Lolly. Mein Vater --

Bengl. Lieb ihn als ein deutsches Mädchen, und sey edel und stark wie

diese. Salassin ward vom Kaiser für das Vaterland gefodert -- er ist an

seiner Seite, in den Krieg gezogen, und sagt dir sein Lebewohl!

Lolly erblaßte; aber vom angebornen Stolze und Edelmuth ermannt, vergaß sie

des Harms, der in ihr wüthete, und sprach: Darum kam er also nicht? Wohl

ich bin ein deutsches Mädchen! Du bist mein, ja, Vater, Ich will seiner

harren mit Lieb und Treue, die Lorberkränze winden für den Sieger, der

zurückkömmt, oder -- ich habe auch Thränen, den Edlen, wenn er fürs

Vaterland fällt, stolz zu beweinen!

Sie fiel dem Vater herzlich um den Hals.

So bist du meine Tochter. Der Monarch ließ ihm nicht Zeit dich noch einmal

zu sehen, dir nicht einmal schreiben zu können. Bleibe ruhig! Wir fahren in

einer Stunde der Heimat zu!

Der erste heftigste Schrecken war nun vorüber. Die Freunde trösteten sich

allmählig; Sebald unterrichtete seinen Onkel Tellmann von dem Beschlusse

als er zurückkam, und Bengler verließ mit Lollyn, die für sie so traurige,

leere Residenzstadt!

Sebald hatte versprochen Salassins Bildniß Lollyn zu senden. Sie

beurlaubten sich gerührt und in kurzer Weile waren alle an ihrem Orte, zwar

nicht so ganz ruhig, vielleicht auch unruhig; doch lächelte jeder

Munterkeit, wenn das Herz auch im Innern bange pochte; sie scherzten wohl

gar über den Helden, wenn er zurückkommen würde, und die Wangen so hübsch

zerhauen und zerfezt mitbrächte. Ach sagte Lolly -- die Wangen sind zu nach

dem Kopfe, in dem das Leben sitzt; es wäre doch Schade um ihn.

Zweites Kapitel.

Eine Hochzeit.

Ein ganzer Monden vergangen, noch hatte niemand eine Silbe von Salassin

gehört. Vater Welly und Jadilla die bedrängte Mutter lebten in quälenden

Unruhe. Bengler hatte es ihnen auf eine gute Art beigebracht. Zwar

schmeichelte es ihrer Ehre, den Sohn an des Kaisers Seite in seinem

Angesichte kämpfend zu wissen, aber was ist Ruhm für ein Trost dem

zärtlichen Elternherz? Ein Mondstrahl, der matt das Dunkel des finstern

Haines erhellt. Es war ihr geliebter Sohn, ihr einziger Sohn -- und den in

den fürchterlichsten Gefahren zu wissen, das trübt auch den Muth der

stolzesten Seelen. Des langverlornen Kindes Jadilla Erinnerung wachte

herber wieder auf. -- Auch diesen Einzigen soll ich noch verlieren? War ich

nicht unglücklich genug meine vierjährige Tochter nimmer zu finden. --

Dachten oft die bangen Eltern, und waren öftrer als sonst in Benglers

Gesellschaft, der ein gutmüthiger, launigter Mann, sie zu erheitern und zu

trösten all seinen Witz aufbot. Viel des Trostes empfanden sie noch, wenn

mit ihnen eine gute Seele um den Fernen trauerte, wenn Lolly in voller

Begeisterung von Salassin sprach.

Welly schrieb an den Fürsten Tellmann und Sebald, und lud sie ein auf das

Land zu kommen, um sich mit dem Gefährten des Sohnes im angenehmen

Freudenkranze des trüben Herzens zu entledigen.

Tellmann hatte nun einen der stärksten Antheil an dem Regierungsgeschäfte,

weil der Kaiser beim Heere war, und konnte die Residenz nicht verlassen,

aber Sebald entschloß sich Salassins des edlen Freundes Vater zu Liebe auf

einige Tage die Residenzstadt und -- Jilla, mit der er alle Tage enger sich

verband, zu verlassen, und auf dem Lande Welly und Jadilla einigermassen zu

erheitern. Sein Herz war schwer, wenn er an Salassin dachte, von dem noch

nicht die geringste Nachricht gehört wurde, wiewohl es bereits 2 Monden

waren, dreie der fürchterlichsten Schlachten in Lüften und auf der Erde,

die Krieger zu tausenden gewürkt hatten, und schon manche verstümmelte,

verwundete Helden, die nach dem Treffen gewöhnlich zurück in das

vaterländische Lazareth geschifft wurden, bereits wieder gesund herum

giengen, und stolz darauf waren, einen Arm oder Fuß zur Rettung des

Vaterlandes aufgeopfert zu haben.

In den Zeitungen forschte jeder von Salassins Freunden, die ihn im Heere

glaubten, was freilich wahr gewesen, für das es aber Tellmann Sebald und

Bengler, die diese Lüge und doch Wahrheit ausgesprengt hatten, leider nicht

hielt. In jedem Zeitungsblatte so erschien, zählten sie begierig die

angezeigten Krieger, die sich hervorthaten oder verwundet wurden, oder

fielen. Salassin stand nie unter einer Rubrike davon.

Sebald traf in Wallingau ein, eine zahlreiche Gesellschaft war bereits

versammelt. Man spazierte eben durch das Wallingauer Dorf, indem alles Jung

und Alt, Mann, Weib und Kinder und Greise in einer lebhaften Bewegung war.

Sebald wurde von allen mit inniger Freude bewillkommt. Er war ja Salassins

Vertrauter, und als dieser allein schon recht freudig gesehen, von Vater

Welly, von Jadilla, und besonders von -- Lolly. Wenn der Geliebte fern ist,

wie ist da der Freund desselben nicht geschätzt. Ein duzend Zungen hätte

Sebald noch haben sollen, und noch einmal soviel Ohren (nur etwa keine

Zungen unsrer Zeitungsschreiber) wenn er alle Fragen auf einmal hätte hören

und beantworten sollen.

Lolly schloß sich an Sebalds Arm, und giengen in dem Kranze der Andern der

Dorfkirche zu, wo die Gemeinde geschmückt und frohlockend versammelt war.

Es wurde ein Vermählungsfest gefeiert. Die große majestätische Kirche

umrundet mit hohen Linden, ganz gebaut die Seele des Betenden zur

Ehrfurcht, Größe und Erhabenheit des ewigen Allvaters zu erheben, ragte

mitten im Dorfe hervor. Ein prunkloser Altar aus Marmor mit einem Bildniß

Gottes stand da, vor dem ein junger Mann ohne dem linken Arme, mit frischen

Narben in dem Gesichte an der Seite eines sehr schönen Dorfmädchens kniete,

das Kränze vom Rosmarin im braunen Lockenhaar verflochten trug. Die Väter

der Beiden standen hinter dem Bräutigam, die Mütter hinter der Braut, und

die Anverwandten und Freunde schlossen sich an die Vorigen.

Der Priester sprach eben das Amen! und die Anwesenden beteten laut für das

neue Ehepaar, das nach einem kurzen Gottesdienst, dem Zug voraus unter

Begleitung einer lieblichen Musik der Wohnung der Braut zugieng.

Wellys Gesellschaft mischte sich unter die frohen Hochzeitsfeirer.

Das hübsche Mädchen nimmt den häßlichen Krippel zum Manne? -- sprach Sebald

zu Lolly, als sie aus der Kirche getreten waren.

Häßlich? -- warf Lolly ein.

Seb. Er ist ja im Gesicht zerfezt, und ohne der einen Hand! Und ein Mädchen

--

Lolly. So? ein braves Mädchen taxirt also den Mann nach Gesicht und Händen?

Ey, du mußt verzweifelt wenig von uns Mädchen halten! Die Braut ist grade

ein doppelt schätzbares Geschöpf, weil sie den nimmt!

Guirlanden um Die Urnen der Zukunft Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte · 第 63 / 77 题