Und wenn sie nicht --

»Dann heute nicht --«

(Rasch) Zeige mir das Haus!

»Mein Gott, du bist toll!«

Ich kann nicht ruhen -- mir brennt es im Innern -- mir stürmts und tobts --

ich habe nicht Ruhe bis ich sie gesehen. --

»So komm!«

Sie giengen. Salassin in unbeschreiblicher Angst, mit dem bangen Wunsche:

Wenn es Lolly wäre! Wenn sie es doch nicht wäre! Ist sie es -- ach so bin

ich oder mein Sebald unglücklich. Ist sie es nicht -- wie bitter ist dann

meine Hoffnung, sie wieder einmal zu sehn getäuscht!

Sebald selbst war in der quälendesten Lage. Seine Seele hieng an der

Grazie, die das Bildniß trug. Immer stand das schöne jammernde Mädchen mit

dem thränenden Auge vor ihm -- er liebte sie -- und hatte es sich selbst

nicht gestanden. Er zeichnete sie -- und wußte nicht warum sie so richtig

getroffen sey? Und nun? welch ein verwünschter Zufall, daß Salassin gerade

Lollyn in ihr erkennen mußte?

Je näher sie der Gasse kamen, desto banger war ihm ums Herz! Je näher das

Haus rückte, desto schneller klopfte es im Busen. Salassin flog, und Sebald

wäre gern zurückgekehrt. Endlich standen sie vor dem Hause. Sie traten

hinein -- der Besitzer bewillkommte sie freundlich -- und umarmte voll

Liebe Sebalden, den er als seinen wackern Träger kannte.

Man sprach so von dem und jenem -- der Herr führte sie in seine Zimmer kein

Mädchen war zu sehen. -- Sie wandelten im Garten, keine Seele da.

Ach! gäb es nur schon lieber keines in der Welt! dachte jeder der Beiden,

und ich stimme von Herzen in ihren Wunsch. -- Sie blieben eben vor einigen

marmornen Wasen stehen, die sehr schön gearbeitet in einer Laube lagen.

Ich werde morgen -- begann der Greis -- meinen Bruder besuchen auf dem

Lande: die Vasen sind ihm bestimmt: er wird eine Freude haben, -- meine

Tochter ist bereits da.

Versteinert standen die beiden Freunde über das: »Meine Tochter ist bereits

da.«

Gern hätte Salassin mit tausend Fragen, wo? wohin? warum? wie so? u. s. w.

den guten Mann bestürmt, wenn ihm nicht jedes Wort im Munde gestorben wäre.

Doch war er getrösteter. Lolly meinte er, ist ja Benglers Tochter. Wie käme

sie daher. Gefaßt fragte er:

Und wirst du, Herr, lange dich da aufhalten? Nachdem es mir gefallen wird.

Ohngefähr 3 Wochen, hoffe ich, bin ich wieder da. --

Drei Wochen soll ich in einer solchen Ungewißheit leben? dachte Salassin

und Sebald:

Drei Wochen lang soll ich sie nicht sehen?

Nun war freilich nichts anders zu thun, als den verwirrten Zwirn geduldig

auseinander zu wickeln, wenn man durch Ungeduld ihn nicht noch mehr

verwickeln oder gar zerreißen sollte.

Sie empfahlen sich bald dem freundlichen Greise, und begaben sich

schweigend nach Hause.

»Wie blüht manchmal ein Rosenpaar so ähnlich einander, und gleich an Duft

Farbe und Form, daß man sie von einander nicht unterscheiden kann. Aber

sind sie darum Eine und Dieselbe? Schau doch nur auch auf den Strauch und

den Garten, wo sie blühen! -- sagte Sebald, und begann sein verwischtes

Gemälde frisch zu mahlen.

Salassin sezte sich an das Euphon -- dichtete ein Liedchen an -- Lolly, und

sang es zu dem Harmonikamoll des schmelzenden Euphons.

Viertes Kapitel.

Das Gesellschaftshaus.

Sich von seinen Grillen zu befreien suchte einmal Salassin Zerstreuung, und

gerith in ein Gesellschaftshaus.

Zu unsrer Zeit nennt man sie Koffeehäuser: weil aber diese Aufgeklärten

dies Gesäufe kaum dem Namen nach kennen, und in dergleichen Gebäuden nicht

Koffee wohl aber ächter Wein aller Sorten geschenkt, und der Gast mit allen

möglichen Speisen bedient wird, findet er immer eine sehr große

Gesellschaft aller Art Menschen und tausend Ergötzungen in so einem

Gesellschaftshause.

Er trat in eines der nächsten Zimmer, da saß eine Menge Männer, die theils

tief die Augen in die Zeitungen steckten, theils untereinander sprachen,

theils stumm saßen.

Salassin ergriff ein Blatt, und las eine Anzeige der Vorsteher des Musäums

der bildenden Künste.

Wir sind entschlossen unsern verdienten allgeliebten Vater des Landes --

hieß es darinn -- einen kleinen Beweis unsrer Liebe zu geben; und setzen

auf das vollkommste Portrait des verehrten Kaisers eine Prämie von einer

goldnen Ehrenmedaille, die auf einer Seite das Wappen des Musäums, auf der

andern das Brustbild des Kaisers tragen wird. Wir machen den Mahlern des

Landes unsre schuldige Anzeige.

Die Vorsteher des Musäums.

Mit dem Blatt in der Hand rannte Salassin fort, er reichte es seinem

Freunde, der entzückt über die Gelegenheit sich auszeichnen zu können, dem

Freunde um den Hals fiel.

Schnell wurden Farben und Pinseln, Stafeleyen und die nöthigen Materialien

herbeigeschaft, und im Nu saß Sebald an der Arbeit.

Bist du toll? -- rief Salassin -- du sahst den Kaiser ein einzigesmal, und

da mit schüchternen Augen die ohnmöglich jede Miene, jeden Zug, jede Linie

der Stirne so genau bemerkt haben können, als zur Vollkommenheit des

Bildnisses nöthig ist, und du willst um den Preis ringen.

Da laß du mich sorgen! Mahleraugen sehen, wo du eine Warze bemerkst, die

Wurzeln und Fasern derselben.

Nun -- so wünsch ich dir Glück!

Danke!

Fünftes Kapitel.

Die Bestellung.

An der Hand des Fürsten von Tellmann wanderte jeden Tag Salassin in

Geschäftssale der Regierung, und lag hier seinem Studium mit ungemeiner

Thätigkeit ob. Er erwarb sich den Beifall der Fürsten und Edlen durch

seinen Eifer, und sie freuten sich über den treflichen Staatsmann, den er

versprach.

An einem Tage wandelte er eben von seinem Geschäfte durch die große

Residenzallee, und starrte einige neuangekommenen Luftgondeln an.

Leise trat ein Diener herbei, drückt ihm unversehens ein Briefchen in die

Hand, und verschwand wie ein Gedanke.

Er öffnete rasch das Blatt und las:

Wie lange schmacht ich in meiner quälenden Einsamkeit, seit ich dich,

liebenswürdiger Fremdling gesehen habe. Meine ganze Seele lebt in dir: süß

ist mir die Stunde, in der ich dich bei meinem Fenster vorüber wandeln

sehe, da klopft mein Herz im schnellem Pulse, mir glüht es im Innern und

brennts vor wehen und wohlen Drang. Jüngling, ich liebe dich -- mein

Geständniß kostete mir eine große Ueberwindung, lange Tage, lange Wochen

hat die unbezähmbare Liebe mit dem weiblichen Gefühle gerungen; aber

vergieb, wenn die erstere mit weit mächtigern Waffen siegte, und mich zu

einem Schritt trieb, den nur ein gränzenloser Harm entschuldigen kann. Ich

lechze vor Sehnsucht dich einmal wieder zu umarmen. Jüngling laß dich

rühren von meinem Schmerze. Heute Abends, wenn des Mondes Goldlampe mit

freundlichem Blicke auf die Liebenden blickt, irr ich einsam am Ufer des

Stroms -- bei dem 8ten Stadtthore. Willst du mich sehen, so wandle durch

die Erlenallee am Strome, dort harrt deiner mit unbeschreiblicher Sehnsucht

_Eine_

dich gränzenlos liebende

_Freundin_.

Salassin staunte, seine Augen verschlangen die Schrift, er las 2 -- 3mal

und sein Erstaunen stieg immer höher.

Wer mag das kühne Mädchen seyn? Wenn es -- doch nein! die kann es nicht

seyn! Soll ich dahin? -- Handle ich recht? Wenn es ein lockendes

Irrlichtchen wäre? Aber -- doch, ich will meine Neugierde sättigen -- Ich

sehe ja keine Gefahr -- Lollys Bild lebt in meiner Seele -- und die Reize

eines andern Mädchens -- sind Tulpen gegen Rosen. Das Abentheuer muß ich

doch der Sonderbarkeit wegen bestehn.

Er dachts und gieng als der Mond durch die Kastanienwipfeln seinen

lächelnden Strahl senkte, durch Gassen und Strassen an das achte Thor, und

wallte begierig die Erlenallee am Ufer des Stromes entlang.

Die liebliche Abendfrische, die aus den Weiden und Fliederhecken und den

schlanken Erlen rauschte, des Stromes schöner Anblick, der majestätisch mit

sanften Wellen durch thauige Wiesen sich wälzte -- sein liebliches Murmeln,

das sich mit den Mollackorden der liebesingenden Nachtigall und dem

Instrumentalklang ferner Musikanten vermengte, das Echo, das diese

schmelzende Harmonie wiederklang, das Blinken der flimmernden Sternensaat

am bläuchlichten Himmel -- ein Herz voll sehnender Liebe -- alles das

wirkte auf Salassin bezaubernd, und führte ihn zu süssen Abendschwärmerein.

Allen Rasensitzen vorüber, durch alle Gänge der Allee, durch alle Hecken

und Büsche war er gewandelt, aber nirgends hatte sich ein Mädchen gezeigt,

das sich als die Senderinn des Briefchens an seinen Arm geschlossen hätte.

»Vermuthlich hat sich jemand den Scherz gemacht, mich ein bischen bei der

Nase zu führen. Doch das Vergnügen, das mir der schöne Abend im Freien

gewährt, entschädigt mich süß genug -- und ich will noch da bleiben.«

Er lagerte sich an den Bach unter dichtlaubigen Hollunder ins weiche hohe

Gras, zu seinen Füssen plätscherten die Wellen, am wurzelvollen Ufer, und

spielten mit Wasserröschen und Vergißmeinnichtblümchen. Eine Laute, die er

bei sich trug -- wie es damals Sitte ist -- wurde zum sanfttönenden Echo

seiner Gefühle ergriffen, er wühlte in den silbernen Seiten, und sang:

Im Abendthau

Näßt Flur und Au,

Der Dämmrung Grau

Beflort das Thalgemälde.

Mit Zweigen spielt

Der Wind und kühlt

Die Trift, und wühlt

Im wallenden Roggenfelde.

Der Frösche Chor

Hallt dumpf empor

Aus Wiesenmoor

Im Abendglocken Klange.

Sanft rauschen nach

Der Quell und Bach,

Sie singen nach

Das Echo vom Felsenhange.

Durch Astgeflicht

Und Blätter bricht

Des Vollmonds Licht

Und zittert sanft auf Moosen.

Die Sternchen streun

Blashellen Schein

Durch Dorngezäun

Auf junge verschloßne Rosen.

Ich irre lang

Mit regem Drang

Im Erlengang

Mit stillen Seelentrauern.

Ach liebend streicht

Die Wangen feucht

Auch sie vielleicht

Durch Wiesen in Ahnungschauern.

Und suchet mild

Im Mond das Bild

Das sie erfüllt

Und weint dem Wahn die Thräne,

Und sehnet sich

Nach mir, wie ich

Beklommen mich

Ans liebende Herzchen sehne.

Dann fächle du

O Lüftchen, Ruh

Der Bangen zu,

Daß frey ihr Herzchen schlage.

Und flüstre traut

Wie Flötenlaut,

Wo Kühlung thaut

Daß einsam, ich um sie klage.

Daß auf der Trift

Im Felsenklüft

Im Thalgedüft

Die Ruhe säuselnd walle,

Nur Quällenklang

Und Bachgesang

Zu meinem Drang

Mir stürmend im Innern halle.

Im Wiesenborn

Tönt Dumpf verworrn

Das Stundenhorn

Des jungen Tages Keime:

Vom Sternenfeld

Sank Ruh, sie hält

Des Dörfchens Welt

In Armen und bildet Träume.

Zur Ruhe schleicht

Die Wangen feucht

Auch sie vielleicht

Mit bangen Herzens Spannen.

Und kann allein

Im Mondenschein

Der Träumerein

Erregendes Bild nicht bannen.

Und sinnt und denkt

Den Blick gesenkt

Und scheucht gekränkt

Den Schlaf vom Augenliede

Dann glänze licht

Als Traumgesicht

Wie Rosenlicht

Der Sinnerinn, Seelenfriede.

Und Vollmond, du

Blick Trost und Ruh

Der Bangen zu,

Und lächl ihr sanft im Harme.

Und Lüftchen dich

Umschlinge ich,

Du flügelst mich

In ihre mir offnen Arme.

Eben klang die letzte Strophe, das geschäftige Echo nach -- Salassin

verstummte in stiller Wehmuth, und Schwärmerei, und blickte starr auf den

Spiegel des vorüber gleitenden Stroms, sieh da! Eine weiche Schwannenhand

schlang sich zärtlich um den überraschten Schwärmer -- und ein glühender

Kuß ward auf seine Lippe gedrückt. Er sah auf und -- Wellmine lag in seinen

Armen an seinem Herzen.

Der Jüngling entwand sich mit Kälte -- Wellmine -- bist du es? -- war sein

erstes, als er sich vom Ueberraschen erholt hatte.

Ja, Jüngling -- den ich unendlich liebe -- ich bins! Ach vergieb meiner

Zudringlichleit. Wenn in deinem Herzen auch nur ein Funke von dem Feuer

meiner Liebe brennt -- dann vergiebst du meiner Kühnheit, dich hieher zu

bestellen, dich überall aufzusuchen.

Guirlanden um Die Urnen der Zukunft Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte · 第 14 / 77 题