»Gewiß! gewiß!« versetzte Justine mit leuchtendem Auge, »zweifeln Sie

nicht, mein Vater, sonst läugnen Sie den Edelmuth in der Menschenbrust!

Die wildeste Gefahr droht uns. Wenn morgen der Feind dieses Thal

erstürmt, wenn sie Georg gefangen hätten, auf welchen ihre Blicke

gerichtet waren? Jetzt glauben sie ihr Opfer zu halten. Jetzt ist ihre

Aufmerksamkeit beruhigt. Jetzt können wir hoffen, während der muthige

James hingeht, um für den dankbarsten Freund in das Gefängniß zu

treten.«

»Sagen Sie: den Todesplatz!« rief Georg mit heftiger Bewegung in

ihre Rede, »Gefängniß büßt nicht das Vergehen gegen den knechtischen

Gehorsam, das ich verübte. Darauf steht der Tod!«

Justine wurde fast ohnmächtig. Krampfhaft packte sie Georgs, des

Vaters Hände. »Der Tod?« stammelte sie: »Entsetzlich! Gräßlicher als

ich je gefürchtet! Den Tod? Herr Georg! Für Uns soll er sterben? Nein!

das dürfen wir nicht zugeben! Vom Arrest hätte ihn Fürsprache, einst

vielleicht unser Geld, endlich gewiß die Zeit befreit.... aber den Tod

leiden? Nein! nein! guter James! es müßte kein Tropfen warmen Bluts in

unsern Adern rinnen, wenn wir hier noch zögern könnten! Kommen Sie,

Vater! kommen Sie, Herr Birsher!«

»Wie? wohin?« fragten Beide staunend. Das muthige Mädchen fuhr

aufgeregter fort: »Hinüber in's portugiesische Lager, zu den Füßen

des Commandanten! ihm alles zu entdecken, bei ihm um des armen Mannes

Freiheit zu betteln! Doch nein,« setzte sie bei, »ihr Männer versteht

die Sprache der Bitte nicht; ihr seid nicht thätig, nicht stark in

eurer trägen Betrübniß. Das Unglück rührt euch nicht, wie es das

Weib ergreift! -- Bleibt! _ich_ will gehen! allein! unbeschützt,

unbewacht! Es müßte kein Gott über uns leben, wenn ich nicht zum

Befehlshaber dränge! Ich kann freilich nicht wimmern, nicht weinen,

nicht schmeicheln; ich habe es nie gelernt; aber der Wahrheit wird

der Commandant nicht widerstehen, und der Portugiese wird die

Ritterlichkeit gegen Damen nicht verlernt haben!«

»Tochter!« rief Müssinger, sie zurückhaltend. »Was wollen Sie

beginnen?« ermahnte Georg. »In tiefer Nacht? des Wegs unkundig? Durch

unsre und des Feindes argwöhnische Posten? Der Tod lauert auf Sie. Sie

betrüben uns durch diesen Entschluß zum Sterben!« Justine warf einen

sehr ernsten Blick auf ihn, und entgegnete: »Monsieur, ich verstehe

Sie nicht, ich werde an Ihrem Herzen irre. Wissen Sie nicht mehr, daß

James meinen Vater gerettet? daß er mich über Land und Meer geführt

hat? mich, Ihre Braut? _er_, der mich liebte? auf dessen Liebe ich

jetzt erst stolz werde? Zu diesem Allen mögen Sie wissen, daß ich ihm

herzlich gut war, daß ich ihn jetzt doppelt ehre, nachdem so Vieles

ausgeglichen, nachdem er diese Heldenthat begonnen! Und Sie, der

starke, besonnene Mann, Sie, den ich vorzog aus Ueberzeugung, Sie

können mir verwehren....?«

»_Weil_ ich besonnen bin,« fiel Georg gekränkt und heftig ein, »wenn

Sie gleich an meinem ehrlichen Herzen zweifeln sollten!«

»Justine!« bat der Senator mit all' der Lebendigkeit, die ihm sonst

zu Gebote gestanden, »wenn du die Worte des Freundes nicht hörst, so

vernimm die des Vaters. Was Georg Birsher nicht sagt, muß _ich_ sagen.

Deine heftige Begeisterung führt dich und uns in's Verderben! Geh hin!

verrathe durch deine vergebliche und unbesonnene Fürbitte deinen besten

Freund, deinen Bräutigam. Weihe _ihn_ dem Tode, weil er an dir hing,

und nicht weiter vor seinen Widersachern floh. James Unschuld muß an

den Tag kommen. Sein Regiment wird ihn nicht erkennen, seine Täuschung

entdecken: die Menschlichkeit des Statthalters ihn mit leichter Strafe

belegen. Alles wird dann gut, und des Jünglings Bewußtsein versüßt ihm

tausendfach die Haft. Du willst das gefährliche Spiel umkehren. Um

den wenig bedrohten Freund zu retten, schleppst du den biedern Georg

in's Grab; Georg, den du achtest und ehrst, -- Georg -- dessen Weib du

werden sollst, -- Georg, den du liebst, innig liebst, -- wenn sich auch

dein Gefühl hinter die Maske der gleichgültigen Förmlichkeit flüchtet.«

Justine stand wie eine Bildsäule, mit niedergeschlagenen Augen. »Nicht

so hart!« bat Georg den Vater. Müssinger fuhr jedoch, wie oben, fort:

»Ich weiß, daß ich dein Herz verwunde; aber es ist von Erz, und muß

stark berührt werden, soll die Glocke wohlthätigen Klang geben. Sieh,

Justine, welchen Jammer du mir bereitest. Ich habe Alles verloren:

Habe, bürgerliche Ehre, mein eigenes Bewußtsein. Alles gut zu machen,

habe ich nur _Dich_. Von der Heimath, dem lieblosen Weibe und meinen

Gütern geschieden, ist mein einzig Glück noch in der Hoffnung auf

deinen Ehebund gegründet. Willst du durch den raschen, unüberlegten

Schritt uns Alle verderben? dich zur Beute des Soldaten, -- _ihn_« auf

Georg deutend, -- »zum Schlachtopfer, und mich zum verwaisten Greis

machen?«

Die heftige Rede erschütterte die Tiefen in Justinens Brust. Eine

Fluth von Thränen schoß aus ihrem Auge, sie warf sich an des Senators

Brust, und schluchzte: »Vergeben Sie, grausamer Vater, ich hatte das

nicht bedacht! ich bin ja nicht böse; um Gotteswillen; wie möchte

ich, ohne zu schaudern, daran denken, den Herrn hier zu opfern, der

mir so -- werth, so achtbar ist? Glauben Sie das von mir?« setzte sie

fragend, und zu Birsher gewendet, bei, und mitten durch den Schmerz

ihres Antlitzes zuckte ein anmuthiges Lächeln, das Georgs trüben Ernst

besiegte, daß er ihre Hand ergriff, und sagte: »Bewahre mich der

Allmächtige, daß ich solches von meiner Braut glauben könnte. Diese

Stunde hat von der Vortrefflichkeit Ihres Herzens ein neues Zeugniß

gegeben, und für James bin ich unbesorgt, denn aus den Wolken hat der

Herr Ihren -- den heiligsten -- Schmerz gesehen. Des jungen White

Angedenken folge Ihnen unverkümmert in meine Heimath! Fern sei es von

mir, es zu verwischen, meines Retters Gedächtniß, und wenn wir zur

Heimath gelangen, und wenn Gold seine Fesseln brechen kann: mein ganzes

Vermögen sei nicht zu viel, die Riegel seines Kerkers aufzuschließen:

mein Haus nicht zu klein, den Vertriebenen auf ewig aufzunehmen!«

»Nicht also, Herr Birsher,« sagte Justine gemäßigt; »es sei uns eine

Freude, in der Ferne sein Glück zu begründen; doch in unserer Familie

weile er nicht. Ich würde Sie und mein eigen Gefühl beleidigen, wollte

ich, indem ich dieses sage, einer eingebildeten, unmöglichen Schwäche

mißtrauen. Ich bin eisern fest und eisern treu, mein Herr! aber James

würde unglücklich, und -- Sie werden sehen, -- ich müßte seinen

Charakter nie gekannt haben, -- oder er schlägt unsern Antrag rund aus

dem Felde, ginge es ihm noch so schlimm.«

»Es ist beinahe sonderbar,« versetzte Müssinger mit leichtem Lächeln,

»daß wir hier so ernsthaft bereden, wie wir das Glück eines Menschen

machen wollen; und uns selbst umschließt ja noch die Wüste, uns selbst

blüht nicht die Hoffnung, jemals in den sichern Port von New-York

zu gelangen, .... wir selbst sind eher dem Schicksale unterworfen,

unter der Portugiesen Säbel zu fallen, als jemals frei zu werden! Der

gute, arme Münzner ist uns wahrscheinlich auf dem Wege zum Himmel

vorangegangen, und uns fehlt noch die Heimath!«

»Ach, das süße Vaterland!« seufzte Georg in seinem vaterländischen

Idiome.

»Gesegnet sei es!« antwortete ihm eine Mannsstimme in denselben Lauten.

Georg erkannte beim Schimmer der Laterne den Landsmann und Schulfreund,

Harry Haverly. Dessen Gefährten traten vorsichtig und leise auch herbei.

»Gott sei gedankt, daß ich Euch hier finde,« fuhr Harry fort, »das

weissagt uns ein gutes Glück, das wir nicht gehofft.«

»Was soll die räthselhafte Rede?« fragte Georg entgegen. »So wißt Ihr

denn nicht,« sagte Harry, »daß seit länger als einer halben Stunde der

alte Bettelmönch mit seiner ganzen Schaar in aller Stille abgezogen?

Vor einigen Minuten kam, nachdem sich unsere Wache verloren, ein

Neger, der uns die Kunde brachte, unsere Bande löste, und sich eiligst

davon machte. Wir gingen auf's Gerathewohl umher, berathend, was wohl

anzufangen sei, als ich das englische Wort hörte, das mein Herz erbeben

machte. Wie kommt es jedoch, daß Ihr nicht zu den Abgezogenen gehört?«

»Man hat uns mit Vorbedacht zurückgelassen!« entgegnete Georg nach

einigem Ueberlegen: »in's Himmels Namen denn! Wer bis hierher half,

wird auch weiter helfen.«

»So ist denn das Unglück noch nicht müde, uns zu verfolgen!« brach

der Senator mit Unwillen aus. Justine beruhigte ihn durch ihren Muth.

»Mein lieber Vater!« sagte sie: »folgten wir denn bisher dem Glücke?

Welches war unser Loos im Gefolge jenes alten Priesters? Flucht und

Verfolgung; wie _vor_ dem Einfall der Portugiesen ein Zwang, der dem

freien Herzen widersteht. Wir sind uns jetzt selbst überlassen. Bessern

konnten wir nicht anvertraut werden; mit uns wird der Herr sein! Vater!

Herr Birsher! fassen Sie einen Entschluß, wie er sich auch gestalte;

vergessen Sie in mir das zärtere Weib. Ich werde Alles unternehmen,

weil es gilt, meinen schwachen Vater zu unterstützen.«

»Der Entschluß sollte nicht schwer fallen,« meinte Harry Haverly: »wir

vier bieten unsre Hände zur schnellsten Flucht, wenn Sie es nicht

vorzögen, nach dem portugiesischen Lager zu gehen, oder den Einmarsch

der Soldaten in dieses Thal zu erwarten, der sich nach Tagesanbruch

nicht verzögern dürfte. Es steigen Raketen aus dem benachbarten Thale

auf, ohne Zweifel ein Zeichen für nachrückende Truppen.« »Nein! nicht

zu den Portugiesen!« riefen Justine und der Senator mit besorgten

Blicken auf den gefährdeten Georg.

»So folgen Sie uns,« entgegnete Harry Haverly: »Wir haben triftige

Gründe, die Bekanntschaft jener Herren zu fürchten. Unsere Papiere

und unsere Sendung sind nicht die richtigsten. Wir sind die Agenten

einer Handels-Compagnie, die sich gebildet, um die spanischen und

portugiesischen Besitzungen, die so sorgfältig vor uns geheim gehalten

werden, zu erforschen, und zu erwahren, wie hoch sich im Besonderen

der Reichthum an Metallen und edeln Steinen belaufen möge. Wir sind

Alle von New-York, und kehren dahin zurück, weil wir hier die Grenzen

_unserer_ Mission berührten. Ist es Ihnen gefällig, meine Freunde,

unserem Trupp sich anzuschließen, so verbürge ich eine gute, fast

bequeme Reise an den Strand. Die größere Zahl macht größern Muth, und

einem Landsmann sammt seinen Freunden zu helfen, ist unsere Pflicht.«

»Ihr seid falsche und unrichtige Gesellen,« sagte hierauf Birsher

mit gerunzelter Stirne: »mit Spähern und Paß-Fabrikanten, und in

Katholiken vermummten Protestanten habe ich nicht gerne zu thun: ich

mag's Euch nicht verhehlen. Da jedoch Gottes Hand uns so sichtlich hier

zusammenfügte, mag's geschehen, wie du meinst.«

»Eine große Ehre, wackerer Georg!« erwiderte Harry Haverly lachend.

»Du warst von jeher ein steif und altklug gehender Bursche. Du siehst

jedoch, daß dein gerader Gang dich nicht um ein Haar breit weiter

brachte, als uns die Schlangenlinie. Wir sind dem Sittenprediger nicht

böse, und denken, er werde zu besserer Einsicht kommen.«

»Wollen wir uns auf den Weg machen, so denke ich, wir thun es

alsobald!« rief Müssinger ungeduldig: »Auf, meine jüngern Freunde! wenn

mein altes Herz nach Freiheit dürstet, -- wo bleibt Eure Sehnsucht?«

Alle erklärten sich bereit. »Werden Sie nicht zu schwach sein, allein

zu gehen, mein Vater?« fragte Justine. »Stützen Sie sich auf meinen

Arm, Ich ermüde nicht unter dieser Last.«

»Lasse mich!« antwortete Müssinger. »Ich fühle mich stark; Glieder,

Herz und Gewissen frei und leicht. Sollte ich dennoch ermatten, -- ein

Blick auf meine beherzte Tochter würde mich schnell erkräftigen.«

Von den Streiflichtern des nahenden Morgens geführt, betraten die

Wanderer die Pfade, auf welchen die New-Yorker Diamantenspione

hergekommen waren. Haverly wußte mit ziemlicher Bestimmtheit den Weg

zurück zu finden: Die Schwierigkeiten häuften sich nach und nach. Mühen

und Bedürfnisse wurden fühlbar. Alles jedoch überwand der menschliche

Muth im Verein mit der gütigen Natur. Hatte ein steiniger Absturz die

Füße der Wanderer gelähmt, und ihre Geduld erschöpft -- flugs breitete

sich ein herrlicher Wiesenteppich aus, sie zu versöhnen. Hatte glühende

Sonne ihren Scheitel versengt, schnell erstanden vor ihnen duftende,

hallende Schatten des Waldes. Quälte sie Hunger, die nächsten Büsche

gaben wohlschmeckende Früchte; peinigte sie der Durst, -- der nächste

Fels gab einen Waldstrom, einen silbernen Quell. Sie flohen die Nähe

wilder Menschenhorden, -- das wilde Thier ging ihnen aus dem Wege, und

von Tag zu Tag wuchs ihr Vertrauen, und ihre -- selbst des verwundeten,

von Justinen's Hand gepflegten Georgs -- Kraft. Da stiegen sie endlich

hernieder aus den Gebirgen in die Thäler, in das trauliche Dorf, in

die stille Pflanzerwohnung, wo neben dem Fleiß, der Genügsamkeit und

der Frömmigkeit, auch die Gastfreundschaft zu Tische sitzt, und als

sie an die erste Kirche kamen, wurden ihre Gefühle noch milder und

erhebender. Die Protestanten standen entblößten Haupts, mit andächtigen

Mienen, vor dem Tempel der feindlichen Religionspartei, die Gegenwart

des Allmächtigen, dem sie zu danken hatten, in diesen Räumen, wie in

ihren eigenen Kirchen, ahnend. Der Senator betrat allein das kleine

Gotteshaus, warf sich nieder vor dem schlechten Bilde des Altars: er

war, wie das Kirchlein, der heiligen Clara geweiht. Hier betete er zu

dem Ewigen mit Worten, hier in Gedanken und Gefühlen zu der Clara, die

er auf Erden gekannt, die er in dem Himmel verehrte. Hier gewann er

neues Vertrauen auf eine leitende Vorsehung; _hier_ nahm er Abschied

von dem Cultus, dem er nur kurze Zeit, im Verborgenen, angehört. Denn

ihm bedünkte, als ob Clara's Stimme aus den Wolken riefe: »Dein Unglück

begann, seit du falsch gegen mich gewesen. Du hast gebüßt, und der

Glaube, den du damals leichtsinnig gelogen, hat dir die Buße recht

schwer gemacht. Ermuthige dich jedoch, tritt aus dem Kreise, der dich

nur wie ein Zauber umschließen konnte. In meiner seligen Wohnung ist

nur _eine_ Wahrheit. Getrost! wir werden uns wiederfinden.«

Aus der Kirche getreten, warf sich Müssinger an der Tochter, des

Eidams Brust, und sagte heftig, aber gerührt: »Nehmt mich jetzt hin,

meine Kinder. Ich bin jetzo wieder ganz der Eurige geworden. Nehmt den

Bettler hin, und macht mich wieder reich im Abglanz Eurer Liebe!«

Nun ging es im Fluge vorwärts, denn in einem von bevölkerten

Ortschaften entlegenen Meierhofe fanden die Herren Haverly und

Compagnie ihre Wagen, mit rüstigen Pferden bespannt. Immer mehr dem

Uferlande sich nähernd, jauchzten die Reisenden ihrem Ziele entgegen.

Kein gefürchteter Alkade, -- sie bückten sich alle vor dem Namenszuge

des königlichen Statthalters auf dem zweifelhaften Passe, -- hinderte

die Fahrt. Nirgends ein Soldat von dem Milizenregimente, in welchem

Georg hatte dienen, die Messe besuchen und leiden müssen. Unverrückt

ging eben und gerade der ersehnte Weg. Dort lag endlich der Hafenort,

umspült von schäumender Meeresbrandung. Dort flatterten die Wimpel des

vertrauten Amerikanerschiffs. Keine Zeit wurde verloren. Die Agenten

schlossen ihre Berichte, die Schiffer ihre Fässer und Kisten. Birsher

führte triumphirend Braut und Vater auf das erwünschte Fahrzeug. --

»Hier ist schon Heimathboden!« rief er fröhlich, und Alle dankten dem

Lenker über den Sternen, als der letzte Ballen, der letzte Passagier,

an Bord gekommen. Die Anker wurden gelichtet, die Flaggen aufgezogen,

und hinaus in das ruhige Meer trieb der von siegreichen Hoffnungen

befrachtete Kiel. Die See war gnädig, wie der Himmel es bisher gewesen.

Die Fahrt war mit Segen bekränzt. In kurzer Zeit wurde die Strecke

zum Asyle zurückgelegt. Endlich -- an einem lieblichen Morgen, --

kaum hatte die Sonne die Nebel überwunden, -- riß sich die Ansicht

einer freundlichen Stadt vor den entzückten Reisenden auf. Hier die

Rhede, dort der Flaggenthurm; hier die Festung mit ihren Fahnen und

blinkenden Waffen, dort die lebendigen Landungsplätze: Gewimmel von

Schiffen um sie her, -- wehende Wimpel, blendende Segel! die Kanonen

donnern von Schiff und Kastell. »Hurrah!« rufen die ungeduldigen

Matrosen. »New-York!« ruft Georg Birsher, und drückt frohlockend, und

allen förmlichen Zwang vergessend, die geliebte und liebende Justine

an die Brust. Stadt, Festung, Hafen und das darinnen webende Volk,

ankerhaftende Schiffe und bewegliche Meereswellen nimmt der Edle zu

Zeugen des Eides, den er ablegt, seine Liebe glücklich zu machen, --

und Georg Birsher hat nie sein Wort gebrochen.

* * * * *

Es waren mehrere Jahre verflossen, als sich eines Abends, bei noch

funkelndem Sonnenglanze, mehrere Reiter dem Dorfe Santa Dominica

näherten. Drei derselben, bewaffnete Diener, wie es schien, blieben

ehrfurchtsvoll hinter dem Vorausreitenden, der, ein junger Mann, mit

vernarbtem, kriegerischem Gesichte, eine goldverzierte Uniform unter dem

schlichten Mantel bergend, bald schnell ritt, die Gegend wie mit

begeisterten Augen überschauend, bald langsam, den trüben Blick zu Boden

schlagend. Die Diener schwiegen, wie die von Arbeitern leeren Felder,

und der Herr sprach leise mit sich selbst. »Dort liegen die neuen,

muntern Hütten!« sagte er, »der Ort, den ich, auf la Guasta, in dem

Thale des guten Jesus stehend, mit klopfendem Herzen herbeiwünschte, er

ist da. Werde ich ihn wieder froh verlassen, den ich froh und ahnend

betrete? Da sind die bekannten Wege; dort steht die Kirche, dort liegt

des Pfarrers Hof! Ehrwürdiger Luis! Wo bist du, du mein Tröster?«

Der edle Mann war heimgegangen. Frische Tamarinden, die er so sehr

geliebt, beschatteten sein Grab mit leichtem Blättergewebe. Unter dem

Thore seiner ehemaligen Wohnung stand ein Anderer: ein Geistlicher,

mit vornehmem, flachem Gesichte; rauchte seine Cigarre, grüßte den

Reiter herablassend, und sendete ihm, da dieser betrübt vorüberzog,

eine Dienerin nach, ihn zur Herberge einzuladen. Die Magd trug

abiponische Züge. Der Offizier redete mit ihr. »Wo ist Euer Pfarrer

Luis?« -- »Dort!« antwortete das Weib und deutete gen Himmel und nach

dem Kirchhof. -- Des Reiters Auge wurde naß. »Ich habe nichts mit Eurem

jetzigen Pfarrer zu schaffen,« sagte er, wiewohl milde. »Danke ihm,

mein Kind, in meinem Namen, und sage du mir, wo ich die schöne Ines

finden mag. Sie ist aus deinem Stamme, wie mir bedünkt.« -- »Ines,

Herr? Wir heißen Alle Ines.« -- »Die Tochter Euers Kaziken, die einst

verlorne Misinga?«

Das Weib zeigte nach einem seitwärts liegenden hübschen Meierhofe,

von Palmen umweht. »Fragt dort nach Misinga, Herr!« sagte die Magd

und ging gleichmüthig davon. Der Reiter trieb das Pferd; in einer

Minute stand er am Gatter des Hofs; ein Mann kam freundlich entgegen,

lüftete den Strohhut. »Fernandez Vereira!« rief der Ankömmling, vom

Pferde springend. -- »Sennor White!« antwortete der Andere, und bot

ihm freundlich die Hand. »Ihr hier? Ihr da?« wiederholten Beide einige

Male, und in den schattigen Vorsprung des Gebäudes, zu herrlichem

Weine, zog den Offizier der Meier. »Die Flucht aus Egypten bekam

mir wohl,« sagte er zu dem Besucher; »wir verbargen uns hier, unter

den Flügeln des wackern Luis. Mein Vater erhielt in der Folge seine

Begnadigung, und löschte dann seine Lampe. Ich bin hier geblieben, --

ein schlichter Bauer, -- und mir würde zu dem Glücke meines Lebens

nichts fehlen, hätte ich den lieben Vater, hätte ich den Pfarrer Luis

noch, die beide fast an einem Tage in's ewige Vaterland gingen.«

»Beneidenswerthester!« entgegnete James, schwermüthig seine Hand

drückend. »Mich Armen flieht das Glück, wenn's mich auch noch mit

mehreren Goldgalonen bekleidete. Ich hatte mich für Freund Georg

hingegeben. In San Sebastian wurde meine List entdeckt. Der Kommandeur,

gerührt und menschlich, gab mir schnell die Freiheit, und der

Statthalter, eine That bewundernd, die doch so natürlich war, verlieh

mir den Rang eines Sergeanten. Meines Pflegers, meiner Hoffnungen in

der alten wie in der neuen Welt beraubt, schlug ich ein, und trug die

Hellebarde heldenmüthig für den König, den ich nicht kenne, für das

Land, das ich nicht liebe. Es war aber von jeher mein Loos gewesen,

das thun zu müssen, dem mein Herz widerstrebte, und die Erlösung von

des Lebens Fesseln suchte ich in dem kriegerischen Stand. Auch diese

Hoffnung trog. In den Gefechten mit den widerspenstigen Eingebornen

suchte ich den Tod, und fand Rang und Ehre. Ich bin Capitän geworden,

könnte alle Freuden des Lebens genießen, -- verschmähe sie, und suche

sie hier -- hunderte von Meilen von St. Sebastian entfernt -- in der

Erinnerung an eine schmerzlich-süße Zeit. Ich finde jedoch nur Gräber!«

»Auf ihnen wächst das Gras, wie einst auf den Unsrigen,« bemerkte

Fernandez: »Laßt indessen auch Gras über den Argwohn und Verdacht

wachsen, den ich vor Zeiten gegen Euch und Eure Freunde hegte. Ich habe

Eure Handlungen würdigen und weiser sein gelernt... Was ist aus diesen

Freunden geworden, mein biedrer Herr?«

»Mein Pflegvater ist nach Deutschland zurückgekehrt,« versetzte James

seufzend: »zu spät, als schon Soldatenpflicht mich band, erfuhr ich

es. Ich hätte ihn nie verlassen. Der Senator lebt bei seinen Kindern

in New-York, wie ich vernahm; und glücklich, wie es heißt, hat sich

Aller Loos gestaltet. Ach, wie wünsche ich es ihnen! Mag mir der Himmel

zürnen, wenn er nur Justinen lacht. In ihrer und ihres Gatten Tugend

liegt der Segen, -- nicht in Birshers Reichthum, nicht in Müssingers

Banknoten, die --«

»Die er verlor,« fiel Fernandez ein: »Luis Verwendung nützte nicht. Die

Väter des Collegiums zu Assumcion läugneten das Leben des Senators,

prunkten mit dem Testamente, und haben, es zu vollstrecken, die Sennora

Müssinger zu Cordova bei den Carmeliterinnen einkleiden lassen.«

»Justine?« fragte James bestürzt: »ich falle aus den Wolken! Ist's ein

Scherz oder ein unbegreifliches Räthsel?«

»Eine begreifliche Bosheit,« antwortete Fernandez mit verächtlichem

Achselzucken, »wenn es wahr ist, was Vater Luis behauptete: daß das

Provincialat zu Cordova eine Französin, die Euch hierher begleitet, und

sich in der Mordnacht auf dem Schiffe der Jesuiten gerettet, gezwungen

habe, unter dem falschen Namen der Sennora Müssinger in jenes Kloster

zu treten.«

»Abscheulich!«

»Und nicht zu bezweifeln. Luis verläumdete nicht, und war selbst nach

Cordova gereist. Die Ueberzeugung, daß weder Müssinger noch seine

Tochter jemals wiederkehren würden, ihre Ansprüche zu behaupten,

die Begierde nach den bedeutenden Summen des Testaments waren die

Triebfedern, und die schwere Ordensregel hindert das arme Schlachtopfer

der trügerischen Willkür auf ewige Zeiten, ihre Beschwerden öffentlich

zu machen!«

»O! So hat auch diese, in den Netzen, die sie weben half, befangen,

ihre Strafe gefunden!« sagte James, nachdenkend vor sich hinstarrend:

»der Fluch, der diese Werkzeuge verfolgt, läßt in mir fast nicht die

Hoffnung aufkommen; raubt mir fast den Muth, Euch, mein verständiger

Fernandez, nach der schönen Ines, der Tochter des abiponischen

Oberhauptes zu befragen.«

»Ines? Des Kaziken Tochter? Was führt Euch zu dieser Frage?«

»Ich bin des Einsiedlerlebens zu St. Sebastian müde geworden. Dort

habe ich kein Herz gefunden, mit dem ich, was das Schicksal mir gab,

theilen möchte. In Paraguay hat mir einst von Glück geträumt, -- von

einem Glücke, das ich schnöde abgewiesen, um eines Schattens willen,

der zerfloß; um einer Hoffnung willen, die entschwand. Freund! ich will

offen gegen Sie sein, mich redlich aussprechen. Misinga-Ines hat mich

einst geliebt, mir's gestanden. Das Andenken ihrer Unschuld, ihrer

liebenswürdigen Neigung, ist lebendig vor mich hingetreten. Wie mich

einst, durch räthselhaften Traum verkündet, das Bild der Versagenden

in die Gebirge lockte, weit von der Gewährenden weg, so zog mich

jetzo das Bild dieses holden Indianerkindes über Berg und Thal, Strom

und Savanne. Hier soll ich es finden. In Eurem Hause soll ich seinen

Aufenthalt erfahren. O sagt ihn mir. Bei Ines allein kann mein Herz

gesunden; das wunde an einem liebenden. Zu ihren Füßen will ich die

Güter des Lebens niederlegen, sie beschwören, mein eitles Glück mit mir

zu genießen; ihr Gatte sein, von ihr beweint hinübergehen!«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 31 / 32 段