Salassin staunte. In seiner Seele mengten sich Abscheu, Mitleid, Stolz und
Rührung bunt wie in den Träumen eines Kranken die Fieberbilder.
Sie ist wirklich wahnsinnig! Sie dauert mich! -- Was kann ihr das helfen --
wenn sie noch einmal mit mir spricht? Kann sie mich noch ansehen? Warum an
diesem Orte? -- Was hat sie vor? Die blutigen Gespenster in ihrem Kopfe --
sie raset wirklich! -- Ich will dir die Schande ersparen mir noch einmal
unter die Augen zu treten! Aber sie verzweifelt in der Verachtung ihrer
selbst! -- Kann ich sie -- darf ich ihr die Bitte gewähren? -- Sie ist so
niedrig, ja doch nicht! Denn sie fühlt sie fühlt tief und quälend ihre
Schande -- sie schämt sich vor sich selber -- Mädchen; Du rührst mich --
ich will doch an den Ort, wohin du mich bestelltest.
Salassin irrte den ganzen Tag mit sich selber im Streit umher. Des Briefes
gräßliche Worte empörten ihn bald -- bald durchdrang ihn inniges Mitleid
mit der jammervollen Lage der Unglücklichen.
Der Mond streute endlich seinen blassen Todtenglanz vom trüben Himmel durch
zertheilte Gewölke. Salassin erstieg den Wall, auf dem hochbuschichte
Hecken grünten. Wie ein Felsenberg hoch war der Wall aus Felsen gehauen.
Der Strom wälzte sich unter ihm majestätisch in schaumvollen Wirbeln über
hervorragende Klippen -- Schwindln und Schauern ergriff den Jüngling, und
in ihm drängte sich eine fürchterliche Ahndung auf.
Stille wars rund um ihn her -- eine tiefe grauenvolle Todtenstille --
Kröten und Eidechsen hüpften an seinen Füssen -- und in den schwarzen
Löchern des Felsen pfiffen Eulen ihr schauerlich Todtenlied.
Salassin sah niemanden, und schauerte vor Ahnungen.
Endlich schimmerte aus naher Ferne eine weiße Gestalt, die die Stiege des
Walls kletterte. Ihr Kleid flatterte im Wind -- die Gestalt sah Salassin
und näherte sich zagend.
Wellmine wars, mit zerrauftem Haare, ein weißflornes Kleid mit schwarzen
Krepinen beblümt. Der Mond erhellte das mit sich selber ringende Mädchen,
und Salassin erschrak über das Gespenst. Blaß und eingeschrumpft die sonst
blühenden Wangen -- hager und matt von Westhauch umzuwehn. Die Feueraugen
erloschen, hohl und tief eingesunken -- ihre Kniee schlotterten -- sie sank
ohnmächtig zu Salassins Füssen.
Salassin bebte und hob sie auf.
Wellmine wachte wieder auf, mit gräßlichen Zuckungen -- sie stönte -- der
Thränenquell des Auges war versiegt-- ihre heischre Stimme kaum vernehmlich
-- ein tief aus der tobenden Brust gestossener Seufzer -- sie konnte lange
nicht sprechen. Salassin bebte, und blickte mit einer heißen Thräne des
Mitleids auf die Dulderinn.
Endlich stammelte sie mit der Anstrengung ihrer letzten Summe Kraft:
Jüngling vergieb -- ich büsse schwer! Vergieb mir niedrigen Kreatur.
Salassin ward erschüttert -- die Zunge tödtete seine Sprache.
Well. Vergieß mein Vergehen! Vertilge jedes Gedächtniß an mich! Vergieß was
du gehört und -- gesehen hast, Fluche mir -- ich verdien es --
Sie stürzte leblos nieder -- Salassin stand ohne Fassung. Gott des
Sternenhimmels, wie gräßlich rächt sich das verlezte Gefühl der Scham! --
rief er mit einem grossen Blick auf die Ohnmächtige -- drückte sie
vergebens in seine Arme -- ihr qualvolles Leben zurückzupressen. Sie schlug
die matten Augen auf!