»Ihr Unterhalt ist die Sorge dieses Mannes,« antwortete Luis, auf

Vereira zeigend: »Ihre Heilung dürfen Sie getrost von seinem Oheim

erwarten. Im Uebrigen sind Sie kein Bettler. Ihr Testament muß Ihnen

zurückgestellt werden. Ich werde an den Provinzial berichten.«

»Hoffen Sie nicht darauf,« sagte ihm bekümmert und leise Münzner in's

Ohr: »der Empfangschein des Documents wurde mit dem Pfarrhause ein Raub

der Flammen.«

Ines, von ihren Eltern begleitet, trat herein, lief auf Justine zu,

umarmte sie unter heftigem Schluchzen, nahm unter den lebhaftesten

Geberden von ihr Abschied, und sagte alsdann zu Luis gewendet: »Alles

ist bereit, mein Vater! führe uns Alle, die der Jungfrau Gnade

erweckte, in unsre zweite Heimath. Wir folgen Dir!«

Luis blickte auf die Freunde, die er verließ, -- sein Auge wurde

feucht. Seinen besten Segen legte er auf Müssingers Haupt, und verließ,

ohne ein Wort zu reden, das Zelt. Alle, bis auf Justine, die beim Vater

blieb, folgten ihm.

»Um Gotteswillen!« sprach er zu den Männern, die seine Hände

schüttelten: »macht mich armen alten Sämann nicht weich und kindisch.

Keinen zärtlichen Abschied. Ich brauche alle meine Kraft, um in meinem

ein und siebzigsten Jahre wieder da anzufangen, wo ich vor vierzig

Jahren anfing. Wohl werden neue Hütten zu Dominica entstehen; wohl

werden viele meiner Kinder wieder dahin zurückkehren, und Gott mir

beistehen, daß ich die bekehrten Widersacher zum Frieden leite. Für

einen erschöpften Greis ist aber das Werk dennoch groß und zweifelhaft.

Laßt mich daher ohne Kummer und Schwäche scheiden. Ueber den Himmeln

sehen wir uns wieder, und ich will der Erste sein, der auf dem Platze

ist. Gott, Glück, Heil und Segen -- kurz -- Gott mich Euch!«

Er wendete sich rasch um, nach der Gegend zu, wo die Abiponer zu Gaule

saßen, Vereira folgte, eine Thräne zerdrückend, seinem Beispiele, und

ging zu seinen Leuten. »Lebt wohl, Vater Luis!« rief James; »eine

Seelenmesse für die arme Lainez!« rief ihm Münzner nach. Ines kam

hastig auf James zu, ängstliche Unruhe in den Blicken. --

»Wie, mein Herr und Freund?« sagte sie: »dort steht ein Pferd für Euch

gezäumt. Zögert Ihr? Kommt!«

»Nein, mein gutes Kind!« antwortete James: »ich kann, ich darf nicht

mit dir gehen.«

Alle Röthe trat von den Wangen des Mädchens zurück. »Nicht?« stammelte

sie; »nicht? Jago! nicht mit mir?«

»Es würde mein Unglück sein, Ines! ich müßte darinnen vergehen!«

»Unglücklich sollt Ihr nicht sein, Herr, wo Ines glücklich ist. Nicht

sterben, wo Ines lebt. Aber Ines wird arm sein, wird sterben, wo Ihr

nicht seid.«

James schwieg erschüttert. Mit dem Weinen kämpfend, fuhr Ines fort:

»sagt mir wenigstens, wo Ihr hinzieht. In jene blauen Berge? in die

Gegend, wo das große Wasser sein soll?« James nickte. »Ich ziehe mit

Euch, Jago!«

James erschrack. »Was willst du thun, Ines?« fragte er. »Welch ein

Gedanke?«

»Höret, Jago. Mein Vater, der Capitan, ist aus dem Stamme der Ruhaker

entsprungen, und hat sich die Mutter aus dem Stamme der Yaaukaniga

geholt, und sie folgte ihm, Alles dahinten lassend.«

Das Erstaunen des Jünglings stieg. »Ines, welche Rede?«

»Ich will Euer Weib sein, Jago, wenn Ihr mich leiden könnt! --«

»Ines! wo denkst du hin? Deine Eltern....«

»Eltern und Brüder willigen ein. Es ist eine Ehre für sie. Kommt mit

uns, oder lasset mich mit Euch gehen.«

»Keines von Beiden, Ines! vergiß mich, und folge einem andern wackern

Manne. Ich darf nicht annehmen, was mir deine Unschuld bietet.«

Ines weinte heftig. »Gesteht es nur!« sagte sie schluchzend, »die

Sennora ist schöner, als ich. Bedenkt aber, Jago, daß sie eine Ketzerin

ist.«

James lächelte wider Willen. Dieses Lächeln zerschnitt das Herz der

Indianerin. Empört wollte sie fliehen; er hielt sie, gut machend, sanft

zurück, sah ihr ehrlich in's Auge, und sprach: »Behalte mich lieb. Die

Sennora wird nicht mein Weib. Ich muß ohne Gattin bleiben, wie Pater

Luis und Xaver.«

Ines lächelte etwas zufriedener. »Nehmt mich auf Eure Pfarre, Vater

Jago,« begann sie nun, »ich will fromm sein, und Euch bedienen, wie den

guten ehrwürdigen Vater Luis; unverdrossen und freudig, wie man der

heiligen Mutter dient.«

»Und du wolltest den ehrwürdigen Vater verlassen?« fragte James mit

gelindem Vorwurf: »gerade jetzo, wo er deiner Hülfe am meisten bedarf?

und die Eltern verlassen, die du kaum wieder gefunden? mir in die

rauhen Berge folgen, wo vielleicht der Mangel meiner harrt? Besinne

dich.«

Ines schlug die Augen nieder, wischte sich die blinkenden Tropfen von

der Wange, verbiß den neu aufquellenden Schmerz, und antwortete: »ich

danke Euch, Vater Jago. Ihr habt mich erinnert, daß ich meine Eltern

und den Vater Luis zu pflegen habe. Ich will Euch gehorchen; ohne

Murren. Die Mutter im Himmel wird mich ja beruhigen. Denkt meiner,

betet für mich.«

Sie reichte ihm zögernd und dennoch sehnend die Hand, und wendete sich

halb von ihm. Er drückte die Rechte der Jungfrau. Schnell zog sie die

Finger aus den Seinen, rief mit ausbrechender Klage: »Ach! und dennoch

werdet Ihr sehen, Jago, daß Niemand in der Welt Euch liebt, wie ich

es thue!« riß sich kräftig von ihm los, und eilte wie ein fliegender

Vogel den Landsleuten zu. Wie betäubt sah ihr James nach, und als ob

mit der unschuldvollen liebenden Indianerin ein Theil seines Herzens

sich losgerissen hätte. Augenblicklich setzte sich die Abiponer-Horde

in Bewegung. Ines saß weinend, ohne zurückzuschauen, auf ihrem Pferde.

Neben ihr ritten die tröstenden Eltern, und Luis, der noch einige Male

zurückblickte, mit seinem Tuch winkte, und endlich unter dem Schwarme

der Neubekehrten verschwand. Der Zug wurde dem Auge undeutlicher. Die

fernen Grasspitzen wuchsen immer höher an die Pferde der Fortziehenden

hinan. Endlich ragten nur noch die schwankenden Speere am Horizonte

hervor, und James stand noch immer mit untergeschlagenen Armen da,

den zerrinnenden Schattenbildern nachstarrend. Das Horn der Krieger

des guten Jesus rief ihn wieder zum Leben empor. Der Senator wurde so

eben, auf einer bequemen, von Stauden geflochtenen Tragbahre vorüber

geschafft, um von dem sanftesten Thiere getragen zu werden.

Stumm schloß sich James Justinen an, die sorglich ordnend, und

ängstlich beobachtend dem Vater folgte. Der junge Mann gewahrte Thränen

in Justinens Augen, und fragte bescheiden nach deren Ursache.

»Ich weine der guten Ines nach,« antwortete Müssingers Tochter; »dem

Mädchen, das mich, ohne mit mir reden zu können, inniger liebte, als

irgend eine Seele auf der Welt. Ich möchte fast bedauern, daß sie ihre

Eltern fand, und ihnen folgte. Sie hätte sich nicht von mir getrennt.

Jetzt bin ich allein, denn auch die arme Lainez fraß des Feindes

Schwert, oder das Feuer!«

»Allein, beste Jungfer?« fragte James mit schonendem Vorwurf: »sind wir

Ihnen nicht geblieben? werden Sie unsere freundliche Hand zurückstoßen?

haben Sie noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?«

»Ach, mein guter Monsieur!« sagte Justine entgegen, -- »Eurem Herzen,

-- ja selbst dem des Doctors -- vertraue ich gern mich selbst und

den Vater an. Euerm Kopfe jedoch nur ungern. Die Wüste schmiedet uns

zusammen. Verargt mir's jedoch nicht, wenn ich befürchte, daß ein

leichteres Verhältniß uns wieder scheide in Groll, in Meinung, in

Erinnerung. Ich kann mich nicht deutlich aussprechen. Denkt jedoch an

die Kette eines Sklaven, die ihn mit einem Andern verbindet, obschon

sein Geist von Kette und Gefährten sich frei zu machen wünscht.«

»Das ist mir genug,« entgegnete James sehr gekränkt, und blieb weit

hinter Justine zurück. Der Zug setzte sich in Bewegung, und ging

langsam der Abendkühle entgegen. Im tiefsten Dunkel gelangten die

Reisenden an den Fuß der Berge. Hier wurde der Kranke auf die Schultern

rüstiger Träger genommen, und von vielen Harzfackeln umgeben, ging's

bergan. Die Pferde flohen in die Savannen zurück. Blos die Maulthiere

für Vereira, Justine und den Pater blieben bei der kletternden Schaar.

Die Morgenröthe fand sie auf der Berghöhe, in romantischen Waldpfaden,

die immer noch bergan führten, bis sie in eine trockne, steinigte

Fläche ausgingen, ringsum von niedersteigendem Wald begrenzt, eine

Schlucht ausgenommen, durch welche sich eine herrliche Fernsicht zeigte.

»=He acqui el nuestro paraiso del buen Jesu en los bosques!=« rief

Vereira mit Löwenstimme, nach der Ferne deutend, und warf sich

unter dem Schatten der letzten Bäume nieder. Die Seinigen folgten

jubelnd seinem Beispiele, und der Zug rastete, damit die Sonnenhitze

vorübergehen, und jedes Auge sich an dem schönen Anblick ergötzen möge.

»Das gelobte Land!« sagte Münzner zu seinem Zögling, auf das Thal

deutend, das sich unter ihren Füßen ausbreitete. Es schien zur Ruhe

geschaffen; ein versteckter, stiller, reizender Erdwinkel. Die Abhänge

von schwellendem grünen Rasen belegt, hin und wieder nur von Felswänden

unterbrochen; aber auch diese lebten, denn silberne Sturzquellen

entsprudelten ihnen, umnickt und umwinkt von steinsprengenden blühenden

Bäumen. Lang, schmal und halbmondförmig zog sich das Thal in die

Tiefe entlang, bewässert von murmelnder Fluth, bepflanzt mit üppigen

Bäumen, durchschnitten von ruhigen und in Fülle liegenden Feldern,

von heitern gelben Fußpfaden, geschmückt mit zierlichen Cabanen, mit

Hütten von Rasen oder Rohr erbaut. Da, wo das Thal sich krümmt, lag

eine ansehnliche Gruppe von Häusern, leicht und schlank gebaut, mit

schmucklosen Dächern, im Schatten von kleinen dichten Hainen hinan

gehend bis zum Saume der ringsum schützenden Wälder. Eine freundliche

Sonntagsruhe schien über das Thal gebreitet, die Felder unbevölkert,

keine Heerde auf den Triften, kein Mensch in Feld und Flur und auf den

Wegen.

»Es ist heute Feiertag,« erläuterte Vereira, »und alle unsre Greise

und Weiber sammt ihren Kindern in der Kirche. Die rüstigen Männer sind

alle hier unter den Waffen bei mir, und nur der Oheim mit den Schwachen

hütet das Haus. Wartet nicht auf Glockenklang und Chorgesang. Beides

ist nicht Sitte bei uns, damit der fern hindringende Schall nicht

unser Dasein dem Feinde verrathe; denn Feind ist uns jeder Portugiese,

jeder Spanier, der im Dienste seines Herrn und bewaffnet kömmt.

Die Portugiesen thun in neuester Zeit dergleichen, als wollten sie

wirklich das Innere ihres Landes sich eigen machen, und ihr äußerster

Wachtposten la Guasta ist kaum sechs Wegstunden vom guten Jesus

entfernt. Allein die schroffe, steinige Wüste, die uns gegen jene Seite

hin umgibt und versteckt, wird die Weichlichen schon abhalten, ihre

Entdeckungslust weit zu treiben. Wäre es auch.... wehe ihnen! Lebendig

käme das Detachement nicht aus unserm Thale.«

»Aber, Herr,« fragte James verwundert; »man rühmt ja Eures Oheims

Milde und die patriarchalische Gutmüthigkeit, die die Grundlage seiner

Regierung ausmachen soll. Wie vereint sich das mit Eurem kriegerischen

Thun und Eurem Stand?«

»Ich bin nicht geistlich,« antwortete Vereira lächelnd, »und wenn ich

in einer Kutte gehe, die dem Kleide des heil. Franziskus ähnlich sieht,

so geschieht das blos, um meines Oheims Uniform zu tragen; eigentlich,

um mich vor dem Volke als den sogenannten Kronprinzen vom guten Jesus

in den Wildnissen zu legitimiren. Mein Onkel, der ein tapferer Soldat

in den Carabiniers von Arragon gewesen, denkt übrigens wie ich, daß der

Friede nöthigenfalls nur durch den Krieg erhalten werden könne. Die

Jünger Loyola's und die Statthalter des Königs Johann sind uns gleich

verdächtig. Wahrlich, mein Vater, wäret Ihr nicht ein kaltblütiger

Deutscher, der mehr Ehre im Leibe hat, als ein Portugiese oder ein

Franzose, bequemer schweigt, und die Gastfreundschaft des guten Pater

Luis, -- welcher leider auch Euer Kleid trägt, -- genug zu schätzen

weiß, um ihn, der Euch empfahl und Uns, seine Verwandten, nicht zu

verrathen, -- ich würde Euch nicht mitgenommen haben. -- Mit einem

Portugiesen macht man übrigens nicht so viel Federlesens. Man schießt

ihn vor den Kopf, und er mache dann was ihm beliebt.«

»Sie sollten eine Armee kommandiren,« -- antwortete Münzner lächelnd. --

»Beim heiligen Jakob!« fuhr der kampflustige Fernandez fort: »das

wäre eben meine Freude. Ein Commando gegen die Portugiesen! Ihr werdet

Euch freilich wundern, wenn ich Euch sage, daß unser Haus selbst aus

Portugal stammt; daß einer unsrer Vorfahren selbst vor achzig Jahren

den Holländern -- Gott verdamme die Krämer, -- das Land längs den

Küsten abnahm; das brasilische, meine ich. Aber der Undank, womit

man ihn belohnte, bewog unsre Branche, die schon früher nach Spanien

verpflanzte, in spanischem Dienste zu bleiben, bis denn endlich auch

hier der Dienst so schlecht wurde, daß sich mein Onkel geistlich

machte, und später auch mich vermochte, meinen Freibrief zu nehmen. Ich

war Lieutenant unter den Pikenierern des Regiments der Milizen zu Lima;

hing aber gerne Schärpe und Federbusch bei Seite, da mich der Onkel

beschied. Seitdem suchen wir uns nun in dem Lande, wo unser glorreicher

Verwandter Wunder der Tapferkeit gethan, zu behaupten; dem König Johann

und allen Jesuiten des Königreichs zum Trotz. Unter Anderm, Pater

Xaver, thut mir die Liebe, und legt Euer Kleid ab.«

»Wie?« fragte Münzner überrascht: »Verstehe ich Sie, Sennor Vereira?«

»Nichts Leichteres,« fuhr der junge Mann leicht und lebhaft fort;

»Ihr werdet mich verbinden, und Euch einen bessern Empfang bei meinem

Oheim bereiten, der schon vor dem schwarzen Rocke allein einen

unüberwindlichen Abscheu hegt.«

»Das thut mir leid,« entgegnete der Doctor, kälter werdend: »ich lege

aber den Rock nicht ab.«

»Wie? diese Gefälligkeit versagt Ihr mir?« fragte Vereira: »Stellt

Euch nicht gewissenhaft, wo es unnöthig ist. Pater Luis hat einige

Worte fallen lassen, die mir bewiesen, daß Ihr selbst Euern Stand nicht

besonders liebet. Was soll denn das Sträuben?«

»Wenn ich auch den Fall setzen möchte, daß ich meinen Orden nicht

liebe,« entgegnete Münzner, »so ehre ich ihn doch, und verläugne seine

Insignien nicht. Ohne den Befehl oder die Erlaubniß meiner Obern lege

ich das Kleid nicht ab.«

»Ihr machet mich lachen,« sprach Vereira etwas bitter: »Ihr sprecht von

Euern Obern, in einer Wüste, fünfzig Meilen von jeder Mission, noch

weiter von einem Ordenshause entfernt. Machet es, wie Ihr Herren es mit

den Fasten macht: dispensirt Euch selbst.«

»Wenn es den Umgang mit Protestanten gälte, so könnte ich's auf mich

nehmen,« versicherte Münzner mit unerschütterlichem Ernst; »Gegen

Religionsbrüder lüge ich nicht. Der Pabst hat unser Gewand geheiligt

und bestätigt. Ich darf es mit Stolz überall zeigen, wo man zur Messe

geht.«

»In unserm Gebiete nicht!« fuhr der junge Fernandez auf: »ich verbiete

es Euch!«

»So werde ich umkehren müssen!« entgegnete Münzner entschlossen, und

stand auf.

Vereira hielt ihn zurück.

»Wenn ich Euch nun gehen ließe?« sagte er mit scharfem Blicke. --

»Versuchen Sie es. -- Ohne Lebensmittel, ohne Begleitung, ohne Obdach?

in Gottesnamen! wollt Ihr um Eures Orden Ehre willen in der Savanne

verschmachten? in Gottesnamen! Euern Zögling halte ich zurück, wie

Euern _Freund_. Ich stoße Euch allein, ganz allein, hinaus. Es sei:

lebt wohl!«

James, der mit gespannten Blicken Vereira's Gesicht gehütet hatte,

hielt den Pater auf, den Fernandez plötzlich freundlich umarmte.

»Ihr seid ein Mann!« sagte er: »Eure Gesellschaft ist zu beneiden, daß

sie solche standhafte Glieder zählt. Kommt getrost mit mir; ich will

meinen Oheim schon stimmen, daß er über dem Mann den Rock vergesse.

Wäre ich ein legitimer, nicht ein wilder Prinz, ich würde Euch, allem

Vorurtheil zum Trotz, zu meinem Beichtvater und Hofkaplan erheben. Ich

liebe die entschlossenen Menschen sehr, und Eure erste Handlung müßte

sein, mich mit jener wunderhübschen Deutschen zu trauen; denn wahrlich:

sie gefällt mir wohl, und verdiente Besseres, als nur die Königin

dieser Wildnisse zu sein.«

Der eifersüchtige Blick James folgte dem glühenden, den Fernandez nach

Justine sandte, die, ein lebendes Bild der Pietät, unfern saß, den

Vater pflegend, wartend, erheiternd. Eine trübe Ahnung schlich durch

des jungen Engländers Gehirn, und es sank ihm ein Centnerstein von

der Brust, als Fernandez sich erhob, und sein Maulthier bestieg, um

vorauszureiten. -- Er empfahl den Uebrigen, sich zu ordnen, und bald

nachzukommen. Darauf verlor er sich, nur von seinen Hunden und einigen

Schützen, die seitwärts durch die Büsche strichen, begleitet, in den

Wald, der nach dem Thale hinunterführte.

Er war, in Gedanken vertieft, nicht allzuweit bergab geritten, als in

dem Gebüsche seine Hunde anschlugen, und ein Jäger seinen Gefährten

pfiff. Zugleich raschelte es in dem Gestrüpp des Abhangs, wie das

Geräusch eines Laufenden, und in der That riß sich auch ein Mann mit

der größten Gewalt durch Busch und Hecken; kraftlos an einem Steine

niedersinkend, als er den Reiter vor sich erblickte. Fernandez stutzte

nicht wenig ob der fremden Erscheinung, und sprang vom Sattel, den

Säbel in der Faust, denn der Niedergesunkene trug Portugiesische

Uniform.

»Ha! Elender! was machst du hier?« -- rief er ihm rauh entgegen, und

schwang die Klinge.

Der Entkräftete warf einen muthigen Blick auf den Bewaffneten, schloß

dann die Augen, und erwartete den Streich.

Dieses Benehmen machte die Hand Vereiras sinken. -- »Wer bist du? wie

kömmst du hieher?« -- fragte er milder, und winkte den Schützen, die

nachdrangen, ferne zu bleiben.

Der Fremde antwortete in schlechtem Portugiesischem: »Ich bin Soldat

..... will's nicht mehr sein, ... lieber sterben!« --

»So? was hat man dir gethan? woher kömmst du?«

»Von =la Guasta=. Heute war unser Detachement abgelöst, und auf dem

Rückmarsche, noch unfern von dem Wachthause, mißhandelte mich der

Knabe, der Fähndrich. Ich warf ihn zu Boden -- entfloh, -- hier bin

ich. Tödtet mich, liefert mich aber nicht aus.«

»Du sprichst wie ein Mann; du bist auch einer und doch kein Portugiese,

wie ich vernehme.«

»Ich bin ein Fremder. Ein elender Seelenverkäufer hat mich in diese

Gegend gebracht. Ein portugiesischer Kaper bemächtigte sich unsers

Schiffs und verhandelte mich an die Soldateska auf der Küste von

Fernambuk; diese sendete mich weiter in das Land. Nie fand ich

Gelegenheit zu entkommen, als heute auf's Aeußerste getrieben.«

»Wohin wolltest du?«

»Ich weiß nicht Weg noch Steg. Lieber in den Tod, als zurück.«

»Recht. Du weißt nicht, wer ich bin, wer jene Leute sind, die mir

folgen?«

Der Soldat sah nach der Höhe, wo zwischen grünen dämmernden Blättern

die Spitze des Zugs erschien, und sagte gleichgültig: »Ich kenne, auf

Ehre, nicht Euch, nicht Eure Leute, und will nichts von Euch, als

entweder den Tod auf der Stelle, oder Freiheit und ein Stück Brod; ich

bin den ganzen Tag gegangen und gelaufen, und sinke um vor Hunger und

Müdigkeit.«

Ein Schütze reichte ihm eine erquickende Frucht, und Fernandez fuhr

fort: »Es soll dir nichts mangeln, als die Freiheit, die ich dir auf

ein Paar Tage nehmen muß, damit man sehe, welch ein Vogel du bist; ob

ehrlich, oder Spion!«

»Spion? Herr! ich bin ein Engländer!...«

»So? ich hätte das an deiner Mundart merken sollen. Dein Name?«

Dem Fremden wurde die Antwort erspart. Ein Schrei der Ueberraschung

ließ sich aus der Mitte des Zugs vernehmen.

»Vater,« -- rief Justinens Stimme: -- »Um Gotteswillen! sehen Sie auf.

Es geschehen Wunder! Herr Birsher! Georg Birsher!«

»Wer ruft mich?« -- fragte um sich blickend der Soldat, und stand wie

versteinert, die Braut, ihren kranken Vater, James, den Doctor vor sich

sehend. Er rieb sich die Augen, die Stirne, wollte auf Justine zugehen,

und fuhr schnell und erschreckt vor dem Senator zurück. Müssinger,

der Ueberraschung unterliegend, vermochte kein Wort zu stammeln. Ein

heftiger Krampf packte seine kranke Brust, er sank, wie mit dem Tode

kämpfend, zurück. Jammernd warf sich die Tochter über ihn. Vereira gab

Befehl, den räthselhaften Fremden festzuhalten. Es geschah.

»O ja, ihr Freunde!« -- rief Georg außer sich seinen Schergen zu; --

»Reißt mich hinweg von diesem Anblicke, der mein Herz zerschmettert.

Ich bin nicht kalt, bin nicht ruhig in diesem Augenblicke. Ich kann den

Mörder nicht in's Augen fassen!«

Auf einen Wink des Fernandez wurde Georg schnell fortgeführt; und

schnell folgte ihm der Zug, damit der dem Tode nahe Kranke sobald als

möglich unter Dach und die Obhut des heilerfahrnen Priesterfürsten

komme. Einen wohlthuenden Gegensatz zu der Bestürzung, die über die

Europäer gekommen war, machte das Betragen des Doctors. Von Freude

leuchtend, ging er dem Troß zur Seite, betete still, betete laut,

streckte die Arme gen Himmel, und sagte: »Wie kann ich dir danken,

du gnädiger Herr dort oben, daß du mich diesen Tag sehen ließest?

Wahrlich, James,« -- sagte er zu dem neben ihm tiefsinnig und

betrübt einher Schleichenden, -- »Was ich nicht zu hoffen wagte, ist

eingetroffen. Ich sehe den Armen wieder, den ich unglücklich machen

half; ich sehe ihn frei unter Freien. O Herr! hast du über meinen armen

Freund beschlossen, so erhalte seine Sinne nur eine Stunde noch bei

voller Kraft, daß sich von ihm löse, was ihn quält; denn dazu ist jetzt

der Augenblick, -- dazu der Ort, -- und ich will dich loben ewiglich!«

»Nur einen Abglanz Ihrer Stärke!« bat James, blaß wie ein Sterbender,

mit inniger Klage; -- »nun ist jede Hoffnung auf mein irdisch Glück

dahin! Selbst die Wüste vereint mich nun nicht mehr, mit der, die ich

liebe; die Unschuld, die an mir mit voller Seele hing, wies ich schnöde

von mir. Ich muß allein stehen, belohnt für mein hinterlistig Streben,

bestraft für den Trug, zu dem meine Jugend verleitet wurde. Vater

Münzner! kehren Sie mit mir nach Dominica, nach Assumcion zurück! Euer

bin ich nun, ihr schlauen und geschäftigen Ordensleute! Ich will mich

an Eure Selbstsucht, an den Schein Eurer Tugend ketten, da mich die

Wahrheit verläßt und die Liebe!«

»Du betrübst mich, mein Sohn!« -- entgegnete Münzner kräftig: »Wo ist

die Stärke, womit du prahltest? Wo das Wohlwollen gegen die Menschheit,

das dich auszeichnete? Du willst jetzo diesen Rock nehmen, indem du

ihn verachtest? Weiche zurück von der Sünde! _Denke_ sie nicht. Dem

schwachen Erdensohne ist's erlaubt, -- es ist sein Loos, getäuscht

zu werden, harmlos die Schlange zu nehmen, die ihn alsdann tödtet.

Wer aber mit der Erkenntniß das Böse thut, ist verächtlich. -- Mich,

den Schwergetäuschten, laß immerhin an dem Platze fallen, der mir zum

Kampfe angewiesen wurde. Treu meinem Schwure, weiche ich nimmer aus dem

Streite, der mich verdirbt. _Dir_ verbiete ich aber jetzo, ferner an

den Orden zu denken. Du würdest darinnen ein Ungeheuer, während ich nur

schwach war. Laß ab! Deinen Wortbruch nehme ich auf mich, weil ich ihn

verschuldete.«

James warf sich weinend an des Pflegers Brust. Beide zu sich gekommen

sahen sich um. Sie standen im Thale, an der Pforte eines luftigen

Hauses. Eine Doppelreihe von Jungfrauen und Kindern bewegte sich heran,

bunt und festlich gekleidet, Früchte in den Händen, und boten sie mit

stiller Gastfreundlichkeit den Ankommenden. Unter dem leichten Vordache

des Hauses, über welches sich zwei Palmen lehnten, stand der Fürst des

guten Jesus, in der einfachen, groben Tracht des heiligen Franziskus,

mit nackten, sandalentragenden Füßen, vom dürftigen Strick umgürtet.

Der einzige Schmuck des hochbejahrten Mannes war sein weißes Haupthaar,

der wie aus Schneefäden gesponnene Bart, der zum Gürtel hernieder

floß, und die heitern, wohlwollenden Augen in dem braunen, ehrwürdigen

Gesichte. Er sprach mit einfachen Worten den Segen über Alle, und

richtete milde Trostworte an Justine, wie an den Senator, der sich

mühsam von seiner Ohnmacht erholte.

»Dies euer Haus, meine Gastfreunde!« sagte er. »Heil den Fremden, die

es wohl meinen, wie wir es mit ihnen machen wollen! Heil dem Kranken,

denn Gott will, daß er genese! Heil den Abwesenden, und vorzüglich dem

guten Vater Luis, denn er gab uns Gelegenheit, barmherzig zu sein, und

Freude bringe ihm dieser Abend!«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 28 / 32 段