war ein Trank bereitet, von welchem der Vater Franzisco viel versprach
und erwartete. Alles Volk hatte sich ohne Geräusch nach seinen Häusern
begeben; die stille Sabbathsruhe war wieder allenthalben eingetreten,
Alles verödet; nur auf Felsspitzen rings um das Thal gewahrte das Auge
bewaffnete Schildwachen, die das Thal in die Ferne mit Späherblicken
hüteten. Franzisco, der Fürst dieser Wildnisse, saß neben dem Kranken,
der in eine heftige Crisis fiel. Des Priesters Hand verließ den Puls
nicht, wie die Augen der knieenden Justine die Züge des Vaters nicht
verließen. Fernandez lehnte in der Ecke, und beschaute das Mädchen, das
ihn sehr anzog; James kämpfte, unfern sitzend, mit seinem Herzen; mit
gefalteten Händen stand Pater Xaver an der sehr großen Fensteröffnung,
die beinahe eine ganze Seite der Stube einnahm, mit einer Balustrade
versehen war, und die Aussicht auf einen großen Platz gewährte, mit
Rasen bewachsen und frei; von Platanenreihen im Halbkreise umringt. Ein
einfacher Altar erhob sich in seiner Mitte, und, beinahe die Baumreihe
überragend, stand hinter dem Altar ein riesengroßes Bild des Heilands,
sitzend und sprechend: Laßt die Kindlein zu mir kommen! Der Kopf der
Bildsäule, ein Meisterwerk von Schnitzarbeit, sah ernst und sanft in
das Zimmer, und nach ihm gewendet lag der Kranke, zu ihm gewendet
betete Xaver.
Des Senators Zustand besserte sich indessen, aber eine große Schwäche
befiel ihn. Die Thüre öffnete sich, und ein Mann, zurückgehalten von
einigen Wächtern, wollte herein. Franzisco winkte ihm, leise näher zu
kommen. »Der Kranke hat nach Euch verlangt,« sagte er, »schont seinen
Zustand!«
Georg trat, um vieles gefaßter, mit ruhiger Stimme auf den Senator zu,
der ihm schwach die Hände entgegen reichte. »Ich ahne,« sagte Georg,
»was Sie bewogen haben mag, meine Nähe zu fordern. Sie glauben an der
Pforte des Todes zu stehen, und wollen ein qualvolles Bekenntniß in
meinen Schooß wälzen. Lassen Sie die traurige Pflicht. Versöhnen Sie
sich mit dem Himmel; ich habe Ihnen vergeben, und auch mein armer
Vater, der uns jetzo sieht, wird die Grausamkeit, die Sie an ihm
begingen, nicht rügen. Er wird bei dem Ewigen um des Mordes willen, den
Sie an ihm verschuldet, um Gnade bitten.«
Des Senators Körper zitterte. Justinens Busen hob sich heftiger.
Münzner trat langsam näher. »O wie ist es möglich,« seufzte Georg, sich
selbst vergessend, und in den Anblick des Kranken verlierend, »daß
dieser Mann, in dessen Gesicht jetzt die engelgleiche Sanftmuth liegt,
daß dieser gerade gegen den Gastfreund seine Wuth kehren, daß er ihn
erwürgen konnte! Was ist der Mensch?«
»Ein Irrender, Herr Birsher,« antwortete Münzner; »und auch Sie sind im
Irrthum, versöhnlicher, verzeihender Sohn. -- Hier ist Ihr grausames
Gericht, -- hier ist die Folter nicht zu fürchten, -- hier ist keine
Rücksicht auf öffentliche und geheime Lebensverhältnisse zu beachten,
Herr Senator. Reden Sie mit dem jungen Ehrenmanne, daß der grimmigste
Verdacht weiche, daß der Eine bezeichnet werde, der die meiste Schuld
an Ihrem Unglück trägt.«
Der Senator erholte sich ein wenig, und redete dann zu dem jungen
Birsher. »Sie sind ein klarer Engel, Herr, Sie vergeben mir unbedingt,
ob Sie gleich scheinen, das Schrecklichste von mir zu glauben. Und
dennoch, -- wahrlich, Herr, -- so viele Schuld ich an Ihres Vaters
Hinscheiden habe,.... verflucht sei meine Hand, wenn sie je sich an dem
edeln Manne vergriffen.«
»Wie?« fragte Birsher. Justine athmete freudig auf.
»Ich bin zu Grunde gerichtet, sagte ich zu dem Mahnenden, dessen Güte
ich nicht ahnte, eben so wenig, als seinen Namen,« fuhr der Senator
fort; »ich muß sterben eher, als mich bankerott bekennen; ich riß die
für mich geladene Pistole aus der Schublade. Herrgott! wollen Sie mich
morden? fragte Ihr Vater auffahrend, und in selbem Augenblick sank er,
der von der Reise bereits Ermüdete, von schlafloser Nacht Erhitzte, von
dem unangenehmen Geschäfte und dem plötzlichen Schrecken aufgeregt,
vom Schlage getroffen zu Boden. Mein Entsetzen ... wer beschreibt es?
Ich wollte dem Röchelnden die fest zugezogene Halsbinde lüften.... ich
war ungeschickt: um so schneller starb er unter meinen Händen; und der
entsetzliche Gedanke, den nächsten Anlaß zu seinem Verscheiden gegeben
zu haben, warf mich selbst zu Boden.«
Georg sann nach, als der erschöpfte Erzähler geschwiegen, und fragte
dann: »Wenn ich den Worten eines Sterbenden auch glaube, -- und
die Lüge sitzt nicht auf Ihrer Stirne -- woher Ihre Befangenheit,
Ihre Angst .... woher das räthselhafte Schweigen gegen mich, da ein
freimüthiges Erklären Alles beigelegt haben würde?«
Der Senator konnte nicht mehr reden, Münzner nahm für ihn mit
erschütternder Wahrheit das Wort: »Ich gebe Ihnen mein heiligstes
Priesterwort, im Angesichte des Heilands, der dort so hehr und rein
sein göttliches Haupt in den Himmel hebt: der Senator spricht die
Wahrheit. Dazumal war jedoch die Schlange seines Bewußtseins ihm so
schreckend, daß ihm selbst die nackte Wahrheit ein Gräuel wurde. Seines
vielseitigen Unrechts gegen die Gesetze seines Standes und seiner
Vaterstadt bewußt, fürchtete er von deren harten und parteiischen
Gerichten das Beginnen eines Prozesses, der ihn zu Boden gerissen,
mehrere Jahre im Gefängnisse gehalten haben, ihn _vielleicht_, dem
Schein zu Liebe, seinem Läugnen zum Trotz, auf das Schaffot, --
unschuldig unter das Schwert gebracht haben würde. So viel von seinem
unerklärlichen Schweigen gegen den erregten Verdacht. Die Qualen
seines _Bewußtseins_ habe ich zu tragen, und dieses Bekenntniß ist nur
eine geringe Vorbuße für das, was ich gegen Sie alle, meine Lieben,
verschuldet habe. Clara, -- mein Freund, -- empfahl Sie meiner Liebe!
Mit aufrichtiger Theilnahme an Ihnen hängend, wußte ich Ihnen keine
bessere Wohlthat zu bereiten, als den Eintritt in meine Kirche, -- die
Wiedervereinigung mit Claren, jenseits des Fegfeuers. Ich bedurfte
eines Bandes, Sie festzuhalten. Ich benützte den finstern Wahn, in dem
Sie lagen, als ob Sie eigentlich durch ihre Drohung den ehrenwerthen
Vater dieses Mannes getödtet; ich brauchte ihn als Schreckniß; ich
zeigte Ihnen die Vergebung der entsetzlichen Sünde nur in dem Schooße
des katholischen Glaubens. Endlich war mir das Werk gelungen, Sie
waren unser; ich bemühte mich nun, Ihre Furcht vor dem eingebildeten
Verbrechen durch die Lossprechung zu tilgen. -- Umsonst! der Wurm
blieb, wurde schrecklicher, denn zuvor; Folge knüpfte sich an Folge,
eine verderblicher, als die andere. Ihre Bekehrung wurde Sache des
Ordens, -- ich sah Sie aus meinen Händen gerissen, völlig zum Abgrund
geschleudert; ich sah die unseligen Wirkungen meines Beginnens, das in
aufrichtiger Liebe entsprungen; ich schauderte selbst vor meinem Werke
zurück, und _mußte_ nun Stein zu Stein tragen, Trug auf Trug bauen,
um.... o, lassen Sie mich schweigen! Sie aber, edler Georg, vergeben
Sie mir, daß auch Sie endlich unserer Sicherheit Opfer werden mußten.
Wenn Sie gewußt hätten...! Wir fuhren auf demselben Schiffe: Sie,
in den Fesseln des Raums, wurden von dem Senator nicht gesehen. Zu
Buenos-Ayres angelangt, mußte ich Sie, unserer Selbsterhaltung willen,
Ihrem traurigen Schicksale überlassen...! Welche Fügung des Herrn, daß
Sie, statt nach Batavia geliefert zu werden, hieher kommen mußten! Hier
sind alle Schleier gefallen! hier sehen Sie das Ungeheuer vor sich,
das Ihre harmlose Menschenliebe, Ihre Hoffnungen, Ihren Brautstand,
vielleicht Ihr ganzes irdisches Glück, und die Glückseligkeit dieser
Beiden, und den Frieden jenes jungen Mannes unbarmherzig zernichten
mußte! Gott sei Dank; endlich habe ich meine Gefühle reden lassen
dürfen, und nun beginnen Sie mit mir nach Gutdünken.«
Georg und James wendeten sich entsetzt ab; Justine betrachtete den
furchtlosen Mann des Jammers ohne Verachtung nur mit Bangigkeit und
innerer Freude über seiner, zur Wahrheit gehobenen, Seele Kraft: denn
er hatte ja den Vater von der gefürchteten Blutschuld freigesprochen,
und Birsher durfte ihnen nicht gerecht zürnen, und James war auch
gerechtfertigter, als das Mädchen jemals vermeint hatte; und, wenn es
Bedauern erregt, einen Gutdenkenden in Sünde versinken zu sehen, so
erquickt den Kräftigen doppelt der Wiederaufschwung des neu erstarkten
gefallenen Herzens!
Der Senator winkte dem Pater Xaver zu, und lispelte: »Sie wollten mich
um Clara's Willen dem Paradiese weihen, mein Freund. Ich spreche Sie
frei, und danke Ihnen für diesen Augenblick. _Ich_ hasse Sie nicht.«
»Nicht ich,« rief James weinend, und an den Hals des Lehrers fliegend.
»Nicht ich,« setzte Georg edel entschlossen bei, und drückte ihm die
Hand, »alles, was wir um uns sehen, ist Gottes Werk, und so auch die
Handlungen der Menschen, und so auch Ihr gutes, aber zum Unsegen
bestimmt gewesenes Herz! Gott hat uns schwer geprüft; aber ist es nicht
auch seine Schickung und sein Friede, daß wir uns hier zusammenfinden?
Ich verzeihe, ich vergesse, ich hasse nicht _Sie_; was jedoch den Orden
betrifft, der...«
»O, mein Herr!« bat Pater Münzner weich; »Auf mich allein die Schale
Ihres Zorns! Ich habe Niemand angeklagt, als mich allein. Ich habe zu
büßen. Die Fremden, die Unschuldigen verschone Ihr Unwille. Ich dächte:
der Geist der Duldung stände dem Protestanten wohl an. Verdammen Sie
nur den, der das Ueble mit seiner Hand gethan.«
Georg nickte ihm zu, ging zu dem Senator, und gab ihm seine Hand.
Schüchtern reichte er die Linke an Justine, die erröthend, aber gerne
sie annahm.
»Ich schwöre es,« rief er, »Euch nie zu verlassen, meine Lieben, so
lange das Geschick uns in der Irre, auf wüstem Meer des Lebens treibt.
Laßt uns Alle enge zusammentreten, vereint durch Noth, durch Friede,
durch Versöhnung. Liegt nicht das Elend hinter uns in der alten Welt,
und kann nicht das Glück auf's Neue _hier_ uns aufblühen?«
Sein Blick traf auf Justine. Er las in ihren Augen Freude und
Vertrauen. »Gieb mir deine Tochter, wenn du heimgehst, Vater!« sagte
er zu dem Senator, und dieser legte die Hände des Brautpaares weinend
in einander. James hatte den Muth, seinen Landsmann glückwünschend zu
umarmen, und Münzner theilte die hier statt gefundene Versöhnung und
ihre Folgen dem Priester Franzisko und seinem Neffen mit.
»In diesem Thale,« sagte er, »wäre für die Leute ein stilles Glück zu
hoffen, bis die Außenwelt wieder für sie zugänglich wird. Dürfen sie
aber auf Ihren Schutz rechnen, mein Vater?«
»Jesus ist die Liebe und der gute Hirt,« antwortete Franzisko: »wer
tugendhaft ist, wohnt gut in diesem Thale, und -- wenn der den
Portugiesen entflohene Mann nur unsere Felsengränzen nicht verläßt, so
ist er sicher immerdar.«
»Beim heiligen Jacob!« versetzte Fernandez, an seinen Säbel
schlagend: »Ich beschütze ihn selbst, weil er brav sein muß, da die
schöne Deutsche ihn liebt, für welche ich gerne meine altspanische
Ritterlichkeit bewähren möchte!« So geschah es also, daß sie in dem
kleinen Staat des guten Jesus in den Wildnissen eingebürgert wurden.
Die Einwohner, ein harmloses Volk, aus allen Farben zusammengewürfelt,
theils vom Unglück hieher verschlagen, theils im stillen Thal
erwachsen, schlossen sich bald an die fremden Brüder an. Ein Haus
von schlankem Rohre wurde denselben gebaut. Die Nahrung gab ihnen
Vater Franziska aus dem Vorrathhause der Gemeinde, bis ihre Felder,
ihre Bäume Früchte tragen würden; er gab durch seine Bemühung dem
Senator das Köstlichste: die Gesundheit, wieder. Die Seelenruhe
des Mannes beförderte seine Heilung, und ehe achtundzwanzig Tage
vergingen, so strich er schon mit seiner Tochter und mit Georg durch
die freundlichen Fluren um die Colonie. Die Liebe des Paares verjüngte
seinen Geist, und, ungeduldig aufbrausend, wiewohl gutmüthiger, als
in der verwichenen Zeit, sagte er zu seinen Kindern: »Ihr liebt Euch;
Ihr wollt es nicht verhehlen! Warum wird mir nicht das Glück, Euch
verbunden zu sehen? Warum hat Franzisko noch nicht den Segen über Euern
Bund ausgesprochen? Ein Patriarch könnte es nicht besser, als dieser
edle Mann.«
Justine und Georg sahen sich an, ernst, einverstanden, drückten des
Vaters Hand, und die Tochter sprach: »Nicht hier, mein lieber Vater!
Hier herrscht nicht unser Glaube, und den Lockungen der andern Kirche
seit langem widerstrebend, soll auch nicht die Einsamkeit den Sieg über
mich erringen.«
»Nicht ewig,« redete Georg, »wird uns das Geschick an diesen Boden
fesseln, ich ahne es, wir werden meine Heimath sehen, und dann, Vater,
dann knüpfen wir dort das Band vor dem _unsichtbaren_ Gotte.«
Der Senator schlug beschämt die Augen nieder, und Justine, um seine
Verlegenheit zu endigen, setzte schonend bei: »Wie wollen Sie auch, daß
ich glücklich sei, so lange noch ein Mann in unserer Nähe lebt, den die
Leidenschaft beim Anblick dieses Bundes elend machen würde?«
Sie zeigte auf James, der unfern vorüberging, sinnend, brütend,
gesenkten Hauptes, ohne sich umzusehen.
»Sie waren ihm hold, beste Jungfer!« sagte Georg, ihm nachblickend.
»Der Unglückliche, daß er diesen Lichtblick seines Lebens nicht für
sich gewann!«
»Zu meinem Frieden!« antwortete Justine. »Angezogen und zugleich
abgestoßen von ihm, danke ich den Ränken, zu welchen ihn seine Erzieher
verleiteten, meine Ruhe. Ich hasse die Falschheit -- und nur redliche
klare Besonnenheit kann mein Herz gewinnen. Darum rechnen Sie, mein
bester Herr, auf dieses, wenn es Ihnen angenehm ist, und vor Allem --
lassen Sie uns sammt und sonders auf baldige Erlösung nach der Heimath
hoffen. Denn, nicht zu läugnen, daß hier in diesem Frieden, dieser
Stille, nur ein geschmückter Kerker zu schauen ist.«
Justine sprach wahr. Franzisko übte, seinen Verhältnissen gemäß, die
strengste Despotie; mit Wachen war das Thal umstellt: Niemand sollte
das Thal verlassen; auf die Fremden wurde das wachsamste Auge gehalten;
besonders auf den Jesuiten, dessen Gewand, das er hartnäckig behielt,
einen größeren Verdacht erregte, als die portugiesische Uniform, die
Georg abgelegt hatte, um kein Aergerniß zu geben. Und gerade Münzner
mußte es sein, der plötzlich aus dem wohlgehüteten Gefängnisse entwich,
ohne es selbst zu ahnen.
Bei all dem herzlichen Vergessen, das die Freunde ihm bewiesen, war
der Stachel in seiner Brust zurückgeblieben. Er konnte sich nicht
heimisch unter diesen Menschen fühlen. Seine Gewissenhaftigkeit
trieb ihn, da der Senator genesen war, wieder nach dem heimathlichen
Boden, vor die Schranken seines Provinzials. Der stille Kummer, worin
sich James verzehrte, machte sein Herz bluten. Es quälte ihn, diesen
Unfrieden eines geliebten Jünglings mit ansehen zu müssen. Botanik,
eine Lieblingswissenschaft seiner jüngern Jahre, bot ihm Zerstreuung
und Genuß. Er entfernte sich von den Landsleuten; er kletterte Tage
lang an dem Gestein der Höhen, durchkroch die Furchen des Thalbodens.
Die Wächter waren seiner Wanderungen gewöhnt worden. Dem schlichten
einfachen Manne mißtraute keiner mehr; sie ließen von ihrer Achtsamkeit
nach, und so kam es, daß der Pater sich eines Nachmittags, von seiner
Forschbegierde verleitet, weiter verstieg als sonst, und sich mit
einem Male hoch über den Wachtposten erblickte. Die herrliche Flora,
die um ihn erblühte, führte ihn weiter. Die Waldpflanzen boten ihm
einen blumigen Pfad, der ihn mehr und mehr verlockte, und, wie das
Kind der Lockung süßer Früchte folgt, so folgte hier der Mann, dessen
Herz sich seit Langem wieder einer ruhigen Freude hingab, dem Streben
seiner Wißbegierde. Aber immer weiter war er gegangen. Der Wald hatte
sich hinter ihm mit tausendstämmiger Wehrmauer zugeschlossen. Nur der
Laut der Vögel sprach zu dem Wandernden; nur die Furche, die von der
mächtigen einsamen Schlange durch das Gras gezogen wird, war sein Pfad,
und endlich dämmerte es schon unter den hohen Bäumen, als er Halt
machte und auf den Rückweg bedacht wurde. Wo jedoch diesen finden?
Kein Sonnenstrahl mehr; noch kein Stern; grüne duftige Waldnacht
allein. Münzner versuchte sein Heil, indem er auf's Gerathewohl einen
Seitenpfad einschlug, wo von Ferne eine schwache Helle aufzudämmern
schien. Je weiter er ging, je tiefer die Dämmerung wurde, je deutlicher
wurde der helle Punkt; er blitzte auf: eine Feuerflamme redete zum
Auge des Wanderers. Er förderte seine Schritte. Auf feuchtem Grunde,
an hochwachsenden, üppiggeblätterten Sumpfstauden vorüber -- immer
auf das Ziel zu, das die Gegenwart von Menschen verrieth. Mochte das
Raubgethier um und um in der Ferne heulen und krächzen; er verfolgte
die Spur. Schon erkannte er einen flammenden Holzstoß, Menschen um
denselben gelagert. Seine Annäherung, von dem rauschenden Gestrüpp
verrathen, erregte die Aufmerksamkeit der Lagernden. »Wer da!« rief
eine portugiesische Zunge, und der Pater sah die Mündung einer Flinte
gegen ihn gerichtet. »Ein Verirrter!...« antwortete er, und im Nu umgab
ihn die Schaar der Aufspringenden: ein Dutzend von Männern in braune,
grobe Mäntel gehüllt, mit herunterhängenden Hüten auf dem Kopfe, Säbeln
an der Seite und Musketen in der Faust. Einer von ihnen, der unter
dem Mantel eine Uniform sehen ließ, mit den Galonen eines Offiziers,
fragte gravitätisch, daß die Cigarre zwischen seinen Zähnen nicht
erlösche, woher der ehrwürdige Vater komme und wohin er wolle. Auf die
unbestimmte Antwort Münzners, daß er sich verirrt habe, schüttelte der
Offizier ungläubig den Kopf, küßte indessen dem Pater die Hand und
erwiderte: »Ihre Aussage ist dunkel, Ew. Hochwürden. Ich muß sie in's
Hauptquartier schaffen lassen, da Sie mir nicht angeben wollen, wo Ihr
Wohnort ist.«
»In's Hauptquartier?« »Nach la Guasta; einige Stunden von hier
entfernt. Sie werden gefällige Leute daselbst finden, mein Vater.«
»Aber mit welchem Rechte?« »Ich bin Soldat, hochwürdiger Herr. Das
entschuldige mich. Miguel und du, Olao! nehmt eine Fackel mit Euch, und
führt den ehrwürdigen Herrn zu Sr. Excellenz, dem Brigadier.«
»Welche Behandlung, da ich hier nur Schutz für diese Nacht suchte!«
»Befehl, hochwürdiger Herr! Geben Sie uns Ihren priesterlichen Segen,
wenn es Ihnen gefällig wäre!«
Die ganze Truppe senkte sich auf die Knie. Münzner that das Verlangte,
und nachdem ihm noch von Allen auf's Inbrünstigste Hand und Kleid
geküßt worden war, mußte er sich auf den Weg machen. Der Offizier bot
ihm Cigarren und einen Tropfen Wein zur Erfrischung. Niedergeschlagen
und geärgert verweigerte Münzner Beides, und folgte den Soldaten,
die alle ersinnliche Ehrfurcht und Frömmigkeit gegen ihn bewiesen,
ihn jedoch nicht aus den Augen ließen, die gespannte Flinte im Arme
haltend. So verging die Nacht auf gefährlichem, halsbrecherischem
Wege. Das Morgenlicht fand den Verhafteten auf der steifen und öden
Bergplatte la Guasta. Abgründe ringsum; in der Tiefe Wälder; ein
dürftiges Wachthaus bot ein Obdach; aber der sonst öde Ort wimmelte
von gelagerten Soldaten einiger Milizen-Compagnien, Strauchdieben
ähnlicher, als geregelten Kriegern; in abgetragenen Röcken und
zerrissenen Schuhen. Die durchlöcherten Hüte, niedergekrempt, saßen
verwegen auf den ölglatten, schwarzen, hängenden Haaren, und das
olivengelbe Gesicht wurde furchtbar und drohend durch die großen,
schwarzen Feueraugen, und den unordentlich gehaltenen Schnauzbart.
Spielend, schlummernd, plaudernd lagen sie am Boden um Trommel und
Fahne, die Waffen, in Pyramiden zusammen gestellt; so wie sie des
nahenden Geistlichen ansichtig wurden, flogen die Hüte herunter; die
Mannschaft lag auf den Knieen, und die Benediction war das Erste,
was sie verlangten. In dem Augenblicke traten zwei Männer unter den
Eingang des Wachthauses. Ein hoher Offizier, wie das Kleid verrieth,
und der Ungestüm, mit welchem das Militär aufsprang, ihm die Honneurs
zu machen; dann ein Vater der Gesellschaft Jesu, der sehr verwundert
schien, einen Bruder vor sich zu sehen. -- Münzner war erstaunt
über dieses Zusammentreffen, das, in Mitte so vieler Waffen, einen
bedeutenden Zweck zu haben schien. Der Sergeant Miguel berichtete. Der
Brigadier näherte sich dem Pater Münzner bescheiden, und fragte ihn:
»Wollen Sie nicht aufrichtiger gegen uns sein, als gegen den Lieutenant
des Vorpostens, mein Vater? Sie sind, wie aus Allem zu schließen,
unbekannt in diesen unwegsamen Gegenden, und jede Ausflucht, die Sie
ersinnen möchten, uns über diesen Punkt zu täuschen, würde vergebens
sein. Wären Sie etwa bekannter in der Region, nach welcher wir unsern
Marsch gerichtet haben? in dem Thale des guten Jesus in den Wildnissen?«
Münzner erschrak. Die Ahnung vom Verderben seiner Freunde schoß durch
seinen Kopf. Entschlossen, nichts zu verrathen, läugnete er, ohne
jedoch einen Vorwand zu finden, der seine Existenz in diesen Landen
beschönigen konnte.
»Ich wiederhole Ihnen, mein Vater,« fuhr der Brigadier gemessen, ernst,
aber immer höflich fort, »daß Sie Ihre Lage verschlimmern. Wir lassen
uns nicht täuschen. Sie möchten sich die Folgen selbst zuzuschreiben
haben. Woher kommen Sie? die nächste Mission liegt noch ferne von
hier, und Ihr Gesicht scheint dem hochwürdigen Vater Assistenten der
Missionobern zu St. Sebastian gänzlich unbekannt? Gestehen Sie, daß
Sie ein Einwohner der wider des Königs Willen und Gottes Erlaubniß
errichteten Colonie in den Wildnissen sind.«
Münzner wollte sich in sein Leugnen beschränken. Der Pater Assistent
durchbohrte ihn mit den Augen, ohne ein Wort zu reden. Der Brigadier
fuhr stolz und schneidend fort: »Es ist wahrscheinlich, daß die
spanische Krone die aufrührerische Niederlassung auf Don Juans
Eigenthum begünstigt, und Väter der Gesellschaft Jesu aus ihrem
Paraguay herüber sandte, dieselbe zu regieren, möglich indessen
auch, daß Sie das Kleid und die Tonsur blos als Maske tragen, um
verbrecherische Späherränke darunter zu verbergen. Mindestens sollten
Sie Ihre Lection besser gelernt haben. Wenn Sie, wie Sie vorgeben
wollen, zu Santa Catalina als Vicar stehen, wie kömmt es, daß Sie hier
aufgehalten werden konnten? Man pflegt keine botanische Wanderung auf
fünfzig Leguas in der Runde anzustellen. Diese Gründe werden mich
bewegen, Sie nach St. Sebastian abführen zu lassen, woselbst Alles klar
werden soll.«
Münzner bückte sich schweigend, sich in sein Schicksal ergebend. Der
Pater Assistent winkte indessen dem Brigadier verstohlen zu, nahm den
Doctor bei der Hand, führte ihn in ein einsames Gemach des Wachthauses,
und sagte hier zu ihm: »Mein verehrter Mitbruder im Herzen Jesu! Ich
habe Sie durchschaut, und bescheide mich, die Gründe Ihres Betragens
zu tadeln, weil ich dieselben gefunden zu haben glaube. Ihr Name, Ihre
Verrichtung?«