Otto: Das ist ein Gedicht von Goethe. Das »Heideröslein« ist so schön.
Bella: Warum nennt er (= giebt er den Namen) es Heideröslein?
Herr Meister: Weil es in der Heide steht.
Otto: »Weil es in der Heide steht,« das verstehe ich nicht, Herr
Meister. Ist »der Heide« nicht ein Mann, der keine Religion hat?
Herr Meister: So ist es, Otto, aber ich meine nicht das Wort »d_e_r
Heide,« ich meine das Wort »d_i_e Heide.« Sehen Sie den Unterschied?
Die Heide ist ein Grasplatz, wie die Wiese, aber nicht so schön. Da
sehen wir hier einen Rosenbusch und dort einen, hier einen Dornbusch
und dort einen. Haben Sie noch nie eine Heide gesehen, Louis?
Louis: Nein, Herr Meister. Aber ich denke, »Heide« ist dasselbe, wie
»Prärie.«
Herr Meister: So ist es, nur ist eine Heide nicht so groß.
Bella: Ich möchte Sie noch ein Wort fragen. Ich lese hier: »Sah ein
Knab' ein Röslein stehn.« Was ist ein »Knab'«?
Louis: Fräulein Bella, das weiß ich, das kann ich Ihnen sagen. Ich bin
jetzt ein Knabe, aber in wenigen Jahren habe ich einen langen Bart;
dann bin ich kein Knabe mehr, dann bin ich ein Mann, dann bin ich
größer, als heute, und rauche Cigarren, dann werden Sie auch mehr
Respekt vor mir haben, Fräulein Bella, ja?
Herr Meister: Mein guter Freund Louis, wir haben schon heute große
Achtung (= Respekt) vor Ihnen.
Bella: Ja, das ist wahr, Louis, und ich besonders, denn Sie haben mir
das Wort »Knabe« so schön erklärt. Sie verstehen mehr Deutsch als
ich, obgleich Sie jünger sind, als ich.
Louis: Keine Komplimente, Fräulein! Keine Komplimente!
* * * * *
Bella: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön« .....
»Morgenschön.« -- Meint der Dichter, »das Röslein war so schön, wie
die Rosen am Morgen sind«?
Herr Meister: Ich glaube (es).
Anna: O, ich wünsche, ich könnte jeden Tag junge, frische Rosen haben!
Ich habe die Rosen, ach, so gern!
Herr Meister: Auch Goethe liebte die Rosen (ich liebe, ich liebte, ich
habe geliebt).
Otto: Sie ist die Königin unter den Blumen.
Bella: »Lief er schnell, es nah zu sehn« .....
Anna: Das Wort »lief« verstehe ich nicht.
Bella: Ich laufe, ich lief, ich bin gelaufen. Ich laufe, das ist: »Ich
renne,« »ich gehe schnell.« Der Knabe lief, weil das Röslein weit von
ihm war, und er wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) das
schöne Röslein besser sehen.
»Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.«
Das ist das Ende des ersten Verses, und nun lese ich den zweiten:
»Knabe sprach: ,Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.'
Röslein sprach: ,Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich'« .....
Herr Meister, ist »ewig« hier nicht ein Synonym von »immer«?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein.
Bella: »Und ich will's nicht leiden!« ..... Zwei Wörter in dieser
letzten Linie sind mir nicht klar, »will's« und »leiden.«
Herr Meister: Will's ist dasselbe wie, »ich will es.« Nach dem »l«
kommt ein Apostroph (= '), so, nicht wahr?
Bella: Ja wohl, Herr Meister.
Herr Meister: Dieser Apostroph steht, weil das »e« von »es«
ausgefallen ist. »Will es,« e_i_n Wort = will's. »Leiden« -- und ich
will's nicht leiden. Dafür kann ich auch sagen: »Und ich will nicht,
daß du mich brichst.«