Eilfertig folgte der Cazike dem Befehl, ließ Speise und Trank

herbeischaffen, und setzte sich mit seinen Freunden, den Anführern,

unter den Eingang des Zeltes zum Schmause und Gericht. Der ehrwürdige

Luis eröffnete den Trupp der Gefangenen, erschöpft aber muthig.

Münzner folgte ihm, standhaft, emporgerichtet: auf Alles gefaßt.

James, der Dritte, warf einen Blick in Justinens Auge, das Versöhnung

und Angst ausdrückte, und dieses Auge gab ihm Muth. Einige Indianer,

gebunden und niedergebeugt, machten den Beschluß. Ines flog an Luis

Hals, streckte ihre Arme über James und seinen Pfleger aus, und rief:

»Diese sind mein! diese dürfen nicht sterben, sondern beim Vater

bitten für uns!« Pilagoterigenat, von dem Ehrfurcht gebietenden

Aussehen der Priester gerührt, nickte mit dem Kopfe, und die Bande der

Geschützten wurden gelöst; sie setzten sich zum Mahle des Capitans

nieder, der ihre Stirne berührte, ihnen zu essen reichte, und somit

ihre Freiheit heiligte. Ines führte Justine mit schmeichelnder

Geberde in den Kreis der Mädchen, die, wie die Frauen, abgesondert

standen. Alle Blicke richteten sich nach den, zum Opfer bezeichneten

Quaraniern, und des edeln Luis Mund bewegte sich, um eine Fürbitte

für die Armen einzulegen. Der Abiponersprache mächtig, so wie diese

Wilden mit dem Spanischen etwas vertraut, durfte er hoffen, angehört

zu werden. Die Quaranier hingegen, die geschmeidigen Leute, ihr

Schicksal voraussehend, versuchten das letzte Mittel, eilten auf

die blutdürstige Zauberin zu, warfen sich ihr zu Füßen, gaben ihr

hundert Schmeichelnamen, -- nannten sie den blühenden Vollmond, und

bettelten bei ihr um das Leben. Die Eitelkeit der alten Frau wurde

rege. Die Flehenden waren hübsche, junge Leute, die sich ihrer Fürbitte

anvertrauten. Sie nickte bald, bald schüttelte sie nachdenklich das

Haupt, und an ihren Bewegungen hing der Caziken Auge. Nun rührte das

Weib abermals die Trommel, starrte vor sich hin, renkte und krümmte

sich, murmelte viele unverständliche Worte, und sang dann wie in

Verzückung: »Hört, Capitane! Hört, Abiponer! ihr schnellen Reiter in

den Haiden! Ihr schnellen Feinde der Straußenbrüder![8] Hört, was

Pilagoterigenat Euch verkündet! Ihr seid menschlich und liebevoll im

Streite; Ihr macht Eure Gefangenen zu Euren Brüdern![9] Ihr fraßet sie

nie, wie die bluttriefenden Chiriguaner! Ihr werdet auch _diese_ hier,

ob sie gleich schlechte, weichliche Quaranier sind, nicht schinden,

aber Balichu hat Hunger, der gestillt werden muß, damit er den

Großvater wieder loslasse. Ihr seid glücklich im Siege, der Meth ist

gerathen, die Pferde sind gesund, und Ihr lebet lange, weil Ihr gerecht

seid! Eure Sünde hält den Großvater nicht in Schweiß und Mattigkeit

gefesselt. Eine fremde Sünde muß es also thun; und diese Sünde liegt in

dem Fremden, den Bitalighuru vor wenigen Sonnen in's Lager brachte. Ihr

erquickt, ihr Menschlichen, in ihm des Großvaters Tod. Ich koche ihm

keinen Trank mehr. Ich röste ihm nicht mehr die Algarova. Betrachtet

sein Stöhnen, sein Seufzen, seinen Schreck vor dem Schatten der Wolken!

wie er zitterte, als neulich das Gewitter daher fuhr! wie er bebte

und die Hände rang! Er ist ein Verbrecher, und sein Tod -- das ist

Pilagoterigenats letztes Wort -- besänftigt allein unsern Feind.«

Mit lautem Geschrei wurde der Hexenmeisterin Vortrag aufgenommen,

und viele junge Leute stürmten fort nach der abgelegenen Hütte, die

den Unglücklichen, so kaltblütig zum Tode Verurtheilten beherbergte.

»Jesus, was wird das geben!« sagte der Pfarrer von Dominica zu dem

Pater Xaver: »Hat mein Auge nicht schon der Gräuel genug gesehen?«

Münzner seufzte still vor sich hin. James forschte nach Erläuterung der

seltsamen Bewegung um ihn her. Justine blickte neugierig und beunruhigt

nach der Ferne, woher der Lärm der Rückkehrenden sich vernehmen ließ.

Ein armer, leidender Mensch wurde auf einer Stierhaut herbeigetragen.

Zwei Jünglinge mit Skalpirmessern tanzten vor ihm her. Neugierig erhob

sich Alles, den zum Tode Bestimmten zu sehen, der vor dem Capitan

niedergelegt wurde. Die Schwarzkünstlerin, begierig, endlich ihren

Willen erfüllt, Blut fließen zu sehen, geberdete sich rasend, auf den

Verdammten zeigend, und schreiend: »_Der_ ist's! _der_ ist's! herunter

mit seinen Haaren! Aus dem Leibe sein Herz!«

Die Weiber heulten laut auf. Die Männer sangen ein Todtenlied.

Die Opferer näherten sich mit seltsamen pathetischen Geberden dem

Schlachtopfer: Luis und Xaver knieten, zugedrückten Auges, betend

hinter dem stehenden Volke. Ines umklammerte zitternd Justine. Diese

jedoch stürzte mit einem hellauf jammernden Schrei auf den Gegenstand

des Bedauerns und der Wuth hin, umfaßte ihn krampfhaft, und kreischte,

daß die weite Ebene hallte: »Um Gottes Barmherzigkeit und Gnade willen!

Menschen! haltet ein! das ist mein Vater!«

Eine allgemeine Verwirrung entsteht nun. Das Beginnen der stummen

Fremden erregt Staunen. Die Priester blicken auf, erkennen den

Senator, der, abgehärmt wie der Tod, kümmerlich in eine Decke gehüllt,

ohnmächtig an dem Busen der verzweifelten Tochter hängt; James sieht

die Mordmesser über Justinen's Haupte schweben. Des geliebten Mädchens

Gefahr reißt ihn über die Schranken jeder Bedenklichkeit: »Justine!«

ruft er, und setzt in den Kreis, stößt die Mordlustigen von dem Mädchen

zurück, trotzt jeder Mißhandlung. Die aufhetzende Zauberin wüthet ihm

gegenüber, Schaum vor dem Munde, und Zittern in allen Gelenken. »Fort

mit der tollen Fremden!« brüllte sie: »das Böse sitzt in ihr. Fort mit

ihr, wenn Euer Leben und der Großvater Euch lieb sind!«

Es giebt unter der Menge Gemüther, die dem Aberglauben unbedingt

gehorchen. Diese werfen James zu Boden, und schleppen ihn zur Seite.

Ines, ihre geliebte Senora zu retten, umfaßt Justine mit voller

Gewalt, und die übrigen Weiber, ohne auf ihr Zettergeschrei zu hören,

zerren sie von dem Vater hinweg. Der Aermste ist aber noch nicht dem

Feinde Preis gegeben, denn, stark wie ein Löwe, und stolz wie dieser,

umschlingt den Betäubten der Pater Xaver. Ein Sieg verdienender

Heldenmuth blitzt aus seinem Auge, zwanzig Jahre scheinen von seinem

Scheitel entflohen zu sein. »Müssinger!« ruft er dem sich Ermannenden

in's Ohr: »Du lebst noch! _noch_ sehe ich, der Reuige, dich wieder!

Vergieb, wie ich bereue. Mein Blut für dich, oder _mit_ dem deinen!«

Lächelnd sieht er gen Himmel: aus dem dämmernden Azur scheint die

Marterkrone auf sein Haupt hernieder zu schweben. »Clara!« sagt er mit

leiser himmlischer Sehnsucht: »Ich bringe ihn dir! wir kommen zusammen!

hilf uns empor!«

Während James wüthet, Justine laut jammert, die Zauberin rast, und die

Haufen, um das fest umschlungene Paar versammelt, unschlüssig auf das

Schauspiel sehen, redet Pater Luis mit Donnerkraft zu den Caziken,

und schildert ihnen die Schändlichkeit des Mords, die Unzulässigkeit

ihres Wahns, die Lügen ihrer Prophetin. Sie horchen aufmerksam zu, aber

betrübt klingen stets die Worte wieder: »der Großvater stirbt: Vater!

sollen wir ihn sterben lassen!«

»Gott ist Euer Vater!« predigt mit jugendlichem Feuer der Greis: »jene

Sterne sind nicht Eure Ahnen, sondern ein Werk seiner mächtigen Hand!

Seinen Gesetzen folgen sie, und treten aus den Wolken, wann Er, unser

einziger, heiliger Gott, es will; _nicht_, wann Ihr einen Menschen

schlachtet. Noch mehr, meine Freunde! _ein_ Gedanke fliegt aus meiner

Seele zum Himmel auf, ein _Einziger_, -- _eine_ Bitte, und dort

leuchtet schon das Siebengestirn!«

Den Zeitpunkt der Wiederkehr des Sternbilds geschickt benützend, deutet

der Jesuit gen Himmel, wo es in seiner Pracht hervorgetreten war. Aller

Augen folgten dem Fingerzeig; alle Mienen belebten sich mit Freude

und Lust. Ein helles Gejauchze erschüttert den Plan. »Großvater!«

rufen Männer, Weiber und Kinder, springend, tanzend und in die Hände

klatschend: »Bist du endlich wieder zu uns Verlassenen zurückgekehrt?

Bist du nicht mehr böse auf uns? wie danken wir dir, lieber Vorfahr!

sei gegrüßt!«

Und Feinde umarmen sich, und für die Gefangenen fließt Meth und Chika

in vollen Strömen, und an Mord wird nicht mehr gedacht, noch an die

Zauberin, die sich beschämt entfernte; Justine liegt ungehindert in

des Vaters Armen, James in denen des Pflegers, die Caziken zu den

Füßen des Priesters, dessen Wort und Gottesverheißung so schnell in

Erfüllung gegangen. Im Nu ist ein anderer Geist lebendig geworden, die

Trauer ist gewichen, und das Siegesmahl und das Fest des Siebengestirns

verschmelzen in _eine_ Feier. Jeder liefert seinen Beitrag hiezu. Der

Platz vor des Capitans Zelte wimmelt von frohen Menschen. Lebensmittel

und Getränke kommen im Ueberflusse herbei. Trommeln und Pfeifen

blasen zum Tanz, und rufen die Mädchen, die ihren Reihen bilden.

Nach der seltsamen Musik einer mit Steinen gefüllten Kürbisflasche,

tanzt in wüsten Stellungen die Schwarzkünstlerin, die sich wieder

eingefunden. Gruppen von jungen Leuten ringen und springen; andere

singen Kampfgesänge; die Weiber, auf ihren Matten abgesondert, stimmen

mit ein, und auf den Häuten des Yagurate, oder des Stiers, gelagert,

trinken die Männer aus Hirnschädeln erschlagener Feinde oder getreuer

Hunde, oder aus großen Stierhörnern den berauschenden Meth, die

gährende Chika; hören dem Pfarrer von Dominika zu, preisen den Gott der

Spanier, und beschließen im Rausche, zum Dank Christen zu werden. »Wir

haben deine Kinder getödtet,« sagen sie dem Pater treuherzig, »weil wir

Euch für unsre Feinde hielten, und nach Beute lüstern waren; aber --

_wir_ selbst wollen von nun an dich Vater nennen, und deinen Caziken

gehorchen, und dem, den du Gott nennst, denn er ist ein starker Geist,

und, wahrlich, des Fremden Blut hätte es nicht allein gethan!«

James und Münzner hatten sich indessen, Arm in Arm verschlungen, aus

dem Gewühle entfernt, und gingen, erzählend und dankend und zufrieden,

längs dem Graben hin. Sie kamen an ein schmales Rohrzelt, wohin Ines

den Senator mit Justine hatte bringen lassen, damit sie ungestört

seien. Auf dem Tummelplatze des freudigen Schmauses brannten hundert

Fackeln, hier leuchtete nur der milde Sternenschimmer. Der kranke

Vater schlief. Justine saß zu seinen Füßen, und ihr Herz war leidend

und selig froh zugleich. Ines hatte sich herbeigeschlichen, und die

Mädchen kauerten einander gegenüber, und drückten sich nur die Hände,

und streichelten sich nur die Wange, und bedurften der Sprache nicht

im Geringsten. Das Abendlicht war so helle, daß Justine ohne Mühe

den Doctor und seinen Begleiter erkennen mochte, als sie in das Zelt

traten. Sie stand schnell auf, streckte ihnen die Hände entgegen,

und sagte, voll von dem ruhigen Schmerze, gegen den die Bosheit

selbst keine Waffen hat: »was wollt Ihr hier, Herr Doctor? was Ihr,

Monsieur White? O, kehret um, ich bitte Euch. Dort liegt mein Vater --

vielleicht in seinem letzten Schlummer! laßt ihn, wenigstens im Tode,

seiner Tochter. Ihr habt den Wein seines Lebens vergeudet, laßt mir die

Neige.«

Sie setzte sich stumm zu des Kranken Seite nieder, und die Männer

flohen vor ihrer Rede. Sie gingen weiter. James mit Thränen im Blicke,

Münzner mit Feuerqual in der Brust. -- »Kaum wieder neu belebt durch

das Leben meines Freundes,« sagte der Doctor schwermüthig, »so verstößt

mich auch schon wieder der Tochter allzugerechter Vorwurf aus dem

wiedergewonnenen Paradiese. Wie sehr bin ich der Vergebung bedürftig!

auch der deinen, mein Sohn! Ich habe falsch geglaubt, falsch gehofft,

falsch gehandelt! Gutes wollen, und Uebel thun, -- welch' verlornes

Leben!«

»Wir wollen zusammen gehen!« erwiderte James. »Zusammen und vereint

dulden, wenn diese wilden Räuber uns nicht vereint noch tödten! hören

Sie, wie ihre Stimmen jubeln? vernehmen Sie den trunknen Gesang? welche

Schrecken, welche nie erhörte Lage umgiebt uns? ist es nicht ein Traum,

daß ich auf der Parana schiffte, in Dominica sie wiederfand? daß wir

nur durch ein Wunder dem Brande, dem Tode entgingen, daß wir hier

in den Savannen athmen, und unter diesem Himmelsstriche den Senator

wiedergefunden haben? Rütteln Sie mich, mein Vater, daß ich erwache;

denn sicher wohnen wir noch in der Rahmgasse, und Alles ist nur

Täuschung, eines schweren Schlummers Werk.«

»Wäre es doch also!« versetzte Münzner. »Leider leben wir in der

rauhsten Wirklichkeit. Dieser Himmel ist der Südamerika's, dort ragen

die Zelte und Rohrdächer der Abiponer; in der Ferne heult der Tiger,

und der Kaiman weint nach einem Raube. Alles ist wirklich um uns her,

und Gottes Allmacht ist auch hier mit uns, so wahr als dort ganz in der

Ferne von den Höhen ein Feuermeer zu wallen scheint.«

»Wahrlich!« sagte James, hinsehend; »welch neue Erscheinung! ist nicht

alles wunderbar in diesem zauberischen Lande? brennt dort ein vom Winde

bewegter Wald? Oder fließt ein glühender Lavastrom um den Saum der

Savanne?«

Mit raschen Schritten eilten sie dem Feste zu. Die Indianer hatten die

Erscheinung ebenfalls bemerkt, und standen, sie still betrachtend. Das

Feuer, wandelnd, abwärts steigend, verschwand bald, bald kam es wieder

hervor; endlich wogte es tief unter, daß nur der Schein am Firmamente

es bemerkbar machte.

»Das ist nicht Wald, nicht Erdfeuer!« sagte ein Abiponer, dessen Augen,

im Dunkel sogar, Falkenschärfe hatten; »das sind wandelnde Holzbrände!

ein Feind, der uns das Gras abbrennen will, ist, der dort kömmt.«

Die Abiponer geriethen in stürmische Bewegung. Die Männer pfiffen

den Pferden, die Weiber den Hunden, Kinder und Heerden, Alte und

Kranke, Waffen und Vorräthe wurden auf einen Haufen geschleppt, alle

Fackeln ausgelöscht; tiefe Stille geboten, und lauschend drückten

die vordersten Wachen des Volks das Ohr an die Erde. -- Diese Kinder

der Natur, mit den geschärftesten Sinnen, hören aus weiter Ferne das

Schnauben von Thieren, die aus dem stillen Lager im Grase gejagt

schienen, Gemurmel und Getöse von Menschen.

»Beruhigt euch,« sagte Pater Luis zu seinen beiden Gastfreunden, dem

Doctor und James, »ich weiß, was sich uns naht. Ich hoffe darauf mit

Zuversicht. Jene Berge sind Brasiliens Vormauern. Der Indianer, von

welchem ich Ihnen sprach, mein Vater, war unter den Gefangenen der

verwichenen Nacht, war mit mir auf's selbe Pferd gebunden, wußte seine

Bande zu lösen. Gott schütze dich, Vater, sagte er, leise vom Pferde

unter den Troß des Viehs gleitend, ich bringe dir Hülfe. Dort hinter

den Bergen liegt der gute Jesus in den Wildnissen, und ich bin dort wie

ein Pfeil, wenn mich kein Abiponer erschießt. -- Im Grase kriechend

verlor er sich aus den Augen, und gewiß -- ganz gewiß ist jenes

Lichtmeer ein Bote seiner Hülfe. Unsere Fackeln zeigten den von den

Bergen Steigenden die Richtung nach unserm Aufenthalt, und sie kommen

jetzt sicher, um uns zu befreien.«

Die Abiponer rührten sich nicht, im Anschauen der seltsamen Erscheinung

verloren, und vertrauten auf des Pfarrers Wort, der ihnen versicherte,

es würde nicht ihnen, nicht den Ihrigen ein Leides geschehen, so

lange er auf ihrer Seite stände. Der Tag war bereits angebrochen,

als sich im Strahle des Morgenlichts die Scene entwickelte. Durch

die grasige Ebene näherte sich ein großer Haufe. Gewehre blitzten in

langer Reihe. Dieser Anblick entmuthigte die Abiponer, und sie wollten,

dem Pulverblitze feind, die Flucht ergreifen. Pater Luis hielt sie

mit seiner Beredsamkeit im Zaume. Die fremden Krieger machten auf

Flintenschußweite Halt. Sie hatten sich beinahe sämmtlich mit Pferden

der Savanne beritten gemacht. Eine schimmernde Fahne flatterte in ihrer

Mitte. Die Abiponer staunten das Panier mit dem goldenen Kreuze an,

und blickten auf Don Luis, der die Obersten aus ihnen wählte, und von

ihnen, Pater Xaver, James und der dienstfertigen Ines begleitet, wie in

einer feierlichen Procession, mit weißen Federn wehend, auf die Fremden

losging. Weiße, schwarze und rothbraune Männer saßen regungslos, den

Karabiner oder die lange Flinte in der Faust, auf den Pferden; dürftig

gekleidet, aber voll von Kraft und Muth. Bei dem Paniere hielt, von

einigen besser gekleideten Anführern umgeben, der Hauptmann des

ansehnlichen Trupps: eine herrliche Mannsgestalt mit schwarzem Bart

und frisch gerötheten Wangen, in eine leichte braune Kutte gehüllt,

Stiefel und Sporen an den Füßen, einen Strohhut mit einer bunten Feder

auf dem Kopfe. Ein breiter Ledergürtel hielt ein Paar Pistolen und

einen gewichtigen Säbel. Eine Doppelflinte hing über seinen Rücken. --

Kaum hatte er von ferne den Pater Luis wahrgenommen, als er vom Pferde

sprang, und stürmisch auf ihn zulief. »Beim heiligen Jakob!« rief er

ihm auf spanisch zu: »Onkel! kennen Sie den Vetter Vereira noch? finden

wir uns hier, und bin ich nicht gekommen wie der Blitz? Ihr Name, den

mir der Bote nannte, war genug; mein Korps stieß zusammen, und hier

sind wir; fast unzufrieden, Euch nicht mehr in Ketten zu finden, um

Euch zu beweisen, wie Ernst mir's war.«

»Ich bringe Euch hier ein Volk von Gefangenen,« sagte Luis hierauf;

»Gefangene im Glauben. Statt ihr Feind zu sein, werdet Ihr Taufpathe!«

Zweiter Abschnitt.

Die Taufe. -- Trennung. -- Unschuldige Liebe. -- Zug in die Berge.

-- Der gute Jesus in den Wildnissen. -- Fernandez. -- Der Flüchtige.

-- Der Fürst der Wildnisse. -- Das Bild des Erlösers. -- Reue,

Bekenntniß und Versöhnung. -- Sehnsucht nach außen. -- Der Doctor

in den Wäldern. -- Der Vorposten. -- Hauptquartier zu la Guasta. --

Brigadier und Assistent. -- Gezwungener Verrath. -- Kriegssturm.

-- Das Asyl in den Felsen. -- Die verdächtigen Fremden. -- White's

Edelmuth. -- Die Flucht aus den Felsen. -- Strand, Schiff und

Heimath. -- Der Maierhof zu St. Dominica. -- Xaver's Brief. --

Schluß. --

Die Abiponer, eifersüchtig, ihr Wort zu halten, wenn sie es gleich im

Rausche gegeben, -- von Dankbarkeit für den Pater Luis durchdrungen,

weigerten sich der Taufe nicht, die mit so vielen Feierlichkeiten statt

fand, als in der Savanne nur anzuwenden waren.

Nach dem Hauptmanne Vereira, einem Neffen des Priesterfürsten vom

guten Jesus in den Wildnissen, wurden alle Männer des Stammes

Fernandez, -- nach der liebenswürdigen Cazikentochter Misinga, alle

Frauen und Mädchen Ines genannt. -- Als die Ceremonie vorüber war,

kamen alle Führer der Abiponer auf Luis zu, drückten ihm die Hände,

küßten sein Kleid und sagten: »Wahrlich, du bist ein guter Mann, was

auch Pilagoterigenat sage, die wir in's Freie gejagt haben, daß sie

nicht wiederkomme. Du hast uns den Großvater und des Capitans Tochter

wiedergegeben, und deinen Gott mit uns getheilt. Wenn du uns ernähren

und nicht strafen willst, so begehren wir, mit dir nach deiner Heimath

zu ziehen. Wir haben deine Hütte verbrannt: wir wollen sie wieder

aufbauen; wir wollen dein Volk werden, und nicht in das Gebirge mit dem

fremden Manne gehen, weil wir dort unsere Pferde schlachten müßten.

In deinem Lande hingegen ist's _eben_, und Wild und Gras und Wasser

fehlt nicht, und, weil du Misinga erhalten, wirst du uns _auch_ nicht

verlassen, und darum lieben wir dich.«

Die Antwort des Pfarrers war bejahend, und des redlichen Alten Brust

hob sich freudiger bei dem Gedanken, in seinen entvölkerten Pflanzort

wieder neue Kinder des Segens einzuführen. Alle Bedenklichkeiten des

jungen Vereira widerlegend, beschloß er die Heimkehr an der Spitze

der Abiponer, und bat seinen Vetter nur, die Fremden nicht verlassen

zu wollen, die nicht nach St. Dominica zurückkehren durften. Vereira

versprach's mit aufrichtiger Herzlichkeit, und Jedes ging seinerseits

dahin, die Vorbereitungen zur nahen Trennung zu treffen. In dem

Getümmel, das dadurch entstand, begegnete dem Doctor Münzner Justine,

die ihn unter der Menge ausgespäht hatte. Schnell zusammengetroffen,

standen Beide einander gegenüber. -- Justines Antlitz drückte

Verlegenheit, Münzners staunende Ueberraschung aus.

»Ein Wort, mein Herr,« sprach Erstere schüchtern: »ein Wort der Bitte,

mein Herr, wenn Sie es anhören wollen. Sie haben gestern großmüthig

und edel meines Vaters Leben beschützt, -- mit Ihrem eigenen Leben;

-- ich erfuhr es heute erst durch den Vater; ich war gestern blind

vor Schmerz; ich danke Ihnen aus voller Seele; ich bitte um Vergebung

meiner Härte. Ich bitte Sie, zu meinem Vater zu kommen, der nach Ihnen

verlangt. -- Schlagen Sie ihm die Wohlthat, -- mir die Gelegenheit

nicht ab, Ihnen auf's Neue dankbar verpflichtet zu werden.«

Sie schwieg erwartend, sie hatte viel über sich und ihren Groll

gewonnen.

Münzner stand beschämt vor der Tugend eines Kindes, das seinen Vater

über alles liebt. »Meine beste Jungfer...« erwiderte er, »... wenn Sie

wüßten, wie Ihre Worte mein Herz berühren...« Er vollendete nicht;

Thränen, die seine Augen nur mit Gewalt zurückdrängten, verhinderten

ihn daran. Aber, als er seinen Freund wieder sah, -- dahin siechend auf

armseliger Matte, -- aller Arznei, aller Bequemlichkeit entbehrend,

und dabei ruhig und geduldig, wie ein schon Abgeschiedener, da kamen

dennoch die Thränen auf's Neue über ihn, und er wurde ihrer nimmer

Meister. Ueber den Senator bückte er sich, legte seine Stirne an die

fieberhaft brennende des Kranken, und sagte nur die Worte: »So uns

wiedersehen, mein Freund?«

»Ach! schon genug, daß _Wir_ uns noch wiedersahen!« erwiderte der

Senator: »ich war des Lebens überdrüssig geworden. Meine Krankheit

nahm zu. Meine Tochter wieder zu sehen hoffte ich nicht mehr. Die

Zeit schlich mir träge dahin. Endlich dachte ich: es sei das Beste,

den Anguaybaum aufzusuchen, von dem mir die Quaranier so viel sagten.

Sein Balsam sollte mich heilen, oder die Mühseligkeit des Wegs mich

umbringen. Euch nicht im Voraus zu beunruhigen, hielt ich den Vorsatz

geheim, führte ihn ohne Euer Mitwissen aus. Der zweite Morgen unserer

Reise war auch schon der Letzte meines armen Führers. Mit unserer

Reisetasche und meinen Kleidern beladen, ging er vor mir her. Ein

Tiger, der mit schon blutigem und dampfendem Maule aus dem Dickicht

mit entsetzlichem Sprunge setzte, riß ihn zu Boden, schleppte ihn

unbarmherzig in das Gestrüpp. Ich floh -- beinahe unbekleidet, ohne

Speise, und ohne den Weg zu wissen. Ein Abiponer fand mich am Abend,

beinahe verschmachtend am Boden liegend, und brachte mich in das Lager

seiner Horde. Die Wilden verpflegten mich menschlich, aber vielleicht

ist der Name St. Dominica, den ich stammelte, mit eine Veranlassung zu

Euerm Unglück gewesen. -- Zu _meinem_ Glücke. Ich habe _Sie_ wieder

gesehen, mein Freund. Ich darf hoffen, in Ihren und der Tochter Armen

zu sterben.«

»Ich gehe nach Dominica zurück,« antwortete Münzner verlegen und trübe:

»meines Standes Pflicht ruft mich nach Europa.«

»So ist es wahr?« seufzte der Senator, wehmüthig die Hände faltend:

»Sie wollen mich verlassen, während ich mich an Sie gewöhnte, wie das

Kind an die Mutter! _Sie_ mich verlassen, und ich hänge an Ihnen!«

Münzner zeigte bedeutend auf Justine, die bleich und schweigend

gegenüber saß.

»Sie haben eine vortreffliche Tochter,« sagte der Doctor.

»Ja, Dank sei dem Vater im Himmel!« versetzte Müssinger, Justinens

Hand drückend: »Sie ist gut, aber ihre zärtliche Liebe genügt dem

Sterbenden, dem Schwerbeladenen nicht. Ihre heiligste Pflicht hält Sie

hier zurück.«

Münzner schwieg, sinnend, widerstrebend, vergleichend, in schwerem

Kampfe. Justine erhob sich, trat vor ihn, und sprach mit einfacher

rührender Milde zu ihm: »ja, mein Herr! Ihre _heiligste_ Pflicht. Mein

guter Vater würde, fürchte ich, in Verzweiflung gerathen, wenn Sie von

uns scheiden. Sie haben verstanden, sich mit ehernen Banden an sein

Herz zu ketten; zerreißen Sie es nicht mit der Fessel! --«

»Wie, Mademoiselle?« fragte Münzner schwankend; »_Sie_, Sie halten mich

auch zurück? Sie, die mich haßt, -- die mich verachtet?«

»Ich bin nicht unversöhnlich,« sagte Justine mit vieler Klarheit:

»ich habe Sie nie verachtet ... Gott! nein! gefürchtet hab' ich Sie

und verabscheue noch Ihr Kleid! Aber -- könnten Sie zweifeln, daß

ich Ihnen das Verderben meines Hauses aus voller Seele vergebe, wenn

Ihre Gegenwart auch nur um eine Stunde meines geliebten Vaters Leben

verlängert? Bleiben Sie daher; ich beschwöre Sie jetzt so aufrichtig,

als ich Sie gestern aus diesem Zelte wies. Theilen Sie mit mir die

Sorgfalt für meinen Vater.«

Münzner konnte nicht widerstehen: nicht dem Bitten des Senators, nicht

der einfachen Rede der Tochter. »Sie sammeln glühende Kohlen auf mein

Haupt,« sagte er: »ich bleibe bei Ihnen, meine armen Freunde. Kömmt die

Zeit, die unumgänglich die Erfüllung meiner Ordenspflicht begehrt, so

finde ich auch über St. Sebastian meiner Reise Ziel.«

»Recht, mein Freund,« sagte Pater Luis, der -- die letzten Worte

hörend, -- mit Vereira und James in das Zelt trat. »Vergessen Sie den

guten Jüngling nicht, der nicht nach Dominica zurückkehren kann, ohne

das Kleid zu nehmen, das er nicht liebt, und der durch den Antheil, den

er an Ihrem Schicksale nimmt, wohl auch Ihre Theilnahme verdient.«

»Darf ich?« fragte James schüchtern, ohne kaum die Augen gegen Justine

aufzuschlagen.

»Mein Retter!« rief der Senator freudig, drückte ihn an seine Brust

und weinte: »womit kann ich dich belohnen, was du für mich gethan? Ich

bin ein Bettler geworden, mein guter James. Ich habe nichts, als mein

schwaches, kaum noch schlagendes Herz! Ich muß verhungern, wenn nicht

Wilde mich speisen, oder mitleidige Christen mich unterstützen.«

Der Jesuit Charakter-Gemälde aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts · 第 27 / 32 段