Münzner nannte sich, seine Heimath, sein Profeßhaus, seine Sendung

nach Amerika. Der Assistent lächelte zufrieden und sagte: »Ihr Name

ist mir bekannt, das Haus Minhao zu St. Sebastian führt ihn in seinen

Registern und Correspondenzen. Ich fasse Vertrauen zu Ihnen, wie unsere

Pflichten es wollen. Sie drücken sich aber nicht klar aus. Seit Ihrer

Entfernung aus der Savanna unfern Dominica bleibt eine Lücke, die

Sie nicht ausfüllen wollen. Wenn Sie dem Soldaten allein nicht Rede

stehen wollten, kann ich's nicht schelten. Das Volk mit dem Degen nimmt

häufig das Prae vor unserm Stande und Beruf. Mir gegenüber ist es ein

Anderes. Sie sollen wissen, daß ich auf Befehl des hochwürdigen Paters

General zu Rom mich hieher verfügt habe. Längst haben wir Kunde von dem

»guten Jesus in den Wildnissen,« und den dort herrschenden Usurpatoren.

Theils aber, um die spanische Krone in ihrer Unwissenheit zu lassen,

-- theils aus Mangel an energischer Unterstützung unsers Statthalters,

ließen wir die Einverleibung jener Gemeinden in den Schooß derer

Missionen, die _Uns_ mit Fug und Recht gehören, dahin stehen. Endlich

ist der Augenblick gekommen. Hinreichende Mannschaft unter dem Commando

eines Brigadiers begleitet mich. Wir stehen an den Pforten jenes

lichtscheuen Staats, um ihn für den König und den Orden zu behaupten.

Zwei Kundschafter des elenden Franciskaners, der dort regiert, sind in

unsere Hände gefallen. Das Geheimniß unsers Anrückens ist unverletzt.

Wir sind im Besitz aller nöthigen Weisungen. Aus Ihrem Munde, dem

eines Gebildeten, Vertrauten, wünsche ich nun den obigen Aufschluß zu

erhalten. -- Weigern Sie sich noch, und stempeln sich dadurch als einen

Theilnehmer jener Usurpation? als einen Verräther an den Interessen

unserer Gesellschaft?«

»Mein Vater!« unterbrach ihn Münzner mit lebhaftem Unwillen bei der

letzten Frage. »Das Wohl unsrer heiligen Gesellschaft geht mir über

Alles, bin ich gleich das unwürdigste ihrer Glieder.«

»Sie sind zu bescheiden,« versetzte der Andere mit schmeichelnder

Ueberredung; »es hängt nur von Ihnen ab, auf der Stelle ein sehr

würdiges zu werden, indem Sie in meinem Wunsche den des gesammten

Ordens befriedigen.«

»O, mein Vater!« rief Münzner bewegt; »erlassen Sie mir diese

Nothwendigkeit. Ich müßte Dankbarkeit und Freundschaft mit Füßen

treten. Ich bin ein einzelner schwacher Mensch; ich kann Ihres

Unternehmens Fortgang nicht aufhalten; aber Sie bedürfen meiner eben so

wenig, um es zu beschleunigen.«

»Sind Sie ein Bruder der heldenmüthigen Congregation, aus der der

kühne und kluge Jacob Lainez, der glaubensstarke Xaver hervorging?«

fragte der Pater Assistent mit dem Tone des Vorwurfs. »Wollen Sie eitle

Privatverhältnisse vorschützen, wo die Gesellschaft von Ihnen ein so

geringes Opfer, ein Paar Worte, fordert? Sind Sie der Sprache der

Vernunft und der Bruderliebe unzugänglich, so folgen Sie der Stimme des

Gehorsams. Bei ihrem Gelübde, Pater Xaver. Ich stehe hier an der Statt

unsers würdigsten Generals, und befehle Ihnen, mir ohne Umschweife

Alles mitzutheilen, was Sie wissen.«

Der Befehl erschütterte den Pater Xaver auf's Aeußerste. Eine grimmige

Verachtung gegen den hartherzigen Gebieter war sein erstes Gefühl;

Ehre, Furcht vor den beschworenen Statuten seines Ordens, das darauf

folgende. Einen bittern Kampf aushaltend zwischen dem Vortheil der

Freunde und dem gelobten Gehorsam, erblaßte er bei dem Siege des

Letztern. Was ihn aufrecht erhielt, war die Betrachtung, daß ja ohnehin

die Colonie bereits in den Händen der Bedränger sei, und daß seine

Aussagen nur versöhnend, nicht verschlimmernd wirken konnten.

»Die Kundschafter, von denen Sie sprachen, mein Vater, haben Ihnen

bereits entdeckt?«

Der Pater Assistent nickte gespannten Blicks mit dem Haupte.

»So bin ich bereit, Ihnen der pflichtschuldigen Gehorsam und Demuth

zufolge, nicht länger das Wenige zu verhalten, was ich weiß.«

Der Verhörende begann seine Fragen: »Sie begriffen so gut als Alles:

die Lage, die Einwohnerzahl, die Regierungs- und Religionsform, die

militärische Stärke, die Produkte der Colonie zum guten Jesus.« Münzner

wurde von einer Frage zur Andern gezogen, mit dem subtilen Scharfsinn,

der schon zum Voraus aus den funkelnden Augen des Assistenten sprach.

Der Jesuit notirte sich Namen und Zahlen in dem Taschenbuche, und drang

darauf, den Weg nach der versteckten Gemeinde deutlich angegeben zu

wissen. Als nun Münzner mit der Behauptung der eigenen Unwissenheit

hervortrat, und der Assistent immer dringender, immer härter wurde,

so entschlüpfte dem staunenden Pater, nachdem er ungefähr die

Himmelsgegend angegeben, nach welcher der »gute Jesus« lag, die Frage:

»Aber wie ist es möglich, mein Vater, daß die gefangenen Emissarien

Franzisco's, -- als Eingeborene des Thals -- Ihnen nicht die genaueste

Auskunft gegeben haben sollen?«

Der Pater Assistent antwortete nicht, aber wohl stürmte der Brigadier

zornroth in das Gemach. -- »Sehen Sie die Folgen Ihrer Langmuth,

mein Vater?« rief er wie wüthend: »Hätten Sie doch zugegeben, daß

meine Soldaten die Hunde von Topinambou's, von elenden Indianern, mit

brennenden Lunten zum Geständniß peinigten! _Nun_ erfahren wir von den

verdammten Spionen Franzisco's keine Silbe mehr. Sie haben sich in

ihrem Loche mit der Zunge erstickt, und spotten unsrer, kalt und steif,

wie sie sind!«

»Richtig, Ihro Excellenz,« versetzte der Assistent lächelnd und

kaltblütig; »die Bursche haben ihren Lohn dafür, und, wenn sie selbst

schweigen, so redete doch der gute Pater hier um so mehr!«

Triumphirend wies er dem Brigadier die Schreibtafel hin. Dieser riß

die Thüre auf, und rief hinaus: »In Ordnung, Soldaten! Die Sache hat

sich gewendet! Wir ziehen nicht ab!« -- Münzner, die Bosheit seiner

Handlungsweise durchschauend, sank auf die Bank, und verhüllte sein

Gesicht. »Sie haben mich bitter getäuscht!« sagte er: »Ich bin nun der

einzige Verräther. Jene Wilden, die für ihren und ihrer Freunde Heerd

starben, sind Heilige geworden!«

»Ihr blasphemirt!« rief ihm der Pater Assistent zu: »Eurer

schwachherzigen Tücke setzte ich erlaubte List entgegen. Simson

gebrauchte sie auch gegen die boshaften Philister. Ihr habt die

Gesellschaft und den Heiland durch Euer Benehmen beleidigt. Ihr lebtet

im Einverständniß mit dem Rebellen im Thale, mit den Unterthanen des

Franziskaners! Ich wittre eine schwere Schuld in Euerm Leben. Ich werde

dafür sorgen, daß Ihr plötzlich nach St. Sebastian gebracht werdet, um

in unserm Hause abzuwarten, was über Euch beschlossen werden dürfte.

Mindestens ist's unsre Pflicht, solch heuchelnd Unkraut wieder nach

Europa zurückzuwerfen, woher es uns gekommen.« --

Er verließ den Pater Münzner in der trostlosesten Lage, und ließ

wirklich ein kleines Commando beordern, das ihn auf der Stelle nach

St. Sebastian führen sollte. Münzner wollte nun noch das Letzte thun:

um Schonung seiner Freunde, um gütige Behandlung seines Pflegesohns

bitten. Der Assistent verschloß seine Ohren vor ihm. Er wurde einsam

bewacht. Erst nach mehreren Stunden, nachdem Botschaft von der Vorhut,

die sich nach der, von Münzner bezeichneten Richtung, vorwärts begeben

hatte, angekommen war, daß man von einem wohlverborgenen, noch nie

entdeckten Klippenhügel das Thal überschaue und Häuser darinnen

unterscheide, machten die Truppen, die heute unverrichteter Sache den

Rückmarsch hatten antreten sollen, da ihnen Lebensmittel ausgegangen,

Aufbruch. Im selben Augenblicke wurde Münzner auf das ledige

Maulthier eines Marketenders gesetzt, und auf den, dem »guten Jesus«

entgegengesetzten Pfaden, fortgebracht. Mit welchen Gefühlen er die

lange Reise antrat?

Muthiger, mit hochschlagender Brust, mit Durst nach eingebildeten

Schätzen, ging die Mannschaft des Brigadiers weiter, aber stille,

behutsam, vorsichtig. Der Abend senkte sich nieder, als die Soldaten

nach unsäglichen Mühen an den Rand des Thalkessels gelangten und

von den Höhen auf die stille Colonie niederblickten. Die jenseits

postirten Wachen gewahrten die furchtbaren Fremdlinge, und Alarmschüsse

durchzitterten die Luft. Rings um die Wachtpostenkette ging der

Feuerlärm. Bald wimmelte es im Thale. Die rüstigen Leute liefen aus

Höfen und Häusern zusammen. Waffen glänzten überall. Noch standen die

Portugiesen unschlüssig, keines dienlichen Pfades ansichtig, der sie

in Masse herunterführen möchte. Da wollte das Unglück, daß Montehol,

der kühnste Kletterer aus Trazos-Montes, ein aufspringendes Wild

verfolgend, sich längs den Felsen hinabwarf, und in den vorsichtig

verborgenen, von einem Wachthause verschlossenen Hohlweg gerieth,

der in die Thalschluchten führt. Der unerschrockene Bursche schrie

laut seinen Kameraden zu. Einige Schüsse aus den Schießscharten des

Wachthauses streckten ihn nieder, aber -- in seinem Blute schwimmend,

von den Kugeln der Feinde zerfleischt, -- rief er, bis sein Leben

verlosch: »Hieher! Milizen! hieher! Es lebe der König und Portugal!«

Der willkommene Ruf hatte Erfolg. Die Menge stürzte sich in den

Hohlweg, nicht aufgehalten von den mörderischen Schüssen, die geübte

Hände hinter der Wehrmauer nach ihnen richteten. »Im Namen der Jungfrau

Maria und aller Heiligen!« schrieen die Soldaten und der vorarbeitende

Trupp der Schanzgräber mit den Beilen in der einen und der Picke in der

andern Faust, stürzten wie die Löwen auf das Thor des Verhau's, während

ihre Hintermänner mit Granaden das Dach des Hauses in Brand steckten.

Der Hohlweg war gedrängt voll von Stürmern; und diesem Andrang, wie

dem Brande und den Axthieben der Pioniers mußten endlich Gatter, Angel

und Riegel weichen. Der Wachtposten Franzisco's war in zögerndem

Rückzuge begriffen, und vom Thale herauf kam ein ansehnlich bewaffneter

Haufe, und aus großen Standröhren schossen die gegenüberstehenden

Wachen und trafen nicht selten. Aber so günstig das Feuergewehr den

Angegriffenen diente, so muthig sie unter der Anführung des tapfern

Fernandez stritten, und die Angreifer aufhielten: sie mußten ihrem

Ungemach erliegen. Der Brigadier kommandirte donnernd, während seine

ersten Reihen feuerten, den Uebrigen, die Bajonnette auf die Musketen

zu setzen. Es geschah; im Nu theilten sich die Schützen; die Rotten

der mit dem fürchterlichen Flintendolch Bewaffneten warfen sich auf

die Feinde: die neue, in diesen Thälern noch nicht gekannte Waffe that

in ihrer unwiderstehlichen Gewalt Wunder des Schreckens. Zerstreut

und von panischer Furcht befallen, kehrten sich Franzisco's Leute zur

Flucht. Die Fahne mit dem Kreuze, in der Faust ihres hingestreckten

Trägers, blieb in den Händen der Sieger, die, über Waffen und

Leichen wegschreitend, im Sturmmarsch das Thal betraten und sich den

Häusern näherten. Vor den drohenden Bajonnetten, vor den streifenden

Seitenbanden der Schützen, rettete sich, wer konnte. Flammen gingen im

Thale auf. Keiner der Krieger Franzisco's hielt mehr das Feld. Weiber

und Kinder, entwaffnete Flüchtlinge, warfen sich in den Staub, küßten

des Brigadiers, des Jesuiten Füße, bettelten um Gnade.

Während diese Scene des Schreckens vorging, hatte sich Franzisco

mit vielen Weibern und Greisen und einigen treuen Anhängern in

eine Schlucht gerettet, die, in mannichfachen Windungen das Gebiet

durchschneidend, und endlich, Waldströme und Sümpfe dem Forscher

entgegensendend, nach den spanischen Besitzungen führt. Unter den

mit dem Priester Fliehenden befand sich Müssinger, seine Tochter und

James, den Georg gebeten hatte, nicht von der Seite seiner Freundin

zu weichen. Er selbst wollte, ob streitend, ob beobachtend, sehen,

wie sich Alles gestalten würde. Unter schützenden Felsen, auf ihren

dürftigen Habseligkeiten ruhend, erwarteten die Flüchtlinge Nachricht

von dem Schauplatze des Gefechts, dessen Schüsse, vom Echo verdoppelt,

zu ihren Ohren drangen, früher als ein belebendes oder entmuthigendes

Wort. -- Endlich erschien Georg, von dem Fernschusse eines Portugiesen

an der Achsel gestreift, und brachte keinen Trost. Endlich erschien

Fernandez, schwerer verwundet, mit dem Rest seiner Leute, und brachte

die baare Nachricht des Unglücks. -- »'sist aus mit uns!« rief er dem

Oheim zu: »Rettet Euch, Don Franzisco! Die schurkischen Portugiesen

haben den Sieg durch ihre niederträchtigen Musketenspeere errungen.

Hieher sollen sie jedoch nicht dringen. Diesen Paß vertheidigen wir

bis zu unserm Tode. Was mir aber das gallige Blut zum Herzen drängt,

daß es bersten möchte vor ohnmächtiger Wuth, ist, daß der Jesuit, der

schändliche Deutsche, uns verrathen hat. Er wurde seit gestern vermißt,

und die scharfen Augen meiner Jäger haben ihn im Hintertreffen der

Portugiesen neben dem Brigadier gesehen!«

»Münzner?« riefen alle seine Landsleute: »wäre es möglich?« Georg

nickte schweigend. James sprang aber, von edler Ungeduld ergriffen,

auf, und sprach: »Welche Verläumdung! Mein Pflegevater ein Verräther?

Nein! er lügt, wer das behauptet!«

»Junger Mensch!« zürnte ihm Fernandez drohend zu: »Ihr vergeßt, daß ich

einen Säbel trage, der --«

»Der dem Dienste des Ganzen jetzo geweiht sein muß!« -- fiel Franzisco

ein, herbeitretend: »in einem unnützen Kampfe um eines Wortes willen,

soll sich Euer Blut nicht verspritzen, meine Freunde!«

Die Streitenden schwiegen beschämt vor der mahnenden Stimme des

ehrwürdigen Alten. Zugleich ließ sich ein bedeutender Lärm in dem Lager

der Flüchtlinge hören.

»Die Feinde?« -- fragte Franzisco, und das alte Soldatenfeuer blitzte

aus seinen Augen, während seine Hand nach einem Säbel griff.

»Nicht doch, Oheim,« -- versetzte Fernandez. -- »Der tapfre Neger Pablo

hält mit seinen Schwarzen Wache am Eingange dieser Thalschlucht. Die

gegen ihre ehemaligen Zwingherren Erbitterten haben geschworen, eher

zu sterben, als sich überwältigen zu lassen. Ich weiß im Uebrigen

von einem Entsprungnen, daß die Portugiesen das Eindringen in diesen

unbekannten engen Paß vermeiden werden, bis ihr Nachtrab angelangt sein

wird.«

Ein Bewaffneter brachte die Nachricht: die ausgestellten Wachen hätten

auf den Höhen gegen Osten einige Fremde in europäischer Kleidung

ergriffen, und sie herbeigeführt.

»Hätten uns die Elenden umzingelt?« -- fuhr Fernandez auf, und ließ

die Fremdlinge heranbringen. -- Vier sonnverbrannte Gesichter, in

unscheinbarer Kleidung steckend, mit metallnen heiligen Bildern auf den

Hüten und Rosenkränzen um den Hals; ohne Waffen, wie sie der Soldat

trägt; blos mit Messern, eisenbeschlagenen Stöcken und Feuerzeugen

versehen. Aber nicht die Gestalten, nicht die Gesichter verriethen

Spanier oder Portugiesen; ihre Sprache, -- ein unbeholfenes Kastilisch,

zeigte vollends die in der europäischen Halbinsel völlig Fremden

an. Sie brachten einen Paß, von dem Statthalter des Königs, zu St.

Sebastian, vor, in dem sie als irländische Bergwerksleute angegeben

waren, die auf Befehl der Regierung von Brasilien das Innere dieses

Landes zu durchstreifen hätten, um nach edeln Erzen zu forschen, oder

nach Demantgruben.

Mündlich berichteten sie, über einen Gebirgsstock gewandert zu sein,

und sich in den unermeßlichen Geländen verloren und verirrt zu haben,

bis der Zufall und das Schießen, das sie vernommen, sie hiehergeführt.

Franzisco, ihren Aussagen nicht mißtrauend, begnügte sich, sie zu

fragen, ob sie portugiesische Truppen gesehen, und -- auf ihre

desfallsige Verneinung -- sie unter einige Aufsicht zu stellen. Von dem

unglücklichen Fürsten der Wildniß weggehend, begegneten die Fremden dem

Master Georg. Befremdet blieb dieser, den Ersten ansichtig werdend,

stehen. Auch Jenem fiel des Amerikaners Antlitz auf. »Georg Birsher!«

rief er plötzlich. -- »Harry! Harry Haverly,« entgegnete der Andere

nicht minder freudig, und sie schüttelten sich treuherzig die Hände.

»Du _hier_?« fragte Harry englisch und mit beflügelten Worten; »wir

glaubten dich vom Hay verschlungen!«

»Ach, Bruder!« entgegnete Georg, »wie steht's zu New-York?«

»In Hülle und Fülle. Ich verließ es erst vor einigen Monden. Dein

Compagnon führt, unerschütterlich deiner Rückkehr vertrauend, die

Geschäfte fort, und das Glück hat seine Bemühungen tausendfach belohnt.«

»Aber du, mein Freund?«

»Verrathe mich nicht an diese Menschen. Gieb vor, daß du mich in Irland

kennen lerntest. Klugheit! reinen Mund! ein andermal mehr.«

Die Wächter der vorgeblichen Irländer nöthigten sie, weiter zu gehen,

und führten sie an einen abgelegenen, von den übrigen getrennten Platz.

Fernandez hatte von Ferne ihr Zusammentreffen mit Georg angesehen, und

sprach zu seinem Oheim: »die fremden Leute haben unserer Colonie Unheil

gebracht. Alle sind mir als Portugals oder Spaniens Spione verdächtig.

Wollen wir abwarten, daß sie uns, -- den Feinden so nahe -- vollends

verderben? Standrecht über sie. Wir wollen nicht ungerächt mindestens

untergehen.«

»Junger Mann! wohin verleitet dich dein Zorn?« fragte der Alte

verweisend. »Soll ich den letzten Schimmer meiner Patriarchen-Gewalt

mit einem Verbrechen besudeln? Laß uns lieber die Nachtzeit benutzen,

um auf spanisches Gebiet zu flüchten. Santa Dominica nimmt uns unter

verändertem Namen auf, und wir dürfen daselbst auf Ruhe hoffen.«

»O unglücklicher Ausgang schöner Plane!« seufzte Fernandez. -- »Das

Unglück soll uns jedoch in jenen fremden Gästen nicht weiter begleiten.

Wir lassen sie zurück. Schuldig, werden sie bei unsern Feinden Schutz

und Hülfe, -- unschuldig, Gottes bessern Beistand finden.«

Der Greis, von Fernandez Argwohn ergriffen, willigte in dessen Wunsch,

und ließ die Anstalten zum nächtlichen Aufbruch in geheimster Stille

vornehmen. Georg kehrte indessen nach der Höhle zurück, woinnen

Müssinger und seine Tochter seiner mit peinlicher Ungeduld warteten.

James stieß auf ihn. In der Dämmerung bemerkte Georg, daß der Jüngling

seine portugiesische Uniform angelegt hatte.

»Wohin in diesem Aufzuge?« fragte Birsher staunend; »wollt Ihr Euch von

den Unsern erschießen machen?«

»Verzeiht, Herr, daß ich Euer Kleid nahm,« entgegnete James ein wenig

heftig, -- »aber mir brennts auf der Seele, daß Doctor Münzner ein

Verräther sein soll. Ich will trotz Tod und Teufel hinüber, um zu

erfahren, ob Fernandez wahr sprach, -- ob er log.«

»Wie, Sir White? unter die Feinde?«

»Dies Kleid schützt mich, und die Nacht. Und gälte es mein Leben, ich

muß mich überzeugen, ob mein Pflegevater der Bösewicht ist, wofür man

ihn ausgeben möchte. Lebt wohl, Mr. George. Ich bringe gute Botschaft,

oder keine mehr in diesem Leben. Grüßt dann Justine von mir ... sagt

ihr.... doch nein! sagt ihr nichts,.... und seid glücklich!«

»James! reißt Euch das Feuer der Leidenschaft von hier? was habt Ihr

vor?«

Georg hatte gut ihm nachrufen; schon war er im steigenden Dunkel

verschwunden. Auf geheimen, Thymian duftenden Pfaden kletterte

James zum Ausgang der Schlucht hinab, und kroch, leise wie eine

Schlange, an dem Hinterhalt der Negerpartei vorüber. Unfern an einem

niederrauschenden Bache stand der Vorposten der Feinde, die es nicht

wagen mochten, ohne Verstärkung in die Schlucht einzudringen. Rings an

den Höhen brannten ihre Wachtfeuer. Mitten im Thale loderte ein Haus in

vollen Flammen: Franzisco's bescheidene Wohnung. Die meisten Soldaten

des Pikets waren dem Brande zugekehrt, und James glitt durch Stauden

und hohes Gras an dem Zelte vorbei, ohne bemerkt zu werden. Neben

dem Bache sich haltend, und in tiefes Dunkel verschleiert, näherte

er sich den Hütten. Vor ihren Thüren standen die zurückgebliebenen

Einwohner, mit Schmerz und Händeringen auf die Trümmer ihres bisherigen

bescheidenen Glückes sehend. Um den Betplatz war die größte Menge

versammelt, und viele Soldaten standen, theils bewaffnet, theils

in bequemer Ruhe, umher. Der Pater Assistent, begleitet von dem

Brigadier und den Pionniers, führte hier ein merkwürdig Schauspiel

auf. »Nieder mit dem Bilde, das hier die Heiden unserm Heiland zu

Hohn und Spott errichtet haben!« rief er mit wilder Begeisterung, in

seiner Hand selbst ein Beil schwingend; »nieder mit dem Götzenbilde

eines wahnsinnigen Opferdienstes! der elende Franziskaner hat euch, ihr

Verblendeten, nur vorgespiegelt, daß diese Riesengestalt euern Erlöser

vorstelle; er hat aber den Teufel hinein gebannt, wie die heidnischen

Mexikaner in den gräßlichen Huitulopochtuli! -- Vergebung der Sünden

dem, der mit thätiger Hand hier angreift, wie ich! Nieder mit dem

Zauberblendwerk des verruchten Bettelmönchs!«

Er führte den ersten Streich nach dem Bilde des Erhabenen, dessen

Jünger er sich doch prahlend selbst nannte, und zwanzig Fäuste wütheten

wie der Blitz gegen die ehrwürdige Gestalt. Sie sank zerstückt in den

Rasen. Ihre Trümmer flogen in das wilde Feuer des angezündeten Hauses,

das der schadenfrohe Soldat mit allem erdenklichen Muthwillen, sammt

dem Garten, verwüstete, weil seine Hoffnung, Schätze darinnen zu

finden, vereitelt worden war. An stillen Tugenden war das Thal reich

gewesen, an Gold und Edelsteinen ärmer als das Grab. -- James, obgleich

von dem empörenden Auftritte, den er mit angesehen, unwillig erregt,

wie von dem rohen Geheul, womit die Soldaten, um das Feuer tanzend,

das unsinnige Fest beschlossen, fühlte eine wohlthuende Empfindung in

seiner, von der Unschuld seines Pflegers überzeugten Brust. »Ich wußte

es ja wohl!« sagte er zu sich selbst. »Irren mochte er in seinem Leben,

ein Schurke war er nie; und in der Tugend Frieden schied seine Seele,

wenn ihn auch ein Raubthier, ferne von unsrer Hülfe, zerfleischte!«

Mit zufriedenem Herzen machte er sich auf den Rückweg, unfähig, dem

Soldatentumulte länger zuzusehen. Seine Eile erregte indessen Verdacht.

»Warum läuft der Kamerad?« fragten sich zwei vorüberstreifende

Portugiesen, und: »Halt!« rief eine Patrouille dem Eiligen zu. Der

Corporal hielt ihm die Pike vor. »Wo ist dein Quartier? dein Posten?«

»Dort beim Piket, ihr Leute!«

»Bist unbewaffnet, Patron, und ein Ausländer?« -- »Welche Fragen!«

-- »Halt da! das Feldgeschrei!« -- »Die Jungfrau und alle Heiligen,«

antwortete James auf gut Glück. -- »Gefehlt! halt! Du bist ein

maskirter Bursche, ein Spion! halt ein!«

Man ergriff den Entdeckten. In seiner Bestürzung kam eine englische

Verwünschung über seine Lippen. »Heda!« rief ein alter Soldat, der

einst auf einem englischen Schiffe gefangen gelegen, »das ist englisch,

meine Freunde, die Ketzersprache! Bindet den unchristlichen Jungen!«

-- »Aber, meine Brüder...!« -- »Der Satanas ist dein Bruder!« fuhr

ihn der Corporal an, »ich bin aber entweder verrückt, oder du bist der

Deserteur, dessen Steckbrief uns auf dem Marsche hieher mitgetheilt

wurde.«

»Sennor Corporal!«

»Aha, nun wird er höflich. Beim heiligen Täufer! Seht selbst,

Kameraden! Groß, schlank; dunkle Haare, ernsthafter und kecker Blick,

ohne Schnauzbart, ein Engländer! Er ist's, wir haben die achttausend

Rees verdient, die auf seinen Fang gesetzt sind!«

»Wie?« fragte James, über Georgs drohende Zukunft erschrocken, nachdem

der Jubel der geldhungrigen Soldaten sich gelegt hatte. »Ihr sucht den

Engländer? Ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt?«

»Ja, beim heiligen Jakob!« hieß die Antwort. »Wir hätten nicht

nachgelassen, dich zu suchen, Ausreißer, damit ein Beispiel gegeben

werde.«

»Mein Gott!« seufzte James für sich, »Georg in dieser Nähe, in solcher

Gefahr? und Justinens Verzweiflung!... Freunde!« setzte er schnell und

entschlossen hinzu, »das Schicksal und die Reue überliefert mich euren

Händen. Was wird mit mir geschehen?« »Ei, die Excellenz wird dich zu

deinem Regiment schicken. Bereite dich indessen zum Letzten. Hättest du

blos der Fahne und dem König den Eid gebrochen, kämst du mit Prügeln

davon, aber du hast deinen Fähndrich geschlagen, und das kostet dir das

Leben!« James schauderte. »So macht es denn kurz,« sagte er kalt und

resignirt, »führt mich zu eurem Commandeur! ich bin derjenige, den ihr

sucht!«

Vergnügt und lärmend brachten ihn die Soldaten nach dem Quartiere

des Brigadiers. Mitten in der Nacht brachte ein aus den Banden

entsprungener Neger die Nachricht von des Jünglings Geschick, und

wie er sich darein ergeben, in Franzisco's Lager. »Wohl bekomm's dem

Ueberläufer!« sagte Fernandez trocken, und kümmerte sich weiter nicht

darum, mit wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt. Einen bei weitem

tiefern Eindruck machte die Kunde der Begebenheit auf Georg, auf den

Senator; einen unbeschreiblich bittern auf Justine. »James!« rief

sie, mit dem ihr eigenthümlichen Scharfsinn errathend, _wie_ alles so

gekommen, »wißt ihr denn, meine Lieben, daß er sich für unser Wohl

hingegeben? O wie diese That ihn so glänzend aus dem zweideutigen Nebel

seiner Vergangenheit hervorhebt! Wie wohlthuend diese Kunde in ihrer

Bangigkeit zu meinem Herzen spricht!« »Wäre es möglich?« sagte der

Senator, während Georg nachsinnend und betrübt vor sich hinstarrte,

»wäre er dazu berufen, sich immer für die zu opfern, die seinem Herzen

weh thaten? die seinen liebsten Hoffnungen ein Hinderniß waren? _er_

dazu bestimmt, Georg von einer drohenden Gefahr zu retten?«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 30 / 32 段