Louis: Das verstehe ich nun. Aber Sie sagten: »Kreuzzug.«

Herr Meister: Wir sagen Kreuzzüge, weil alle, die nach Palästina

pilgerten, ein rotes Kreuz auf der linken Schulter hatten. Sehen Sie,

dieses ist ein Kreuz [VI-8]. In der Zeit der Kreuzzüge sehen wir die

besten, herrlichsten Ritter; und den Charakter eines solchen

herrlichen Ritters giebt uns Wolfram von Eschenbach in seinem

»Parzival.«

* * * * *

Herr Meister: »Parzival,« das ist der Name des Ritters. Sein Vater,

Gamuret, war ein König, seine Mutter hieß Herzeloide. Der Vater war

ein guter, starker Ritter, der beste in der Zeit, aber er starb

jung. Da sagte Herzeloide: »Mein Sohn soll kein Ritter werden, soll

keinen Ritter sehen. Er soll nicht sterben, so jung wie sein Vater.«

Und sie ging aus der Burg (Palast) und ging in einen Wald. Hier lebte

sie mit ihrem Sohne, und den (= den Sohn) liebte sie mehr, als alles

in der Welt. Nur wenige Personen waren bei ihr im Hause, und nie

sollten sie sprechen von den Rittern, nie von einem Schwerte, nie von

einer Lanze.

Einmal hörte er seine Mutter sagen: »O, guter Gott.« Da fragte er:

»Mutter, wer ist Gott?« Und die Mutter sagte da: »Gott ist der gute

Vater von allem, und er ist auch dein Vater, mein Sohn, und meiner. Er

ist klarer, als die Sonne, und klarer, als der Tag.«

Einmal war der junge Prinz im Walde. Er selbst hatte sich einen

kleinen Bogen gemacht und schoß. Da sah er etwas, das hatte er noch

nicht gesehen. Drei Ritter mit silbernen Rüstungen und silbernen

Helmen zu Pferde kamen im vollen Sonnenschein des Tages durch den

Wald. Herzeloidens Sohn fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen)

auf die Kniee und rief: »O, hilf mir, guter Gott!« -- denn er glaubte

(= dachte), die Ritter wären Gott. Die Ritter aber lachten und sagten:

»Wir sind nicht Gott, o, nein, nein, -- wir sind Menschen; ja

Menschen, wie du ein Mensch bist. Wir sind Ritter. Das sind unsere

Schwerter, dieses unsere Lanzen, und hier, sieh, sind unsere

Rüstungen.« Sie sagten ihm noch vieles, vieles von allem dem, was ein

guter Ritter thun muß, und dann ritten sie weiter in den Wald. Da

rannte (ich renne, ich rannte, ich bin gerannt) der Sohn zur Mutter

und sagte: »Mutter, ich gehe vom Hause und werde ein Ritter. Gieb

(geben) mir ein Pferd, liebe Mutter! Gieb mir ein Schwert!« Aber die

Mutter sagte: »O, gehe nicht von mir, mein Sohn, ich habe nur dich

allein, mein Kind (= Sohn), o, bleibe bei mir!« »Mutter, ich kann

nicht, ich muß in die Welt, ich muß ein Ritter werden.« Und er ging --

und kam in die Welt. Er sah vieles und lernte vieles und that viel

Gutes und half den guten Frauen und allen Schwachen (schwach = nicht

stark); kam auch zu König Arthur und seinen Rittern. Und er wurde (ich

werde, ich wurde, ich bin geworden) ein König und ein Ritter, gut und

brav.

* * * * *

Bella: Herr Meister, ist es schon ein Uhr?

Herr Meister: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Meine Uhr ist beim

Uhrmacher. Wie viel Uhr haben Sie, Louis?

Louis: Es ist zehn Minuten vor zwei.

Herr Meister: So spät? Zehn Minuten vor zwei? Ah, ich vergesse die

Zeit, wenn ich von Eschenbachs »Parzival« sprechen will. Und ich habe

Ihnen noch so viel zu sagen! Adieu, meine Freunde!

Alle: Adieu, Herr Meister!

[Illustration: Section Footer]

[Illustration: Section heading,

woman at organ]

*VII.*

Bella: Gestern Abend habe ich viel schönes gehört. Freunde meines

Vaters waren in unserm Hause, Damen und Herren, und auch ein Herr aus

Deutschland: {Dr.} Stellen mit seiner Frau -- ein junges Paar. Meine

Mutter sagte ihm, daß ich Deutsch studiere, und da sprach er den

ganzen Abend Deutsch mit mir. Und ich konnte (ich kann, ich konnte,

ich habe gekonnt) ihn so gut verstehen und alle seine Fragen so gut

beantworten. O, Herr Meister, wie muß ich Ihnen danken! {Dr.} Stellen

ist hier mit seiner Frau, um Amerika zu sehen. Und sie haben vieles

gesehen, -- sie waren in den Prärieen, in Californien, in den größten

Städten der Union. Alles gefällt ihnen (= ihm und seiner Frau) sehr

gut. »Ja, dieses Land,« sagte er, »ist ein schönes Land, alles ist

frei, alles ist so groß! Ich möchte immer hier sein!« »Aber das geht

nicht« (= das kann nicht sein), sagte Frau {Dr.} Stellen, »unser Haus

ist in Köln, und das können wir doch nicht hierher bringen, nicht

wahr?«

Herr Meister: Ich wundere mich nicht, daß die großen Städte der Union

den Europäern gut gefallen. Die Städte der Union sind neu, die

Straßen breit (= weit). Die Städte Europas sind alt, besonders aber

Köln.

Bella: Köln ist über (= mehr als) tausend Jahre alt, sagte mir Frau

{Dr.} Stellen.

Otto: Ja, so ist es.

Bella: Frau {Dr.} Stellen ist so gut! Sie sagte mir: »Meine junge

Freundin, kommen Sie mit mir nach Deutschland. Deutschland ist so

schön, und da wohnen Sie bei mir in Köln. Köln ist eine alte Stadt,

aber eine gute, gute Stadt. Da gehen wir zum Karneval, da sehen wir

den Dom, da fahren wir auf dem Rhein, und am Rhein haben wir unsere

Villa.

»Im Häuschen am Rhein,

Am Tische von Stein,

Da ist der Wein

So wunderbar fein.«

Kommen Sie mit mir, kommen Sie. Ja? Soll ich Ihre Mama fragen?« Und

sie ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) zu meiner Mama.

Otto: Und was sagte Ihre Mama?

Bella: Meine Mama sagte: »Ja.« Ist das nicht schön?

Otto: Bella, wollen Sie nach Deutschland?

Bella: Ja, noch nicht morgen und noch nicht in einem Monat; aber wenn

der Mai kommt, der wunderschöne Monat Mai.

* * * * *

Louis: Ich hörte das Wort »Dom.« Was ist das »Dom«?

Bella: Der Kölner Dom ist ein großes, großes Haus, in dem die Leute zu

Gott beten.

Louis: O, der Dom ist eine Kirche, ein Gotteshaus!

Herr Meister: Ja, und was für eine Kirche, o, wundervoll!

Bella: Und meine deutsche Freundin sagte mir: »Der Kölner Dom ist vor

sechshundert Jahren begonnen worden und ist nun erst beendet.« O,

Louis, ich wünsche, ich könnte Ihnen alles wiedersagen, was ich

gestern Schönes gehört habe.

Herr Meister: Hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke im Dome

erzählt? Ah, ich sehe, Fräulein Anna versteht mich nicht. Fräulein

Anna, Sie hören jeden Sonntag läuten: Bim, bam! Bim, bam! Das ist die

Glocke, die da macht: Bim, bam! Und Sie nehmen dann Ihr Gebetbuch und

gehen in die Kirche und beten zu Gott. Sie wissen nun, was eine

Glocke ist, nicht wahr? Die Kirchenglocke ist groß ..... Sie haben

auch eine Glocke in Ihrem Hause, das ist die Hausglocke. Wenn ich zu

Ihnen komme, dann läute ich die Hausglocke, und Ihr Diener öffnet die

Thür. Sie, Freund Otto, haben gewiß Schillers »Glocke« gelesen?

Otto: Schillers »Glocke,« ja, das ist ein großes Gedicht und ein

schönes Gedicht.

Herr Meister: Das ist es.

* * * * *

Herr Meister: Fräulein Bella, hat Ihre Freundin nicht von der neuen

Glocke in dem Dome erzählt, die so groß ist und so schwer? Sie wiegt

fünfzigtausend Pfund. Sie wissen, hier und in England hat ein Pfund

sechzehn Unzen {(ounces).} Diese große Glocke hat den Namen

»Kaiserglocke.« Kaiser Wilhelm hat das Metall dazu gegeben (ich gebe,

ich gab, ich habe gegeben).

Bella: Davon (= von der Kaiserglocke) hat Frau {Dr.} Stellen nicht

gesprochen; sie konnte auch nicht, denn ihr Herr Gemahl (= Mann)

setzte (ich setze mich, ich setzte mich, ich habe mich gesetzt) sich

an das Klavier (= Piano) und spielte eine Sonate von Beethoven. Und

als er zu Ende war, sang seine Gemahlin (= Frau) ein deutsches Lied,

das war wundervoll. Ich habe es mitgebracht, weil ich einige (= 1 oder

2 oder 3) Worte nicht verstehen kann. Wollen Sie mir die Worte

erklären, Herr Meister?

Herr Meister: Sehr gerne, mein Fräulein. Wollen Sie lesen?

Studien und Plaudereien. First Series · 第 33 / 55 题