Georg. Aha! und das schöne Töchterchen zu sehen! Verstanden! Ja! -- daß ich
nicht vergesse -- In einigen Tagen kutschirt mein Vater und ich in einem
Luftschiff ins Lager -- nach -- nach ihrer Rechnung -- müßte sie heut dort
gewesen seyn!
(Salassins Freude sinkt plötzlich durch diese Nachricht) Ich habe sie
gesehen! Aber grade stiegen sie in die Luft und -- sie erkannte mich gar
nicht -- -- O nun ists gewiß -- Lolly und Sebalds Mädchen ist eins! --
(sprach er harmvoll für sich --) Komm, komm lieber Georg! -- Die
Mitternacht ist nahe -- du hast Ruhe nöthig -- ich will den Brief lesen!
Sie giengen -- Salassin fragte noch tausendmal nach mancherlei von Lolly --
und ward immer unruhiger, froher, wieder verstimmter. Er las den Brief.
_Mein Sohn_!
»Du hältest dich wohl, und ich habe meine Freude daran. Wir sind gesund,
Gesellschaften erheitern uns, und wenn meine väterliche Sorge für dich
schläft bin ich ruhig. Lolly, Benglers Tochter, liebt dich innig -- sie
soll einst deine Gattin werden. Wir freuen uns alle deß herzlich. Aber
nicht eher, bis du edel ihr unter die Augen treten kannst. Ich hoffe Liebe
und Ehre wird dich anspornen, den Preis ruhmvoll zu erringen. Bald kömmt
Bengler mit Lolly nach der Hauptstadt. Deine Mutter und ich werden es noch
überlegen. Ich habe der Geschäfte zu viel noch. -- Grüsse meinen Tellmann
-- und Sebalds Mutter -- Sebalden würd ich gerne meinen Sohn nennen, wenn
Tellmann hier nicht höhere Rechte besässe. Bleibt Freunde und mein Stolz«
Dein Vater
Welly von Wallingau.
Salassin jubelte -- aber doch war sein Jubel zu sehr gemischt mit bittern
Empfindungen.
Lolly kömmt in die Stadt! Da muß sich die Sache aufklären! Aber -- ach --
sprach er mit einem tiefen Seufzer -- Wenn Sebald sie als das Mädchen
denkt? Und bin ich auch der Geliebte -- soll ihn ein Opfer des Harms sehen?
ihn Zeuge meines Glückes meiner Seligkeit seyn lassen -- ihn so unnembar
quälen?
Salassin wachte die ganze Nacht voll Unruh, und eilte in seine Wohnung
sobald die Stadtthore geöffnet waren.
Er erschrak, als er Sebalden nicht fand! Er gieng zu dem Fürsten von
Tellmann.
Tell. Seid ihr einmal da -- ihr Ritter! Nun wie sieht es im Lager aus? Der
Kaiser kam erst morgen dahin!
Sal. Ist Sebald noch nicht gekommen?
Tell. So? Ward ihr nicht miteinander?
Sal. Ich habe die bestimmte Stunde der Abreise versäumt -- und glaubte,
Sebald sey vorausgeritten; denn wir hatten uns im Lager getrennt -- ich
begreife nicht wo er geblieben -- als ich um mein Pferd gieng -- war seins
schon nimmer neben dem meinen?
Tell. Warum nahmt ihr euch nicht ein paar Diener mit? Ja -- da mußten die
Herrn allein fort. Hm! Er wird bald nachkommen! Salassin -- heut ist ein
wichtiges Geschäft, du gehst mit mir in die Residenz! Salassin erzählte dem
Fürsten so manches, und von seines Vaters Briefe.
Sie giengen an ihr Geschäfte. Einige Tage verstrichen, und Sebald war noch
nicht da. Die Mutter bangte.
Sebalden mags da gut gefallen wo er ist! -- sagte Tellmann ohne Sorge.
Nach einigen Tagen erschien endlich Sebalds Brief. Alle wurden bestürzt --
aber auch bald wieder getröstet, da sie die Versicherung hatten: Sebald sey
hergestellt!
Ich will dahin -- sagte Salassin.
Nein! -- antwortete Tellmann. Er befindet sich ja recht wohl -- in der
besten Gesellschaft -- wie er schreibt -- und sollt ihr denn Beide mich
verlassen? Salassin -- du bleibst zu meinem Troste da -- den Gefallen --
Mit Freuden! -- sprach Salassin.
Vierzehntes Kapitel.
Die Verzweiflung.
Die Tage flogen allmählig dahin, wie die Gedanken des Menschen, immer höher
und höher stieg Salassins Hoffnung und Furcht.
Er saß eben einsam und traurig in seinem Zimmer, und klagte dem
vertraulichen Euphon des wühlenden Herzens Qualen. Ein Diener bracht ihm
einen Brief; die Schrift war ihm nicht ganz unbekannt, doch sagt ihm sein
Gedächtniß nicht so ganz deutlich, wo er sie einmal gesehen! Er erbrach ihn
-- »Vielleicht ließ ihn Sebald, wenn er wieder kränker ward, durch eine
zweite Hand schreiben!« -- Er las.
_Salassin_!
»Verschmähe meiner Bitten letzte mir nicht! Das schamdurchdrungene Mädchen
wagt es zum letztenmale mit dir zu sprechen. Ich zittre -- in meinen Adern
raset ein stürmendes Blut -- mir schwindelts -- in meiner Seele tobt
Verzweiflung -- ein wilder Kampf -- ein wüthender Streit des verschmähten
Herzens und des beleidigten Ehrgefühls -- Ha Verzweiflung -- Verzweiflung
raset in mir! Jüngling habe Mitleiden mit mir Verächtlichen -- Verächtlich
-- ja -- das bin ich -- das ward ich -- du edler -- mußt mich verachten. Ha
Liebe -- wohin hat mich deine Wuth verschlagen -- was war ich einst -- und
was bin ich durch dich -- O Salassin, wenn ein Fünkchen Mitleid in dir
glimmt -- o gewähre mir die letzte Bitte -- eine kleine Bitte, zu der mich
mein wahrer Wahnsinn kühn macht! Du -- den ich so tief gekränkt, beleidigt
-- o vergieb, vergieb mir -- in meinem Kopfe flirren blutige Gespenster --
ich kenne mich nimmer -- Heute wenn der Mond vom bläulichten Himmel seinen
blassen Glanz verstreut -- erscheine mir -- sey ruhig, ich verachte mich
selbst -- ich bereite dir keine Gefahr mehr -- erscheine auf dem
hochbuschichten Wall gegen die Citadelle, bei der jener Strom
vorüberrauscht, an dessen Ufern ich Schamvergeßne einst im unnennbaren
Seelentaumel dir meine Liebe gestand! Salassin -- nur diese einzige Bitte
dem verzweifelnden Mädchen, das zu tief gefallen seine beschämten Blicke
nimmer im Tageshell auf dich werfen kann! Komm, komm, meine Seele erliegt
dem wüthigen Krampf -- nur ein Wörtchen noch von deinem Munde will ich
hören -- nur einen mitleidigen Blick -- einen leichten Seufzer -- daß ich
der Verzweiflung, die kralligt mich geißelt -- daß ich der Furie nicht
erliege. Verschmähe diese kühne Bitte mir nicht.«