Louis: Noch eins. Bitte, bitte!
Herr Meister: »Morgen, morgen, nur nicht heute,
Sagen alle faulen Leute.«
Louis: O, das ist auch im Englischen: {"Never put off till to-morrow,
what you can do to-day."} Wissen Sie noch mehrere, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl, mein Freund, hier:
»Mit dem Hute in der Hand,
Kommt man durch das ganze Land.«
Louis: Dieses Sprichwort verstehe ich nicht. Kann man ohne Hut (=
nicht mit Hut) durch ein Land gehen?
Herr Meister: Ich glaube, die Idee ist diese: Nimm deinen Hut vom
Kopfe, sei freundlich gegen alle, sei höflich, und überall wird es gut
für dich sein.
Bella: Das ist eine schöne Idee!
Herr Meister: Ein anderes Sprichwort:
»Was du nicht willst, das man dir thu',
Das füg' auch keinem andern zu.«
Nun noch eins, und dann das letzte:
»Was man aus Liebe thut,
Geht noch einmal so gut.«
und: »Lust und Liebe zu einem Ding
Macht dir alle Müh gering.«
Otto: Wie im Englischen:
{"Where there is a will there is a way."}
Anna: Die deutschen Sprichwörter sind so schön, sie haben alle einen
Reim.
Herr Meister: Wir haben noch viele andere, und Sie werden sie finden,
wenn Sie viel lesen, Fräulein Anna.
Anna: Werden wir bald Deutsch lesen?
Herr Meister: Ja wohl, Fräulein, vielleicht heute; und wenn nicht
heute, dann morgen.
* * * * *
Otto: Herr Meister, bedeutet Reiter und Ritter nicht dasselbe?
Herr Meister: Nein, Otto, es bedeutet nicht dasselbe. Ritter und
Reiter haben Pferde .....
Anna: »Pferde«? Das Wort kenne ich noch nicht.
Otto: Ich will es Ihnen erklären. Gestern haben Sie Ihr Pferd genommen
(ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), und ich habe meines (= mein
Pferd) genommen, und wir sind in den Park geritten (ich reite, ich
ritt, ich bin geritten). Ich habe auf meinem Sattel gesessen (ich
sitze, ich saß, ich habe gesessen). Mein Sattel ist aber nicht so
gemacht, wie Ihr Sattel. Beide (Sättel) sind von Leder. Sie hatten
einen Damensattel und ich einen Herrensattel. Ihr Pferd, mein
Fräulein, hat einen schönen Kopf und eine lange, braune Mähne; mein
Pferd ist weiß und hat eine weiße Mähne. Sie wissen, meines Bruders
Pony hat eine schwarze Mähne.
Anna: O, ich glaube, ich verstehe Sie. Ihr Vater hat zwei braune
Pferde vor seiner Equipage, nicht wahr?
Otto: Ganz recht. Ich sage nicht »Equipage,« ich sage »Kutsche.« Ist
das nicht dasselbe, Herr Meister?
Herr Meister: O ja. Und der Mann, der vorn auf der Kutsche sitzt (ich
sitze, er sitzt), ist der Kutscher.
Louis: Und die Lokomotive geht ohne Pferde (= hat keine Pferde).
Bella: Das war ein weises Wort, Herr Louis.
Louis: Und Sie sind sehr sarkastisch, Fräulein Bella.
Herr Meister: Ich wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt)
sagen, meine Freunde: Sowohl der Reiter als der Ritter haben
Pferde. Reiter ist ein jeder Mann, der auf dem Pferde sitzt und reiten
kann, aber er ist noch kein Ritter. Ritter haben wir heute nicht mehr,
aber wir haben Reiter. Die Soldaten in der Kavallerie sind Reiter,
aber keine Ritter. Ein Ritter in alten Zeiten hatte ein Pferd und ein
Schwert, eine Lanze und einen Schild; so kämpfte er im Kriege gegen
die Feinde.
* * * * *
Bella: Ach, von diesen Rittern habe ich so viel Schönes und Gutes
gelesen (ich lese, ich las, ich habe gelesen).
Anna: Ja, ich auch. Es ist schade (= nicht gut), daß wir keine Ritter
mehr haben. Sie waren so gut, so galant.
Otto: Ich habe in einem Museum den Helm eines Ritters gesehen. Dieser
Helm war von Metall. Ich konnte ihn nicht mit einer Hand halten, ich
mußte zwei Hände nehmen, so schwer war er. In diesem Museum habe ich
noch mehrere andere Dinge eines Ritters gesehen. Wie nennt (ich
nenne, ich nannte, ich habe genannt) man das, was der Ritter über
Arme, Brust, Kniee und Beine hatte, so daß der Feind ihn nicht
verwunden konnte?
Herr Meister: Ist es von Metall?
Otto: Ja wohl.
Herr Meister: Das ist der Harnisch. Ein anderes Wort dafür ist die
Rüstung.
Otto: Und eine Rüstung habe ich gesehen, die war von Silber; sie war
wunderschön.
* * * * *
Bella: Otto, haben Sie »Ivanhoe« von Scott gelesen?
Otto: Ja wohl, Fräulein Bella.
Bella: In dem Roman »Ivanhoe« lesen Sie auch von {"Richard
Lionheart."} Das war ein guter Ritter, nicht wahr?
Herr Meister: Für {"Richard Lionheart"} sagen wir im Deutschen:
Richard Löwenherz. Richard Löwenherz war ein tapferer (= guter,
braver) Ritter. In seiner Zeit war in Deutschland Friedrich Barbarossa
Kaiser. Friedrich Barbarossa, das ist der große deutsche Kaiser. Mit
vielen, vielen Rittern ging er nach Palästina, aber niemals kam er
wieder in seine schöne Heimat (= Haus), in sein schönes, schönes
Deutschland.
Otto: Ich kenne ein Gedicht über Friedrich Barbarossa. Es beginnt so:
»Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich.«
Herr Meister: Das ist von Friedrich Rückert.
Louis: Von diesem Dichter kenne ich ja auch ein Gedicht: »Es ist ein
Bäumlein gestanden im Wald,« u.s.w. (= und so weiter).
Herr Meister: Auch Emanuel Geibel hat unter seinen vielen und schönen
Gedichten eines über diesen Kaiser. Alles dieses und noch vieles
andere wollen wir später lesen. Heute will ich noch mit Ihnen
sprechen, und ich will Ihnen einen Namen nennen, den ich immer mit
großer Freude ausspreche. Es ist der Name: W_o_l_f_r_a_m v_o_n
E_s_c_h_e_n_b_a_c_h. Den Namen haben Sie wohl noch nie gehört (ich höre,
ich hörte, ich habe gehört), ich kann es an Ihren Augen sehen.
Otto: Nein, Herr Meister, ich habe nie von ihm gehört. Wer ist
Wolfram von Eschenbach, und was hat dieser Mann Gutes gethan, daß Sie
mit so vielem Vergnügen (= Freude) an ihn denken und von ihm reden (=
sprechen)?
* * * * *
Herr Meister: Wolfram von Eschenbach ist einer von den größten Poeten,
die wir in der deutschen Litteratur haben. Ja, Friedrich Schlegel
meint, Wolfram von Eschenbach sei der größte unter allen deutschen
Dichtern.
Otto: Denken Sie auch so, Herr Meister?
Herr Meister: Nein. Er ist nicht größer, als Goethe. Das beste Werk
von Eschenbach ist nicht besser, als das beste Werk von Goethe.
Bella: Welches sind ihre besten Werke?
Herr Meister: Goethes größtes Werk ist »Faust,« Eschenbachs größtes
ist »Parzival.«
Otto: Welches von beiden Werken halten Sie für das größte und
schönste?
Herr Meister: Diese Frage, mein Freund, kann ich nicht
beantworten. Ich lese »Parzival« und finde darin so vieles Schöne, daß
ich voll Bewunderung ausrufe: »Ach, es ist nichts Besseres in der
Welt, als ,Parzival.'« Und lese ich dann Goethes »Faust,« so rufe ich:
»O, was für ein großes Werk! Wie schön! Wie herrlich (= wunderschön)!
Wo ist ein zweites Gedicht, wie ,Faust'!« Sie sehen, ich kann Ihre
Frage nicht beantworten. So werde ich auch oft gefragt: »Herr
Meister, wer ist der größere Dichter, Goethe oder Schiller?«[VI-7]
Dann antworte ich immer, was Goethe einst zu Eckermann sagte: »Warum
fragen wir, wer der größte sei? Sie selber sollen froh sein, daß sie
zwei solcher Männer haben.« Ja, wir wollen froh sein mit beiden, mit
Schiller und mit Goethe; wir wollen beide (= Schiller und Goethe)
lesen und an beiden unsere Freude haben.
* * * * *
Bella: Herr Meister, wollen Sie nicht ein wenig von Eschenbach und von
seinem »Parzival« sprechen?
Herr Meister: Mit Vergnügen (will ich es thun), aber -- ich habe nicht
viel Zeit mehr. Also: Wolfram von Eschenbach war ein Ritter und lebte
gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts. Sie sehen, er lebte in einer
Zeit mit Friedrich Barbarossa und Richard Löwenherz. Die Kreuzzüge
nach Palästina machte er nicht mit.
Louis: Ich verstehe das Wort »Kreuzzüge« nicht, Herr Meister.
Herr Meister: Sie haben heute schon gehört, Friedrich Barbarossa war
mit vielen Rittern nach Palästina gezogen. Nicht wahr?
Louis: O ja.
Herr Meister: »Gezogen« ist hier so viel wie »gegangen« (ich gehe, ich
ging, ich bin gegangen; ich ziehe, ich zog, ich bin gezogen). Viele
Ritter waren nach Palästina gezogen, dafür kann ich auch sagen: »Ein
langer Zug von Rittern ging nach Palästina.« Das Wort »Zug« kommt von
ziehen, zog, gezogen.