Lolly. Vielleicht gar mannlos geblieben? O beileibe nicht. Der Bräutigam
war ein bildschöner wackerer Jüngling. Vor 14 Tagen kam er aus dem Kriege
so verunstaltet wie du ihn itzo siehst. Das Paar wollte eben sein
Vermählungsfest feiern, als das Aufgebot wider die unversöhnlichen Feinde
des Landes in dem Dorfe hier vorgetragen wurde. Er war der erste
Freiwillige, der sich von seiner Geliebten trennte, und in die Schlacht
zog. Der Freier wohl zwanzig warben um das Mädchen, als in der Zeitung
stand, Mienchens Erwählter sey gefährlich verwundet; aber Mienchen wankte
nicht. -- Wenn ich Philipen nicht wiedersehe, sagte sie, so mag ich keinen
mehr zum Manne, und wiß alle Andere ab. Aus der Nachbarschaft hielt auch
ein recht hübscher guter und gar reicher Jüngling noch um sie an, den
Mienchen nicht so ungern sonst hatte; aber ihr Philip war zu sehr ins Herz
gewurzelt, und als er endlich ohne Hand und kaum kennbar im Gesichte nach
Hause kam, da hüpfte Mienchen vor Freuden und das heutige Fest ward
sogleich verabredet.
Seb. Das ist brav von dem Mädchen! Ihr gleichen -- denk ich -- aber doch
nur wenige, die so einem Bräutigam treu blieben.
Lolly. Ey, du kennst die Mädchen doch in der That wenig. Welches wäre wohl
in dem Falle nicht so? Darauf sind sie mit Recht stolz einen unglücklichen
Kriegshelden durch ihr liebendes Herz lohnen zu können.
Seb. Wenn nun Salassin ohne Hand und mit solch einem Gesichte zurückkäme,
reizende Lolly?
Lolly sah Sebalden mit einem abweisenden Blick an. Nun? Sollt ich ihn dann
nicht noch lieber lieben? O ich wünschte nur -- er wäre schon lieber da.
Ohne Händ und Füsse, nur mit Kopf und Herz, ach! und du solltest sehen, wie
überaus glückselig wir zum Altare träten!
Wahrhaftig unter den Mädchen des 18ten Jahrhunderts wäre wohl so ein
Geschichtchen in allen Zeitungen und von allen Romanzendichtern besungen.
Der festliche Zug war inzwischen in das Haus der Braut gekommen, in einer
großen reinlichen Stube standen die Gäste herum um das Brautpaar, das die
Eltern noch einmal segneten. Der Bräutigam kniete nieder, sein Vater ein
ehrwürdiger Greis, legte seine zitternde Hand auf des Sohnes Schultern --
alle sahen mäuschenstill der feierlichen Szene zu.
Dem Greise bebten die Lippen, eine Thräne hieng ihm an der Augenwimper,
indem er sprach: Mein Sohn! Sey -- ein guter Vater! -- ihm erstarben die
Worte, er fiel dem tiefbewegten Sohn um den Hals, indem er mit Mühe
stammelte: ach mein Sohn --!
Gerührt wünschten nun die Gäste dem neuen Ehepaar Heil und Segen zu dem
neuen Stande, manch weichherziges Mädchen hatte über den schönen Auftritt
auch ihr Thränchen vergossen, und -- wenn ich recht gesehn habe -- den
leisen Wunsch verrathen: Segnete mich doch auch mein Vater nur auch schon!
--
Nun ertönte die Musik, bald drauf wurde das Gastmahl begonnen, und unter
dem reinsten Vergnügen genossen. Als die letzte der Schüsseln aufgetragen
ward, grief die Braut rasch in ihre Schürze, und warf dem uralten Brauch
gemäß eine Handvoll Rosinen auf den Brautführer, der Bräutigam auf das
Kranzmädchen, ihnen nach regnete es nun von allen Seiten Rosinen und
Zuckerkörner, und in wenigen Minuten lag der Tisch mit den süssen Sachen
bedeckt. Die fröhliche Freude gieng in leichten Muthwillen über, und
allgemein überließ man sich dem lachenden Jubel.
Das frohe Getöse rauschte eben am stärksten, als der launigte Küster mit
einem Pack Papier unterm Arm in die Stube trat, und mit unzähligen tiefen
Verbeugungen gegen das Brautpaar und die Gäste figurirte. Alle drehten sich
nach dem komischen Mann, der bei allen Hochzeiten und Festen als
Lustigmacher seine Sporteln hatte, wofür er die hochachtbaren Gönner mit
launigten Späschen, lächerlichen Schwänken und lustigen Liedern unterhielt,
die er aus alten uralten Folianten sog.
Er wandte sich vor allen an die neuen Ehleute, und begann seine Gratulazion
also:
Sintemal und alldieweilen
Thut Eur Hochzeitsfest aneilen
Ich also von Herzen schön
Thue gratuliren gehn.
Das war der Eingang, und der gute Küster mit dem Hut unterm Arm, die andre
Hand in der aufgeknöpften Weste räusperte sich und sammelte Athem zum
fernern Vortrag. Alle sahen mit stillem Lachen auf den spassigen
Rhapsodensänger unverwandten Blickes.
Der Herr Gratulant verzog den Mund und fuhr fort.