Rose und da eine Lilie, und da ein
Vergißmeinnicht, und hier eine andere Rose, schöner als die erste, und
hier noch eine, und da noch eine. So kam sie weiter und weiter in den
Garten und an das Ende. Da war ein Turm. »Den alten Turm habe ich noch
nicht gesehen,« sagte die Prinzessin. »Was ist darin (= in dem Turm)?«
Und sie öffnete (ich öffne, ich öffnete, ich habe geöffnet) die alte
Thür, da war eine alte Treppe von Stein. Sie ging (ich gehe, ich ging,
ich bin gegangen) die alte Treppe hinauf, und da war eine andere
Thür. Sie öffnete auch diese Thür und sah ein Zimmer, rund und klein,
und in dem Zimmer war eine Frau, alt, alt. Sie saß (ich sitze, ich
saß, ich habe gesessen) vor einem Spinnrad[VII-3] und spann (ich
spinne, ich spann, ich habe gesponnen). Die Prinzessin sagte: »Gute
Frau, was thust du da?« »Ich spinne.« »Was für ein Ding ist das, mit
dem du spinnst?« »Ein Spinnrad. Willst du spinnen?« »Ja, gute Frau,
laß mich spinnen! Laß mich spinnen!« Und die Alte stand auf (ich stehe
auf, ich stand auf, ich bin aufgestanden), und die Prinzessin setzte
sich (ich setze mich, sie setzte sich) an das Spinnrad. Sie nahm den
Flachs in die Hand, setzte den Fuß auf das Spinnrad. »O, wie schön,
wie schön geht das!« rief die Prinzessin. »Hm, hm,« machte die
Alte. Die Prinzessin sah auf die Alte und stach sich (ich steche mich,
ich stach mich, [sie stach sich,] ich habe mich gestochen) mit der
Spindel in den Finger. Das Blut kam und die Prinzessin fiel (ich
falle, ich fiel, ich bin gefallen) zur Erde. Die böse Alte lachte:
»Hi, hi, hi ..... Da liegt sie, die schöne Prinzessin! Hi, hi,
hi .....«
Der König und die Königin waren wieder in dem Palaste und saßen (ich
sitze, ich saß, ich habe gesessen) an dem Tische. Die Königin sagte:
»Wo ist meine Tochter, die Prinzes.....« Sie konnte das Wort nicht
beenden. In diesem Momente war die Prinzessin im Turme zur Erde
gefallen, und in demselben Momente schlief auch die Königin ein und
auch der König. Der Diener stand mitten in der Halle mit der goldenen
Schüssel voll Suppe in der Hand -- und schlief. Auch der Koch schlief
in der Küche, und der Küchenjunge beim Feuer; die Pferde im Stalle
schliefen, die Hunde in der Hütte und die Fliegen an der Wand. Alles,
alles im Schlosse -- schlief. Kein Mensch konnte in das Schloß (=
Palast) kommen, denn rund um Schloß und Garten waren Dornen.
Ein Ritter hatte gehört von der schönen, schlafenden Prinzessin und
wollte sie aus dem Schlafe wecken und kam an die Dornhecke. Sie
öffnete sich eine Sekunde und klappte schnell zusammen. Der arme
Ritter war mitten in den Dornen und mußte sterben. Viele Ritter kamen
nach ihm, und alle mußten so sterben.
Als hundert Jahre vorbei waren, kam ein schöner Ritter auf einem
schönen Pferde. Des Ritters Helm war von Silber und auch die
Rüstung. Er selbst war stark und schön und hatte ein gutes
Schwert. »Ich will die schöne Prinzessin sehen. Und muß ich sterben in
den Dornen, wie die anderen Ritter, so sterbe ich,« sagte der Ritter
und ritt (ich reite, ich ritt, ich bin geritten) an die Dornen; die
Dornen öffneten sich und -- blieben offen; und Rosen waren überall, --
Rosen. Und der Ritter kam in den Garten, und auch der Garten war voll
von Rosen. Er kam an das Ende des Gartens an den Turm. Er sah die alte
Thür, er öffnete sie, ging die Treppe hinauf, öffnete die zweite Thür
-- da, o Wunder! -- vor ihm lag die Schönste unter allen Frauen, die
Prinzessin. Er küßte (ich küsse, ich küßte, ich habe geküßt) ihre
Stirn und ihre Augen, und da -- wachte sie auf (ich wache auf, ich
wachte auf, ich bin aufgewacht). »Wo bin ich?« rief sie, und sah
verwundert den schönen Ritter. Der Ritter nahm ihre Hand. Und der
Ritter und die Prinzessin gingen aus dem bösen Turme durch den schönen
Garten in das Schloß (= Palast). Und in derselben Minute wachte auch
der König auf und die Königin; der Diener stellte (ich stelle, ich
stellte, ich habe gestellt) die Suppe auf den Tisch; der Koch in der
Küche kochte wieder, und der Küchenjunge machte das Feuer. Die Pferde
im Stalle stampften wieder, und der Hund in der Hütte bellte, und die
Fliegen an der Wand summten. Alles wachte, wie zuvor, und alles war
wieder gut.
Am andern Tage war große Freude im Schlosse. Der Ritter und die
Prinzessin »Dornröschen« waren ein Paar, und da war kein Paar schöner
im Lande.
Louis: Ah, das ist schön, Fräulein Anna!
Herr Meister: Hier wollen wir enden. Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
[Illustration: Section Footer][VII-4]
[Illustration: Section heading,
Cherubs framing a mask]
*VIII.*
Bella: Hu! wie ist es heute kalt!
Anna: O, das ist gut, ich freue mich, nun haben wir bald Eis und
Schnee. Glauben Sie, Herr Meister, daß wir morgen Eis und Schnee haben
werden?
Herr Meister: Das kann ich Ihnen nicht sagen, mein Fräulein, wollen
Sie so gerne Schneeball werfen?
Anna: O, nicht das, Herr Meister, aber ich möchte gerne im Schnee
fahren. Wie heißt der Wagen ohne Räder, in dem man so schnell durch
den Schnee fahren kann?
Herr Meister: Der Schlitten.
Bella: Mit Freunden in kalter, klarer Nacht, wenn die Sterne glitzern,
beim Mondenlicht dahin zu gleiten auf dem weißen Grunde und nichts,
nichts hören, als das Kling, Kling der Glocken, -- das ist eine
Freude, das ist schön, das ist herrlich (= sehr schön)!
Herr Meister: Finden Sie auch so große Freude am Schlittenfahren,
Fräulein Anna?
Anna: Ja, Herr Meister! Das ..... wie nennen (= heißen) Sie das Ding
von Stahl, das Sie unter die Füße binden, und womit Sie so schnell
über das Eis gleiten?
Herr Meister: Das sind Schlittschuhe. Können Sie Schlittschuhe laufen?
Bella: Anna? Ja, Anna kann sehr gut Schlittschuhe laufen.
Anna: Schlittschuhe laufen und Schlittenfahren, das ist mein größtes
Vergnügen (= Freude).
Otto: Nun begreife (= verstehe) ich, warum Sie den Winter so gerne
haben, Fräulein Anna. Ich habe gestern an Sie gedacht.
Anna: Sie sind sehr gütig, Otto.
Otto: Sagten Sie nicht einmal, der Winter sei die schönste Jahreszeit?
Anna: So sagte ich, und heute muß ich dasselbe sagen.
Otto: Sehr wohl. Als ich gestern von Ihnen ging, dachte ich: Ich will
noch ein wenig in den Park reiten. Mein Pferd wurde gesattelt, und
bald war ich aus der Stadt, war allein mitten im Walde. Welche Luft (=
Wind)! so frisch, ah -- so rein; und mein Pferd trabte vorwärts, --
vorwärts. Alles um mich war still, ruhig. Aber die Sonnenstrahlen
fielen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) auf die Erde, welche
hier und da noch grünte, und das Blau des Himmels war heute klar und
ruhig; keine Wolke stand am Himmel. Ich sah ihn (= den Himmel) über
mir und sah ihn durch die Zweige der Bäume. Die Bäume, -- da standen
sie und hatten keine Blätter mehr; von dem starken Stamme gehen Äste
nach allen Seiten, und die Äste gehen wieder in so viele, viele kleine
Zweige, aber alles endet in Pyramidenform. Welche Symmetrie; ich
bewundere die Schönheit des Baumes im Winter, wie ich sie bewundert
hatte im Sommer. Ich war so glücklich! Mein braves Pferd trabte
langsam weiter und ging nach meinem Willen; ich glaube, es verstand
mich und meine Freude. Und ich sprach zu mir selbst: Die Natur ruhet
(= rastet). Wie eine schöne junge Dame nach dem Balle, so hat die
Natur nach dem Sommer ihr kostbares, grünes Gewand abgelegt und ruht;
der frische Wind kühlt sie nun, bald wird sie schlafen im weißen
Schneebette, -- o, welche Schönheit!
Sie wird sich ausruhen, bis sie wieder stark ist, und schöner als
zuvor wird sie dann erwachen zum neuen Frühling.
Wir hoffen, hoffen. Still, still, laßt sie schlafen. Kein Vogel
singt, und das Reh eilt (= geht schnell) leise (= nicht laut) vorüber,
still, laßt sie (= die Natur) schlafen, laßt sie schlafen.
Louis: Mein Bruder Otto spricht wie ein Poet. Nicht wahr, Fräulein
Bella?
Bella: Ja wohl, und hat Illusionen wie ein Poet.
Herr Meister: »Illusionen wie ein Poet.« Wie soll ich das verstehen,
Fräulein?
Bella: Ich bin oft durch Feld und Wald gegangen, habe weder im Sommer
noch im Winter (= nicht im Sommer und nicht im Winter) dieses
Wunderbare gesehen, von dem Freund Otto und die andern Herren Poeten
so viel singen.
Otto: Aber, Fräulein Bella, Sie sind so ironisch!
Herr Meister: So sarkastisch, mein Fräulein? und Illusionen sagten
Sie? Sehen Sie hier, mein Fräulein, sehen Sie unseres Freundes Ottos
Augen, hören Sie seine Stimme; wie glücklich, wie glücklich er noch
heute ist, wenn er an die frohe Stunde von gestern denkt. Wenn
Illusionen so glücklich machen, so wünsche ich oft solche Illusionen
zu haben. Aber, mein liebes Fräulein, waren es Illusionen? Sehen Sie
hier. Da steht eine Statue der Venus von Medici, ich stehe davor und
bewundere die Schönheit der Menschenfigur, und ich kann Stunden,
Stunden da stehen und sie bewundern. Andere Personen gehen an dieser
Statue vorbei -- sie haben nichts gesehen, als den Marmor, und wollte
ich mit ihnen von der Schönheit, von der wunderbaren Schönheit
sprechen, sie würden mich ansehen, sie würden sich über mich wundern,
aber verstehen würden sie mich nicht, sie würden vielleicht lächeln
und sagen: »Illusionen, mein Herr, -- Illusionen!« Aber es sind keine
Illusionen! nein! Mein Auge ist offen und sieht und versteht das
Schöne und erfreut sich am Schönen. Und die Poeten? Ihr Auge und ihr
Ohr ist offen für das Schöne in der Natur. Mit ihrer feinern
Organisation sehen und hören sie oft mehr, als wir, und verstehen
besser die Harmonie in der Natur und den Willen des lieben Gottes, der
alles, alles so geschaffen hat. In solchen Momenten ist der Mensch
seinem Schöpfer (= Gott) näher (nah [= nicht weit], nah, näher,
nächst), und in solchen Momenten ist der Mensch auch am glücklichsten;
ist es nicht so, Otto?
Otto: Ganz gewiß, Herr Meister, so ist es, und ich danke Ihnen mit
ganzem (= all) Herzen, daß Sie so warm für mich gesprochen haben gegen
meine Feindin.
Bella: O, Otto, wie können Sie das sagen? Sie wissen, ich bin nicht
Ihre Feindin, Otto!
* * * * *
Louis: Ich habe gestern auch viel Vergnügen gehabt. Ich war im
Cirkus. Da habe ich Bären und Wölfe und Tiger und Elefanten und Löwen
gesehen.
Anna: Löwen? Was sind das für Tiere?
Louis: Der Löwe ist größer als der Bär und größer als der Wolf und
auch schöner. Der Löwe hat eine Mähne, große Augen und ist sehr stark,
er ist der König von allen Tieren und kommt von Afrika.
Anna: Ich verstehe. Ich möchte auch in den Cirkus gehen.
Herr Meister: Aber Sie können nicht, mein Fräulein.
Anna: Warum nicht, Herr Meister?
Herr Meister: Ich habe heute Morgen in der Zeitung gelesen, daß .....
Louis: »In der Zeitung,« was heißt das?
Otto: {"The Evening Post"} ist eine Zeitung. {"The Tribune"} ist auch
eine Zeitung, und {"The Herald"} auch.
Herr Meister: Aber ich las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) keine
von diesen Zeitungen, sondern die {"Times."}
Anna: Ich hörte meinen Vater sagen, daß {"The London Times"} die
größte Zeitung in der Welt sei.
Herr Meister: So ist es auch. Die größte und vielleicht auch die beste
Zeitung Deutschlands ist, »Die Neue Freie Presse« in Wien.
Bella: Ich habe geglaubt, daß {"The New York Herald"} die größte
Zeitung der Welt sei.
Herr Meister: Vielleicht ist es so, ich weiß es nicht. Also, ich
sagte, Fräulein Anna, Sie können nicht in den Cirkus gehen, denn ich
habe in der Zeitung gelesen, daß gestern Nacht ein großes Feuer in dem
Cirkus war.
Louis: Und die schönen Pferde? Und der Löwe? Und der Elefant?
Herr Meister: Die Pferde wurden aus dem Feuer gebracht und leben, auch
der Elefant lebt und der Löwe, die andern Tiere aber sind alle, alle
verbrannt.
Bella: O, das ist schrecklich!
Anna: O, die armen Tiere!
Herr Meister: Der Elefant hatte mit seinem langen Rüssel die Thüre
geöffnet, und ruhig ging er auf die Straße und marschierte da auf und
ab.
Louis: Der Elefant ist ein kluges Tier!
Herr Meister: Einer von den Löwen war aus dem Käfig gebrochen (ich
breche, ich brach, ich bin gebrochen).
Anna: Käfig? Was ist das?
Herr Meister: Käfig ist das kleine Haus, in dem der Löwe ist. Ein
Tiger war ebenfalls (= auch) los. Man fürchtete den Tiger am meisten
und erschoß ihn, als er wild durch die Straßen rannte. Dasselbe wollte
man mit dem Löwen thun, aber ein Wunder erhielt (ich erhalte, ich
erhielt, ich habe erhalten) ihn am Leben.
Louis: Herr Meister, bitte, erzählen Sie uns alles, was Sie wissen.
Herr Meister: »Der Löwe ist los, der Löwe ist los,« so riefen viele
Personen, und Männer rannten daher mit Pistolen und Flinten, den Löwen
zu schießen. Da auf einmal kam eine junge, schöne Frau und rief laut:
»Schießt nicht meinen Löwen, erhaltet mir meinen Löwen.« Sie war die
Frau des Wärters.
Louis: Wärter?
Herr Meister: Wärter ist der Mann, der dem Löwen Fleisch bringt und
Wasser und alles, was er braucht. Die Frau hatte den Löwen sehr lieb,
denn sie hatte den Löwen gekannt, als er noch klein war und in ihres
Vaters Haus gebracht wurde. Sie hatte mit ihm gespielt, wie mit einem
kleinen Hund, und er war ihr treu, wie ein Hund; und nun wollten die
Männer ihn schießen.
»Er thut euch nichts Böses, mein Löwe ist gut,« rief sie. »Bringt mir
einen Käfig,« und man brachte einen (= Käfig). Die Frau kam dann mit
ihrem Sohne, der neun Jahre alt war, und sie sagte zu ihm: »Nun
spiele, mein Sohn, spiele deine Flöte!«
Anna: Was ist eine Flöte, Herr Meister?
Herr Meister: Eine Flöte ist ein Instrument. Im Orchester hat man
Trompeten und Flöten, und die Schäfer in alten Zeiten hatten auch
Flöten.
Anna: Ich danke Ihnen, Herr Meister, bitte, erzählen Sie nur weiter.
Herr Meister: Der Knabe begann seine Flöte zu spielen und ging langsam
zum Löwen. Jetzt kam er zu ihm, die Männer hatten ihre Pistolen und
Flinten bereit, aber der Knabe zog einen Dorn aus dem Fuße des Löwen
und spielte dann seine Flöte weiter. Dann folgte der Löwe dem Knaben
bis an den Käfig. Der Knabe ging in den Käfig, der Löwe folgte auch
dahin. Schnell kam der Knabe aus einer kleinen Thüre an der andern
Seite des Käfigs. Der Löwe aber war im Käfig.
Louis: O, das war gut.
Bella: Ich bin froh, daß ich es nicht gesehen habe.
Anna: Hier, Bella, fühle, wie mein Herz klopft. Hören Sie es (= mein
Herz) nicht klopfen, Herr Meister?
Louis: Ich will antworten für Herrn Meister und sagen, das er nichts
hört, nicht wahr? Ich sitze hier an Ihrer linken Seite, so nahe an
Ihrem Herzen, und höre nichts, nichts.
* * * * *
Bella: In einem englischen Buche habe ich gelesen, daß in alten Zeiten
oft Männer mit wilden Tieren in einer Arena gekämpft haben, und das
Männer und Frauen daran ihre größte Freude hatten.
Herr Meister: Heute haben wir diese blutigen Spiele nicht mehr, wir
gehen lieber in das Theater, in die Oper und in das Konzert.
Otto: Aber in Spanien und Mexico hat man noch heute Stierkämpfe, und
Damen und Herren haben daran großes Vergnügen.
Herr Meister: Haben Sie das Gedicht von Schiller »Der Handschuh«
gelesen? Nicht? Ich will Ihnen davon erzählen.
König Franz saß in seinem Löwengarten, um den Kampf zwischen Löwen und
Tigern und Leoparden anzusehen. Die besten Ritter standen bei ihm,
und die schönsten Damen saßen auf dem Balkone. Da winkte der König mit
dem Finger, und aus einem Käfig kam ein großer Löwe. Der ist
verwundert über alles, was er sieht, -- ist still und legt sich nieder
in der Mitte der Arena. Der König winkt wieder, und aus einem zweiten
Käfig springt ein Tiger. Wie er den Löwen sieht, beginnt er zu murren
und in weitem Kreise (= Zirkel) geht er um den Löwen, er fürchtet sich
und legt sich zur Seite nieder. Auf den dritten Wink des Königs kamen
zwei Leoparden. Sie erschauen (= sehen) den Tiger, springen wild auf
ihn zu, und Tiger und Leoparden wollen kämpfen, da steht der Löwe auf
und brüllt laut. Die Bestien gehen zurück, sie fürchten ihren König,
den Löwen.
Da fällt von dem Balkone ein Handschuh von der schönen Hand einer
Dame. Alle sehen es. Und zu Ritter Delorges spricht Fräulein Kunigunde
mit feinem Lächeln: »Herr Ritter, wenn Ihr mich liebet, so wie Ihr mir
saget, ei, so bringt mir den Handschuh.«
Und der Ritter bringt aus der Mitte der Bestien den Handschuh. Alle
erstaunen und rufen: »Das ist ein braver, tapferer Ritter!« Und
Fräulein Kunigunde? Sie sieht auf den Ritter mit Bewunderung und
Liebe. Sie will ihm danken. Aber er sagt: »Den Dank, Dame, begehr (=
will) ich nicht,« und verläßt sie zur selben Stunde.
* * * * *
Anna: »Und verläßt sie.« Was ist das?
Herr Meister: Der Ritter ging von ihr und kam nie zurück.
Anna: Da war Fräulein Kunigunde aber traurig, nicht wahr?
Louis: Ja, ich glaube sehr.
Bella: Nein, Louis, das glaube ich nicht, denn sie hatte kein Herz,
und ein Ritter wie Delorges war zu gut für sie.
Anna: Louis, glauben Sie, daß ein Ritter unter Löwen und Tiger geht?
Fürchtet er die Bestien nicht?
Louis: Fürchten? Nein, Anna. Ein guter Ritter fürchtet nichts, das
glaube ich; -- und ich weiß, ich würde für Sie auch unter Löwen und
Panther gehen, o ja, Anna, ganz gewiß.
Anna: O, Louis! Aber ich will nicht, daß Sie es thun.
Herr Meister: Sie haben ein gutes, fühlendes Herz, mein liebes
Fräulein! Soll ich Ihnen den Namen einer deutschen Frau nennen, die
ein großes, edles (= nobles) Herz hatte, die ein edles, treues Weib
war, eine gute, treue Mutter?
Anna: Bitte, Herr Meister!
Herr Meister: Luise, Königin von Preußen.
Bella: Den Namen will ich mir aufschreiben.
Herr Meister: Thun Sie das. Königin Luise -- o, was für ein Weib war
sie! In ihrer Zeit war Napoleon Herr in Europa, und Europa fühlte
seine Hand, besonders aber Preußen und Preußens König. Da war diese
Königin Luise, ein schwaches Weib, stärker als alle, weiser als
alle. Sie war, wie ein strahlender (= scheinender) Stern in der
Nacht. Ein helfender Engel war sie allen; ihrem Gemahl war sie stets
zur Seite, im Kabinet und in der Schlacht (= Kampf). Wundern Sie sich,
daß sie geliebt wurde vom deutschen Volke, daß das deutsche Volk noch
heute sie verehrt, liebt und achtet? Wundern Sie sich, daß die Söhne
von einer solchen Mutter gut und groß werden, wie Kaiser Wilhelm es
ist?
Bella: Ist Kaiser Wilhelm ihr Sohn?
Herr Meister: Ja, Kaiser Wilhelm ist ihr Sohn. Kaiser Wilhelm ist
heute mehr als achtzig Jahre alt, und noch denkt er, wie ein Kind mit
liebevollem Herzen, an seine Mutter, und sagt, daß das Andenken (ich
denke an) an seine große Mutter ihm Mut und Stärke gegeben in den
schwersten Tagen seines Lebens. O, meine Freunde, in den Händen von
guten Frauen liegt (= ist) oft das Wohl und Wehe von vielen, vielen
Menschen. Unser größter Poet in der alten deutschen Litteratur sagt:
»Die Frauen bringen den Menschen von der Hölle zum Himmel,« und Goethe
endet sein großes Poem »Faust« mit den Worten:
»Das ewig Weibliche zieht uns hinan.«
»Das ewig Weibliche,« das ist: was ewig gut ist in dem Weibe, -- und
das ist es, was uns zum Guten bringt, zum Himmel, zu Gott.
* * * * *
Bella: Herr Meister, ich will »Faust« auch lesen, ich habe schon so
viel davon (= von »Faust«) gehört.
Otto: Ich habe »Faust« gelesen.
Herr Meister: Im Deutschen, Otto?
Otto: Nein, Herr Meister, im Englischen von Bayard Taylor.
Louis: Bayard Taylor? Das ist ja unser Minister in Deutschland.
Herr Meister: »Minister.« Wir brauchen das Wort »Gesandter«
dafür. Präsident Hayes hat ihn nach Deutschland gesandt (ich sende,
ich sandte, ich habe gesendet). Bayard Taylor war der amerikanische
Gesandte in Deutschland.
Otto: Wissen Sie, Herr Meister, daß Bayard Taylor auch groß geworden
ist durch die Frauen?
Herr Meister: Das weiß ich nicht, Otto. Ich habe großes Interesse für
Bayard Taylor, und ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir von ihm
erzählen wollten.
Otto: Ich glaube, Bayard Taylor war nicht älter als zwanzig Jahre, da
liebte er eine junge Dame mit seinem ganzen Herzen (ganz = all), und
sie wurde sein Weib, aber wenige Minuten vor ihrem Tode.
Bella: Ach!
Louis: Das ist aber sehr traurig.
Otto: Bayard Taylors Schmerz (= Leid) war groß, sein Herz war krank,
er suchte Heilung und wanderte durch viele Länder und schrieb seine
ersten Bücher.
Anna: Hat Bayard Taylor nicht wieder (= mehr) geheiratet?
Otto: O ja. Seine zweite Frau ist eine Deutsche, die Tochter eines
Professors der Astronomie in Jena. Bayard Taylor sagte einmal von ihr
(= von seiner Frau) vor vielen Leuten: »Das Gute, das ich geschrieben
habe, danke ich meiner Frau.«
Herr Meister: Wissen Sie, was Richard Wagner einst gethan (hat)? (ich
thue, ich that, ich habe gethan.)
Otto: Was, Herr Meister?
Herr Meister: Als im Jahre 1876 das große Singspiel »die Nibelungen«
zum ersten Male gespielt wurde, im neuen Theater in Baireuth, da saßen
die größten Musiker, Sänger, Schriftsteller (= Autoren), bei einem
Bankett. Abbé[VIII-1] Liszt stand auf (ich stehe auf, ich stand auf,
ich bin aufgestanden), in seiner Hand hielt (ich halte, ich hielt, ich
habe gehalten) er einen goldnen Kranz und sprach lange zum
Dichter-Komponisten Wagner und endete dann so: »Diesen Kranz sendet
Ihnen Italien,« und Liszt setzte den Kranz auf den Kopf des
glücklichen Mannes. Dieser aber nahm den goldnen Kranz und setzte ihn
auf den Kopf seiner Gemahlin mit den Worten: »Was ich Gutes
geschrieben, das danke ich ihr. Sie habe den Kranz!«
Aber nun wollen wir nach Hause gehen. Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
[Illustration: Section Footer]
[Illustration: Section heading,
Bird on urn framed by mythic couple]
*IX.*
Bella: Als wir gestern Abend nach Hause kamen, fanden wir Ihre
Visitenkarten, Otto und Louis. Wir bedauerten sehr, Ihren angenehmen
(= lieben) Besuch verfehlt zu haben.
Otto: Ja, meine Damen, wir waren gestern Nachmittag bei Ihnen, um Sie
einzuladen, mit uns in den Park zum Schlittschuhlaufen zu gehen.
Louis: Ach, das Eis ist wunderschön, nicht wahr, Otto? Wir trafen (=
ich finde, ich treffe, ich traf, ich habe getroffen) auch Ihre beiden
Töchter dort, Herr Meister, und wir hatten viel Vergnügen.
Herr Meister: Ja, so erzählten mir meine Töchter; ich hörte sie auch
zu ihrer Mutter sprechen: »Mama, die jungen Herrn Parks und ihre
Freundinnen müssen auch zu unserm Balle kommen, nicht wahr, Mama? Die
jungen Herren sind allerliebst.« Nun, meine Freunde und Freundinnen,
müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie bald eine Einladung
erhalten. Aber Sie dürfen (= müssen) meinen Töchtern nicht sagen, daß
ich Ihnen alles zuvor verraten habe.
Louis: O, gewiß nicht, Herr Meister, aber ich verstand nicht alles,
was Sie gesagt haben. Sie sagten: »Sie werden eine Einladung
erhalten.« Was ist das?
Herr Meister: Sie werden bald ein kleines Billet erhalten, mit den
Worten:
»Herr und Frau Meister senden ihre besten Empfehlungen und bitten
Herrn Louis Parks, ihnen das Vergnügen zu machen, Mittwoch, den 10ten
Dezember zu ihrer Abendgesellschaft zu erscheinen (= kommen).
New York, den 3ten Dezember 1878.
U. A. w. g.«
Sie werden nun verstehen, daß wir uns freuen werden, Sie in unserem
Hause zu sehen.
Louis: Ich danke Ihnen, Herr Meister, das verstehe ich sehr gut, aber
was bedeutet das Wort »allerliebst«?
Herr Meister: »Allerliebst,« das ist ein Wort, das junge Damen sehr
oft brauchen, wenn sie sagen wollen: »Das ist schön.«
Otto: Und was bedeuten die letzten Buchstaben: »U. A. w. g.«?
Herr Meister: (»U.«) Um (»A.«) Antwort (»w.«) wird (»g.«) gebeten.
Anna: Das heißt: Sie wünschen Antwort?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Aber junge Damen lesen es nicht
so, sie sagen dafür:
»Und« »abends« »wird« »getanzt.«
Anna: Ah, das ist sehr schön!
Bella: Aber das ist nicht die rechte Bedeutung.
Herr Meister: Nein, und ältere Herren sagen: »Und« »abends« »wird«
»getrunken« (ich trinke Wein).
Bella: Und was sagen die älteren Damen?
Herr Meister: »U. A. w. g.« Und abends wird geplaudert (= gesprochen).
Bella: Das sind sehr feine Erklärungen, Herr Meister, aber ich wollte
Sie noch fragen: Wird auch der Kotillon bei Ihnen getanzt werden?
Herr Meister: Ich glaube[IX-1] es, mein Fräulein.
Louis: Ist »Kotillon« ein Tanz?
Anna: O, Louis! Das wissen Sie nicht? Der Kotillon ist ein sehr
schöner Tanz, nicht wahr, Bella?
Bella: Gewiß, Louis. Der Kotillon ist mein liebster Tanz, und ich
weiß, er wird auch Ihnen gut gefallen.
Louis: Wo waren Sie gestern Nachmittag, Fräulein Anna?
Anna: Ah, Louis ist neugierig!
Louis: Neugierig, ich bin neugierig, was meinen Sie damit?
Anna: Ich meine: Sie wollen gerne alles Neue wissen, aber ich sage es
Ihnen nicht, mein geehrter Herr, erraten Sie, erraten Sie!
Louis: O, Fräulein Anna! Ich kann Sie ja nicht mehr verstehen, wo
lernen Sie denn alle diese neuen Wörter, die ich nie gehört habe,
»erraten Sie,« ich weiß nicht, was Sie meinen.
Anna: »Erraten Sie,« das ist: »denken Sie,« »finden Sie,« und sagen
Sie mir, wo ich gestern Nachmittag war, und wenn Sie das erraten
haben, so werden Sie auch wissen, warum ich so viele neue Wörter weiß.
Louis: Sie waren im Park?
Anna: Nein, mein Herr!
Louis: Sie waren in Herrn Meisters Haus?
Anna: Nein, mein Herr!
Louis: Dann waren Sie bei Bellas Freundin, bei Frau {Dr.} Stellen im
Hotel.
Anna: Das ist es, das ist es! geraten!
Otto: Da haben Sie gewiß viel Schönes gehört.
Bella: Wir erzählten der Frau Doktor alles, was wir bei Ihnen gehört
hatten, Herr Meister, über die Königin Luise, und unsere Freundin
sagte: »Sie war so gut, diese Königin Luise, so gut, wie ein Engel;«
und dann sprach sie von ihrem (= Luisens) Marmorbilde im Mausoleum in
Charlottenburg. Haben Sie es auch gesehen, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. Es sind nun viele Jahre, da ging
ich an einem Nachmittag im Sommer von Berlin durch den Tiergarten und
kam bald nach Charlottenburg in den königlichen Park. Ganz am Ende im
Schatten der hohen Bäume stand eine Kapelle. Ich trat ein (ich trete
ein, ich trat ein, ich bin eingetreten), ein mildes blaues Licht fiel
auf eine Figur, die schlief so ruhig, so sanft auf ihrem Bette. Mir
wurde selbst so wohl, so ruhig im Herzen, ich mußte die Hände falten
und beten. Ich stand vor dem Marmorbild der Königin Luise. An ihrer
linken Seite ist das Marmorbild ihres Gemahls, des Königs Friedrich
Wilhelm III., ebenfalls (= auch) schlafend auf dem Bette. Beide Bilder
sind von dem großen Künstler Rauch gemacht.
* * * * *
Louis: Anna, was hat Ihnen Ihre Freundin noch mehr gesagt?
Anna: Ah, Louis, Sie sind heute sehr neugierig.
Herr Meister: Entschuldigen Sie, mein Fräulein. Hier muß ich für
meinen Freund Louis sprechen. Dieses Mal können Sie nicht sagen, daß
Louis neugierig ist, er ist nicht neugierig, sondern wißbegierig.
Louis möchte gern viel wissen, viel lernen; darum fragte er dieses
Mal. Neugierde ist nicht gut, aber Wißbegierde ist gut.
Anna: Entschuldigen Sie mich, Louis. Bitte.
Louis: Wohl, ich will Sie entschuldigen, und ich will nicht böse mit
Ihnen sein, wenn Sie alles erzählen wollen, was Sie gestern von Ihrer
Freundin gehört haben.
Bella: Thue es, Anna.
Anna: Sehr gern. Unsere Freundin erzählte uns eine Geschichte, die mir
sehr gut gefallen hat. Es ist die folgende Geschichte:
»Wer von den Rittern und Knappen will mir meinen goldenen Becher
wieder bringen? Ich werfe ihn in dieses Meer.« So rief der König und
warf den Becher in den wilden Ocean. Aber Ritter und Knappen waren
still, und der König fragte wieder: »Ist keiner unter euch so mutig?«
Die Ritter blieben still. Da kam einer von den Knappen; es war ein
schöner Jüngling, er warf den Mantel ab und sprang in die Tiefe. Und
alle, der König und die Ritter und die Edelfrauen sahen nach dem
Wasser, und alle hofften, ihn wieder zu sehen. Und er kam wieder, und
in der Hand hielt (ich halte, ich hielt, ich habe gehalten) er den
Becher und gab ihn (= den Becher) dem Könige. Der füllte (ich fülle,
ich füllte, ich habe gefüllt) ihn mit Wein. Der Knappe trank und rief:
»Lange lebe der König! O, freut euch alle, daß ihr seid in dem
wundervollen Lichte der Sonne, denn da unten in der Tiefe ist es
fürchterlich! Ich sprang in das Meer und sank (ich sinke, ich sank,
ich bin gesunken) tiefer und tiefer. Da sah ich Korallen; die erfaßte
(ich erfasse, ich erfaßte, ich habe erfaßt) ich, und da hing ich. Da
war auch der Becher, und um mich schwammen des Meeres Bewohner, die
kleinen Fische und die großen. Da kam ein großer, schrecklicher Fisch
auf mich zu; ich rief zu meinem Gotte um Hilfe, ließ die Koralle los,
ein Wirbel erfaßte mich und brachte mich nach oben. So bin ich hier.«
Und der König sprach: »Der Becher ist dein, und diesen Ring gebe ich
dir auch, wenn du wieder hinabspringst in das Meer, und mir sagst, was
du sahest auf dem Grunde.« Aber des Königs Tochter, die schöne
Prinzessin, sprach zum Vater: »O mein Vater! Laß nicht i_h_n
hinabspringen! Hier, hier sind so viele tapfere Ritter; mag einer von
diesen es thun.« Der König aber sagte: »Sieh, edler Jüngling! meine
Tochter, die hier für dich bittet, soll heute noch dein Weib werden,
wenn du wieder hinabspringst und mir sagst, was du sahst auf dem
Grunde des Meeres.« Der Knappe sah das wilde Meer, dachte an die
schreckliche Tiefe, aber er sah auch die schöne Prinzessin und sprang
in die Tiefe. Wieder warteten alle, und warteten lange, lange; konnten
nicht länger warten und gingen. Eine allein stand noch am Meere und
wartete. Welle auf Welle kam. Zwei schöne Augen sahen auf alle und
hofften; der Jüngling kam nicht mehr.
* * * * *
Louis: Diese Erzählung ist wunderschön; ich danke Ihnen vielmal,
Fräulein Anna.
Otto: Ist diese Erzählung nicht aus Schillers Gedicht: »Der Taucher«?
Herr Meister: So ist es. Wir müssen bald beginnen, Gedichte von
Schiller zu lesen.
Bella: Können wir das bald, Herr Meister?
Herr Meister: Gewiß, meine Freundin.
Bella: O, wie ich mich freue! Aber, Herr Meister, wollen Sie uns
entschuldigen, wenn wir heute eine Viertelstunde (= 15 Minuten) früher
gehen? Unsere Freundin, meine Schwester und ich wollen heute vieles
einkaufen.
Herr Meister: Ah, wir haben bald Weihnachten.
Anna: Wir wollen heute eine Schlittenpartie machen.
Herr Meister: Gewiß, meine Damen, gehen Sie. Ich hoffe, daß Sie
schönes Wetter haben werden. Halt! Ich habe hier eine Idee. Wenn Sie
heute Abend zu Hause sind, meine Freunde, dann denken Sie nach über
diesen Satz: »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter haben werden,« und
sagen Sie mir morgen, wie viele Sätze Sie aus diesem einen Satze
machen können.
Otto: Das ist ein guter Gedanke (= Idee). Meine Damen, ich wünsche
Ihnen viel Vergnügen.
Anna und Bella: Ich danke. Adieu, meine Herren!
Louis: Auf morgen, meine Damen, auf morgen.
[Illustration: Section Footer]
[Illustration: Section heading,
Lyre framed by winged women, a violinist, and a piper]
*X.*
Alle: Guten Tag, Herr Meister.
Louis: Wie geht es Ihnen?
Herr Meister: Danke, sehr gut; und wie geht es Ihnen, meine Freunde?
Bella: Danke, wir sind sehr wohl. Wie geht es Ihrer Frau Gemahlin?
Herr Meister: Danke, sie befindet sich ebenfalls sehr wohl.
Otto: Und Ihre Fräulein Töchter?
Herr Meister: Danke, danke, alle sind wohl. Sie haben jetzt alle Hände
voll zu thun. Sie wissen ja, die Gesellschaft und dann die
Weihnachten.
Louis: Es ist gut, daß Sie mir gestern erklärt haben, was eine
Einladung ist. Ich habe eine Einladung erhalten, zu Ihrer Gesellschaft
zu kommen, und mein Bruder Otto ebenfalls.
Anna: Und ich und Bella auch. Ach, wie ich mich freue!
* * * * *
Otto: Meine Damen, hatten Sie gestern eine vergnügte Schlittenfahrt?
Bella: Es war sehr kalt, aber recht schön.
Louis: Ich sah Sie an mir vorüberfahren; ich nahm meinen Hut ab und
grüßte (= ich sagte: Guten Tag), aber Sie sahen mich nicht.
Anna: O, das thut mir leid.
Louis: Ja, es that mir auch leid.
Anna: Wie kam das doch, daß ich Sie nicht bemerkt (= gesehen) habe?
Louis: Sie sprachen mit einer Dame.
Anna: Das war unsere Freundin.
Louis: Was Sie sprachen, muß sehr interessant gewesen sein. Ich sah es
an Ihrem Gesicht.
Bella: Sie beobachten (= sehen) aber sehr scharf (= gut), Freund
Louis.
Anna: Worüber sprachen wir doch, Bella?
Bella: Über die Weihnachten und über den Weihnachtsbaum.
Anna: O ja, das war sehr interessant.
Herr Meister: Das glaube ich.
* * * * *
Louis: »Weihnachtsbaum,« was für ein Baum ist das?
Herr Meister: Das ist der Baum, der alle Herzen mit Freude erfüllt,
die Alten jung macht und den Jungen das größte Glück bringt. Er giebt
Licht und Gold und die süßesten Früchte und alles, was Menschen nur
wünschen.
Louis: Das ist ja ein wunderbarer Baum.
Herr Meister: Aber er ist nur an einem Tage im Jahre, an Weihnachten;
am nächsten Morgen ist er wieder leer.
Louis: O, nun verstehe ich. Sie sprechen von dem »Bäumlein,« das
andere Blätter gewollt.
Herr Meister: Nun wohl, das ist der Baum. Aber der Baum steht nicht im
Walde, im kalten Wetter, sondern in der warmen Stube. Ich will
deutlich (= klar) mit Ihnen sprechen. Sie wissen, wann Weihnachten
ist, Louis. Nicht wahr?
Louis: Ja, am fünfundzwanzigsten Dezember.
Herr Meister: Sehr wohl. Wochen vorher (= bevor) denken Mutter und
Kinder an diesen Tag. Die Töchter sitzen in ihrem Zimmer und arbeiten
etwas für den Vater und für die Mutter und studieren mit dem kleinen
Bruder und mit der kleinen Schwester ein kleines Gedicht. Und die
Mutter! Ach, die Mutter hat viel, viel zu thun, sie muß von einem
Laden zum andern gehen.
Louis: Was ist das »Laden«?
Otto: Ein Laden ist ein Haus, in dem man Ware kaufen kann. In einem
Schuhladen kauft man Schuhe, in einem Papierladen Papier und in einem
Buchladen Bücher.
Louis: Danke, ich verstehe.
Herr Meister: Sie muß von einem Laden in den andern gehen und muß so
vieles kaufen für die großen Töchter und Söhne und so vieles für die
kleinen. Da hat sie Sorgen, aber es sind liebe Sorgen. Und dann kommen
die Pakete nach Hause, und die Kleinen sind neugierig und möchten
wissen (= ich weiß), was darin ist. Aber die Mutter sagt freundlich:
»Nichts für euch, meine Lieben. Nichts für euch.« Und dann fragen die
neugierigen Kleinen lachend: »Wann ist Weihnachten, liebe Mama? Haben
wir dieses Jahr einen Weihnachtsbaum?« Und dann sagt die Mutter: »Ich
weiß nicht, meine lieben Kinder, ob der Weihnachtsmann, das ist Sankt
Klaus, dieses Jahr kommen wird.« »O Mama,« rufen die Kleinen, »wird
der Weihnachtsmann kommen, o gute, liebe Mama, laß ihn kommen, laß ihn
kommen.« »Ich glaube,« sagt die Mutter, »der Weihnachtsmann wird
kommen und wird auch viel Schönes mitbringen, -- wenn ihr immer gut
seid und brav.« Alle Tage nun sagen die Kleinen:
»O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Komm doch zu uns herein!
Wir bitten dich so lange schon,
Wir Kinder groß und klein.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Vergiß nicht unser Haus.
Und schütte deinen Weihnachtssack
Auf unser Tischchen aus.
O Weihnachtsmann, o Weihnachtsmann,
Vergiß den Baum auch nicht
Mit Äpfeln, Nüssen, Zuckerwerk
Und manchem hellen Licht!
Wir wollen auch recht artig
Und folgsam immer sein.
O lieber, guter Weihnachtsmann,
Komm doch zu uns herein!«
Und der Weihnachtsabend kommt. Und die kleinen und großen Kinder
sitzen alle zusammen in ihrer Stube und warten, bis die Mutter sie
ruft. »Jetzt kommt Mama!« sagt der eine. Aber es war nicht die Mama,
es war der Diener. »Jetzt aber kommt sie!« ruft ein anderer
Ungeduldiger wieder. Aber es war eine andere Person. Da, -- jetzt wird
die Thür zur besten Stube geöffnet, und ein »Ah« kommt von den Lippen
der Kinder. Sie sehen den Weihnachtsbaum in vollem Lichte.
»Das hat der Weihnachtsmann gebracht für meine guten Kinder,« sagt die
Mutter, und die guten Kinder küssen Vater und Mutter, Großvater und
Großmutter vor Freude. »O wie schön! wie schön!« rufen alle. »Sieh,
sieh, was ich habe!« ruft der eine, und »O, sieh, was ich habe!« ruft
der andere.
Draußen fällt der Schnee, und es ist bitterkalt, und der Wind
bläst. Hier aber im warmen Zimmer scheint der Weihnachtsbaum in
vielen, vielen kleinen Flammen und bringt Freude und Harmonie. Die
große Schwester geht zum Piano und spielt, und alle singen:
[Musik: O Tanenbaum]
Mäßig (Andante).
1. O Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! wie grün sind dei-ne Blät-ter!
Du grünst nicht nur zur Som-mer-zeit, nein, auch im Win-ter, wenn
es schneit. O
Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! wie treu sind dei-ne Blät-ter!
2. O Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! du kannst mir sehr ge-fal-len;
wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit ein Baum von dir mich hoch
er-freut! O
Tan-nen-baum, O Tan-nen-baum! du kannst mir sehr ge-fal-len!
[Musik endet]
Das Lied ist nun zu Ende. Der Jüngste sitzt (ich sitze, ich saß, ich
habe gesessen) auf Großpapas Schoß, und die Großmama erzählt von Jesus
Christ, der das Heil in die Welt gebracht (ich bringe, ich brachte,
ich habe gebracht). Alle hören, sind froh und glücklich. Hier ist ein
Paradies auf Erden.
Bella: O, nun begreife (= verstehe) ich die Begeisterung (=
Enthusiasmus), mit welcher unsere Freundin vom Weihnachtsbaum sprach.
Anna: Bella, wir wollen in diesem Jahre auch einen Weihnachtsbaum
haben, und wir laden alle unsere guten Freunde ein.
Bella: Ihr Bruder Albert wird in Berlin viele Weihnachtsbäume sehen
können.
Herr Meister: Gewiß. Wenn Sie am Christabend (oder Weihnachtsabend,
das ist dasselbe) durch die Straßen Berlins gehen, dann ist es so
hell, wie bei einer Illumination. Das kommt von den Lichtern an den
Weihnachtsbäumen. Sie haben mir lange nichts erzählt von Ihrem Bruder
Albert.
Louis: Ich glaube, mein Bruder wird (= will) mir nicht schreiben,
bevor ich seinen deutschen Brief mit einem andern deutschen Briefe
beantwortet habe, und ich kann noch keinen guten deutschen Brief
schreiben.
Herr Meister: Wohl, mein Freund, wohl können Sie nun einen guten
deutschen Brief schreiben. Versuchen Sie es zu Hause.
Louis: »Versuchen Sie es.« Was meinen Sie mit dem Wort »versuchen«?
Herr Meister: Ich meine, daß Sie zu Hause Feder und Papier nehmen und
beginnen sollen, einen Brief zu schreiben. Sie werden sehen, es wird
gut gehen.
* * * * *
Louis: Wohl, Herr Meister. Ich will es versuchen. Ich habe auch
gestern Abend versucht, Sätze zu bilden aus dem einen Satze, den Sie
uns gegeben haben, und ich habe hier .....
Bella: O, Anna, das haben wir vergessen!
Anna: Entschuldigen Sie uns, Herr Meister. Sie wissen (ich weiß, Sie
wissen), wir haben so viel zu thun für Weihnachten. Wir müssen an den
Weihnachtsbaum denken, an die Einladung, an die Gesellschaft und noch
viele andere Dinge.
Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein, ich begreife das sehr wohl. Nun,
Louis, lassen Sie hören.
* * * * *
Louis: Sie sagten, Herr Meister: 1) »Ich hoffe, daß Sie schönes Wetter
haben werden.« Ich habe so geschrieben: